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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/wallacee/verraete/verraete.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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18

An diesem Nachmittag hatte Hope Joyner Augenblicke, in denen sie an ihrem Verstand zweifelte. Sie war so ratlos, daß sie Dick Hallowell um drei Uhr anläutete. Sie erfuhr aber nur, daß er auf Wache war.

Sie kannte Colley Warrington nicht näher als alle anderen Leute. Die Geschichte seiner früheren Taten war allgemein bekannt. Allmählich war Gras darüber gewachsen, aber es gab noch sehr viele Türen, die ihm verschlossen waren und sich ihm nie öffnen würden. Wenn sie Dick Hallowell gefragt hätte, würde Colley niemals über ihre Schwelle getreten sein. Er war durch den Fürsten mit ihr zusammengekommen, aber das wußte sie nicht. Sie glaubte vielmehr, seine Bekanntschaft nur dem zufälligen Umstand zu verdanken, daß er mit einem Mitglied des indischen Komitees befreundet war.

Man wußte von Colley, daß er eine umfassende Kenntnis der Londoner Gesellschaft besaß und auch andere Kreise, die außerhalb derselben lagen, gut kannte. Diese Tatsache half ihm, als er ihr sagte, daß er ihr etwas über ihre Herkunft mitteilen könnte.

Wenn ein anderer Mensch, der ihr fremd war, gewagt hätte, dieses Thema zu berühren, hätte sie ihm mit einem verächtlichen Lächeln zugehört oder ihn schroff abgewiesen. Aber Colley war ein so merkwürdiger Mann, daß er Dinge sagen konnte, die aus dem Mund eines andern eine Beleidigung gewesen wären. Als er ohne Einleitung sich einfach kühn die Rechte eines Freundes ihr gegenüber herausnahm und ihr Vertrauen beanspruchte, war sie im Augenblick zu überrascht, um ihn zurückzuweisen. Bevor sie wußte, was vorging, erzählte er ihr mit dem größten Ernst, daß er Nachricht über ihren Vater erhalten habe.

Um neun Uhr an diesem Abend ging sie zu ihrer eigenen Verwunderung die Villiers Street hinunter, wollte aber bei dem geringsten Anlaß umkehren. Aber es fand sich keiner. Schon von weitem sah sie Colley vor dem kleinen Restaurant warten und ließ sich von ihm an einen Tisch in dem wenig besuchten Lokal führen. Es sprach ihrer Meinung nach für ihn, daß er nur ein einfaches Essen bestellte und sofort, als der Kellner außer Hörweite war, seine Geschichte erzählte. Es klang alles sehr einleuchtend. Eine Frau aus einfachen Verhältnissen hatte einen Mann von höherem Stand geheiratet. Sie waren dann in Streit geraten und hatten sich wieder getrennt. Die Frau kehrte zu ihrer Beschäftigung als Sekretärin zurück, die sie vor der Hochzeit ausgeübt hatte. Sechs Monate, nachdem sie sich getrennt hatten, wurde Hope geboren, und da die Frau ihren Mann haßte, hatte sie das Gerücht verbreitet, daß sie und das Kind gestorben seien. Hopes Vater glaubte dies (wenigstens nach der erfundenen Erzählung Colleys) und heiratete zum zweitenmal. Nach dem Tod seiner ersten Frau entdeckte er dann zu seinem Schrecken, daß er in Bigamie gelebt hatte. Er durfte Hope nicht als sein Kind anerkennen, ohne das Lebensglück seiner Kinder aus zweiter Ehe zu gefährden. Deswegen hatte er Hope in allem Luxus aufwachsen lassen, ohne sie anzuerkennen.

»Wirklich, liebe Hope«, sagte er, als er seinen Rotwein austrank, »ich konnte Ihren Vater nur mit großer Mühe dazu veranlassen, Sie zu sehen.«

»Ich weiß nicht, ob ich ihn sehen möchte«, sagte Hope ruhig.

»Ich dachte, das wollten Sie«, erwiderte er obenhin. »Aber so wie die Umstände jetzt liegen, wäre es töricht von Ihnen, wenn Sie sich diese günstige Gelegenheit entgehen ließen. Soweit ich unterrichtet bin, will Ihr Vater Ihnen alle Dokumente geben, die notwendig sind, um auch Ihrem schlimmsten Feind entgegentreten zu können.«

»Wo ist er denn?« fragte sie. »Warum konnte er denn nicht hierherkommen?«

»Es halten ihn viele Gründe ab«, sagte Mr. Warrington geschmeidig, »die er Ihnen ja alle persönlich erklären kann. Nicht der letzte ist, daß Sie ihm so sehr ähnlich sehen. Es wäre nicht möglich gewesen, daß Sie sich getroffen hätten, ohne daß der dümmste Anfänger gewußt hätte, daß Sie Vater und Tochter sind. Seine Motorjacht liegt in diesem Augenblick westlich der Londonbrücke vor Anker. Er hat sein Motorboot geschickt, um uns abzuholen, und wir werden in einer halben Stunde an Bord gehen.«

Sie sah ihn entsetzt an.

»Auf den Strom – bei Nacht – das ist unmöglich!«

Colley zuckte die Schultern.

»Ich dachte, es läge Ihnen etwas daran«, sagte er. »Und wirklich, ich kann Sie nicht tadeln. Ich will ganz offen mit Ihnen sprechen, Hope. Was für Eigenschaften ich auch besitzen mag, niemand hat mir jemals meine Uneigennützigkeit vorgeworfen. Ich habe nichts von dieser Sache, weder Ehre noch Geld. Es kann mir letzten Endes ganz gleich sein, ob Sie ihn sehen oder nicht. Ich dachte, daß sein Plan dumm, selbst phantastisch sei, aber er ist einer der unglücklichen Menschen, die Wert darauf legen, was die Leute über sie sagen. Ich habe versucht, seine Eigenheiten zu berücksichtigen. Wenn Sie nicht weitergehen wollen, lassen wir die Sache auf sich beruhen.«

»Aber ich muß seinen Namen wissen!«

»Den werde ich Ihnen nicht mitteilen«, sagte Colley ruhig. »Es liegt nicht in meinem Interesse, sein Vertrauen zu mißbrauchen. Wenn er Ihnen seinen Namen sagt, gut. Es geht nur ihn etwas an.«

Offensichtlich lag ihm nichts daran, denn er rief den Kellner, um seine Rechnung zu bezahlen, und er schien es eilig zu haben, die Sache in Ordnung zu bringen.

»Ich will mitgehen«, sagte sie. »Wie kommen wir hin?«

»Kennen Sie die Upper Thames Street? Es ist eine ziemlich schmutzige Verkehrsstraße an der Wasserseite in der City. Es stehen Warenlager und Werften dort. Einige hundert Meter von der Londonbrücke führt ein Eingang zu einer alten Treppe, die man gewöhnlich die Fährmannstreppe nennt. Ich habe verabredet, daß das kleine Motorboot dort auf uns wartet. Aber, liebe Hope, gehen Sie nicht mit, wenn Sie die leiseste Abneigung fühlen.«

So sprach er noch fünf Minuten weiter mit ihr und riet ihr von dem Weg ab, da er sicher war, daß sie angebissen hatte.

Sie fuhren mit dem Zug nach der Mansion House Station und gingen den Rest des Weges zu Fuß. Sie kamen an einem Polizisten vorbei, aber sie waren noch im Verkehrszentrum, so daß der Beamte sie kaum beachtete. Einige Minuten später erreichten sie einen dunklen und engen Eingang zwischen den hohen Mauern zweier Lagerhäuser, und als Hope hindurchspähte, sah sie, daß sich Lichter im Wasser spiegelten.

»Ist das das Boot?« fragte sie mit leiser Stimme. Sie konnte die Umrisse nur undeutlich erkennen.

»Ich glaube«, sagte Colley. »Ich will gehen und nachfragen. Die Motorjacht liegt weiter unten ...«

»Lassen Sie mich nicht allein«, sagte sie nervös und folgte ihm.

»Die Stufen sind sehr schlüpfrig«, warnte er sie und streckte seine Hand aus, um ihr Halt zu geben.

Es war ein kleines Motorboot, das kaum Raum genug bot, daß die beiden hinten Platz nehmen konnten. Als das Fahrzeug ins offene Wasser kam, suchte sie den ganzen Strom nach einer Motorjacht ab, aber sie konnte nichts entdecken.

»Sie muß etwas weiter unterhalb liegen«, sagte Colley schnell.

Plötzlich drehte er sich nach ihr um und griff mit einer Hand nach ihrer Kehle, mit der anderen hielt er ihren Mund zu. Einer der beiden Leute, die die Besatzung bildeten, packte sie bei den Füßen und zog sie auf den Boden des Bootes. Sie versuchte sich zu wehren, aber das schwere Gewicht Colley Warringtons drückte sie nieder. Sie fühlte, wie sie in Todesdunkel versank ...

»Die einzige Gefahr ist ein Polizeiboot«, sagte die heisere Stimme von Joab Boß, Elis Sohn. »Gewöhnlich treibt sich eines hier herum und paßt auf die Werften auf, aber sie haken sich mehr am anderen Ufer auf.«

Es regnete in Strömen. Colley zitterte in seinem dünnen Regenmantel vor Kälte. Er drehte den Hahn der Chloroformflasche wieder auf, die er über das Gesicht des Mädchens hielt.

»Es ist eine dumme Sache«, sagte Joab. »Der Alte dachte, es würde mehr Umstände mit ihr geben als –«

»Als was?« brummte Colley.

»Nichts!« brummte der Mann. »Fragen Sie nicht soviel. Er dachte nicht, daß Sie sie so leicht bekommen würden. Sie muß verrückt sein, aber alle Weiber sind verrückt. Wie weit geht sie mit?«

»Bis nach Indien!«

Er hörte, wie Joab pfiff.

»Indien? Das hat mir der Alte nicht gesagt.«

Ein langes Schweigen folgte, während er sich offensichtlich mit der neuen und gefährlichen Lage beschäftigte.

»Es ist ein Elend«, sagte er, »der Alte ist nicht ganz richtig ..., aber ich vermute, daß er nach den letzten Erfahrungen, die er gemacht hat, es nicht mehr riskieren wird.«

Colley Warrington fragte nicht, was für Erfahrungen Eli Boß gemacht hatte. Wenn er es gewußt hätte, so würde er mit dem letzten Schimmer von Mitleid seines verrohten Gemütes das Mädchen vom Boden des Bootes aufgehoben und in den Fluß geworfen haben.

»Der Alte ist verrückt, wenn es sich um Frauen handelt. Es wird noch genug Schwierigkeiten deswegen geben«, sagte der andere nach einer langen Pause. »Werden Sie uns anzeigen?«

»Ich verrate Sie nicht«, entgegnete Colley trocken. »Das tue ich nicht.«

Joab sagte nichts mehr, bis sie in Greenwich ankamen. Dann kam er in den hinteren Teil des Bootes und kauerte sich zu Füßen des bewußtlosen Mädchens nieder.

»Wie sieht sie denn eigentlich aus? Ich konnte sie im Dunkeln nicht erkennen.«

»Sie ist sehr hübsch«, sagte Colley und hörte den Matrosen etwas brummen. »Was sagen Sie?«

»Ich weiß nicht ... Ich wünschte, sie wäre nicht mitgekommen. Der Alte ist verrückt, wenn er hübsche Weiber sieht.«

»Ich komme ja mit«, sagte Colley.

»Sie?«

Colley versuchte einiges über den Dampfer von ihm zu erfahren und was für Vorbereitungen für seine Bequemlichkeit getroffen seien.

»Da fragen Sie besser den Alten«, war die vorsichtige Antwort. »Er hat den Herrn gestern oder vorgestern erst gesehen.«

»Hat er den Fürsten gesprochen?« fragte Colley erstaunt.

»Nein, nicht den Fürsten. Einen andern.«

Wahrscheinlich den Sekretär, dachte Colley.

»Er hat seine Anweisungen bekommen ... Ich frage niemals, und so brauche ich mich auch nicht belügen zu lassen. Ich kann Ihnen nur sagen, ich wünschte, sie wäre nicht mitgekommen. Er ist direkt scharf auf Weiber – wenn sie schön sind.«

Zum erstenmal an diesem Abend fühlte sich Warrington nicht recht wohl. Ob es dem Mädchen, dessen Kopf auf seinen Knien lag, gut oder schlecht ging, war ihm ziemlich gleichgültig. Das kümmerte ihn wenig. Aber was würde er an Bord dieses alten Blechkastens mit einem niederträchtigen Kapitän erleben, der scharf auf Weiber war? Er wünschte, er hätte sich niemals auf die Sache eingelassen. Schließlich hätte er sich ja noch vor der Fahrt nach Indien drücken können. Vielleicht waren Aufträge für ihn an Bord, und er hoffte stark, daß er wieder an Land gehen könnte.

Es war beinahe ein Uhr, als sich Joab umwandte und ihm zurief, daß die ›Pretty Anne‹ in Sicht käme. Als sie sich von hinten dem Schiff näherten, sahen sie nur eine schwach leuchtende Laterne an Bord. Soweit man wahrnehmen konnte, war auch keine andere Beleuchtung vorhanden, um ihnen den Weg zu zeigen. Eine rauhe Stimme vom Deck rief sie an.

»Bist du es, Joab?«

»Jawohl, Vater.«

»Hast du sie?«

»Ja.«

»Mach das Boot fest. Komm nach oben, Joab – Sammy!«

»Ja, Massah?«.

Der andere Insasse des Bootes war der Stimme nach wohl ein Neger.

»Lege diesen Strick um sie!«

Ein Gegenstand fiel auf den Boden des Bootes. Colley hob das Mädchen auf, während der Neger das Seil um sie legte.

»Sie ist festgebunden, Massah!«

»Ist sie besinnungslos, betäubt?«

»Jawohl«, sagte Colley und beobachtete, wie die schlanke Gestalt an Deck gezogen wurde und in der Finsternis verschwand.

»Komm nach oben, Sammy!«

Der Neger kletterte schnell an der Seite des Schiffes hoch, nachdem er den Bug des Bootes an der Strickleiter befestigt hatte.

»Nun kommen Sie herauf – Sie da unten!«

Colley ergriff das Tau und begann den schwierigen Aufstieg. Einen Arm schlang er um die Sprossen, während er einen Fuß langsam hochzog.

»Kommen Sie noch nicht an Bord!«

Colley konnte im Dunkeln das Gesicht des Kapitäns nicht sehen, nur der von Alkohol schwere Atem schlug ihm entgegen.

»Bleiben Sie jetzt ruhig eine Minute stehen, wo Sie sind!«

»Warum?« fragte Colley, indem er mit beiden Händen nach dem Geländer griff.

»Weil ich es Ihnen sage«, rief Eli Boß. »Es sind schon zu viele Menschen an Bord.«

Colley fühlte mehr als er sah, wie ein schwerer Schiffshaken niedersauste. Schnell duckte er sich, aber es war zu spät. Ein Schlag traf seinen Kopf, einen Augenblick verlor er die Besinnung – dann fiel er wie ein Stein in den Strom. Das kühle Wasser brachte ihn sofort wieder zu sich. Als er wild um sich schlug, berührte seine Hand eine nasse Kette, an die er sich in seiner Todesangst klammerte. Er fühlte, wie warmes Blut über sein Gesicht rann. Aber er biß die Zähne zusammen und zog sich langsam an der Kette in die Höhe. Die Anstrengung war ihm fast zu groß. Bei jeder schmerzenden Bewegung war er in Versuchung, sich loszulassen, um Ruhe und Frieden im Wasser zu finden. Rikisivi hatte das veranlaßt: das war sein alter Trick, um Zeugen verschwinden zu lassen. Eli Boß würde das niemals gewagt haben ... Ein zäher Wille zum Leben erwachte wieder in ihm.

Er kletterte weiter nach oben, griff nach einem abgerissenen Draht und fühlte, daß er seine Hand verletzt hatte. Dann aber reichte er höher hinauf und faßte das Geländer. Mit einer letzten Kraftanstrengung erreichte er gerade noch das Hinterdeck, bevor er ohnmächtig zusammenbrach.

Das erzählte er Graham.

Graham Hallowell hörte ihm zu und war starr vor Schrecken.

»Hope Joyner ist hier? – Sie verfluchtes Schwein!«

»Verbergen Sie mich! Sie müssen mich verstecken!« Colleys Zähne schlugen vor Furcht und Kälte zusammen. Das weiße, blutbefleckte Gesicht war schrecklich anzusehen.

»Er wird mich töten ...; und er wird auch Sie töten, Hallowell!«

Man hörte draußen auf dem Gang Schritte, und Graham überlegte schnell. Unter dem Bett war eine lange, verschließbare Truhe, die die ganze Länge der Bettstelle einnahm. Er untersuchte sie und fand sie leer. Der unglückliche Colley kroch hinein. Kaum war der Deckel wieder fest verschlossen, als Eli Boß in die Kabine trat.

»Haben Sie Ihren Koks mitgebracht?« fragte er und schaute dabei nach dem Geldschrank.

Graham besann sich, daß der Zweck der Reise angeblich Kokainschmuggel nach Indien war.

»Ich dachte, Sie würden noch einen Reisegenossen haben – Colley, so ungefähr hieß er –, aber er mußte umkehren. Haben Sie alles, was Sie brauchen?«

Grahams Koffer lag auf dem Bett.

»Den könnten Sie da unten hineinstellen – ist das alles, was Sie mitgebracht haben?« fragte der Kapitän.

»Das ist alles, was ich brauche.«

Als Eli Boß gehen wollte, kam Graham ein Gedanke.

»Ich würde gern eine Pistole haben«; sagte er.

Der Alte drehte sein blutrotes Gesicht um und kniff die Augen zusammen, so daß sie nur noch wie Schlitze aussahen.

»Sie brauchen eine Pistole – wozu wollen Sie die denn haben?«

»Sie könnte ganz nützlich für mich sein«, sagte Graham kühl.

»Ich dachte, Sie hätten eine?« Ohne weiteres suchte er mit seinen dicken Händen Graham Hallowell nach einer Waffe ab. »Ach, ich dachte, Sie hätten eine«, sagte er dann, und man sah Befriedigung in seinen bösen Augen. »Wir brauchen keine Schießwaffen an Bord, Sir. Niemand kommt hierher, und niemand wird Ihnen etwas tun. Wir sind jetzt aus dem Fluß heraus.« Es war unnötig, daß er das sagte, denn die ›Pretty Anne‹ rollte und schlingerte in den Wellen der Nordsee.

Er warf die Tür krachend zu, als er hinausging. Das Dröhnen seiner schweren Fußtritte wurde schwächer und schwächer. Graham wandte sich schnell zum Bett und prüfte seinen Koffer. Er sah gleich an den Kratzern und an den Beschädigungen in der Nähe der Schlösser, daß man versucht hatte, ihn zu öffnen. Aber es war nicht gelungen, denn der Koffer war besonders fest, und er hatte ihn schon mit Rücksicht auf solche Zwischenfälle gewählt. Er verschloß die Tür der Kabine, bevor er ihn öffnete. Aus einem Lederfutteral nahm er eine langläufige Browningpistole und ein Paket Munition heraus. Einen Rahmen steckte er in das Magazin der Pistole, die anderen verwahrte er in seiner Tasche. Jetzt fühlte er sich etwas wohler. Dann erinnerte er sich an Colley unter dem Bett und eilte ihm zu Hilfe.

Der Mann war nahe daran, ohnmächtig zu werden, als er ihn aus seinem Versteck herauszog.

»Haben Sie ihn gehört?«

Colley schüttelte den Kopf, er konnte nicht sprechen.

»Er sagte, daß Sie zurückgegangen sind. Nun sagen Sie mir aber, wo ist Hope Joyner?«

»Ich weiß es nicht – irgendwo auf dem Schiff. Sie brachten sie an Bord, bevor ich niedergeschlagen wurde.«

»Wie haben Sie das bloß fertiggebracht, sie hierher zu bringen? Aber ich will das jetzt nicht wissen, Sie müssen mir später darüber Rede und Antwort stehen, Colley. Und gnade Ihnen Gott, wenn dem Mädchen etwas passiert!«

Er durchsuchte schnell die Kabine, versuchte die Klinke einer zweiten Tür und fand, daß sie zu einem kleineren Raum führte. Eli hatte ihm ein Bad versprochen und tatsächlich sein Wort gehalten. Eine verbeulte Dusche hing von der Decke herunter, und er fand auch einen alten Hahn unten. Sonst war die ganze Kabine leer. Der Raum hatte den Vorteil, daß er vom Gang aus nicht erreichbar war. Der einzige Zugang führte in Graham Hallowells Kabine.

»Gehen Sie da hinein – hier ist ein Handtuch. Ich werde Ihnen noch ein paar Bettücher und ein Kissen geben. Ich denke, daß Sie für die Nacht sicher sind. Ich schließe Sie ein.«

»Geben Sie mir bitte etwas Wasser«, stöhnte der Verwundete, und Graham reichte ihm die Wasserflasche vom Regal.

Mit der Pistole in der Tasche ging Graham auf den Gang hinaus und schloß die Kabinentür hinter sich zu. Die ›Pretty Anne‹ schaukelte und rollte in einer steifen Brise, die von Nordosten kam. An der Küste konnte er einen Streifen glitzernder Lichter sehen und vermutete, daß es einer der bekannten Badeorte sei. Er stand auf der Seite und hielt sich an einer Stütze fest, um zu verhüten, daß er auf das Deck geworfen wurde, was bei jedem Überholen des Schiffes geschehen konnte. Er hörte, wie Eli Boß die Treppe von der Kommandobrücke herunterkam und auf ihn zuging.

»Gehen Sie jetzt zu Bett«, sagte er rauh. »Ich brauche nachts niemand auf dem Schiff.«

Hallowell hatte den Arm um den Pfosten gelegt und drehte sich herum.

»Ich gehe zu Bett, wann es mir paßt«, sagte er ohne Aufregung. »Und hören Sie eins«, fuhr er fort, ehe der starke Mann sich von seinem Erstaunen erholen konnte. »Ich reise mit Ihnen als Passagier, und Sie bekommen dafür Ihre gute Bezahlung. Sie werden auch dafür bezahlt, daß Sie sich hier anständig gegen mich benehmen. Ich bin gerade aus Dartmoor entlassen – vielleicht kennen Sie das –, und in Dartmoor gibt es starke Kerle, gegen die Sie nur ein Säugling sind! Denken Sie daran – ich lasse nicht mit mir spaßen!«

Seine Hand faßte den Pistolengriff, aber das wußte Eli Boß nicht. Der großspurige Kapitän war plötzlich eingeschüchtert, nicht durch die überragende körperliche Kraft, sondern durch die schneidige Stimme eines Mannes, der früher einmal ein Gentleman war.

»Wir wollen uns nicht streiten, Sir«, sagte er beinahe unterwürfig. »Wenn Sie ein wenig frische Luft schöpfen wollen, sollen Sie sie haben. Wenn Sie mich in Ruhe lassen, dann werde ich Sie auch in Ruhe lassen!«

»Ich werde tun, was mir beliebt«, sagte Graham. »Es ist Ihre Pflicht, dieses Schiff zu führen, bis wir in den Hafen kommen. Das ist Ihre Aufgabe. Und wenn Sie das tun, werde ich Sie stets in Ruhe lassen. – Hier an Bord ist ein Mädchen, Kapitän. Ich habe den Auftrag, mich ihrer anzunehmen. Das ist meine Sache, und wenn Sie mir dazwischenkommen, dann wird es Ihnen verteufelt schlecht gehen.«

Eli Boß wollte etwas sagen, besann sich aber eines andern und stolperte wieder die Leiter zu seiner Kommandobrücke hinauf.

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