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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/wallacee/verraete/verraete.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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19

Bobby fand Dick Hallowell zusammengesunken an der inneren Mauer der kleinen Bastei. Er war bewußtlos. Bobby nahm ihn auf die Schulter, trug ihn in das Wachzimmer und legte ihn auf eine Pritsche nieder. Einige Leute der Wache liefen fort, um einen Arzt und den Kommandeur zu rufen. Oberst Ruislip war noch nicht zur Ruhe gegangen. Er saß in seinem Arbeitszimmer und wartete auf die Rückkehr seiner Gattin, als ihm die Ordonnanz den Vorfall berichtete. Er war schon an Dicks Seite, ehe der Arzt kam, und ließ sich von dem Sergeanten die merkwürdige Geschichte der drei betäubten Schildwachen erzählen. Gleich darauf fand man auch den bewußtlosen Posten am Ufer.

Merkwürdigerweise entdeckte man den Raub nicht sofort, denn die Diebe hatten kaltblütig die äußere Tür der Schatzkammer abgeschlossen, ehe sie mit ihrer Beute entflohen.

»Aber sie müssen doch die Absicht gehabt haben, den Kronschatz zu rauben. Mein Gott, was für schreckliche Dinge hätten passieren können!«

Man hatte Dick den Uniformrock ausgezogen. Er war ganz weiß und immer noch bewußtlos. Die vier Soldaten lagen in einer ähnlichen Verfassung auf dem Fußboden. Endlich kam der Arzt. Er trug einen feldgrauen Rock über seinem Pyjama.

Schnell untersuchte er Dick und die anderen Leute.

»Es ist irgendeine Gasvergiftung«, sagte er, als er den sonderbaren Geruch bemerkte. Als er dem einen Mann mit dem nassen Schwamm über das Gesicht fuhr, kam er wieder zu Bewußtsein. Von ihm erfuhren sie die Geschichte von dem Offizier und der Schokolade.

»Es war natürlich nicht Dick«, sagte Bobby schnell. »Es war der Bursche, den ich für ihn hielt. Auf irgendeine Weise war er an Dicks Stelle gekommen – der Himmel mag wissen wie.«

Er fragte den Sergeanten der Wache, der ihm berichtete, daß er glaubte, ein leises Geräusch vernommen zu haben.

»Dann befahl mir der Offizier, geradeaus zu sehen«, schloß der Mann seinen Bericht.

»Da muß es passiert sein«, sagte Bobby.

Der Oberst winkte den Trompeter der Wache zu sich.

»Blasen Sie Alarm«, sagte er. Gleichzeitig gab er Bobby den Befehl: »Übernehmen Sie das Kommando über die Wache, bis Sie abgelöst werden. Verdoppeln Sie alle Posten. Niemand darf den Tower ohne meine direkte Erlaubnis betreten oder verlassen.«

In großer Unruhe ging er zu seiner Wohnung und überlegte noch, an welches Mitglied der Regierung er zuerst telefonieren sollte. Plötzlich hörte er seinen Namen, und als er sich umdrehte, sah er eine Frau, die schnell auf ihn zueilte. Es war Lady Cynthia.

»Was ist geschehen, John?« fragte sie ängstlich.

»Komm mit, ich will dir alles erzählen!«

Als sie nebeneinander zu ihrer Wohnung gingen, erklärte er ihr alles, was vorgefallen war.

»Der Kronschatz?« rief sie verstört. »Das ist nicht möglich!«

»Ich hoffe es«, sagte er düster. »Wir werden es in ein paar Minuten wissen, wenn der Kastellan und der älteste Aufseher kommen, nach denen ich geschickt habe. Ich werde mit ihnen die Sache untersuchen.«

Als er noch sprach, erklangen die langhinhallenden Töne des Trompetensignals in der stillen Nacht. Bevor er sein Haus erreichte, sah er, wie überall in den Mannschaftsräumen und Offiziersquartieren Licht aufflammte.

»Wo warst du, meine Liebe? Warum kommst du so spät?« Es war sonst nicht seine Gewohnheit, sie auszufragen, und noch dazu in so scharfem Ton. Und es war ebenso ungewöhnlich, daß Lady Cynthia so sanft antwortete.

»Ich habe mit jemand diniert, den ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe«, sagte sie. »Es ist eine Privatangelegenheit, und ich möchte nicht, daß du mich wieder danach fragst.«

Der Oberst war zu erstaunt, um gleich antworten zu können. Als er telefonierte, sah er zu seiner Gattin hinüber und war erschrocken über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Sie sah alt und verbraucht aus. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Das herausfordernde Selbstvertrauen, das er so gut an ihr kannte, war verschwunden.

Er machte seinen Bericht, ging zu seinem Zimmer hinauf und zog die Uniform an. Lady Cynthia, die erstarrt in der Halle stand, beobachtete, wie er die Treppe herunterkam und seinen Säbelgurt umschnallte. Der Kasernenhof unten war mit Soldaten gefüllt. Als der Oberst aus seiner Wohnung heraustrat, hörte er das Geräusch von Gewehrkolben auf den Steinen und die scharfen Kommandos der Kompanieführer. Als er quer über den Platz ging, holte ihn der Adjutant ein.

»Oh, Sie sind es, Ferraby?« sagte er kurz. »Ich brauche zwanzig Mann und zwei Offiziere, um die Wache zu verstärken. Die übrigen Mannschaften bleiben Gewehr bei Fuß im Kasernenhof stehen.«

Er war zur selben Zeit im Wachzimmer, als der Kastellan und der älteste Aufseher ankamen. Sie öffneten zusammen die Tür des Wakefield-Turmes und gingen hinein. Der Kastellan eilte voraus. Nach einigen Minuten hörte der Oberst einen Schrei.

»Die Stahltüren sind offen!«

Sie folgten dem Kastellan in die Schatzkammer. Ein Blick auf den Glaskasten genügte. Die Läden waren auf, aber alle Juwelen mit Ausnahme der einen Krone lagen noch dort. Man sah kein Anzeichen, daß eingebrochen war. Offensichtlich kannten die Diebe das Geheimnis, wie die schweren Stahltüren gehoben und gesenkt wurden.

Scotland Yard wurde zuerst von dem Vorfall benachrichtigt. Als der Oberst den Wakefield-Turm verließ, wurde er bereits gerufen, um die ersten Detektive, die angekommen waren, passieren zu lassen. Er gab sofort die nötige Erlaubnis und ging zu dem Wachraum zurück. Dick Hallowell saß auf einem Stuhl im Offizierszimmer und sah noch sehr mitgenommen und blaß aus, aber anscheinend hatte die Betäubung keine bösen Folgen hinterlassen.

»Ich weiß nicht, was geschehen ist – ich kann mich nur noch darauf besinnen, daß mir ein betäubendes Gas ins Gesicht geblasen wurde. Dann muß ich bewußtlos geworden sein.«

Er schaute in das finstere Gesicht seines Obersten.

»Was ist geschehen?« fragte Dick.

»Ein Teil der Kroninsignien ist gestohlen«, sagte der Oberst.

Einen Augenblick dachte Dick Hallowell, es sei ein böser Traum. Er legte seine Hand über die Augen, als ob er sich davon überzeugen wollte, daß er wach sei.

»Die zweite Krone ist fort«, sagte der Oberst. »Sie ist geraubt worden. Einer der Schufte trug die Gardeuniform und hat an Ihrer Stelle die Wache kommandiert.«

»Die Krone ist fort?«

Dick sprang auf die Füße und hielt sich an der Tischecke fest.

»Wer hat meine Stelle eingenommen?«

Die Frage war an Bobby gerichtet.

»Ich weiß es nicht.« Bobby Longfellow konnte seinem Freund nicht in die Augen sehen. »Ich bin nicht sicher, daß ich ihn wiedererkennen würde, es war so dunkel –«

»Hast du seine Stimme gehört?« fragte Dick ruhig.

»Ja, die hörte ich.«

Ein tödliches Schweigen folgte. Dick brach es. »Es war natürlich Graham.« Bobby antwortete nicht.

»Graham! Unsere Stimmen sind fast gleich, aber du kennst den Unterschied. Haben denn die Alarmklingeln im Wachzimmer nicht angeschlagen?«

In der Aufregung des Augenblicks hatte selbst der Oberst die Alarmklingeln vergessen. Der Sergeant von der Wache wurde geholt.

»Nein, Sir«, sagte er. »Wir haben nichts gehört.« Der älteste Aufseher machte dieselbe Aussage. Bobby Longfellow aber fand sehr schnell die einfache Lösung des Rätsels. Mit Hilfe einer Leiter untersuchte er die Klingel im Wachzimmer und erkannte auf den ersten Blick die Ursache. Der Hammer der Klingel war dicht unten abgeschnitten, und der Zapfen, der sie in Bewegung setzte, war durch einen hölzernen Keil festgeklemmt. Alle anderen Alarmklingeln waren ebenso unbrauchbar gemacht. Es war vollständig klar, was hier geschehen war. Die offizielle Untersuchung durch den ›Inspektor‹ war durch alle notwendigen offiziellen Dokumente beglaubigt, trotzdem war sie nur ein Teil des ganzen arglistigen Planes. Der Mann war von Glocke zu Glocke gegangen und hatte eine nach der anderen unbrauchbar gemacht.

Dick Hallowell war nicht besonders erstaunt, als er durch einen anderen Offizier ersetzt wurde und vom Adjutanten erfuhr, daß er vorläufig vom Dienst dispensiert sei und den Tower nicht verlassen dürfe. Das war eine unvermeidliche Förmlichkeit. Er hatte den Befehl über die Wache gehabt, als der große Diebstahl stattfand, er war dafür verantwortlich. Müde und niedergeschlagen ging er zu seinem Zimmer. Kurz darauf kam Bobby Longfellow zu ihm.

»Ich glaube, es steht außer allem Zweifel, daß ich jetzt die Armee verlassen muß«, sagte Dick düster. »Nach dem, was geschehen ist, muß ich zufrieden sein, wenn sie mir den schlichten Abschied geben.« Dann machte er eine ungeduldige Handbewegung, um seine trüben Gedanken zu verscheuchen. »Hast du Hope gesehen?«

Bobby schüttelte den Kopf.

»Sie war nicht zu Hause. Sie hatte eine Verabredung und war noch nicht zurückgekommen, als ich wieder fortging.«

»Um wieviel Uhr warst du dort?«

Bobby dachte nach.

»Zuletzt versuchte ich es um ein Uhr. Der Nachtportier erzählte mir, daß sie noch nicht zurückgekehrt sei, und ich war so bestürzt, daß ich die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging, um mich selbst zu überzeugen.«

»War sie wirklich noch nicht zurück?«

»Nein«, sagte Bobby. »Ich war sehr beunruhigt. Ich glaubte tatsächlich, daß ich zu dir spräche, als ich entdeckte –«, er zögerte.

»Daß es Graham war«, sagte Dick gleichmütig.

»Ich vermute, daß es Graham war.« Bobby war vorsichtig. »Auf keinen Fall kann ich es beschwören.«

Du Hallowell sah nach der Uhr. Es war ein paar Minuten nach zwei. Er nahm das Telefon und verlangte eine Nummer.

»Es tut mir sehr leid, Sir«, sagte die Stimme des Telefonisten. »Wir haben scharfe Anweisung, heute nacht keine Gespräche aus dem Tower zu vermitteln.«

Die beiden Offiziere sahen sich an. Einen Augenblick lang vergaß Dick Hallowell seine eigene Bedrängnis und sein trauriges Schicksal über der Sorge um Hope.

»Es wird einen ganz alltäglichen Grund haben, daß sie noch nicht zu Hause ist«, sagte er unbehaglich. »Vielleicht ist sie irgendwo zum Tanz eingeladen –«

»Sie war nicht so angezogen, als ob sie zum Tanzen gehen wollte«, protestierte Bobby. »Ich fragte deswegen ihr Mädchen. Natürlich kann sie aber trotzdem bei jemand eingeladen sein.«

Dick schüttelte den Kopf.

»Kannst du wohl zum Tower hinaus, Bobby?« fragte er schnell. »Ich darf ihn leider nicht verlassen.«

Bobby sah ihn zweifelnd an.

»Warte, bis ich mich umgekleidet habe«, sagte er und verschwand in sein Zimmer. Als er zehn Minuten später zurückkam, war er in Uniform.

»Ich melde mich beim Oberst, und wenn ich irgendeine Entschuldigung finde, um dieses grausige Gefängnis zu verlassen, fahre ich sofort zu Hope.«

Er brauchte keine »Entschuldigung« zu finden, denn kaum war er zu der Gruppe von Beamten getreten, die sich in dem Offizierswachraum versammelt hatten, als ihn Oberst Ruislip beiseite nahm.

»Der Kriegsminister ist nicht in der Stadt«, sagte er mit leiser Stimme. »Aber der Unterstaatssekretär war am Telefon und bat mich, ihm einen Offizier zu schicken, der ihm alles berichten könnte. Er braucht Unterlagen, um morgen eine eventuelle Anfrage im Parlament beantworten zu können. Suchen Sie ihn auf, Longfellow. Hier sind die Namen der Schildwachen, die betäubt wurden, auch die Zeitangaben und alle Aussagen. Sie werden ihm das Wachreglement und das Wachsystem im Tower erklären. Geben Sie ihm die Aufklärung, die er braucht.«

»Wo wohnt er, Herr Oberst?«

»Er hat eine Wohnung in Devonshire House – das trifft sich gut.«

Bobby dachte auch, daß es sich gut träfe! Er hatte keine Gelegenheit, zu Dick zurückzugehen, aber er schrieb schnell eine kurze Notiz und sandte sie ihm durch eine Ordonnanz.

Eines der Polizeiautos wurde ihm zur Verfügung gestellt, und er fuhr quer durch Eastcheap, wo die ersten Marktwagen in der Nähe von Billingsgate anfuhren. In weniger als einer Viertelstunde stand er im Vestibül des Hauses. Seine erste Frage hatte nichts mit dem Unterstaatssekretär des Kriegsministeriums zu tun.

Der Portier schüttelte den Kopf.

»Nein, Sir, die junge Dame ist noch nicht zurückgekommen. Ihr Mädchen sprach schon davon, daß sie die Sache der Polizei anzeigen wollte.«

Bobby erschrak sehr. Er hatte ein dunkles Gefühl, daß Hope irgend etwas passiert war. Seine Verwirrung war so groß, daß er wieder auf die Straße trat. Plötzlich besann er sich, daß er ja eine offizielle Mission hatte, und ging zurück. Der Portier fragte ihn, ob er vom Tower käme. Dann brachte ihn der Fahrstuhl zur Wohnung des Unterstaatssekretärs. Bobby verbrachte eine ermüdende Stunde, in der er dem wenig intelligenten Mann immer wieder Dinge erklären mußte, die doch von seinem Standpunkt aus alle ganz selbstverständlich waren.

»Das ist eine sehr ernste Sache«, sagte der Unterstaatssekretär zum zwölftenmal. »Ich weiß wirklich nicht, wie das Kabinett sich dazu stellen wird. Kein Wort davon darf in die Zeitung kommen, haben Sie verstanden?«

»Ich verstehe vollkommen, Sir«, sagte Bobby kalt. (Er hatte die ganze Antipathie eines Militärs gegen einen Zivilisten und Politiker.) »Aber werden mehrere hundert Soldaten und die anderen Leute, die im Tower beschäftigt sind, auch stillschweigen?«

Der Unterstaatssekretär war diesem Sarkasmus unzugänglich.

»Eine Erklärung wird der Presse später zugehen, wenn es soweit ist«, sagte er. »Aber man darf keinem Zeitungsreporter ein Interview gewähren, die Soldaten müssen dementsprechend instruiert werden.«

Es war hell geworden, bevor Bobby gehen konnte. Eine ganze Stunde lang hatte er sich über diesen Zivilisten ärgern müssen. Kaum hatte er die Wohnung verlassen, so suchte er eiligst Hopes Mädchen auf, um womöglich etwas Neues zu erfahren. Er fand die Zofe in Tränen aufgelöst. Hope war noch immer nicht zurückgekehrt, und es war auch keine Botschaft von ihr da.

Bobby Longfellow kehrte mit schwerem Herzen zum Tower zurück. Nachdem er sich beim Oberst gemeldet hatte, ging er geradewegs zu Dicks Wohnung. Er fand ihn schlafend auf seinem Bett. Aber als er die Türklinke herunterdrückte, öffnete Dick sofort die Augen und sprang auf.

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, sagte er, als Bobby zu Ende war. »Es ist kaum anzunehmen, daß sie die Stadt verlassen hat, sonst hätte sie ihre Zofe benachrichtigt.«

Er ging mit gesenktem Kopf in dem Raum auf und ab. Bobby, der sich traurig in einen tiefen Armsessel gesetzt hatte, nickte und gähnte abwechselnd. Plötzlich blieb Dick stehen.

»Ich möchte wissen, ob die Telefonsperre aufgehoben ist?«

»Ja, natürlich«, sagte Bobby, der plötzlich wieder wach wurde. »Ich dachte, das hätte ich dir gesagt. Offiziere dürfen wieder telefonieren.«

Als die Detektive im Tower ankamen, waren alle Einschränkungen des Telefonverkehrs wieder aufgehoben worden. Drei Spezialisten waren aber in der Zentrale, um alle Gespräche zu überwachen.

»Ich werde Diana anrufen«, sagte Dick und suchte im Telefonbuch nach ihrer Nummer.

»Diana?« Bobby machte große, verwunderte Augen. »Glaubst du denn, daß die etwas weiß?«

»Vielleicht.«

»Aber wenn sie nun über Graham spricht?«

Dick achtete nicht auf seinen Einwand.

»Ich habe der Polizei bereits gesagt, daß der Mann, der in meiner Charge auftrat, meiner Meinung nach mein Bruder war. Ich habe ihnen nichts von Diana erzählt, da ich ihre Beziehungen zu Graham nicht genau kenne. Ich habe einen Gedanken – aber es mag sein, daß ich mich irre; es ist nämlich möglich, daß Graham sie damals nach der Auseinandersetzung geheiratet hat. Daß sie sich schon liebten, als sie noch mit mir verlobt war, habe ich zu meinem Bedauern erfahren müssen.«

Er verlangte Dianas Nummer, und es kam ihm verdächtig vor, daß sie sofort antwortete.

»Dick Hallowell ist am Apparat... Diana weißt du, was mit Hope Joyner passiert ist?«

Anscheinend verblüffte sie diese Frage, denn sie antwortete nicht gleich, und als sie es tat, war ihre Überraschung unverkennbar.

»Hope Joyner? Ich weiß nicht – was soll mit ihr sein?«

»Sie verließ ihre Wohnung gestern abend und ist seitdem nicht mehr gesehen worden«, sagte Dick. »Diana, weißt du wirklich nichts?«

»Wie seltsam! – Ich weiß leider gar nichts. Ich sehe sie nie. Warum fragst du eigentlich mich?« – eine Pause. – »Ist irgend etwas los im Tower?«

Sie sprach nicht mehr von Hope, dessen war er sicher.

»Wo ist Graham?« fragte er, und ihre Antwort kam zu schnell.

»Ich habe ihn seit zwei Tagen nicht gesehen. Warum fragst du?« Dann fuhr sie fort: »Was ist geschehen? Warum bist du schon so frühmorgens auf?«

»Das kann ich dir nicht sagen, Diana. Willst du etwas für mich tun? Willst du so gut sein und nach Devonshire House gehen und sehen, ob es möglich ist, Hopes Spur zu finden?«

Sie überlegte, bevor sie antwortete.

»Ja, Dick, das will ich tun. Warum hast du mich nach Graham gefragt? Ist er irgendwie – in Schwierigkeiten?«

»Ich bin dessen nicht sicher«, antwortete er. »Läute mich an und sage mir, ob du irgend etwas über Hope herausbringen kannst.«

Die Morgenzeitungen waren bereits in den Tower gebracht worden, aber selbst in den späten Ausgaben fand sich keine Zeile über den Raub. Um neun Uhr morgens wurde eine Besprechung im Zimmer des Obersten abgehalten, an der Dick teilnahm. Einer der Chefs des Kriegsministeriums war von außerhalb eingetroffen und hatte bereits den ganzen schriftlichen Bericht durchgesehen.

»Es liegt kein Anlaß vor, weshalb Sir Richard vom Dienst dispensiert werden sollte und den Tower nicht verlassen dürfte. Es ist doch vollkommen klar, daß er ebensogut ein Opfer des Anschlags geworden ist wie die vier Soldaten.«

Dick erfuhr nun, daß man das Boot, das die Räuber nach dem Tower brachte, aufgefangen hatte, als es die Themse hinuntertrieb. Die Stelle, an der die Verbrecher gelandet waren, wurde von einem Polizisten ausfindig gemacht, der in den frühen Morgenstunden zwei Privatautos und eine Droschke fortfahren sah und diesen außergewöhnlichen Vorgang meldete. Es wurde noch eine andere nach Meinung der Polizei wichtige Tatsache entdeckt. In der vorigen Nacht war auf einem der Flugplätze ein Privatflugzeug gemietet worden, das bereitgehalten wurde, bei Tagesanbruch ohne Zwischenlandung nach Irland zu fliegen. Beim Frühlicht war ein Wagen angekommen, aus dem ein Mann mit einem schweren Paket stieg. Er hatte seinen Namen mit Thompson angegeben. Das Flugzeug war unmittelbar nach seinem Eintreffen aufgestiegen und später in Curragh gelandet, wo ein anderes Auto wartete, um den Flugzeugpassagier zu einem unbekannten Bestimmungsort zu bringen. Aber noch wichtiger war es, daß der geheimnisvolle Mann ein Notizbuch zurückgelassen hatte, das außer einigen Geldscheinen den Blaudruck eines Planes vom Londoner Tower enthielt, auf dem verschiedene Zeichen enthalten waren, die die irische Polizei nicht entziffern konnte.

»Es scheint fast so«, sagte Inspektor Wills, der an der Konferenz teilnahm, »als ob das der Gesuchte wäre. Das Auto, das nach Croydon fuhr, entspricht einem der drei Wagen, die das Ufer verließen. Wir haben die irische Polizei gebeten, uns den Plan durch Flugzeug zuzuschicken, und er wird sehr bald in unseren Händen sein. Es ist immerhin möglich, daß es nur eine Finte ist, um uns von der wirklichen Spur wegzulocken. Auf der anderen Seite ist Irland eines der wenigen Länder, nach dem sich die Diebe vielleicht gewandt haben könnten, weil dort andere Verhältnisse herrschen.«

Tatsächlich war es zu der Zeit ganz ruhig dort. Aber Irland ist für den Durchschnittsengländer eben ein Land, in dem Unruhen an der Tagesordnung sind.

Die Polizei wunderte sich am meisten darüber, daß die Diebe die anderen königlichen Insignien nicht angetastet hatten. Waren doch Dinge von immensem Wert dort, die man sehr leicht hätte wegbringen können. Aber sie hatten sich mit der Krone allein begnügt, die neben ihrem unheimlichen Wert auch das größte historische Interesse beanspruchen konnte.

Man entdeckte auch noch einen kleinen Stahlzylinder, der Gas einer unbekannten Art enthielt. Einige Versuche, die man damit anstellte, zeigten, daß die Diebe Dick und die unglücklichen Posten damit betäubt hatten.

Es war elf Uhr, und Dick holte sein verspätetes Frühstück nach, als plötzlich das Telefon klingelte. – Es war Diana. Ihre Stimme klang schrill und erregt.

»Bist du es, Dick...? Kannst du mir irgend etwas von Graham sagen...«

»Nein«, antwortete er.

Bevor er aber selbst etwas fragen konnte, fuhr sie fort:

»Über Hope konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Sie ist letzten Abend ausgegangen und nicht wieder zurückgekehrt... Und, Dick, Colley Warrington ist auch verschwunden...«

Die Bedeutung dieser Tatsache wurde ihm nicht sofort klar.

»Colley Warrington?«

»Ja... Ja, ja« – sagte sie ungeduldig. »Verstehst du denn gar nicht? Er hat sich in letzter Zeit sehr für Hope interessiert. Ich kann dir nicht mehr sagen, Dick. Ich bin krank vor Aufregung.«

»Aber was hat denn Colley Warrington mit der ganzen Sache zu tun?« fragte er.

»Dick, er wollte sie für jemand haben.« – Sie war dem Weinen nahe. »Verstehst du denn gar nicht? Es war jemand sehr scharf auf Hope.«

»Kishlastan?« fragte er schnell und wurde bleich.

»Ich kann dir nicht sagen, wer – es geht mir alles durcheinander –«

Sie hängte ein. Er versuchte noch einmal, Verbindung zu bekommen, aber es antwortete niemand, und er vermutete, daß sie den Hörer auf den Tisch gelegt hatte – ein alter, irreführender Trick, den er von früher her kannte.

Kishlastan! Diese Nachricht ließ seine Gedanken schneller arbeiten. Er verlangte die Zentrale und ließ sich mit dem Hotel des Fürsten verbinden. Er hatte noch keine Ahnung, daß Rikisivi London bereits verlassen hatte. Diese Tatsache erfuhr er erst von dem Empfangschef.

»Der Fürst hat London bereits vor einer Woche verlassen und ist an Bord des Dampfers ›Poltan‹ von der P. & O.-Linie nach Indien zurückgekehrt.«

*

Als Oberst Ruislip die Nachricht brachte, daß alle Verfügungen aufgehoben waren, die sich gegen Richard Hallowell richteten, kam Lady Cynthia wieder einigermaßen zu sich.

»Die Narren!« sagte sie erregt. »Natürlich ist er in die Sache verwickelt. Warum kam denn Diana letzte Nacht hierher? Das ist doch seine alte Liebe. Ich habe sie niemals eingeladen. Sie muß irgendwie gewußt haben –« Plötzlich hielt sie inne.

»Sie muß gewußt haben, daß du ausgingst. Wie hat sie das erfahren? Mit wem hast du diniert, Cynthia?«

»Hast du ihr etwas über die Insignien im Tower gesagt?« Durch diese Gegenfrage vermied sie eine Antwort.

»Ich – Diana gesagt?« Er runzelte die Stirn. »Nein, ich glaube nicht... Zum Donnerwetter, ja, das habe ich getan. Ich erwähnte ihr gegenüber die Losung!«

»Siehst du!« Lady Cynthia lehnte sich mit einem triumphierenden Lächeln zurück. »Begreifst du nun, daß sie mit im Komplott war? Warum hat sie denn den Abend ausgesucht, an dem Dick Hallowell die Wache kommandierte?«

»Mit wem hast du gestern abend diniert?« fragte er ruhig, und diesmal konnte sie ihm nicht ausweichen.

»Ich will dir die Wahrheit sagen, John«, erwiderte sie. »Ich habe mit niemand diniert. Jemand, der meinen Vater und meinen verstorbenen Mann kannte, bat mich darum, daß ich mit ihm speisen sollte. Außerdem sagte er mir, daß es sich um eine sehr eilige Angelegenheit handle. Törichterweise ging ich hin und glaubte, in spätestens zwei Stunden zurück zu sein. Der Herr, den ich treffen wollte, war nicht im Restaurant. Aber er hatte eine Nachricht hinterlassen, daß er später kommen würde. Ich wartete bis halb zehn, da kam plötzlich eine andere Nachricht, daß er krank geworden sei und mich bäte, ihn aufzusuchen. Ich ging zu seinem Haus und wurde in das Arbeitszimmer geführt, wo ich warten sollte. Es kam niemand, und nach einiger Zeit entschloß ich mich, zum Tower zurückzukehren. Da fand ich, daß die Tür zugeschlossen war. Als ich die Klinke herunterdrückte, wurde ein Stück Papier hereingeschoben, auf dem ein paar Worte standen, daß ich mich ruhig verhalten sollte oder –«

Sie fuhr nicht fort.

»Er wußte etwas von dir – etwas von deiner Vergangenheit«, sagte der Oberst mit leiser Stimme.

Sie nickte.

»Er drohte, es bekannt zu machen, wenn... Ja, so ist es. Willst du, daß ich dir erzählen soll –«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich denke, ich weiß es, Cynthia. Ich bin ja nicht ganz so dumm. Als wir uns heirateten, habe ich verschiedenes gehört. Aber ich dachte, es wäre das beste für uns beide, wenn wir die Vergangenheit ruhen ließen. Ich wünschte nur, du hättest mich gleich ins Vertrauen gezogen.« Sie seufzte tief.

»Hast du ihn nicht gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Um ein Uhr wurde die Tür aufgeschlossen, und ich verließ die Wohnung, ohne daß ich einen Menschen zu Gesicht bekam.«

Der Oberst stopfte seine Pfeife und zündete sie an. Seine Hand zitterte. Er sprach nicht, bis er einige Züge getan hatte.

»Du willst mir seinen Namen nicht sagen?«

Sie machte eine verzweifelte Handbewegung.

»Du würdest nicht klüger sein, wenn ich ihn dir sagte. Es ist ein Mann, den ich kannte, als ich ein junges Mädchen war. Ein wilder, merkwürdiger, eigenwilliger Mensch, der sich über Recht und Gesetz hinwegsetzte. Mein Vater sagte, daß er ein Verbrechertyp sei, und ich glaube, daß er recht hatte. Er besaß immer sehr viel Geld, lebte auf großem Fuß, aber er hatte immer mit merkwürdigen Geschichten zu tun, selbst als er in Oxford studierte.«

Der Oberst legte seine Hand auf ihre Schulter.

»Armes, liebes Kind!« sagte er heiser. Und diese Worte genügten, um den Stolz dieser harten, kalten Frau zu brechen. Im nächsten Augenblick lag sie schluchzend an seiner Brust.

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