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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/wallacee/verraete/verraete.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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7

Hope Joyner bekam wenig Post. Sie erhielt die unvermeidlichen Zirkulare und Geschäftsanzeigen, aber ihre Privatkorrespondenz war klein.

Als ihr an diesem Morgen das Mädchen mit dem Tee die Briefe brachte, sah sie einen bekannten blauen Umschlag. Etwas unbehaglich zog sie ihn aus der anderen Post hervor. Ihr Rechtsanwalt schrieb selten, aber wenn er schrieb, hatte er gewöhnlich etwas Unangenehmes zu sagen. Auch diese Mitteilung machte keine Ausnahme.

»Liebe Miss Joyner, wir haben eben durch Zufall erfahren, daß Sie mit einem Mr. Hallowell bekannt sind. Wir wissen, daß dieser Bekannte Ihr Vertrauen nicht rechtfertigen wird, und es ist unsere Pflicht, Sie davon zu unterrichten, daß Hallowell, obwohl ein gebildeter Mann, wegen Betruges eine Gefängnisstrafe verbüßt hat. Unter diesen Umständen ist es ratsam, diese Bekanntschaft aufzugeben, die notwendigerweise für Sie unvorteilhaft ist und Ihnen sogar peinlich werden kann.

Ihre ergebenen .........«

Sie blickte auf den Brief und runzelte die Stirn, denn sie erkannte, was da geschehen war. Der wohlwollende Spion hatte sie beobachtet und hatte Dick Hallowell mit seinem Bruder verwechselt. Sie hätte sich eigentlich ärgern sollen. Aber der Irrtum war so offenkundig, daß sie nur lachen konnte.

Armer Dick! Das war das schlimmste, daß man ihn mit seinem unglücklichen Bruder verwechselte. Sie wollte zuerst zurückschreiben und den Irrtum aufklären. Aber ein sonderbares Gefühl hielt sie davon ab. Vielleicht erhielt sie dann noch eine Reihe solcher Schreiben, die dringender wurden. Es war besser, sie zu Dicks Vorteil zu sammeln, als den Schreiber eventuell mit dem Beweis seines Fehlers zu beunruhigen.

Das Mädchen hatte das Bad gerichtet, und Hope zog sich aus.

»Eine Frau wollte Sie diesen Morgen sprechen, gnädiges Fräulein. Sie gefiel mir nicht, und ich sagte, Sie wären ausgegangen. Sie sah so aus, als ob sie eine Stelle suchte.«

Hope schüttelte den Kopf.

»Es wäre mir lieber, Sie würden die Leute nicht fortschicken, ehe ich weiß, wer sie sind und was sie wünschen«, sagte sie. Es war nicht das erstemal, daß sie dem Mädchen das einschärfen mußte.

»Es tut mir sehr leid, gnädiges Fräulein.« Janet brachte die herkömmliche Entschuldigung vor: »Ich tat es nur, weil ich dachte –«

Janet war ein wenig übereifrig, sonst aber ein gutes Mädchen, und seit kurzem hatte Hope den schwachen Verdacht, daß ihre Rechtsanwälte, die stets auf so rätselhafte Weise über all ihre Schritte und ihre Bekannten Bescheid wußten, diesem Mädchen ihr Wissen verdankten.

Sie hatte sich eben wieder angekleidet, als Janet mit der Meldung hereinkam, daß der Besuch wiedergekommen sei.

»Eine Mrs. Johnson«, sagte sie, als ob sie ihren Fehler wiedergutmachen wollte. »Sie möchte Sie wegen der Gesellschaft zur Unterstützung der orientalischen Frauen sprechen.«

Das machte Mrs. Johnson nicht willkommener, denn Hope hatte erkannt, daß dieser Zweig der Philanthropie nicht ihre Stärke war, und hatte einen Abschiedsbrief geschrieben. Sie zögerte.

»Ich werde gleich kommen«, sagte sie, und einige Minuten später trat sie in ihren eleganten kleinen Salon. Sie fand eine breitschultrige Frau mit männlichen Gesichtszügen, die nachdenklich auf Piccadilly hinunterschaute. Hopes forschender Blick begegnete einem mitfühlenden, entwaffnenden Lächeln.

»Es tut mir leid, daß ich Sie so früh gestört habe«, sagte die Frau. »Ich will mir eine Menge Lügen ersparen und Ihnen sagen, daß ich nicht wegen der indischen Frauen komme und daß mein Name Ollorby ist.«

Das sagte Hope gar nichts. Aber ihre nächsten Worte waren aufregender.

»Es wäre mir am liebsten, wenn niemand wüßte, daß ich Sie besuchte«, fuhr sie fort. »In Wirklichkeit komme ich vom Polizeipräsidium, Miss Joyner.«

Sie nahm mit blitzartiger Geschicklichkeit, die einem Taschenspieler Ehre gemacht hätte, eine Karte heraus, und Hope Joyner las: »Mrs. Emily Ollorby, Zimmer 385, New Scotland Yard.« Sie sah überrascht auf ihren Besuch.

»Eine Detektivin?« sagte sie. Mrs. Ollorbys Lächeln wurde breiter.

»Ich habe eine Schwäche, mich selbst so zu nennen, Miss Joyner«, sagte sie heiter. »Wir dicken Frauen haben auch unsere romantischen Augenblicke. Aber ich bin eben Mrs. Ollorby, die ihr Leben damit verbringt, daß sie ihre Nase in anderer Leute Dinge steckt. Der Herr hat einige von uns schön und einige von uns nützlich geschaffen – jedesmal wenn ich mich selbst im Spiegel sehe, erkenne ich, wie nützlich ich sein muß! Armer Ollorby, er war ein Held. Dieser Mann hatte seine Fehler, aber er hatte sicherlich Mut. Vielleicht besaß auch er Sinn für Humor, obgleich ich das nie entdeckte, und das einzig Merkwürdige, was er jemals tat, war – daß er mich heiratete!«

Mrs. Ollorby hatte eine dröhnende, lebhafte Stimme, und Hope mußte lächeln, als sie so in ihrer sprunghaften Art lospolterte.

»Es ist seltsam, wie das Verbrechergemüt arbeitet«, fuhr sie fort. »Ich habe niemals einen schlechten Menschen in ernste Sorgen gebracht, wenn er nicht selbst meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ich bin mit allen Lebewesen auf dem Gutshof verglichen worden – ausgenommen mit den Küken – und vielleicht der Ente. Aber ich bin nicht empfindlich. Wenn ich das wäre, würde ich längst gestorben sein. Ich kenne Männer im Old Bailey, die sagten, daß sie lieber noch zehn Jahre länger sitzen als mich heiraten wollten – aber ich glaube, das ist Selbstironie.« Sie machte eine Pause, um Atem zu holen. Ihre glänzenden Augen blickten gut gelaunt auf Hope.

»Und nun werden Sie neugierig sein, warum ich in Ihre schöne kleine Wohnung eingedrungen bin. Ich kam nicht her, um über mich selbst zu sprechen, Miss Joyner, sondern über Sie. Sie sind Mitglied dieses indischen Vereins, nicht wahr?«

Hope schüttelte den Kopf.

»Ich war es, aber ich bin ausgetreten.«

»Oh!« Mrs. Ollorby, die so viele Dinge wußte, war diese Entwicklung anscheinend noch unbekannt. »So, so«, sagte sie. »Es ist klar, daß Sie keine Lust haben, mir über diesen Schwindel noch etwas zu sagen. Ist Mr. Hallett ein Freund von Ihnen?«

Diese unerwartete Frage ließ Hope verstummen.

»Ich habe ihn nur einmal getroffen«, antwortete sie. Dann sagte sie lächelnd: »Ist er ein hoffnungsloser Verbrecher?«

Mrs. Ollorby schüttelte den Kopf.

»Hallett ist nicht hoffnungslos«, sagte sie, »soweit ich das beurteilen kann. Aber er ist blind, und Blinde sind selten Verbrecher. Nein, ich interessiere mich nur ein wenig für ihn, aber ich interessiere mich für viele Leute. Zum Beispiel auch für den Fürsten von Kishlastan: er ist ein hübscher Junge.«

»Ich finde ihn unausstehlich«, sagte Hope, und Mrs. Ollorby grinste wieder.

»Miss Diana Martyn – ist sie eine Freundin von Ihnen?«

»Nein«, sagte Hope kurz.

»Hm!« Mrs. Ollorby legte den Finger ans Kinn. »Graham Hallowell – den werden Sie natürlich nicht kennen. Sie sind mit seinem Bruder bekannt, nicht wahr? Ein bildschöner Mensch. Ich sah ihn neulich am Tower. Lassen Sie mich einmal nachdenken...« Sie legte ihre Stirn in tiefe Falten. »Habe ich nicht auch Sie dort mit ihm gesehen?«

»Das ist möglich«, sagte Hope ein wenig kühl.

»Der Tower macht mich immer schwindlig«, sagte Mrs. Ollorby. »Gefrorene Geschichte! Gehen Sie oft dorthin, Miss Joyner?«

Hope bot einen Stuhl an und setzte sich auch, nachdem die Detektivin Platz genommen hatte.

»Nun, tun Sie bitte nicht so geheimnisvoll. Was wollen Sie mich eigentlich fragen? Wenn ich es Ihnen sagen kann, werde ich es natürlich tun. Rätselhafte Leute sind mir etwas Qualvolles.« »Mir auch«, sagte Mrs. Ollorby absolut nicht verlegen. »Ich will Ihnen sagen, warum ich gekommen bin, Miss Joyner.«

Sie öffnete einen großen Lederbeutel, den sie unter dem Arm trug und der wie eine Mappe aussah. Sie suchte eine Weile, dann nahm sie ein kleines Stück Papier heraus, auf dem verschiedene Notizen standen.

»Ich werde Ihnen eine peinliche Frage vorlegen, und Sie dürfen sagen, daß Sie das empörend finden. Und wenn Sie Ihre Glocke nehmen und Ihrer kleinen Flaumfeder befehlen, daß sie mich hinauswerfen soll, werde ich gar nicht überrascht sein.«

Die Erwähnung Janets nötigte Hope ein Lächeln ab, aber sie war zu neugierig, um sich ablenken zu lassen.

»Sie sind eine Freundin Sir Richard Hallowells von der Berwick-Garde, und ich möchte Sie ganz offen fragen, ob Sie mit Sir Richard verlobt sind?«

»Nein«, sagte Hope.

»Ist er ein sehr guter Freund von Ihnen?«

Das Mädchen zögerte.

»Ja«, sagte sie schließlich. »Er ist ein sehr guter Freund.«

»Ist er ein so lieber Freund« – Mrs. Ollorby sprach sehr langsam, »daß er alles auf der Welt für Sie tun würde?«

Hope starrte die Frau an.

»Ich verstehe nicht –«, begann sie.

»Lieben Sie einander?« fragte Mrs. Ollorby geradezu. Das Erröten Hopes gab ihr die Antwort.

Bevor Hope ihre Stimme wieder in der Gewalt hatte, fuhr sie schnell fort: »Sie werden denken, daß ich Mut habe – und ich habe ihn auch! Aber was ich Ihnen sagen wollte, Miss Joyner, Sir Richard ist nach meiner Meinung ein anständiger Mann. Ich bitte Sie, es wohl zu überlegen, bevor Sie etwas verlangen, was ein Ehrenmann nicht tun würde.«

Hope konnte nur hilflos den Kopf schütteln.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Sie damit sagen wollen, Mrs. Ollorby«, sagte sie. »Aber Sie können sicher sein, daß ich Richard niemals um etwas bitten würde, was unehrenhaft ist. Ich bin sehr erstaunt, daß Sie überhaupt annehmen, ich könnte so etwas tun.«

»Das nehme ich nicht an!« Mrs. Ollorby sprach sehr begeistert. »Ich bin nur neugierig, ob ...« Sie zögerte – »vielleicht habe ich Verwirrung angerichtet. Sicher habe ich Ihnen Grund gegeben, ärgerlich zu sein, selbst wenn Sie es nicht sind. Haben Sie jemals Sir Richard Hallowell gebeten, Ihnen einen Gefallen zu tun einen Gefallen, der eine Vernachlässigung seiner Pflicht bedeuten würde?« – »Nein«, sagte Hope entrüstet. »Wirklich, Mrs. Ollorby, Sie sind mir mehr als rätselhaft.«

»Bin ich das?« Mrs. Ollorby war die Zerknirschung selbst. »Miss Joyner, ich bin in einer sehr peinlichen Lage. Ich weiß eine Menge Dinge, die ich nicht wissen dürfte – wenn Sie so klug wären wie ich, wäre es nicht nötig, auf den Busch zu schlagen.« Sie seufzte schwer. »Aber Sie sind es eben nicht! Sie kennen natürlich Tiger Trayne nicht? Sie brauchen ihn auch nicht zu kennen, er gehört nicht zu Ihren Gesellschaftskreisen. Und Mr. Graham Hallowell – den kennen Sie auch nicht?« Sie machte eine Pause.

»Ich weiß von ihm«, sagte Hope ruhig. »Er ist Sir Richards Bruder, und er war – in Not. Richard und er sind nicht die besten Freunde. Er ist mir niemals vorgestellt worden, obgleich –«

Sie hielt inne und lächelte. Sie mußte an den Brief von heute morgen denken.

»Obgleich es einige Leute gibt, die denken, daß er Ihnen vorgestellt ist«, vollendete Mrs. Ollorby scharfsinnig. Sie schloß ihre Tasche mit einem lauten Knacken zu.

»Sir Richard Hallowell ist ein schöner Mann«, sagte sie. »Es gibt so leicht niemand, den ich so bewundere wie ihn, außer Ihnen! Das ist eine ganz offene Schmeichelei. Aber Offenherzigkeit ist meine Schwäche.«

Sie nahm ihre Visitenkarte wieder zurück, drehte sie um und schrieb schnell mit einem Bleistift, den sie aus einer verborgenen Tasche hervorholte, etwas auf die Rückseite. Dann legte sie die Karte wieder in Hopes Hand.

»Das ist meine Privatadresse. Es ist möglich, daß ich für einige Tage nicht nach Hause komme. Aber wenn Sie irgendwie Unannehmlichkeiten haben oder sich über irgend etwas ängstigen, womit Sie Sir Richard nicht belästigen wollen, so können Sie mich ruhig anrufen.«

»Welche Unannehmlichkeiten könnten mir denn zustoßen?« fragte Hope halb belustigt und halb erstaunt.

Mrs. Ollorby zuckte die breiten Schultern.

»Das mag der Himmel wissen«, sagte sie. »London ist eine große Stadt von besonderer Art, wo Unannehmlichkeiten schnell über einen kommen.«

Sie ging zur Tür.

»Ich würde sehr froh sein, wenn Sie mir einen Gefallen tun würden, Miss Joyner. Bitte erwähnen Sie Ihrer Zofe gegenüber weder meinen Namen noch meinen Beruf.«

Bevor ihr Hope eine scharfe Antwort geben konnte, daß es nicht ihre Gewohnheit sei, ihre Zofe ins Vertrauen zu ziehen, war Mrs. Ollorby gegangen.

Die dicke Frau ging schnell in Richtung des Piccadilly Circus. Sie summte mit tiefer Baßstimme vor sich hin und schien Welt und Menschen vergessen zu haben. In einiger Entfernung hinter ihr ging ein hoch aufgeschossener, schlanker, rothaariger junger Mann, der eine große Hornbrille trug. Sein Anzug war ein wenig zu klein für ihn, Arme und Beine schauten aus Ärmeln und Hose weit hervor. Er verlor Mrs. Ollorby niemals aus dem Gesicht. Er folgte ihr in die Untergrundbahnstation, und er befand sich in demselben großen Personenaufzug, der sie in der Tottenham Court Road wieder auf die Erdoberfläche brachte. Die starke Frau wandte sich zur Charlotte Street. Der junge Mann ging ihr nach, und als sie in ein übelaussehendes Tor einbog, wartete er einige Minuten, mit dem Rücken an ein Geländer gelehnt, schaute die Straße auf und ab und folgte ihr dann wieder. Er nahm einen großen Schlüssel aus der Tasche und machte auf der Haupttreppe halt, um den Schmutz aus der Höhlung des Schlüssels zu entfernen. Ohne anzuklopfen öffnete er die Tür eines kleinen Wohnzimmers.

Mrs. Ollorby nahm ihren kleinen, schwarzen Hut ab und drehte sich kaum um, als er eintrat. Der junge Mann setzte sich auf das Sofa und wartete. »Nun, Hektor?« fragte sie.

»Ein Mann folgte dir bis zur Untergrundbahnstation Tottenham Court Road. Aber er ging nicht weiter mit«, sagte er.

»Was war das für ein Mensch?« fragte seine Mutter, denn das war ihr natürliches Verwandtschaftsverhältnis.

»Er sah aus wie ein Fremder, Mutter«, sagte Hektor und kratzte sich an der Nase. »Er wartete außerhalb der Wohnung, als du herauskamst. Ich folgte ihm, und so konnte ich feststellen, daß er auf deiner Spur war. Es ist doch eine merkwürdige Sache mit mir« – Hektor fuhr mit der Hand durch sein rotes Haar –, »daß sie mich nicht entdecken, wenn ich sie doch immer beobachte.«

Mrs. Ollorby lächelte vergnügt.

»Es ist nichts sicherer auf der Welt, als daß sie dich auch gesehen haben, Hektor«, sagte sie gut gelaunt. »Du mußt nicht vergessen, daß du auf der Straße aussiehst wie ein Leuchtturm mit einer roten Spitze. Dich kann man ja überhaupt nicht aus den Augen verlieren. Aber sie fühlen sich behindert, wenn sie wissen, daß man auch auf ihrer Spur ist. Deswegen bist du mir so wertvoll.«

Er schaute sie ganz kleinlaut an.

»Ich sehe doch, daß ich nicht viel helfen kann«, sagte er verzagt. Aber dann wurde er hoffnungsvoller. »Ich glaube, ich färbe mein Haar –«

»Dann würdest du fürchterlich aussehen«, sagte Mrs. Ollorby und klopfte ihm auf die Schulter. »Sorge dich nicht darum, Hektor. Deswegen wirst du doch ein Detektiv, und zwar noch in den nächsten Tagen. Ich habe mit dem Kommissar heute morgen über dich gesprochen. Sie wollen dich nicht in die Polizeimannschaft aufnehmen, weil du kurzsichtig bist. Aber ich werde einen anderen Posten bei der Polizei für dich ausfindig machen, und du wirst bald deinen Namen in der Zeitung unter den Neuigkeiten finden, das kannst du mir glauben.«

Er freute sich offensichtlich sehr darüber, denn sein höchster Ehrgeiz war es, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Der verstorbene Mr. Ollorby war ein Polizeisergeant mit einem ganz vorzüglichen Führungszeugnis gewesen, und diesem Umstand war es auch zu verdanken, daß man seine Frau während des Krieges in die Polizeimannschaft aufnahm.

Ein Telefon stand im Zimmer. Sie wählte eine Nummer und winkte ihrem Sohn mit dem Kopf, daß er hinausgehen möge.

Hektor gehorchte sofort und stand draußen im Gang auf Wache. Dabei hielt er sich mit beiden Händen die Ohren zu. Nachdem sie zehn Minuten lang gesprochen hatte, kam sie heraus und gab ihrem kleinen Dienstmädchen Anweisungen. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer im oberen Stockwerk und legte sich zu Bett. Sie hatte in der vergangenen Nacht kaum geruht, und es schien ihr, als ob wieder eine schlaflose Nacht vor ihr läge.

Es war schon dunkel in der Charlotte Street, als sie wieder herunterkam. Sie hatte ihre Kleidung geändert und sah jetzt viel schäbiger aus. Man konnte sie nicht wiedererkennen. Sie trug abgetragene, aber saubere Kleider, einen altmodischen Hut und abgetretene Schuhe mit schiefen Absätzen.

Sie wartete, bis die Nacht hereingebrochen war, bevor sie sich mit einer brüchigen alten Segeltuchtasche auf den Weg machte.

Es schlug zehn Uhr, als sie in einer kleinen Straße in East End auftauchte. Vor dem Haus Nr. 27 hielt sie an und klopfte.

Die schlampige Frau, die ihr die Tür öffnete, roch nach Alkohol. Mit ihren kurzsichtigen Augen schaute sie auf den Besuch. Halb angezogen stand sie im Licht einer kleinen Petroleumlampe.

»Ach Sie«, sagte sie unhöflich. »Sind Sie doch gekommen? Ich hatte Sie schon aufgegeben.«

»Ich verstehe nicht, warum Sie mich aufgegeben haben. Ich habe doch meine Miete im voraus bezahlt«, sagte Mrs. Ollorby.

Die Wirtin murmelte etwas vor sich hin und leuchtete mit ihrer Lampe zu der einfachen Treppe hinauf. Dann stieß sie die Tür eines kleinen Raumes auf und deckte ein nicht gerade sehr sauberes Bett auf. Ein kleiner Waschständer und ein Stuhl bildeten die ganze sonstige Einrichtung des Zimmers.

»Ich lasse meine Mieter gewöhnlich nicht erst spätnachts herein«, sagte sie. »Aber Sie sind ja den ganzen Tag unterwegs, und da muß ich eben Rücksicht nehmen.«

Sie hatte Mrs. Ollorby nur deswegen als Mieterin angenommen, weil diese ihr erklärt hatte, daß sie den Raum zwischen neun Uhr morgens und sechs Uhr abends nicht gebrauchen würde. Dadurch hatte die Wirtin weniger Arbeit, das heißt, in Wirklichkeit machte sie ein doppeltes Geschäft, da sie tagsüber den Raum einem Nachtwächter von den Docks überließ.

In diesem kleinen Haus beherbergte die Wirtin sieben Leute. Sie wartete noch immer in der Tür und hatte ihre schmutzigen Hände über der Schürze gefaltet. Sie war wenig freundlich und erklärte Mrs. Ollorby, daß sie jetzt sehr beschäftigt wäre, weil ihre drei regulären Mieter in der Stadt seien.

»Ich möchte die Herren um alles in der Welt nicht kränken«, sagte sie. »Manchmal sind sie neun oder gar zehn Monate fort, aber die Miete wird so pünktlich bezahlt, wie ein Uhrwerk geht ... Es sind Seeleute – der eine ist Schiffskapitän, die anderen beiden seine Söhne ... Ein guter Mann, wie man ihn besser auf der Welt nicht finden kann, das heißt, wenn er nicht gerade betrunken ist.«

Diese bevorzugten Mieter hatten zusammen zwei Räume. Der Kapitän bewohnte den besten davon.

»Was ich Ihnen noch sagen wollte ... Wie ist doch Ihr Name –?«

»Ich heiße Brown«, sagte Mrs. Ollorby.

»Auf eines müssen Sie achten«, sagte die Frau. »Dem Kapitän dürfen Sie nicht in den Weg kommen. Er ist sehr kurz angebunden, und ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen, nicht für eine Million.«

Als die Wirtin gegangen war, setzte sich Mrs. Ollorby auf das Bett und vertrieb sich die Zeit dadurch, daß sie ein Buch bei dem Licht einer kleinen Taschenlampe las, die sie aus ihrer Tasche genommen hatte. Nach geraumer Zeit hörte sie die unsicheren Schritte des Kapitäns auf der Treppe. Mit betrunkener Stimme sang er einen Gassenhauer. Seine eisenbeschlagenen Schuhe polterten auf dem kleinen Podest, dann schlug er die Zimmertür zu, daß das ganze Haus wackelte. Mrs. Ollorby lauschte und wartete auf die Ankunft der beiden Söhne. Aber die kamen noch nicht. Nach einer Weile hörte sie, wie der Kapitän die Tür wieder öffnete und hinunterging. Als er das Haus verlassen hatte, legte sie ihr Buch beiseite, öffnete leise die Tür und horchte. Es herrschte tiefe Stille, kein Laut war vernehmbar. Die Wirtin hatte sich in die Küche zurückgezogen, wo sie auf einem erbärmlichen Feldbett schlief. Vom Erdgeschoß drang das Schnarchen eines Mieters herauf ...

Sie zog ihre Schuhe aus und schlüpfte dafür in dicke Filzpantoffeln. Geräuschlos schlich sie über das Podest, stieg die wenigen Stufen in die Höhe, die zu dem oberen Treppenabsatz führten, und versuchte, die Tür des Kapitäns zu öffnen. Sie war nicht verschlossen. Schnell ging sie in den Raum und drehte das Licht an.

Das Zimmer war nur ein wenig besser möbliert als ihr eigenes. Eine Kleidertruhe und ein kleiner Tisch standen darin. Dieser wurde anscheinend als Schreibtisch benutzt, denn es lag eine Menge von Papieren verstreut auf der Platte. Ein kleines, billiges Tintenfaß und eine Unterlage aus dünnem Löschpapier fanden sich daneben. Schnell sah sie die Schriftstücke durch und erkannte, daß es Listen von Schiffsvorräten waren, die der Kapitän offensichtlich vor einigen Tagen eingekauft hatte. Sie durchsuchte das Bett genau, drehte das Kissen um und entdeckte einen flachen, abgenutzten Kasten zum Aufbewahren von Schriftstücken. Sie öffnete ihn, fand aber weiter nichts als ein Blatt Papier, das mit Zahlen bedeckt war. Sie hatte genügend Kenntnisse von der Schiffahrt, um zu erfassen, daß es sich um eine Schiffahrtstabelle handelte, die der Kapitän ausgearbeitet hatte. Zu jeder Position hatte er das Datum geschrieben. Das erste Datum war der 26. des Monats, und dahinter war ein merkwürdiges Zeichen angebracht.

Sie legte das Papier an seine Stelle zurück und suchte weiter. Plötzlich hörte sie laute Stimmen außerhalb des Fensters auf der Straße, und gleich darauf vernahm sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Mit überraschender Geschwindigkeit verließ sie den Raum, schloß die Tür und war bereits in ihrem eigenen Zimmer, als die Leute unten die erste Stufe erreicht hatten.

Diesmal war der Kapitän nicht allein. Zwei Mann begleiteten ihn. Sie gingen in das Zimmer des Kapitäns und schlössen leise die Tür. Mrs. Ollorby hörte, wie sie sich mit gedämpfter Stimme unterhielten. Geräuschlos schlich sie sich hinaus. Die niederträchtigen Treppenstufen krachten unter ihrem Gewicht. Sie beugte den Kopf nach vorn und lauschte. »... Dieser Mann – wie heißt er doch – Warring oder so ähnlich – der Kerl sagte ... Gravesend ... Flutzeit ...«

Jemand ging quer über den Fußboden. Eilig huschte sie zurück in ihr Zimmer und horchte hinter der angelehnten Tür. Das war eine gefährliche Sache in diesem Haus, wo jedes Bett unter ihrer Schwere krachte. Nach einer Viertelstunde hörte sie zwei der Männer herauskommen und in einen anderen Raum gehen. Noch ein rauhes gute Nacht, dann war alles ruhig. Sie schloß ihre Tür behutsam und legte sich angekleidet auf das Bett. Einige Minuten später schlief sie fest.

Am Morgen wurde sie durch das Gepolter geweckt, das der Kapitän verursachte, als er die Treppe hinunterging. Kurz darauf folgten ihm seine beiden Söhne. Es war heller Tag. Mrs. Ollorby machte schnell Toilette und begab sich dann auch auf die Straße. Sie frühstückte in einer kleinen Kaffeestube an der Ecke der Victoria Dock Road. Eine halbe Stunde später stand sie auf einer zugigen Werft und beobachtete mit großem Interesse einen kleinen, verrosteten Dampfer, der mitten im Strom vor Anker lag. Ein Kerl, der sich am Wasser herumtrieb, kam auf sie zu. Er witterte, daß er sich eventuell ein kleines Trinkgeld verdienen könnte. Damit hatte er auch recht, denn er konnte Mrs. Ollorby über alles mögliche informieren.

»Missie – wollen Sie zu dem kleinen Schiff dort hinausfahren? Ich kann Ihnen in fünf Minuten ein Boot beschaffen!«

»Nein«, sagte sie, »ich will nicht hinfahren.«

»Haben Sie Verwandte an Bord?« fragte der Mann, der sich nützlich machen wollte. »Vielleicht wollen Sie einen Brief dorthin schicken?«

»Was ist das für ein Kasten?« fragte Mrs. Ollorby.

»Das ist die ›Pretty Anne‹!« sagte er lachend. »Ein merkwürdiger Name für ein solches Schiff. Aber ich kann mich noch darauf besinnen, wie sie mit Cardiff-Kohlen fuhr. Sie war ein ebenso schönes Schiff wie alle anderen, die jemals die Themse hochkamen. Aber dann erlitt sie Schiffbruch da unten in Cornwall – sie saß auf dem Felsen auf –, und der alte Boß hat sie dann für fünfzig Pfund gekauft, wie man sagt, und er und seine beiden Söhne haben sie wieder flottgekriegt. Ich glaube, daß sie schließlich von selbst wieder flottgeworden ist bei Hochwasser.«

Das war also die Geschichte der ›Pretty Anne‹! Sie hatte Schiffbruch erlitten, war in Lloyds Register als totaler Verlust gestrichen und wurde dann für den Preis einer Dschunke durch Auktion an den glücklichen Eli Boß verkauft.

Dieser Kapitän hatte wirklich Glück, denn er war zweimal dem Zuchthaus mit knapper Not entronnen. Einmal war er angeklagt wegen vorsätzlichen Schiffbruchs und das zweitemal wegen Sacharinschmuggels.

»Ob ich ihn kenne?« Der Mann spuckte verächtlich ins Wasser. »Ich darf wohl sagen, daß es so ist. Aber wer kennt Eli nicht? Er ist ein ganz gemeiner Lump. Er heuert keine weißen Leute, sondern nur indische Matrosen und so ein Gemisch von Leuten, von denen man zehn für einen Penny kriegt. Er hat Geld dadurch verdient, daß er den Amerikanern Koks und dergleichen nach drüben brachte. Und er macht Geld mit allen möglichen schmutzigen Geschäften. Er bekommt niemals eine richtige Ladung, weil keiner der Auftraggeber die Versicherungssumme für das Schiff bezahlen will.«

Mrs. Ollorby schaute sich das Schiff mit neuerwachtem Interesse an. Ein wunderlicher Kasten mit einem Rumpf, dessen Farben vollständig verblichen waren, und einem ungewöhnlich hohen Vorderdeck mit starkem Mast. Das Schiff schien ganz ohne Proportion zu sein. Es war schrecklich verwahrlost, schmutzig und rostig. Die Farbe des Schornsteins blätterte ab. Man hätte seine ganze äußere Erscheinung für Tarnung halten können.

»Der Alte führt sie, einer von seinen Söhnen hilft ihm dabei, und der andere hat den Maschinenraum unter sich. Im ganzen hat er nur sechs Mann an Bord.«

»Unter welcher Flagge fährt er?« Mrs. Ollorby interessierte sich für das kleine, schmutzige, viereckige Stoffstück, das am Flaggmast hing.

»Er hat die portugiesische. Wenn er in diesem Land registriert wäre, würde man ihm nicht gestatten, aus der Themsemündung zu fahren.«

Aber die ›Pretty Anne‹ hatte unverkennbar auch ihre Vorzüge, wie Mrs. Ollorby jetzt erfahren sollte.

»Sie kann zwölf Knoten in der Stunde laufen, und ich vermute, daß man sie bis auf fünfzehn treiben kann. Aber ich glaube nicht, daß der alte Eli soviel Geld für Kohle ausgibt«, sagte der Mann geschwätzig. »Ich habe noch niemals gehört oder gesehen, daß sie im Dock war, seitdem sie der Kapitän in Cornwall aufs Land geholt hat, um ein paar neue Platten einzusetzen. Die Kessel sind seit einer Woche nicht geheizt. Man sagt, daß der alte Eli jedes Stück Kohle zählt, das in die Feuerung geworfen wird. Der Kerl ist scharf.«

Mrs. Ollorby gab ihm ein größeres Trinkgeld, als er jemals erwartet hatte. Als sie von der Werft kam, fand sie ein Telefonhäuschen und sprach mit ihrem Sohn.

»Du mußt gleich hierherkommen, Hektor«, sagte sie. »Bringe dir einen Mantel mit, denn die Nächte sind kalt. Du mußt ein wenig Wachtposten für mich stehen. Und, Hektor, höre zu: In meinem Schlafzimmer hängt im Kleiderschrank ein Feldstecher, den bringst du mit.«

Sie hängte den Hörer ein, wählte eine andere Nummer und diktierte ihrem wißbegierigen Polizeichef einen langen Bericht.

»Haben Sie irgendeine Idee, worauf die Sache hinausläuft?« fragte er.

Mrs. Ollorby zögerte.

»Ich habe allerhand Vermutungen«, sagte sie vorsichtig, »aber ich möchte warten, bis ich Tatsachen melden kann.«

Sie wartete fast eine Stunde lang, bis ihr Sohn kam, der sich heute besonders wichtig fühlte. Sie gab ihm genaue Instruktionen und ließ ihm Geld zurück für seine Verpflegung. Glücklicherweise konnte sie das Interesse des mitteilsamen Mannes erwecken und sicherte sich durch ein gutes Trinkgeld seine Hilfe. Er lungerte das ganze Jahr hindurch am Ufer herum und beobachtete den Strom. Diese Beschäftigung mußte ihm offenbar seinen Lebensunterhalt einbringen. Er fand sich gleich dazu bereit, mit Hektor zusammen den Dampfer im Auge zu behalten. »Ich vermute, Sie werden nicht viel sehen, Madam«, sagte er. »Vor einer Woche wird die ›Pretty Anne‹ nicht den Fluß hinunterfahren. Einer der Kohlentrimmer hat es mir erzählt, und ich will schwören, daß sie noch keine Ladung an Bord hat. Der alte Eli heizt die Kessel nicht eher, als bis er Ladung genommen hat. Ich habe noch nie gesehen, daß das Schiff die Themse mit Ballast verließ.«

»Ich kann ruhig ein oder zwei Wochen warten«, sagte Mrs. Ollorby vergnügt. Damit sprach sie die Wahrheit, denn sie hatte unendliche Geduld und Ausdauer.

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