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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wallacee/verraete/verraete.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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5

»Ich möchte dir die Wahrheit mitteilen«, sagte Hope verzweifelt. Dick Hallowell lachte.

»Ein löblicher Vorsatz«, meinte er. »Aber ich denke, ich kann es auch so aushalten. Was quält dich, Liebling?«

Er nahm ihre Hände in die seinen, und sie ließ sie ihm eine Sekunde lang.

»Du wirst nichts mehr von mir wissen wollen – wenn du alles erfahren hast«, sagte sie krampfhaft. »Erinnerst du dich an das, was Diana Martyn über mich gesagt hat?«

»Diana spricht so vieles über alle Leute, daß ich es nicht behalten kann«, sagte Dick lächelnd.

»Natürlich erinnerst du dich! Sie sagte, ich sei ein ›Niemand‹.«

»Das ist absurd«, sagte Dick. »Du bist doch da, bist ein reizendes, entzückendes Mädchen, das mich in seinem wunderschönen Salon zum Tee einlädt. Du bist genauso vorhanden wie das Hotel Ritz, das ich durch dein Fenster sehen kann.«

»Rede keinen Unsinn. Sie meinte, ich hätte keine Abstammung, keine Eltern ... Es bestände die Möglichkeit, daß ich ... ach, irgend etwas Schreckliches sein könnte, das du dir selber ausdenken magst. Du verstehst doch etwas von Heraldik und weißt, was schwarze Felder im Stammbaum bedeuten?«

»Also, das ist deine ganze Sorge?« fragte Dick. »Kommt es denn darauf überhaupt an? Schwarze Felder kommen in allen, selbst den besten Stammbäumen vor. Ich weiß nicht, ob in meinem nicht auch welche vorhanden sind.«

Daß er so ohne weiteres über diesen Punkt hinwegging, nahm ihr den Atem. Für einen Augenblick war sie erleichtert, im nächsten aber wieder voller Sorge.

»Ich weiß nicht, ob es auch bei mir zutrifft«, sagte sie. »Es ist schrecklich von dir, Dick, daß du so etwas glaubst.«

»Ich glaube nichts anderes von dir, als daß du das liebste Mädchen auf der ganzen Welt bist. Ich werde dich heiraten, meinen Militärdienst quittieren und sehr glücklich mit dir werden!«

»Sei doch bitte vernünftig, Dick. Siehst du denn nicht, in welch ungewisser Lage ich bin? Ich weiß nicht, woher ich mein Geld bekomme, ich weiß nicht, wer meine Eltern sind. Ich bin direkt ein – Niemand! Ich muß darauf zurückkommen. Früher machte mir das nichts aus, und ich kümmerte mich nicht darum, bis – nun, bis du in mein Leben kamst.«

Sie dachte ein wenig nach, ihre Brauen zogen sich zusammen, dann fuhr sie fort. »Ich will dir etwas erzählen.« Ohne ihr Vorgehen zu entschuldigen oder zu beschönigen, berichtete sie ihm von ihrem Besuch in Monk's Chase.

Dick hörte gespannt zu.

»Du bist doch ein unvorsichtiger Naseweis, daß du dich ohne Grund solchen Gefahren aussetzt«, sagte er. »Wer ist eigentlich Hallett?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nichts von ihm, nur daß er sehr reich und teilnahmslos ist, wenigstens soweit ich in Frage komme. Er besitzt einen großen Landsitz in Kent. Den größten Teil meiner Kindheit brachte ich dort zu.«

»Hast du ihn niemals gesehen?«

»Nie, er war immer auf Reisen, wenn ich in Monk's Chase war. Ich habe seine Rechtsanwälte gefragt, ob er irgendwie mit mir verwandt sei, aber sie haben mir nie etwas darüber mitgeteilt.«

»Er ist also nicht mit dir verwandt?« fragte Dick.

»Kaum. Er kannte meine Mutter – ich habe die Vermutung, daß eine romantische Geschichte hereinspielt, aber ich konnte ja nie mit Mr. Hallett darüber sprechen. Er ist einer der Zeugen unter dem Testament meines Vaters – wenigstens vermute ich das!«

»Hast du jemals das Testament gesehen?«

»Nein, Dick, ich habe überhaupt nichts gesehen. Ich weiß nur, daß ich ein sehr großes Einkommen beziehe, und wenn ich mit zweifelhaften oder schlechten Leuten zusammenkomme, erhalte ich von meinen Rechtsanwälten eine scharfe Warnung, in der mir mitgeteilt wird, daß ich eine unerwünschte Bekanntschaft gemacht habe. Sie schicken mir auch immer Carlows Liste zu.«

»Und hast du keine anderen Verwandten?«

»Keine«, antwortete sie ein wenig verstört. Aber dann lachte sie wieder. »Du siehst, daß ich ein Niemand bin.«

»Ich vermute, du wirst von deinen Rechtsanwälten meinetwegen auch einen Brief bekommen«, bemerkte er. »Wenn ich auch selbst keinen Anlaß gebe, so habe ich doch sehr unerwünschte Verwandte!«

Er dachte noch über diesen letzten Punkt nach, als er Piccadilly hinunterging, und es war kein Zufall, wie es zuerst schien, daß er seinem Bruder begegnete, als er den Platz betrat. Graham Hallowell sah nicht mehr wie ein heruntergekommener Umhertreiber mit abgetretenen Absätzen aus. Er war tadellos nach der neuesten Mode gekleidet und von den Spitzen seiner Lackschuhe hin bis zum grauen Zylinder ein Bild äußerster Vornehmheit. Einen Augenblick war Dick sprachlos, dann aber mußte er lächeln und wollte vorbeigehen. Doch Graham hielt ihn an.

»Wenn es dir nicht zu unangenehm ist, dich mit einem früheren Sträfling sehen zu lassen, möchte ich ein paar Worte mit dir sprechen, Dick«, sagte er kühl.

»Das können wir gleich hier erledigen«, antwortete sein Bruder. »Aber wenn es sich um Geld handelt –«

Graham lächelte spöttisch. »Denkst du immer nur an Geld?« fragte er. »Nein, ich möchte mit dir über Diana reden.«

Das Lächeln verschwand von Dick Hallowells Zügen.

»Das ist ebenso zwecklos –«

»Sie möchte gern mit dir in gutem Einvernehmen stehen. Das ist alles«, sagte Graham. »Es hat keinen Zweck, dauernd auf dem Kriegsfuß miteinander zu leben. Kannst du denn nicht vergessen, daß sie jemand andern dir vorgezogen hat?«

»Wenn ich alles überdenke«, sagte Dick schnell, »so erinnere ich mich daran nur dankbar – es ist das einzige, wofür ich ihr zu danken habe.«

Er sah auf seine Uhr.

»Es tut mir leid, ich habe keine Zeit mehr, Graham. In fünf Minuten muß ich einen Freund treffen. Aber du kannst Diana von mir bestellen, daß ich ihr nichts nachtrage. Deine Rederei vom Kriegsfuß ist sehr überflüssig. Ich wünsche aber nicht, sie zu treffen, nicht weil ich ihretwegen unglücklich bin, sondern weil sie für Dinge eintritt, die ich verabscheue – und weil sie falsch ist. Verglichen damit ist es ja kaum der Rede wert, noch die Untreue zu erwähnen.«

Mit einem Kopfnicken ging er weiter. Graham blieb auf dem Bürgersteig stehen und sah ihm nach, wie er die Straße überquerte und in der Menge verschwand.

Diana erwartete Graham Hallowell in ihrem Empfangszimmer. Mit feinem weiblichen Instinkt fand sie bald heraus, daß die beiden Brüder sich getroffen hatten.

»Er war wie gewöhnlich unfehlbar wie Gott selbst«, sagte Graham aufgebracht, als er sich in einem Sessel niederließ und in seiner Tasche nach der Zigarettendose suchte. »Er hat dir vergeben, aber er wünscht, nicht mehr mit dir in Berührung zu kommen.«

»Was hattest du denn erwartet?«

»Ich dachte, es würde leichter sein, wenn wir wieder zusammenkämen, aber der Mensch ist hart wie Stein.«

Sie wippte unruhig mit einem Fuß hin und her und beobachtete ihn scharf.

»Du bist ein Mann«, sagte sie. »Hast du denn mit ihm über eine Unterstützung gesprochen?«

Graham Hallowell lachte rauh.

»Unterstützung? Was glaubst du wohl, was Dick dazu gesagt hätte! Diese Frage hat er gleich von vornherein abgeschnitten. Aber abgesehen davon werde ich viel Geld verdienen, ohne irgendwie Gefahr zu laufen, wenn Trayne mich wirklich für eine Sache braucht.«

Diana biß sich nachdenklich auf ihre Lippen.

»Was ist das für eine Sache?« fragte sie.

»Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?« Er war aufgeregt. »Trayne sagt dir doch nicht durchs Telefon, was er von dir will. Ich habe noch nie mit ihm in Verbindung gestanden. Du vielleicht schon, Diana?«

Sie ging der Frage aus dem Weg.

»Er ist sehr freigebig«, gab sie zu, »und sehr gefährlich.«

»Warum gefährlich?« fragte er schnell.

»Ich glaube bestimmt, daß Leute wie er gefährlich sind«, sagte sie noch in Gedanken. »Die Arbeit, die ich einmal für ihn leisten sollte, war nicht sehr schwer, aber ich übersehe nun, daß sie für seine Pläne notwendig war. Es ist jetzt zwei Jahre her, da ersuchte er mich, Lord Firlingham zu einem seiner Spielklubs am Portland Place mitzunehmen. Ich hatte nur zu erwähnen, daß mir dort einige Leute bekannt seien. Wir sprachen auf dem Rückweg von der Oper dort vor. Firlingham verlor vierzigtausend Pfund beim Bakkarat in jener Nacht. Ich erfuhr es erst einige Tage später, dann als ich ihn verließ, gewann er dauernd. Die Vermutung, daß sie ihm Geld abgenommen hatten, kam mir erst, als ich zweitausend Pfund in Banknoten erhielt.«

»Zweitausend Pfund?« Er begann leise zu pfeifen. »Der Mann bezahlt wirklich gut.«

»Zuerst gefiel mir die Sache nicht«, sagte sie vergnügt, »aber Firlingham ist ein schrecklicher Kerl, einer der unangenehmsten Menschen, die ich je kennenlernte.«

Sie schaute auf die kleine Uhr, die auf dem Kamin stand.

»Wir müssen gehen.«

Graham schaute sie überrascht an. »Willst du auch zu Tiger?«

Sie nickte.

»Ich bin von dritter Seite aufgefordert worden, dich zu begleiten – es soll nicht mein Nachteil sein«, sagte sie trocken.

Nicht weit entfernt vom Soho Square liegen die schönen Gebäude des Mousetrap-Klubs (Mausefallen-Klubs), eines Vereins, dessen Mitgliederliste einige der berühmtesten Namen des Landes aufweist. Der Luxus dieser Räumlichkeiten und andererseits die wenig vornehme Lage deuteten auf etwas Außergewöhnliches. Man flüsterte allgemein davon, daß hier sehr hoch gespielt wurde; aber der Klub war besonders wegen seiner guten Küche und der äußerst niedrigen Preise bekannt.

Obgleich man wußte, daß hier gespielt wurde, hatte der Klub doch nie die Aufmerksamkeit der Polizei erregt. Ein- oder zweimal mischten sich hohe Beamte von Scotland Yard unter die Gäste, aber sie konnten nichts Auffälliges bemerken, höchstens, daß man Bridge zu fünfzig Pfund für hundert Punkte spielte. Und da die Frage, zu welchem Satz Bridge gespielt wird, eine rein interne Angelegenheit ist und höchstens das Klubkomitee etwas angeht, schritt man nicht ein. Wenn Bakkarat gespielt wurde, geschah es ohne offizielles Wissen der Klubleitung. Kein Fremder wurde zu diesen Sitzungen zugelassen, es sei denn, daß man seiner ganz sicher war. Niemals tauchte die Vermutung auf, daß das Spiel nicht einwandfrei sei, und doch gewann Mr. Trayne, der sowohl hoch setzte als auch manchmal die Bank hielt, unweigerlich.

Die Tischzeit war schon vorüber, als Diana mit Graham in das vornehme, ruhige Vestibül trat.

»Mr. Trayne befindet sich im Sekretariat«, flüsterte der grauhaarige Portier, und die Besucher folgten ihm über einen mit dicken Teppichen belegten Korridor nach der Rückseite der Gebäude. Der alte Mann machte vor einer Tür aus Rosenholz halt und klopfte.

Eine Stimme rief: »Herein!« Der Portier öffnete, trat zur Seite und ließ sie in das Zimmer eintreten. Dann schloß er die Tür wieder hinter ihnen.

Im Raum befand sich nur ein älterer Herr, der näher an Sechzig als an Fünfzig sein mochte. Gelassen beobachtete er die Besucher mit seinen klugen blauen Augen. Sein kurzgeschnittenes Haar war grau. Das glattrasierte, ausdrucksvolle Gesicht hatte keine Falten: Selbst wenn er saß, fiel seine Größe auf. Seine stattliche, kräftige Gestalt mit den breiten Schultern machte einen imponierenden Eindruck. Zwischen seinen blendend weißen Zähnen hielt er das Ende einer Zigarre. Fast wäre man versucht gewesen, diese Zähne für künstlich zu halten, aber dazu waren sie nicht regelmäßig genug. Das war Tiger Trayne, im Charakter mehr ein Löwe als eine Katze und weit menschlicher, wenn man ihm gegenüberstand, als Diana erwartet hatte.

Er erhob sich langsam, nahm die Zigarre aus dem Mund und legte sie in die Aschenschale.

»Willkommen in unserem Lager«, sagte er mit einem humorvollen Lächeln. »Sie sind Diana Martyn?«

Er sprach mit einer tiefen, wohltönenden Stimme. Die Worte kamen bedachtsam aus seinem Mund. Diana war noch nie mit jemand zusammengekommen, der sie so angenehm enttäuschte. Sie ahnte jetzt dunkel, wie dieser Herrenmensch trotz seiner vielen verbrecherischen Unternehmungen es immer vermeiden konnte, in einem Prozeß vor den Gerichtsschranken zu erscheinen. Sie erinnerte sich an alles, was Colley ihr von ihm erzählt hatte, an die Fallen, die man ihm stellte, an das klug ausgearbeitete System, das man erdachte, um ihn zu fangen. Die Detektive zweier Weltteile hatten sich bemüht, diesen Tiger zu fangen, aber er hatte sie alle zum besten gehabt.

»Sie müßten sich doch noch auf mich besinnen können, Mr. Trayne«, sagte Diana. Man konnte seine Zähne sehen, als er lächelte.

»Es gehört zu meiner Politik, mich auf niemand zu besinnen und selbst meine besten Freunde als Fremde zu behandeln, die mir jedesmal neu vorgestellt werden müssen. Das ist ein sehr vernünftiges Prinzip – Sie sollten es sich auch zu eigen machen.«

Er sprach zu ihr, aber auf Graham ruhten seine Blicke.

»Und Sie sind Mr. Hallowell? Bitte, nehmen Sie Platz. Wünschen Sie Kaffee?«

Er drückte auf einen Knopf, und einen Augenblick später gab er den Auftrag, obgleich weder ein Dienstbote noch ein Telefon zu sehen war. Von der Wand antwortete eine tiefe Stimme: »Ja, Sir.« »Ich habe dort einen kleinen Lautsprecher anbringen lassen, er ist in der Holztäfelung. Sie können ihn nicht sehen.«

»Fürchten Sie denn nicht, daß man Sie belauschen könnte?« fragte Diana interessiert. Aber er lachte.

»Ich kann nur belauscht werden; wenn ich es wünsche. Sie waren auf dem Land?«

Er sprach zu Graham, der genügend mit dem Jargon seiner früheren Kameraden vertraut war, um die feine Anspielung auf seine Gefängniszeit richtig zu verstehen.

»Ja«, sagte er kurz.

»Das ist traurig – sehr traurig.« Tiger Traynes Stimme klang mitfühlend. »Sie hätten nicht aufs Land zu gehen brauchen, wenn jemand für Sie gedacht hätte. Generale sind arme Schlucker, wenn sie selbst mit dem Bajonett kämpfen wollen. Und die klügsten und tapfersten Soldaten würden wiederum als Generale wenig taugen.«

Er reichte Graham eine Kiste Zigarren.

»Niemand kann erfolgreich Verbrechen begehen, wenn er sich nicht auf den Standpunkt der Polizei stellt. Er muß wie ein Detektiv denken und Pläne machen lernen. Ein gewöhnlicher Einbrecher, der einen Coup plant, sieht nur seine Beute und ist blind gegen die Gefahren der Entdeckung. Wenn er mit seiner Überlegung fertig ist, geht er so an die Arbeit, daß er sich überall verdächtig macht, so daß ihn selbst ein kurzsichtiger Amateur fangen kann. Moderne Schlachten werden durch Scheinangriffe gegen markierte Stellungen gewonnen.«

Sie unterbrachen ihn nicht, denn sie verstanden sofort – wenigstens Diana –, daß hier nicht ein geschwätziger Mann sprach, um sich selbst reden zu hören oder um seine Kenntnisse und Weisheiten bewundern zu lassen, sondern daß jedes Wort seine besondere Bedeutung hatte.

»Wenn ich im Begriff wäre, einen großen Diebstahl zu begehen oder auszudenken ... Jetzt kommt der Kaffee.«

Der verborgene Lift arbeitete geräuschlos, so daß die Besucher nichts hörten; als Tiger jedoch zur Wand ging und das Paneel zur Seite schob, stand ein Silbertablett mit dampfenden Tassen da. Er nahm es weg, setzte es auf den Tisch und schloß das Paneel durch Berühren eines Knopfes. Einen Augenblick hielt er den Kopf lauschend geneigt. Anscheinend war er befriedigt. Er nahm sich eine große Portion Sahne in seine eigene Tasse, rührte sie um und trank sie mit einem Zug aus.

»Wenn ich also einen großen Coup plante, der den Männern und Frauen, die daran mitarbeiten, sagen wir« – er machte eine Pause – »fünfzigtausend Pfund einbrächte, würde ich die Sache sehr sorgsam in allen Einzelheiten einstudieren. Ich würde den Mann sich darin üben lassen, leichte Leitern in die Höhe zu klettern, von einer bedeutenden Höhe herunterzuspringen und dabei wieder auf die Füße zu kommen. Ich würde ihn Exerziervorschriften lernen lassen für den Fall, daß er es mit Soldaten zu tun hätte, auch müßte er die speziellen Vorschriften und Gegebenheiten des Platzes kennen, den er aufsuchen soll. Über Flut und Ebbe müßte er genau Bescheid wissen ...«

»Was soll denn unternommen werden?« fragte Graham ungeduldig.

Ein kalter, ruhiger Blick Traynes traf ihn.

»Habe ich denn überhaupt von einem Unternehmen gesprochen?« fragte er höflich, aber vorwurfsvoll. »Ich streife nur einige Gesichtspunkte.«

Ein warnender Blick Dianas brachte Graham zum Schweigen.

»Ich saß heute morgen hier in meinem Büro«, fuhr Trayne fort, »und träumte. Ich weiß nicht warum. Es muß wohl daher gekommen sein, daß ich den Bericht über einen Kriminalfall in Old Bailey gelesen habe, der gestern verhandelt wurde. Man muß sich immer wieder über den geringen Verstand der Verbrecher wundern. Es handelte sich um einen Mann, der wegen eines unbeholfenen Einbruchs ins Zuchthaus kam. Die Sache brachte ihm noch nicht einmal hundert Pfund ein. Wie unlogisch, dachte ich. Mit kleinerem Risiko und derselben Energie hätte er fünfzigtausend Pfund machen können, ohne daß man ihn faßte. Fünfzigtausend Pfund«, sagte er nachdrücklich. »Das ist eine Menge Geld.«

Er machte wieder eine Pause, als ob er eine Bemerkung darüber erwarte. Aber Graham Hallowell war durch Diana gewarnt und schwieg.

»Bei einem gewöhnlichen Einbruch ist kein Ruhm zu ernten«, sagte Trayne, indem er wie abwesend durch das Fenster auf den Soho Square schaute. »Wäre ich ein Einbrecher, dann würde ich Wert darauf legen, den Bericht über meine Taten mit großen Buchstaben an erster Stelle in den Zeitungen veröffentlicht zu sehen. Ich würde etwas so Außerordentliches tun, daß die ganze Welt über mich spräche.«

Wieder hielt er inne und sah zuerst Diana, dann Graham durchdringend an.

»Es sind jetzt dreihundert Jahre her, daß einmal ein Stümper einen der bedeutendsten Diebstähle aller Zeiten versuchte. Er war ein Trinker und Renommist, dieser dumme Kerl, und hätte doch beinahe Erfolg gehabt, ohne Flugzeuge oder Motorboote und alle die anderen Hilfsmittel, die die moderne Technik heute einem Mann an die Hand gibt. Dieser Oberst Blood –«

Obwohl sich Diana vorgenommen hatte, vollständig ruhig zu bleiben, konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken. Auf Graham machte die Erwähnung dieses Namens anscheinend keinen Eindruck.

»Dieser Oberst Blood hatte einen ganz elenden Mißerfolg und hat ihn auch verdient. Ob er gehenkt wurde, weiß ich nicht, ich habe es vergessen. Wird einer gehenkt, weil er die Kronjuwelen stiehlt, so ...«

Graham Hallowell sprang auf. Schrecken und Erstaunen zeigten sich in seinen Gesichtszügen.

»Die – die Kronjuwelen?« stieß er erregt hervor.

»Ihr Wert beträgt – wollen wir sagen, ungefähr eine Million Pfund Sterling.« Tiger Trayne überhörte die Unterbrechung. »Der ideelle Wert ist unendlich viel höher. Eine verrückte Idee, werden Sie sagen? Dasselbe dachte ich auch, als ich mir die Frage zum erstenmal vorlegte. Welche Befriedigung könnte ein Mann haben – es sei denn, daß er sich die Krone von England selbst auf seinen häßlichen Kopf setzen wollte –, nicht um sich von seinen armseligen Untertanen bewundern zu lassen, sondern heimlich in einem dunklen, heißen Zimmer in Kishlastan, zu dem nicht einmal die Frauen seines Harems Zutritt haben –«

Auch Diana fiel wieder aus der Rolle.

»Meinen Sie den Fürsten von Kish –«

Eine Handbewegung ließ sie verstummen.

»Ich kenne keine Fürsten. Indien ist ein Land, um das ich mich nicht kümmere. Ich kleide nur einige Bruchstücke meiner Träume in Worte. Ideen eines Verrückten ..., aber Irre sind manchmal dem Genie nahe verwandt, und zuweilen werden ausgezeichnete Pläne in ihren sonst unbrauchbaren Hirnen geboren, besonders wenn sie von einer Leidenschaft besessen sind. Diese nehmen besondere Formen an. Manche Leute träumen nur von Weibern, manche nur von Macht. Ich kenne einen Mann, der Tag und Nacht auf nichts anderes als auf ein bestimmtes Kartenspiel versessen war. Ein anderer sammelte Porzellan und brach in Tränen aus, wenn ein Teller zerbrach. Andere wieder sind verrückt nach Juwelen und kostbaren Steinen –« Er seufzte. »Die menschlichen Begierden können nicht verallgemeinert werden, es gibt zu viele Möglichkeiten.« Nach einer Pause sagte er wieder: »Fünfzigtausend Pfund sind ein schönes Stück Geld, und das alles nur für einige Wochen Übung, sorgsame Befolgung von Instruktionen ... Praktisch kein Risiko ... Ein oder zwei eingeschlagene Schädel – natürlich Ihrer nicht ausgeschlossen –«, fügte er entschuldigend hinzu, »wenn sich das Merkwürdige ereignen sollte, daß Sie sich an einem solchen Abenteuer beteiligen würden.«

Graham Hallowell war blaß und zitterte. Er räusperte sich.

»Folgen noch weitere genaue Erklärungen?« fragte er.

Tiger Trayne stand auf, ging zu dem eingemauerten Geldschrank, schloß ihn mit einem Schlüssel auf, der an einer Kette hing, die an seiner Weste befestigt war, und nahm ein Manuskript heraus, das in braunes Papier eingebunden war. Es hatte die Größe eines dicken Schulbuches. Er blätterte rasch die einzelnen Seiten durch, und Graham sah, daß sie mit der Maschine geschrieben waren.

»Hier ist mein kleiner Roman, einer der wenigen, die ich geschrieben habe«, sagte Mr. Trayne. Er steckte sich langsam eine Zigarre an und stützte den Ellbogen auf das Buch. »Ich habe mir ein Beispiel an einem anderen Autor genommen. Ich lasse meine Geschichte in Ruritania spielen. In diesem Land gibt es nämlich eine Festung, die Strong genannt wird. Sie erhebt sich am Ufer eines großen Stromes und ist tausend Jahre alt. In dieser Festung steht ein Turm, der scharf bewacht wird und die Juwelen des regierenden Fürsten birgt. In meinen müßigen Augenblicken habe ich einen Plan ausgearbeitet, wie ein entschlossener, kluger Mann, der sich streng an seine Vorschriften hält, mit Erfolg diese Juwelen entführen kann. Es ist eine aufschlußreiche Erzählung. Und wenn Sie lesen, werden Sie merken, daß ich die Juwelen ›Frucht‹ genannt habe, und das Militär, das sie schützt, den ›Wachmann‹. Wenn durch irgendwelchen Zufall das Buch in unberufene Hände fallen sollte, würde es für jemand, der nicht eingeweiht ist, sehr schwer sein, die Zusammenhänge zu verstehen. Es ist nun die Frage« – er ließ die Blätter gleichgültig durch die Finger gleiten –, »haben Sie genügend Interesse, um diese kleine Geschichte genauer durchzustudieren?«

Graham nickte.

»Ein kleines, hübsch möbliertes Landhaus ist in der Morgenausgabe der Zeitung annonciert«, sagte Mr. Trayne. »Es steht in der dritten Spalte auf Seite 9 des ›Megaphone‹. Ich glaube, daß die Agenten Ihnen dieses Landhaus zu einem mäßigen Preis überlassen werden, wenn Sie es für ein bis zwei Monate mieten. Es wohnt ein Hausmeister dort, und ich zweifle nicht, daß Sie dieses Buch jeden Abend um zehn Uhr auf Ihrem Tisch vorfinden, ob Sie ihn höflich darum bitten oder nicht. Es wird erst morgens wieder fortgenommen, aber in weniger als einem Monat müssen Sie auch jedes Wort auswendig wissen.«

Er zog sein Notizbuch heraus, entnahm ihm einen Zeitungsausschnitt und gab ihn Graham.

»Hier ist die Annonce.«

»Ich will heute noch schreiben«, sagte Graham heiser.

Mr. Trayne nickte, schloß das Buch wieder in den Geldschrank ein, richtete sich gerade auf und schaute Diana vergnügt an.

»Für Sie habe ich einen anderen kleinen Roman, Miss Martyn«, sagte er. »Aber das will ich erst später einmal mit Ihnen besprechen.«

Er ging zum Fenster und blickte hinaus. Seine Hände steckten in den Taschen. Als Diana hinter ihm stehend hinausschaute, sah sie überrascht eine ihr bekannte Gestalt.

»Wie seltsam!« sagte sie.

»Was ist seltsam?« fragte Tiger Trayne, drehte sich aber dabei nicht um.

»Das ist doch die aufdringliche Frau, die heute morgen in meine Wohnung kam und mich fragte, ob ich eine Zofe brauchte! Die Person ging einfach in den Vorraum. Ich fand sie vor der Tür meines Empfangszimmers.«

»Wirklich?« Mr. Trayne wandte sich nicht um. »Das ist merkwürdig. Sie meinen die dicke Frau – wie nennt sie sich doch gleich?«

»Mrs. Ollorby«, sagte Diana. Trayne nickte ernst.

»Sie nannte ihren richtigen Namen. Es ist Emily Ollorby.«

»Kennen Sie die Frau?« fragte sie überrascht.

»Ja, ich kenne sie«, sagte er langsam. »Sie ist eine der tüchtigsten weiblichen Detektive in Scotland Yard. Ich hoffe, daß Sie keine wichtigen Dinge besprachen, bevor Sie die Frau vor Ihrer Tür entdeckten.« Diana fühlte, wie sie bleich wurde.

»Aber – was will sie denn herausbringen – warum ist sie hier? Ist sie mir gefolgt?«

Sie sprach ein wenig unzusammenhängend.

»Das ist leicht möglich. Bloße Neugierde ist eine Eigenschaft, die man einer Frau verzeihen muß, aber wenn Mrs. Ollorby neugierig ist, steckt immer etwas dahinter.«

Er drehte sich lächelnd nach ihr um.

»Ein Detektiv beobachtet nicht notwendigerweise, weil er etwas weiß, sondern weil er etwas wissen möchte. Ich bin während meines ganzen Lebens ununterbrochen so beobachtet worden, daß ich mich nicht wohl fühlen würde, wenn das aufhörte. Wahrscheinlich wünscht sie zu erfahren, warum Mr. Graham Hallowell Sie besucht oder, falls sie den Grund weiß, was für Pläne er für die Zukunft hat. Scotland Yard hat großes Interesse an Leuten, die eben aus dem Gefängnis kommen.«

»Beobachtet sie mich?« fragte Graham wild. »Dem will ich doch ein Ende machen –«

»Sie werden kein Ende machen!« Mr. Traynes Stimme war sehr höflich, aber auch sehr bestimmt. »Lassen Sie sie doch aufpassen – das ist gut für ihre Augen.«

»Sie sieht mehr wie eine Waschfrau aus,« sagte Diana erstaunt.

»Sie hat sehr viel schmutzige Wasche öffentlich gewaschen«, sagte Trayne ironisch. »Sie ist eine sehr tüchtige Frau, glauben Sie mir das. Vielleicht« – er zögerte –, »vielleicht wird es besser sein, Miss Martyn, wenn Sie das Landhaus in Cobham mieten und Ihren Freund Hallowell dorthin einladen. Das heißt, wenn Sie solch einen Verstoß gegen die guten Sitten überleben. Aber ich denke, das können Sie ruhig –« Er zog die Augenbrauen hoch. »Ich kann mich nicht genau darauf besinnen, wie lange Sie schon mit unserem Freund Graham verheiratet sind, aber ich glaube, es war einen Monat, bevor er ins Gefängnis kam.«

Diana kniff die Lippen zusammen, aber sie sagte nichts. Dieses kleine Geheimnis war also auch anderen Leuten bekannt.

»Es war doch auf dem Standesamt in Worcestershire?« fragte Trayne im Ton eines Mannes, der sich an etwas erinnert, das ihm aus dem Gedächtnis gekommen ist, »und zwar unter dem Namen – aber das tut ja nichts zur Sache.«

»Ich glaube auch«, sagte Diana kühl, »Sie haben ein ausgezeichnetes Informationsbüro, Mr. Trayne.«

»Es ist ziemlich vollständig«, sagte er. »Sie können mit Ihrem Gatten zusammen das Buch studieren.«

»Und wenn ich mich nicht daran beteiligen möchte?« fragte Diana. »Macht das einen Unterschied?«

Trayne zuckte die Schultern.

»Den Unterschied zwischen fünfzigtausend und hunderttausend Pfund«, sagte er. »Und später wird vielleicht noch mehr folgen. Stellen Sie sich doch einmal den Spektakel vor, der in der ganzen Welt entstehen wird, wenn die Sache klappt. Erinnern Sie sich noch an das Verschwinden des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci, der Mona Lisa? Das müssen Sie verhundertfachen! Die ›Frucht‹, wir wollen es so nennen, ist fort. Die Zahlung des Herrn, in dessen Auftrag die Sache unternommen wurde, ist geleistet worden. Welche Summe, glauben Sie wohl, würden die Eigentümer der Frucht geben, um sie zurückzubekommen? Und sie würden keine Fragen stellen und von einer Strafverfolgung absehen, wenn die Wahrheit auch ans Tageslicht käme.«

»Sie meinen damit, daß Sie ein Doppelspiel treiben können?« begann Graham.

»Doppelspiel – das verstehe ich nicht«, sagte Mr. Trayne verbindlich. Er betrachtete aufmerksam die lange Asche seiner Zigarre.

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen«, sagte er. »Ich bin sehr gespannt, was Mrs. Ollorby machen wird – ich glaube, daß der Mousetrap-Klub nicht länger von ihr überwacht wird, wenn Sie gegangen sind.«

Als sie sich erhoben, sagte Trayne: »Nebenbei bemerkt habe ich Mr. Colley Warrington nicht von mir aus ins Vertrauen gezogen. Ich sage Ihnen das ausdrücklich, damit Sie das nicht in einem unbedachten Moment vielleicht annehmen.«

Er hatte die Worte »von mir« ausdrücklich betont. Als sie heimwärtsfuhren, überlegte sich Diana, von wem Mr. Warrington denn ins Vertrauen gezogen worden war. Graham dachte an andere Dinge. Ab und zu blickte er durch das rückwärtige Fenster des Autos, um nach Mrs. Ollorby auszuschauen, die ihren Aufbruch vom Mousetrap-Klub mit so unverhohlenem Interesse beobachtet hatte.

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