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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/wallacee/verraete/verraete.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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22

Graham Hallowell war froh, als er zu seiner Kabine zurückkehren konnte. Im Vergleich zu dem dunklen, nassen Deck bot sie einen angenehmen, gemütlichen Aufenthalt. Er schloß die Tür hinter sich und sah nach Colley. Der Mann saß in einer Ecke des dunklen Gelasses, das Gesicht in den Händen vergraben. Er schaute auf, als Graham eintrat. Seine Zähne klapperten.

»Ich dachte, es wäre dieser schreckliche Kerl!« sagte er. »Wo haben sie Hope untergebracht?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich sollte die Kabine an der Backbordseite haben. Welches ist die Backbordseite?«

Graham hielt es für unnötig, eine so kindliche Frage zu beantworten. Er schloß die Tür in der Zwischenwand.

»Sie würden sich besser in mein – Staatszimmer setzen«, sagte er ohne große Begeisterung. »Ich gehe wieder nach draußen, aber ich werde die Tür zuschließen. Sie haben also nichts zu befürchten.«

»Was wollen Sie draußen tun?« fragte Colley.

»Ich weiß es noch nicht, aber dieser Kerl muß Hope an Land setzen, was auch geschehen mag.«

Er trat wieder auf den Gang hinaus, schloß sorgfältig ab und stellte weitere Nachforschungen an. Zuerst untersuchte er die Kabine, die auf derselben Seite des Schiffes lag, und als er hier keine Spur von Hope Joyner fand, ging er zum Deck zurück, um nach dem anderen Gang zu gelangen, der die ganze Länge des Oberbaues durchlief. Aber überrascht hielt er an. Der Gang an der anderen Seite war durch eine eiserne Tür verschlossen, die von innen festgemacht war.

Er stieg die Leiter hinauf, die zu dem kleinen Bootsdeck führte, und tastete sich behutsam vorwärts, bis er unter dem Dachvorsprung der kleinen Kommandobrücke war. An einer Seite der Brücke sah er zwei Gestalten, aber sie hatten ihn noch nicht entdeckt.

Er hielt sich unter der Brücke und ging auf die andere Seite. Eine Treppe führte von dort zum Vorderdeck, aber er sah sofort, daß man ihn beobachten konnte, wenn er hinunterging. So ließ er sich langsam neben der Treppe auf das untere Wellendeck hinunter. Das Manöver glückte, die Eingangstür zum Gang stand offen.

Das kleine Schiff schaukelte jetzt wie ein Spielzeug in dem starken Wind. Er wurde von einer Seite des Ganges zur andern geworfen, aber glücklicherweise machte es ihm nichts aus. Er fühlte sich nicht seekrank.

Die erste Kabine, die er fand, war wohl von den beiden Brüdern belegt. Es war ein schreckliches Loch, schmutzige Bettücher und halbnasse Ölkleidung lagen umher. Zwei leere Flaschen rollten bei jeder Bewegung des Schiffes von einer Wand zur anderen. Der nächste Raum gehörte dem Kapitän. Er war größer, aber genauso unsauber und unordentlich wie der vorhergehende. Die dritte und letzte Kabine war abgeschlossen. Er versuchte leise die Tür zu öffnen. Als das nicht ging, beugte er sich vor und schaute durch das Schlüsselloch. Drinnen rührte sich nichts. Der Raum war dunkel. Wenn er klopfte, würde das Hope zu sehr erschrecken, und außerdem brachte es keinen Vorteil.

Nach ein paar Schritten kam er zu der eisernen Tür, die auf das hintere Wellendeck führte. Sie war oben und unten fest zugeriegelt. Er zog die Riegel zurück, öffnete und ging auf das Deck. Die Tür schloß er wieder hinter sich zu.

Er sah niemand, nicht einmal einen Matrosen. Offensichtlich war die ganze Besatzung im Maschinenraum beschäftigt. Die ›Pretty Anne‹ hatte überhaupt keine Matrosen, die oben an Deck arbeiteten.

Als Graham zurückkam, um ein paar Bettücher und Kissen zu holen, war der lahme, seekranke Colley in die innere, dunkle Kabine zurückgekrochen. Er schloß seinen elenden Gefährten ein und ging zu dem Gang an der Backbordseite zurück. Dann befestigte er die Eisentür, setzte sich in eine Ecke und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Er hörte nicht, daß Eli Boß kam, auch nicht, daß eine Tür geöffnet wurde. Aber das Mädchen, das auf dem Feldbett zusammengekauert lag, sprang sofort auf die Füße, als sie ein Knacken im Schlüsselloch hörte.

»Nun laß dich mal ansehen!«

Boß hatte die Tür hinter sich geschlossen – von diesem Geräusch wachte Graham auf...

Hope Joyner stand neben dem Bett. Sie hielt sich an dem hölzernen Seitenteil der Lagerstatt fest und beobachtete ruhig das schreckliche Gesicht, das ihr entgegenstarrte. Der Kapitän hatte die Laterne an einen Haken gehängt und begaffte das anmutige Mädchen. So etwas hatte er nicht erwartet. Sie sah, wie seine blauen, runden Augen immer größer und begehrlicher wurden. Doch selbst als seine große, schmutzige Hand sich nach ihrem Gesicht ausstreckte, zuckte sie nicht zurück. Sie schrie sogar nicht einmal, als er ihre weiche Wange berührte.

»Eine schöne junge Frau – ich habe noch nie so etwas gesehen wie dich – wie Seide fühlst du dich an.«

Jetzt schrak sie vor seinen ungeschlachten Händen zurück, mit denen er sie liebkosen wollte. Der Anblick ihrer Furcht schien ihn verrückt zu machen, denn unvermittelt griff er nach ihren Schultern und zog sie an sich.

»Bist ein schönes Mädchen«, flüsterte er heiser.

Etwas Hartes preßte sich plötzlich in die Mitte seines Rückens. Er ließ Hope los und drehte sich langsam um. Dabei kam das spitze Ding nach vorn auf seinen Körper. Er sah zuerst auf die Pistole und dann in Grahams ernstes Gesicht.

»Was wollen Sie?« fragte er und atmete schwer. »Ich dachte, Sie hätten keine Pistole –«

Als Antwort zeigte Graham mit dem Kopf nach der Tür.

»Was wollen Sie?« fragte Boß noch einmal.

Die Mündung der Pistole drückte sich gegen seinen Leib. Wenn er seine Hände heruntergenommen hätte, wäre das sein Tod gewesen, das wußte er... »Ich dachte, Sie hätten keine Pistole –«

»Gehen Sie hinaus«, sagte Graham kurz.

Der große Mann zögerte, aber dann ging er schwerfällig und langsam zur Tür. Er war kaum zwei Schritt davon entfernt, als er plötzlich hinausspringen wollte. Aber Graham hatte das erwartet und war draußen im Gang, bevor der andere die Tür schließen konnte.

»Boß, ich schieße Sie nieder wie einen Hund, wenn Sie mir noch weitere Schwierigkeiten machen. Ich lege Sie um und werfe Sie über die Reling. Ihre verdammten Söhne werden niemals erfahren, was aus Ihnen geworden ist! Colley Warrington ist in meiner Kabine. Was, da schauen Sie! Eine Anklage wegen Mordversuchs steht Ihnen auch noch bevor!«

»Was wollen Sie?« Eli Boß war nicht sehr beredt.

»Das werde ich Ihnen später sagen! Gehen Sie zur Brücke zurück und lassen Sie den Schlüssel hier!«

Graham nahm den Schlüssel aus der Tür und steckte ihn in die Tasche. Ohne ein Wort zu sagen, ging der Alte fort und verschwand in der Dunkelheit. Im Augenblick hatte Graham die Tür geöffnet und winkte Hope.

»Sie werden viel sicherer in meiner Kabine sein. Ich bin Graham Hallowell – Sie haben das wohl vermutet?«

Sie nickte.

»Es wäre gut, wenn Sie ein Bettuch und ein Kissen mitnehmen. Morgen will ich besser für Sie sorgen.«

Sie tat, was er sagte, und nahm beides mit sich. Graham mußte die Hände frei haben, um einem möglichen Angriff zu begegnen. Aber niemand trat ihnen in den Weg, und in ein paar Minuten waren sie in seinem Raum.

»Nein, ich bin nicht krank«, sagte sie. »Ich fühle mich nur so schrecklich elend! Ich glaube, man hat mir Chloroform gegeben.«

Er bat sie, sich auf das Lager zu legen, und deckte sie mit einem Bettuch zu. Obwohl sie vorgab, nicht müde zu sein, fiel sie doch gleich in Schlaf, als sie die Augen schloß, und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.

Graham setzte sich nieder, um die ganze Lage zu überdenken. In der inneren Kabine lag Colley Warrington, der vor Erschöpfung ebenfalls in Schlaf gefallen war – ein nutzloser Ballast. Beinahe eine Stunde saß er so, dachte nach, machte Pläne und bereute... Dann erhob er sich steif, schloß den Geldschrank auf und nahm den großen Kasten heraus. Er war mit einer Sprungfeder geschlossen. Als er dann drückte, öffnete sich der Deckel. Der Anblick, der sich ihm bot, war so schön, daß ihm der Atem verging. Er hob die Krone vorsichtig hoch und nahm sie in die Hand. Dann begann er nervös zu lachen.

»Wie seltsam! Wie verdammt seltsam!« sagte er.

Er riß sich zusammen, legte das Juwel wieder an seine Stelle, machte den Kasten zu und verbarg ihn in dem Geldschrank. Die Sache kostete ihn zehn, vielleicht auch zwanzig Jahre Gefängnis. Aber sein Entschluß war gefaßt, und wenn er den Rest seines Lebens hinter Mauern zubringen müßte, die Spitze der ›Pretty Anne‹ würde bei Tagesanbruch nach der Küste zeigen. Es mußte eigentlich schon hell werden. Mit großer Anstrengung schraubte er die Sicherheitsdeckel von den Fenstern. Dabei mußte er sich notwendigerweise über das schlafende Mädchen beugen. Sie erwachte mit einem leisen Schrei.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Ich mache nur Licht und will etwas frische Luft in diesen schrecklichen Raum lassen.«

»Entschuldigen Sie, ich muß geträumt haben.«

»Schlafen Sie ruhig weiter«, sagte er. Aber dazu war sie jetzt zu unruhig. »Können wir nicht nach draußen gehen? Mir wird schlecht, wenn wir es nicht tun«, bat sie.

Graham zögerte.

»Gewiß«, sagte er dann und schloß die Tür auf. Er führte sie durch den Gang und nach dem hinteren Deck.

Sie hielt sich am Geländer fest und zog begierig die reine, frische Seeluft ein. Niemand war hier. Graham kletterte vorsichtig die Leiter in die Höhe und schaute über das obere Deck. Von Eli Boß war keine Spur zu entdecken. Aber er konnte einen Mann sehen und erkannte ihn als einen der Söhne des Kapitäns. Er lehnte vorn, auf das Geländer der Kommandobrücke gestützt.

Mit ein paar Worten erzählte ihm Hope, wie sie an Bord gekommen war, und er konnte ihre Angaben ergänzen.

»Nach Indien? Wie fürchterlich!« Als ihr die Lösung des Rätsels plötzlich klarwurde, fragte sie: »Steht der Fürst hinter der ganzen Sache?«

»Ich vermute es«, sagte Graham kurz. »Aber wir werden nicht nach Indien fahren. Sobald Sie wieder in der Kabine sind, spreche ich mit Eli Boß. Seine Pläne werden sich eben ein wenig ändern – und dann...«

Ein Bootshaken, von unsicherer Hand geworfen, flog an seinem Kopf vorbei und schlug ihm auf die Schulter. Er stöhnte vor Schmerz und drehte sich schnell um. Er sah gerade noch, wie sich die Gestalt von Eli Boß über das Bootsdeck erhob, gefolgt von zwei Kerlen seiner Besatzung. Der erste Schuß Grahams ließ den Neger in die Knie sinken. Bevor er wieder feuern konnte, sprang der Kapitän zur Seite und verschwand in der engen Tür, die in den Gang auf der Backbordseite führte. Er wütete. Der zweite Matrose schrie laut auf, floh in den Gang auf der Steuerbordseite und warf die eiserne Tür hinter sich zu. Graham drückte gegen den Türflügel, aber bevor er ihn aufzwängen konnte, hörte er, wie die Riegel vorgelegt wurden.

Er war von seiner Kabine und der Krone abgesperrt!

Er versuchte, in den unteren Gang einzudringen, aber auch hier war der Eingang geschlossen. Der einzige Weg, der übrigblieb, war die Leiter zum Bootsdeck. Er ging zwei Schritte in die Höhe, aber sein Kopf war kaum über dem Deck erschienen, als ein Geschoß an seinem Ohr vorbeipfiff. Der ohrenbetäubende Knall eines Gewehrschusses ertönte.

Dann vernahm er andere Geräusche. Jemand hämmerte an die Tür seiner Kabine. Er hörte den Klang einer tiefen, haßerfüllten Stimme und einen schrecklichen Schrei wie der Ruf eines Tieres in Todesangst – dann Schweigen.

Das Gesicht Hopes wurde bleich.

»Was war das?« fragte sie hastig. »Etwas Schreckliches muß geschehen sein!«

»Das Schrecklichste ist, daß Sie hier auf diesem elenden Schiff sind!« entgegnete er.

Er setzte sich an der Leeseite nieder und unternahm einen neuen Versuch. Er wickelte seinen Rock zusammen und hob ihn vorsichtig über die Spitze des Decks. Sofort krachte wieder ein Schuß, etwas streifte den Rock, und ein abgepralltes Geschoß summte über seinen Kopf.

»Also so liegt die Sache«, sagte er ruhig, als er auf das Deck ging. »Wir sind in einer Falle gefangen, wenn nicht –«

Er schaute auf die großen Luken, die die hintere Ladeöffnung bedeckten. Er schloß aus den heftigen Bewegungen des Schiffs, daß der Dampfer fast leer sei. Er glaubte zu erkennen, daß das Hinterdeck die Unterkunftsräume der Schiffsbesatzung enthielt. Aber um dahin zu kommen, mußte er wieder durch die Feuerzone der Schützen vor der Kommandobrücke.

»Ich bin schrecklich hungrig und durstig«, sagte Hope. »Könnte ich nicht etwas Wasser bekommen?«

In der Nacht hatte es heftig geregnet, und ein kleiner Teich hatte sich auf der Segeltuchdecke gebildet, mit der die Ladeluke zugedeckt war.

»Es wird nicht sehr schmackhaft sein, aber versuchen Sie es einmal«, riet er. »Halten Sie sich aber so dicht wie möglich an der Wand.«

Das Wasser war frisch, wie sie ihm sagte, und nachdem sie ihren Durst gelöscht hatte, suchte sie in ihren Taschen, in der Hoffnung, etwas Eßbares zu finden.

Auf dem Kanal war starker Verkehr. Ein großer Hamburg-Dampfer fuhr in Schußweite an ihnen vorbei, aber Graham konnte sich nicht verständlich machen. Er versuchte, mit seiner Taschenlampe ein Lichtsignal zu senden, aber der Schein der Lampe war zu schwach.

Plötzlich hörte er ein Plätschern und spähte über das Seitengeländer. Am Dampfer trieb etwas vorbei, drehte sich im Wirbel und verschwand in dem weißen Schaum der ›Pretty Anne‹.

»Was haben Sie gesehen?« fragte Hope.

»Nichts«, sagte Graham. Er hatte das Gesicht Colley Warringtons erkannt, dessen Körper zerschmettert über Bord geworfen worden war.

Es wurde elf, und es wurde zwölf. – Ein Uhr kam. Der Geruch gekochter Speisen drang zu ihnen.

»Wir müssen warten, bis es dunkel wird. Erst dann kann ich zur Brücke vordringen«, sagte er heiser.

Sie sah ihn neugierig an, und er wunderte sich, was sie wohl denken mochte. Jetzt sprach sie: »Sie sehen Dick sehr ähnlich.«

»Zu ähnlich!« antwortete er.

Beinahe hätte er ihr das Abenteuer der letzten Nacht erzählt, aber er dachte, es sei besser, daß sie die Wahrheit von jemand erfahre, der keinen Versuch machte, seine Handlungsweise zu entschuldigen.

Wo war Dick eigentlich? fragte er sich und begann fast Reue zu empfinden über den Kummer, den er über seinen Bruder gebracht hatte. Seine eigene Lage war jedoch zu verzweifelt und ließ ihm keine Zeit über das Unglück anderer nachzudenken.

Es war zehn Minuten nach eins, als er auf seine Uhr sah. Da kam ein Geräusch vom Deck her. Es wurde etwas über die Eisenplatten gerollt. Er sah ein großes Faß oben an der Treppe und dachte zuerst, daß man den Versuch machte, einen Angriff seinerseits auf das Oberdeck zu verhindern. Plötzlich kollerte das Faß aber langsam nach unten. Er hatte gerade noch Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, als es krachend auf das Deck aufschlug. Als er sich kurz umsah, bemerkte er, wie sich Hope gegen die Reling drückte. Dann fühlte er einen brennenden Schmerz in seinem linken Arm. Jetzt verstand er das Manöver – man hatte ihn aus der Deckung gelockt. Den ersten, der von der Brücke aus auf ihn zukam, konnte er noch niederschießen, aber dann waren sie über ihm – ein halbes Dutzend unbeschreiblicher Kerle. Mit Knüppeln und Messern schlugen und hackten sie auf ihn ein. Er riß sich los, schlug und schoß. Er sah, wie Eli Boß sich mit der Hand an die Kehle fuhr und mit einem Schuß in den Hals umfiel. Aber es waren zu viele. Auch von der Brücke wurde nach ihm geschossen. Die Kugeln schlugen gegen die eisernen Platten des Deckhauses hinter ihm. Wieder fühlte er den schrecklichen Schmerz in seinem linken Arm. In seiner Verzweiflung biß er die Zähne zusammen und schoß auf die Gestalt auf der Brücke – sah sie taumeln und fallen. Dann stürzte sich ein schwarzer Heizer auf ihn. Der Mann schrie gellend und war halb verrückt vor Wut und Angst. Graham stürzte nieder unter der erdrückenden Masse brutaler Menschen, die nichts anderes im Sinne hatten, als sein Leben...

*

Das kleine Flugzeug hatte die grüne Landschaft von Kent hinter sich, überflog den weißen Strich der Brandung an der Küste und kam dann auf die graublaue See hinaus. Unten sah man Schiffe und die Linien ihres Kielwassers, die sie in das Meer zeichneten. Einige fuhren zur Themsemündung, andere in entgegengesetzter Richtung, manche auf die französische Küste zu. Aus der Höhe gesehen, schienen sie sich kaum fortzubewegen. Einmal bemerkten sie auch ein Schiff, das der Beschreibung der ›Pretty Anne‹ zu entsprechen schien, und gingen dicht über ihm herunter. Aber es war ein großer Passagierdampfer. Das Flugzeug streifte rechts und links den Kanal ab, aber man konnte nichts von der ›Pretty Anne‹ entdecken.

»Das ist sie!« ertönte plötzlich eine Stimme an Dicks Ohr, und er sah ein kleines Fahrzeug unter sich, von der Sonne hell beschienen. Selbst von der Höhe aus glaubte er zu erkennen, daß das Schiff in Not war. »Die ›Pretty Anne‹!« rief Trayne, so laut er konnte, und zeigte wieder nach unten.

Dick hatte nur ein paar Sekunden, um einen Entschluß zu fassen. Sich direkt auf das Deck niederzulassen, hatte keinen Zweck. Das wäre sicherer Untergang gewesen. Man hätte erwarten müssen, daß Eli Boß und seine Kumpane sie als Zielscheibe benützt haben würden. Es blieb ihm nur eins übrig. Er spähte nach dem Zerstörer aus, der Befehl erhalten hatte, auszufahren und ihn draußen auf See zu treffen; aber er war noch nicht in Sicht.

»Ich werde sie einnebeln«, sagte Dick.

Er griff in die Bereitschaftskiste, entnahm ihr zwei handliche Tränengasbomben und warf sie über Bord.

»Machen Sie sich bereit zu springen!«

Dick drosselte den Motor. Die Maschine sackte langsam ab. Wenige Meter über Deck sprangen die beiden Insassen aus dem Flugzeug. Dann gab es einen furchtbaren, donnerähnlichen Krach, die beiden Flügel der Maschine zerschellten zwischen Schornstein und Kommandobrücke.

Das Tränengas hatte sich durch den steifen Seewind bereits verzogen. Tiger Trayne lag nach dem Absprung einen Augenblick besinnungslos am Boden. Als er wieder auf den Füßen stand, sah er Dick Hallowell nach hinten rennen, hörte das scharfe Krachen einer Pistole und folgte ihm auf dem Fuß. Der erste Mann, den er erkannte, war Eli Boß. Sein grauer Bart war rot und mit Blut verklebt. Seine schrecklichen Augen blickten wie irrsinnig.

»Wo ist Miss Joyner?«

Eli zeigte schwach nach unten, und als Tiger Trayne über das Geländer blickte, sah er das weiße Gesicht des Mädchens, das in einer Ecke des Decks zusammengekauert lag. Sie war ohnmächtig geworden. Er sprang die Treppe hinunter und hob die bewegungslose Gestalt auf, streichelte ihr Gesicht und sprach in zärtlichen, abgerissenen Worten zu ihr –

»Sie haben Graham niedergeschlagen!«

Er sah über die Schulter zu Dick Hallowell.

»Niedergeschlagen ... Graham? Wo ist er? Nehmen Sie sie.«

Dicks Arme schlossen sich um Hope, und Tiger Trayne näherte sich der reglosen Gestalt auf dem Hinterdeck.

Es sah so aus, als ob Graham Hallowell nur noch ein paar Stunden zu leben hätte. Er lag bewegungslos in einer großen Blutlache, und Trayne dachte zuerst, er sei tot. Er beugte sich nieder und untersuchte ihn kurz. Einige Jahre hindurch hatte Tiger Trayne ein großes Londoner Hospital als Arzt geleitet. Er erkannte aber, daß die einzige Gefahr der zerschmetterte Arm war. Er band ihn schnell ab, um die Blutung zu stillen. Dann stieg er auf das obere Deck. Die Maschinen der ›Pretty Anne‹ standen still. Das Oberdeck sah durch die Bruchlandung sehr mitgenommen aus. Der Schornstein zeigte seitwärts ein großes ausgezacktes Loch, aus dem in dicken Schwaden der Rauch hervorquoll. Sämtliche Scheiben der Kommandobrücke waren zersplittert.

Die Leute, die Graham angegriffen hatten, lagen selbst schwer verwundet umher oder waren in ihre Kojen verschwunden. Der alte Eli Boß wurde von seinem Sohn verbunden. Sie waren in der Nähe der zertrümmerten Schiffsbrücke. Neben ihnen lag ein Toter, es war Joab Boß, den Graham mit seinem letzten verzweifelten Schuß niedergestreckt hatte.

»Wo ist Warrington?« fragte Trayne.

»Weiß ich nicht«, gurgelte der Kapitän.

Trayne sah sich um.

»Ob wir wohl dieses Boot ins Wasser bringen können?« fragte er Dick Hallowell.

Es war das kleine Motorboot, in dem man Hope von London aus auf das Schiff gebracht hatte. Die Krane schwangen noch nach außen. Es war einigermaßen schwierig, die Reste der Schiffsmannschaft zusammenzubringen, aber nach einer Weile war das Boot aufs Wasser gelassen und trieb neben dem Wellendeck. Aber es war nicht nötig, eine so waghalsige Fahrt zu machen. Der Zerstörer war in Sicht gekommen und näherte sich schnell. Bald war er so dicht bei ihnen, daß man das Rasseln des Maschinentelegrafen hören konnte, als der Kapitän stoppen ließ ...

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