Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/wallacee/verraete/verraete.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
Schließen

Navigation:

20

Tiger Trayne, der Regisseur des nächtlichen Dramas, war der einzige, der sich weder durch bekannte oder unbekannte Ereignisse noch durch bestätigte oder unbestätigte Vermutungen aus der Fassung bringen ließ. Um elf Uhr saß er bei seinem Frühstück und las eine Zeitung, die an einer Flasche lehnte. Er hatte seine Brille aufgesetzt. Der Kaffee schmeckte ihm nicht, er beklagte sich bei dem Mann, der ihn bediente. Er beschwerte sich über einen Schmutzfleck, der nicht aus seiner Hose ausgeklopft worden war. Es hatte den Anschein, als ob er in diesem Augenblick sich nur mit den kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens beschäftigte. Der Diener brachte ihm eine Zigarrenkiste, und er wählte lange und mit großer Sorgfalt. Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und rauchte gemächlich. Dabei las er langsam den Börsenbericht. Wenn man ihn so sah, hätte man denken müssen, daß es für ihn keine größere Sorge auf der Welt gab als sein leibliches Wohl. Ein schwaches Klingeln ertönte, der Diener ging hinaus.

»Wollen Sie Mrs. Ollorby empfangen?« fragte er, als er zurückkam.

Tiger Trayne faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den Tisch. Dann nahm er seine Brille ab und polierte die Gläser mit einem seidenen Taschentuch. Aber er tat alles gründlich und mit Ruhe.

»Ja, ich möchte die Dame sehen. Bitten Sie sie, hereinzukommen.«

Er stand mit dem Rücken gegen den marmornen Kamin gelehnt, eine Zigarre im Mund. Ein etwas spöttisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als die dicke Frau in den Raum trat. Der Diener ließ die beiden allein. Es sah so aus, als ob Mrs. Ollorby in der letzten Nacht in ihren Kleidern geschlafen hätte. Ihr Gesicht war ein wenig aufgeregt und mehr gerötet als sonst. Ihre große Nase und ihr Kinn traten noch mehr hervor. Er hatte Mrs. Ollorby oft gesehen, aber niemals in solchem Aufzug wie heute – er vermutete, daß gewisse Ereignisse im Tower daran schuld waren.

»Guten Morgen, Mrs. Ollorby, das ist ein unerwartetes Vergnügen – wie geht es Hektor?« fragte er freundlich.

»Ich habe ihn eben nach Hause geschickt. Der arme Junge ist halbtot. Er mußte mich mitten in der Nacht über den Fluß rudern – und ich bin nicht leicht zu rudern, Mr. Trayne – und der Regen und die Aufregung und alles andere, ich wundere mich, daß ich nicht auch tot bin!«

»Wollen Sie sich nicht setzen?«

Er lächelte nicht mehr. Die Gegenwart von Mrs. Ollorby um Mitternacht auf dem Fluß konnte seine ganzen Pläne vernichtet haben. Er kannte diese Frau sehr gut, auch ihre weitschweifigen Einleitungen und ihre Taktik, den Punkt, auf den es ankam, zuerst möglichst zu umgehen.

»Es war kein Wetter zum Rudern letzte Nacht«, sagte er leichthin.

»Nein, wirklich nicht«, entgegnete sie und setzte sich. Sie suchte in ihrem großen Beutel herum, bevor sie ein farbiges Taschentuch fand, mit dem sie ihr Gesicht abwischte. »Hektor sagte: ›Wenn ein Detektiv immer so etwas tun muß, gebe ich es auf.‹ Sie haben keine Vorstellung, wie stark die Strömung ist, Mr. Trayne. Als wir unter der Londonbrücke waren, dachte ich, das Boot würde umschlagen und wir müßten ertrinken. Man sagt, daß dicke Leute gut schwimmen, aber ich wollte es nicht versuchen.«

»Was machten Sie auf dem Fluß – nachts?«

»Das fragte Hektor auch«, nickte Mrs. Ollorby. »Er sagte: ›Wozu, Mutter? Sie haben ein Motorboot, und alles, was wir haben, sind zwei Ruder‹... Ich wünschte, wir hätten dieses Ruderboot nicht gefunden, aber es war an die Stufen angebunden, und ich konnte einfach der Versuchung nicht widerstehen, zu sehen, wohin sie gingen. Es war nicht so schwer, sie zu verfolgen, denn Thames Street ist eine sehr dunkle Straße, und ich war ganz nahe bei ihnen, als er von der Motorjacht sprach.«

Trayne runzelte die Stirn. »Motorjacht?«

Mrs. Ollorby nickte feierlich.

»Nach dem, was er sagte, lag sie weiter draußen, mitten im Strom, so daß wir nicht weit hätten zu rudern brauchen. Dann dachte ich, sie würde unter der Brücke sein, als sie diesen Weg einschlugen. Wir landeten nicht vor ein Uhr, und dann kamen wir an ein Ufer, wo Hunde bellten. Das Tor der Werft war verschlossen, und wir konnten nicht heraus, bis am Morgen die Arbeiter kamen. Aber wie ich Hektor sagte: ich möchte diesem Boot mein Leben nicht mehr anvertrauen.«

Tiger Trayne lachte leise.

»Es scheint mir, Mrs. Ollorby, daß Sie auf die Elefantenjagd gegangen sind und eine Maus gefunden haben – Sie hatten eine falsche Fährte. Aber warum kommen Sie zu mir?«

Getreu ihren Grundsätzen gab Mrs. Ollorby keine direkte Antwort.

»Ich kam nicht vor sieben Uhr nach Hause, und dann schlief ich ein paar Stunden. Wenn ich dieses kurze Schläfchen nicht gemacht hätte, wäre ich fertig gewesen. Ich sehe wohl ein wenig derangiert aus?«

»Sie sehen bezaubernd aus«, sagte Trayne ironisch. Sie neigte den Kopf, um für das Kompliment zu danken.

»Als ich aufwachte, dachte ich nach und sagte mir – der arme Hektor schlief noch –, das beste, was ich tun kann, ist, Mr. Trayne zu besuchen und ihm die Sache zu erzählen, weil – weil ich zufälligerweise gewisse Dinge über ihn erfahren habe und ich sicher weiß, daß er Colley Warrington nicht leiden kann.«

»Colley Warrington?« Trayne drehte sich bei diesen Worten schnell um. »Was ist mit Colley Warrington?«

»Er war mit ihr zusammen.«

»Mit ihr? Mit wem?« Die Worte kamen jetzt wie Hammerschläge aus seinem Mund.

»Mit Miss Joyner.«

Sie dachte, seine Augen wären geschlossen, aber er betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Nun erzählen Sie mir die Geschichte von Anfang an. Sie folgten Colley Warrington und Miss Joyner – wohin?«

»Zu einem der kleinen Durchgänge in Upper Thames Street. Er hatte ein Motorboot dort, und er sagte, er wolle sie mitnehmen, um jemand zu treffen, der auf einer Jacht wartete.«

»Um welche Zeit war das?«

»Ungefähr um elf.«

»Sie fuhren stromabwärts, sagen Sie? – Ging die junge Dame freiwillig mit?«

»Sie stieg freiwillig in das Boot, obwohl ich glaube, daß sie lieber nicht mitgegangen wäre«, sagte Mrs. Ollorby.

Er hatte seine Zigarre ins Feuer geworfen. Sein Gesicht sah aus, als wäre es aus Stein gemeißelt.

»Sie fuhren stromab in einem Motorboot? Haben Sie niemand in dem Motorboot sprechen hören?«

»O ja, Mr. Trayne, es klang sehr nach der Stimme eines der Söhne von Eli Boß.«

Er nahm seine Uhr heraus und sah nach dem Zeiger. Sie dachte, es sei mechanisch, aber Tiger Trayne tat nie etwas mechanisch.

»Es kann auch keine eigenwillige Flucht gewesen sein«, fuhr Mrs. Ollorby fort, »denn die junge Dame liebt Dick Hallowell!«

»Dick Hallowell?« Schrecken und Ungläubigkeit lagen in seinem Ton. »Meinen Sie Sir Richard Hallowell, den Gardeoffizier?«

Sie nickte.

»Sie waren im Begriff zu heiraten, das habe ich so unter der Hand erfahren. Er wollte das Regiment verlassen, weil man nichts von ihren Eltern weiß – obwohl ich glaube, daß ich etwas darüber hätte erzählen können.« Sie sah Tiger Trayne aufmerksam an und neigte dabei ihren Kopf nach der Seite.

Er drückte einen Klingelknopf an der Wand.

»Ich danke Ihnen, Mrs. Ollorby. Sie sind eine ganz verteufelt kluge Frau, und ich will hoffen, daß Sie mich nicht ins Gefängnis bringen wollen. Nun sagen Sie mir die Wahrheit – warum kamen Sie? Warum haben Sie mir das alles erzählt?«

Mrs. Ollorby nagte an den Lippen.

»Ich bin eine Mutter – Sie verstehen –«

Er streckte seine Hand aus und drückte die ihre. Und obwohl sie eine starke Frau war, zuckte sie unter diesem Druck zusammen. Der Diener trat ins Zimmer.

»Meinen Wagen«, sagte Trayne. Ohne ein Wort an Mrs. Ollorby zu richten, ging er in sein Schlafzimmer.

Er zog eine Schublade auf, nahm seinen Revolver heraus, prüfte das Magazin und steckte ihn in seine Rocktasche, suchte noch drei Reservemagazine und verbarg sie sorgfältig in seiner Weste. Als er in die Halle trat, nahm er im Vorübergehen Mantel und Hut. Mrs. Ollorby stand im Eingang.

»Ich werde an Sie denken!« sagte er und war gegangen, bevor sie etwas erwidern konnte.

Der Wagen fuhr ihm allzu langsam durch die lebhaften Straßen der City. Er sprang ab, bevor er in der Nähe des geschlossenen Tores zum Tower hielt.

»Es tut mir sehr leid, Sir, Sie können nicht hereinkommen«, sagte der Polizist an der Tür. »Der Tower ist heute für Besucher geschlossen.«

»Ich habe eine sehr wichtige Mitteilung für Sir Richard Hallowell«, sagte Trayne. »Ich muß ihn unbedingt sehen.«

Der Polizist rief einen anderen, der ihn zu dem ersten bewachten Tor brachte.

»Sie können ihn mit hineinnehmen«, sagte der Sergeant, »aber er muß geradewegs zu der Wohnung Sir Richard Hallowells gehen und darf mit niemand sprechen.«

Die Gründe für diese Vorsichtsmaßregeln waren Tiger kein Geheimnis. Er warf kaum einen Blick nach der Schatzkammer, als er vorüberging.

»Trayne? Trayne? Ich kenne den Namen«, sagte Dick, als ihm der Besucher gemeldet wurde. »Führen Sie ihn herein. Der Polizist wartet besser draußen.«

Tiger Trayne eilte in das Zimmer, die Tür fiel hinter ihm zu. Einen Augenblick standen sich die beiden Männer gegenüber und schauten sich in die Augen.

»Nun?« sagte Dick. »Was kann ich für Sie tun, Mr. Trayne?«

Als er ihn fragte, erinnerte er sich an den Mann und an seinen seltsamen Ruf.

»Es wurden heute nacht zwei große Raubzüge ausgeführt. Ich muß über den wichtigsten mit Ihnen sprechen«, sagte Tiger einfach. »Hope Joyner ist entführt worden – ich nehme an, Sie wissen das?«

»Nein, ich weiß es nicht – ich wage nicht, daran zu denken«, sagte Dick erbleichend. »Ist es wahr?«

Der Mann nickte kurz.

»Sie liebt Sie?«

Welches Recht er hatte, danach zu fragen, kam Dick Hallowell nicht zum Bewußtsein.

»Ja, wir lieben uns«, sagte er schlicht. »Warum fragen Sie?«

Tiger blickte starr durch die Fenster auf die starken Mauern des Weißen Turmes, dann richtete er seine Augen langsam wieder auf Dick Hallowell.

»Sie ist meine Tochter – jetzt werden Sie verstehen«, sagte er.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.