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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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4

Nachdem Hausmeister Stimmings das große Tor von Monk's Chase für die Nacht mit Riegeln und Ketten geschlossen hatte, berichtete er seinem Herrn, daß der Himmel seine Schleusen geöffnet habe. Doch der zeigte wenig Interesse für diese Mitteilung. Den ganzen Nachmittag hatte es schon geregnet, und beim Abendessen war das Unwetter heftig geworden. Es goß in Strömen. Unterhalb Lower Oaks hatte sich in der Talsenkung ein Teich gebildet. Nur die Mitte der Fahrstraße ragte daraus hervor. In den Gräben zu beiden Seiten flossen Gießbäche, die von den Hügeln von Black Wood kamen und sich vor dem Pförtnerhaus zu einem kleinen See ansammelten.

Die Nacht war pechschwarz, und man hörte nichts als das Pladdern des niederfallenden Wassers.

Der Postomnibus von Worplethorpe fuhr langsam durch den plätschernden Regen. Das Keuchen seines alten Motors gab eine melancholische Begleitung zu dem Quietschen der Reifen auf der nassen Straße.

Unter einem Baum zog der Chauffeur die Bremsen an. Die Tür des alten Wagens klappte auf, und eine schlanke Gestalt stieg heraus.

Es war ein Mädchen, das von Kopf bis Fuß in einen glatten, schwarzen Regenmantel eingehüllt war. Sie hatte die Kapuze bis zu den Augen heruntergezogen, so daß man in dem Scheinwerferlicht nur wenig von ihrem Gesicht sehen konnte.

»Ich danke Ihnen, das genügt«, sagte sie. »Vielleicht können Sie mich auf Ihrer Rückfahrt wieder mitnehmen. Ich werde auf jeden Fall hier warten.« Der Chauffeur neigte sich vor.

»Wollten Sie nicht nach Monk's Chase – Miss? Ich kann Sie doch bequem bis vor die Haustür fahren. Wenn Sie gehen, werden Sie durch und durch naß werden.«

»Nein, ich danke Ihnen«, sagte sie hastig. »Ich möchte nicht das ganze Haus aufwecken.«

Sie schritt schnell aus, und der Fahrer zuckte die Achseln, als sie an ihm vorbeiging.

Das Pförtnerhaus war leer und verlassen. Die eisernen Türen waren leicht angelehnt. Sie konnte sich erinnern, daß früher hier der alte Gärtner gewohnt hatte, aber er war gestorben, als sie noch zur Schule ging. Sie mußte bis zu den Knöcheln durch das Wässer waten und war froh, daß sie ihre hohen Gummischuhe angezogen hatte. Das war wenigstens ein guter Gedanke bei all den Plänen gewesen, die sie sich heute nachmittag überlegt hatte. Jetzt war die Mitte der Fahrstraße erreicht, die zum Haus führte. Sie empfand es sehr unangenehm, durch den strömenden Regen zu wandern. Die hohen Pappeln, die den Weg zu beiden Seiten einsäumten, boten ihr gar keinen Schutz.

Die Nacht war sehr dunkel. Als sie näher kam, hob sich vor ihren Augen die große Masse des Gebäudes undeutlich von den Hügeln des Hintergrundes ab. Das Haus selbst schien wie ausgestorben, nirgends war ein Licht zu sehen. Soviel sie wußte, zog sich Mr. Hallett abends frühzeitig zurück. Ihr Herz schlug wild, als sie den ovalen Rasenplatz überquerte und um den Ostflügel herum nach hinten ging.

Sie war nicht bei Verstand – das sagte sie sich alle paar Sekunden. Es war doch sinnlos, weiterzugehen. Diesen ganzen abenteuerlichen Plan auszudenken war Wahnsinn, und noch verrückter war es, ihn auszuführen. Sie stand jetzt vor der kleinen Hintertür und hielt den Schlüssel in ihrer zitternden Hand. Unheimlich erhoben sich vor ihr die grauen, mit Efeu bewachsenen Wände.

Aber wenn ihr die Kinderfrau die Wahrheit gesagt hatte und hinter der kleinen Tür in der Wand die Lösung aller Rätsel lag, war sie berechtigt, so zu handeln.

Sie steckte den Schlüssel ins Schloß und drehte um. Nur schwer öffnete sich die Tür unter ihrem Druck. Sie zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete damit den schmalen, fliesenbelegten Gang ab, bevor sie die Tür schloß und sich geräuschlos in ihren Gummischuhen vorwärts bewegte. Sie stieg drei Steinstufen zu einer zweiten Tür hinauf. Auch diese ließ sich mit demselben Schlüssel öffnen. Jetzt kam sie in einen langen, breiten Korridor, der mit dicken Teppichen belegt war. In regelmäßigen Zwischenräumen standen hier kleine Statuen, alte Armsessel und Stühle – die übliche Ausstattung, die sie genau kannte.

Es hatte sich nichts geändert, seitdem sie das letztemal hier gewesen war. Alles war ihr vertraut, die verblichenen Porträts in den schweren Goldrahmen, die Gobelins, die einen Teil der Wand bedeckten, die langen, dunkelroten Übergardinen, die das Fenster am Ende des Ganges schmückten.

Nur gedämpft vernahm man hier das Tropfen des herabströmenden Regens. Sie konnte das schwere Ticken der altertümlichen Standuhr in der großen Halle hören. Irgendwo im Haus klapperte ein loser Fensterflügel im Sturm. Sie atmete tief auf, als sie schnell die lange Galerie entlangging. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in die Halle. Wieder machte sie halt und lauschte. Sie schaute umher und versuchte, mit ihren Blicken die Finsternis zu durchdringen. Gespenstisches Licht drang durch die langen, mit Eisengittern versehenen Fenster, die zu beiden Seiten des Haupteinganges lagen. Die große, gewundene Haupttreppe, die vom Erdgeschoß nach oben führte, konnte sie mehr ahnen als sehen. Sie mußte all ihre Kraft zusammennehmen, um die Halle zu durchschreiten. Dann stand sie vor der Tür zur Bibliothek und drückte leise die Türklinke herunter.

Im Kamin brannte Feuer. Ein großer Armsessel verdeckte ihn, aber sie sah den roten Widerschein des Feuers an den Wänden und auf den Möbeln. Offenbar war der Raum leer. Sie erkannte den Stuhl und nickte unwillkürlich. Dort hatte sie als Schulmädchen immer zusammengekauert gesessen und romantische Geschichten verschlungen. Ihre Blicke streiften durch den Raum und blieben an dem kleinen Bücherschrank hängen. Sie biß die Zähne zusammen und ging schnell über den weichen Teppich. Zitternd nahm sie den kleinen Schlüssel aus ihrer Handtasche und öffnete ...

Leer! Mit offenem Mund starrte sie hinein.

Sie schrak auf und wäre fast umgesunken. Aus dem Stuhl stieg eine dünne Wolke bläulichen Rauchs auf.

»Wollen Sie nicht bitte die Tür schließen? Es zieht.«

Die Stimme klang sanft und gedämpft. Sie blickte starr zum Kamin hin und zog dann verzweifelt einen kleinen Browning aus ihrer Tasche.

»Rühren Sie sich nicht«, sagte sie. »Ich – ich habe eine Waffe.«

Aus dem Stuhl erhob sich ein schlanker, grauhaariger Herr. Ein Paar große, dunkle Brillengläser verdeckten sein schönes Gesicht. Zwischen den Zähnen hielt er eine große Pfeife. Er war im Abendanzug, jedoch war sein Rock aus schwarzem Samt.

»Kommen Sie und setzen Sie sich – kommen Sie ans Feuer«, sagte er. »Sie müssen naß sein.«

Sie zögerte und ging dann langsam näher, die zitternde Hand um die Pistole gekrampft.

»Rühren Sie sich nicht!« Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Dann hörte sie ein tiefes Lachen.

»Ich vermute, Sie haben einen Revolver oder etwas ähnlich Dramatisches in der Hand? Wie können Sie nur! Aber wollen Sie nicht wirklich die Tür schließen? Ich bin gegen Kälte sehr empfindlich.«

Sie ging zur Tür. Hier war eine Gelegenheit – sollte sie fliehen? In wenigen Sekunden konnte sie aus dem Haus sein. Aber er hatte sie gesehen, und es wäre ihrer unwürdig gewesen, diesen Weg zu gehen. Seltsam, daß die Frage der Würde in einem solchen Augenblick überhaupt in Betracht kommen konnte.

Die Tür schloß sich, und sie ging zu dem Kamin zurück. Er hatte sich wieder gesetzt, die Pfeife zwischen den Zähnen, das Gesicht der Glut zugewandt.

»Sie kamen durch die Hintertür? Ich hätte das Schloß ändern lassen sollen. Wollen Sie sich nicht setzen?«

Sie zögerte.

»Ach, ich weiß, daß Sie eine Frau sind«, fuhr er mit seiner weichen Stimme fort. »Ich hörte das Rauschen Ihres Kleides, obwohl es natürlich ein Regenmantel sein wird. Was wünschen Sie?«

Sie feuchtete die Lippen an, ihre Kehle war ausgetrocknet. Zweimal setzte sie an, bevor sie sprechen konnte.

»Ich wollte etwas holen – das ich in diesem Zimmer vermutete. Nichts – Wertvolles ... für irgend jemand außer mir. Können Sie denn nicht sehen ... und erraten?«

Er lächelte leise.

»Ich kann wohl raten, aber nicht sehen. Ich bin blind.«

Er sagte das in so ruhigem, sachlichem Ton, daß sie eine Zeitlang diese Tatsache gar nicht begriff.

»Blind?« sagte sie dann leise. »Oh, ich bin ... Das tut mir sehr leid.«

Und doch war sie erleichtert. Er konnte sie nicht sehen – und würde sie also niemals wiedererkennen, wenn sie ihm noch einmal begegnete.

»Ich wollte Sie wirklich nicht berauben«, sagte sie. »Nur – ich – meine Verwandten verließen dieses Haus letzten Sommer und – ich ließ hier etwas zurück, von dem niemand außer mir etwas wissen sollte.«

Sie fühlte sich sicherer. Sie wußte, daß in den Sommermonaten Monk's Chase einer reichen amerikanischen Familie überlassen worden war.

»Ah, Sie gehören zur Familie Osborn, nicht wahr? Nun gut, gnädige Frau, nehmen Sie bitte das, was Sie suchen. Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.«

Sie sah noch einmal zu dem offenen Bücherschrank hinüber.

»Es ist schon fortgenommen worden«, sagte sie. »Und nun will ich wieder gehen, ja?«

Er erhob sich und schritt mit ihr quer durch den Raum. Seine Finger berührten die Möbel, an denen er vorbeiging. Sie wandten sich nach rechts, gingen durch die Halle und kamen zu dem kleinen Seitengang. Einen Augenblick stand er mit ihr außerhalb der Hintertür, und der Regen tropfte auf beide nieder.

»Gute Nacht«, sagte er. »Hoffentlich werden Sie nicht zu naß.«

Er wartete, bis er ihre eiligen Schritte nicht mehr hörte, dann wandte er sich um, verschloß und verriegelte die Hintertür und kehrte in die Bibliothek zurück.

Als er eintrat, machte er alle Lichter an und ging zum Kamin. Fünf Minuten lang saß er bewegungslos, seine Stirn lag in tiefen Falten. Dann stopfte er langsam seine Pfeife, entzündete sie, setzte die dunkle Brille ab, nahm eine Zeitung vom Stuhl auf und fuhr in seiner Lektüre fort, die durch das Knarren der Hintertür unterbrochen worden war. Und er las ohne Hilfe eines Glases die kleinsten Buchstaben.

»Arme Hope Joyner!« murmelte er zwischen den Rauchwolken. »Arme Hope Joyner!«

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