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Das Verrätertor

Edgar Wallace: Das Verrätertor - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas Verrätertor
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun9. Auflage
isbn3-442-00045-9
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid65702eb2
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12

Fünfzigtausend Pfund! Sie versuchte, sich für den Plan zu begeistern. Kishlastan war sehr großzügig gewesen, aber er hatte sich auch immer ungeduldig gezeigt. Er war ein Mann ohne Ausdauer, und da er nun eine andere und viel entsetzlichere Rache an dem Volk nehmen wollte, das ihn demütigte, würde ihre Einnahmequelle bald versiegen.

Ob die Tat recht oder unrecht war, störte Diana nicht. Sie interessierte sich hauptsächlich dafür, wieviel Sicherheit und wieviel Gefahr sie bot. Sie hatte eine dunkle, nebelhafte Vorstellung von dem Verbrechen, das man Hochverrat nannte und auf das sehr hohe Strafen standen. Und doch – ihre Rolle war so klein, und Trayne würde sie – getreu seinen Grundsätzen so sorgsam schützen, daß Entdeckung selbst im schlimmsten Fall unmöglich schien.

Über eines war sie sich klar. Sie wollte das Buch, in dem Graham nächtlicherweise las, weder sehen noch mit Einzelheiten des Planes bekannt werden.

Dick Hallowell – welche unbekannte Rolle war ihm zugedacht? Der Versuch sollte in der Nacht stattfinden, in der er die Wache hatte, und sie fühlte beinahe ein teuflisches Vergnügen, daß auch er in die Sache verwickelt würde. Dick mußte wütend sein, wenn ihm jemals ihr kleines Gespräch mit dem Oberst zu Ohren kam. Auf jeden Fall hatte sie diese Heirat hintertrieben. Da sie seine Liebe zum Regiment kannte, zweifelte sie nicht, daß er bei der Wahl zwischen einem unbekannten Mädchen, von dem er sich betören ließ, und dem Verbleiben bei dem Regiment sich für seine Karriere entscheiden würde.

Da kam ihr ein Gedanke. Sie setzte sich an den Tisch, schrieb einen kleinen Brief, adressierte ihn an Leutnant R. H. Longfellow und sandte ihn durch einen besonderen Boten zum Tower. Vielleicht würde Bobby nicht kommen, aber sie hatte ihn in seiner Schulzeit gekannt, und er war immer sehr nett zu ihr gewesen. Sie mußte mit jemand aus dem Tower sprechen, um zu erfahren, wie Dick über sie dachte. Als Dombret an diesem Nachmittag um vier Uhr hereinkam und den jungen Offizier meldete, begrüßte sie ihn mit einer Wärme, die Bobby Longfellow sehr bedenklich vorkam.

Es war ihm nicht ganz leicht geworden zu kommen – sie sah das mit einem Blick und war nicht sehr erfreut darüber. Bobby stotterte etwas, daß er sie lange nicht gesehen habe, dann sagte er gleich, daß er sich für fünf Uhr verabredet hatte, was sie natürlich für vollständig aus der Luft gegriffen hielt.

»Es ist ganz abscheulich von Ihnen, daß Sie nicht früher schon einmal gekommen sind. Wie geht es Dick?«

Bobby räusperte sich.

»Oh, dem geht es sehr gut«, sagte er unbeholfen.

»Haben Sie ihm gesagt, daß Sie zu mir gehen?« Sie zwinkerte schalkhaft mit den Augen, als sie diese Frage stellte, und war nicht erstaunt, als er nickte.

»Ich dachte, das müßte ich tun – meinen Sie nicht auch?«

»Ich bin schrecklich neugierig, Bobby – wird sich Dick verheiraten?«

Bobby schaute auf die Decke und gestand, daß er nichts Genaueres darüber wüßte. Es war gerade kein guter Anfang, aber allmählich kam sie doch auf das Thema, auf das es ihr ankam. Sie frage ihn über den Oberst aus, und das fiel ihr leicht, da sie ihn ja gerade am Abend vorher gesehen hatte. Und vom Oberst zu Lady Cynthia war ja nur ein kleiner Schritt.

Bobby sah, daß sie sich nicht viel verändert hatte.

»Ich wünschte, Cynthia würde nicht so sehr gegen mich sein«, sagte Diana mit einem Seufzer. »Sie war doch in früheren Tagen so lieb zu mir. In ihrer Jugend war sie eins der ausgelassensten Mädchen in London und hat auch wohl tolle Streiche verübt – meine Mutter erzählte mir, daß allerhand böse Gerüchte über sie in Umlauf waren.«

Bobby machte ein dummes Gesicht.

»Aber jetzt gibt es keine Skandalgeschichten, die sie betreffen«, entgegnete er. »Ganz im Gegenteil, Diana, sie ähnelt mehr einem netten, alten Eisberg als einem menschlichen Wesen. Mir läuft es schon kalt den Rücken hinunter, wenn ich sie nur ansehe.«

»Haben Sie ihr gegenüber jemals meinen Namen erwähnt?« fragte Diana obenhin.

Bobby war es nicht recht wohl bei der Frage.

»Ich weiß es nicht«, sagte er ein wenig lauter als notwendig. »Es mag sein – es ist sehr leicht möglich –«

Und nun fing Diana an, ihn auszuhorchen.

»Könnten Sie vielleicht zu einer kleinen Gesellschaft am Fünfundzwanzigsten zu mir kommen?«

Bobby rechnete schnell nach.

»Es tut mir furchtbar leid, aber am Fünfundzwanzigsten muß ich wieder diese verfluchte Wache kommandieren«, sagte er. (Man konnte die Erleichterung in seinem Ton hören.) »Dick hat am Sechsundzwanzigsten die Wache – wir haben zur Zeit sehr wenig Offiziere zur Verfügung, drei von unseren Leuten liegen an Grippe krank, Joynson und Billingham sind auf Urlaub. Tatsächlich habe ich noch nie einen Posten beim Militär gehabt, wo ich so viel Dienst tun mußte wie im Tower. Man muß mehr Schildwachen ausstellen in dieser ekelhaften Festung als in einem richtigen Feldlager.«

Dann fragte er zu ihrer großen Überraschung: »Gefällt Ihnen Hope Joyner nicht?«

»Hope Joyner, warum denn, Bobby? Sie ist ein süßes Geschöpf. Ich kenne sie zwar nur oberflächlich; »aber – wer kennt sie denn überhaupt? Sie ist eine ganz geheimnisvolle Persönlichkeit.«

»Das finde ich aber wirklich nicht«, verteidigte sie Bobby kräftig. »Sie ist nicht geheimnisvoller als irgendeine Frau und ist ein selten hübsches junges Mädchen.«

»Sie wird gut zu Dick passen, wenn er sie heiratet«, sagte sie ruhig. »Aber er wird nicht gern den Dienst beim Regiment quittieren.«

Das war eine Herausforderung, die er in seiner jugendlichen Begeisterung annahm. »Warum sollte er denn das Regiment verlassen?« fragte er. »Sie ist doch keine Balletteuse – oder – oder hm – eine Person mit zweifelhaftem Ruf.«

»Natürlich muß er das Regiment verlassen«, sagte sie höhnisch. »Das wissen Sie ebensogut wie ich, Bobby. Hope Joyner hat keine Verwandtschaft, die irgend jemand von uns bekannt wäre.«

Bobby rückte unruhig hin und her und wurde rot.

»Wenn sie nicht gut genug für die Berwick-Garde ist«, sagte er verbissen, »dann ist die Berwick-Garde auch nicht mehr gut genug für mich! Ich bin nicht so versessen auf Militärdienst, daß ich nur einen einzigen Tag bliebe, wenn Dick seinen Abschied nimmt. Ich habe noch niemand etwas Schlechtes über Hope sagen hören. Alle Leute finden, daß sie eine der liebenswürdigsten und nettesten jungen Damen Londons ist!«

Es trat eine kleine Pause ein, dann sagte Diana gedehnt: »Ist das auch die Ansicht Lady Cynthias?« Aber auf diese Frage wußte Bobby keine Antwort.

Er hätte noch einige interessante Enthüllungen machen können, denn er hatte die Sache dieses unbekannten Mädchens zu der seinen gemacht.

»Ich würde nicht überrascht sein«, sagte er langsam und wählte seine Worte mit der größten Sorgfalt, »wenn man schon eine ganze Menge über Miss Joyner weiß, ehe noch ein Wort von Verlobung gesprochen wird.«

Diana sah ihn forschend an.

»Das ist ja sehr seltsam«, sagte sie. »Und wer wird Ihnen denn etwas darüber mitteilen?«

Aber Bobby gab keine weitere Auskunft. Er hatte sich vorgenommen, an diesem Abend Mr. Hallett in Monk's Chase einen Besuch abzustatten, obwohl Mr. Hallett bis jetzt noch nichts von seiner Absicht wußte.

»Ich bin fest davon überzeugt, daß sich noch alles aufklärt«, sagte er und verabschiedete sich.

Diana war nicht ganz wohl zumute.

Bobby ging die Treppe hinab und konnte nicht recht verstehen, warum Diana nach ihm geschickt hatte. Mehr als je war er der Ansicht, daß etwas Katzenhaftes in dem Charakter dieser liebenswürdigen Frau lag. Diana wohnte im ersten Stock. Er hatte eben das Vestibül erreicht, als sich eine Tür vor ihm öffnete und ein Herr heraustrat. Bobby sah einen Augenblick lang in sein Gesicht. Es war ihm bekannt, aber er konnte es im Augenblick nicht unterbringen. Da der Portier in der Tür stand, fragte er ihn.

»Ich kenne diesen Herrn – wer ist es doch?«

»Das ist Mr. Trayne, Sir, er ist überall bekannt.«

»Trayne?« Bobby runzelte die Stirn. »Doch nicht Tiger Trayne? Dieser Mann, der –«, er wollte sagen, »der Besitzer aller Spielklubs ist«, aber er zog es vor, diese Bemerkung zu unterdrücken.

»Ja, Sir, das ist Mr. Trayne.« Der Portier war ebenso ein Mann von Diskretion, außerdem wußte er, daß Tiger nach allgemeiner Annahme der Besitzer dieses Häuserblocks und damit sein Chef war.

Natürlich! Bobby erinnerte sich jetzt an eine durchbummelte Nacht, die in einer vornehmen Westend-Wohnung endete, wo die Getränke frei waren und eine kleine Schar um einen grünen Tisch versammelt saß, um den Glücksgöttern goldene Opfer darzubringen. Bobby hatte Geld verloren, glücklicherweise nicht sehr viel, denn er war in solchen Dingen sehr vorsichtig, wie das ja oft bei reichen Leuten der Fall ist.

Auf dem Weg nach Piccadilly versuchte, er sich über gewisse böse Gerüchte klarzuwerden, die über Diana im Umlauf waren, Gerüchte, die in Wirklichkeit nicht die geringste Berechtigung hatten. Früher hatte sie einmal im Auftrag Traynes die leichtsinnige Jugend an seine grünen Spieltische gelockt, aber nie wieder.

Von Trayne wußte er nur so viel, wie man eben normalerweise von ihm erfahren konnte. Er war ein Abenteurer, der an hundert dunklen Geschäften beteiligt war, ein Mann, der am Rand der guten Gesellschaft lebte und mächtige Freunde an unerwarteten Stellen hatte.

Bobby besaß ein kleines Haus in der Curzon Street. Hier traf er seine Vorbereitungen und sah noch einmal die Nachrichten durch, die er von den Auskunftsbüros über Hope Joyner erhalten hatte. Ihre Abstammung war noch ebenso dunkel wie früher. Welche Methoden seine Agenten auch anwandten, sie kamen immer nur bis zu jener undurchdringlichen Wand, nämlich zu der Anwaltfirma, die einen nicht gerade guten Ruf genoß, obwohl sie Hopes Güter verwaltete und ihr die Gelder auszahlte. Er hatte alle Gerichtsregister durchschauen lassen, aber diese mühevolle Arbeit brachte kein Testament zum Vorschein, auf Grund dessen sie eine Rente bezog.

Mit großer Schlauheit hatte Bobby ihr Alter feststellen können. Sie war dreiundzwanzig. Er hatte schon alle Eintragungen ihres Geburtsjahres untersucht, aber obgleich man ihm in Somerset House alle Akten zugänglich gemacht hatte, konnte er keine Bestätigung dafür finden, an welchem Tag Hope Joyner geboren war. Es schien ihm nun die einfachste Sache von der Welt, den blinden Mr. Hallett zu fragen. Aber als die Stunde näher kam, verlor Bobby doch etwas von dem Unternehmungsgeist, den er zuerst hatte. Er äußerte seine Zweifel zu dem ersten seiner Detektive, einem melancholischen Menschen.

»Ich habe keinen Anknüpfungspunkt, das alte Lied«, sagte er verzweifelt. »Wie es dann weitergehen soll, weiß ich wohl.«

»Sie könnten sagen, daß Sie ein Freund der Familie sind«, sagte der andere. Bobby schüttelte den Kopf.

»Welcher Familie denn?« fragte er. »Es ist ja doch keine Familie da, deren Freund man sein könnte. Wenn es so wäre, würde ich doch nicht im ganzen Land nach dem Aufschluß suchen.«

»Warum wollen Sie nicht sagen, daß Sie ein Freund Hope Joyners sind?« sagte der Detektiv. Bobby war verärgert.

»Habe ich Ihnen denn nicht tausendmal erklärt, mein armer Junge«, sagte er gereizt, »daß Miss Joyners Name in dieser Sache überhaupt nicht erwähnt werden kann und daß niemand auch nur vermuten darf, daß ich mich mit ihren persönlichen Angelegenheiten befasse? Seien Sie doch vernünftig!«

Am Abend erreichte er Monk's Chase und stieg an derselben Stelle aus dem Wagen, an der vor einer Woche Hope Joyner im strömenden Regen gestanden hatte. Die Pförtnerhaustür stand offen, in der Wohnung selbst schien niemand zu sein. Gemächlich ging er den Weg hinauf und läutete am Haupteingang. Einige Sekunden später öffnete sich die Tür geräuschlos, und ein alter Diener stand vor ihm.

»Mr. Hallett, Sir? Haben Sie eine Verabredung mit ihm?«

Bobby erklärte ihm sorgfältig, daß er keine Verabredung hätte, aber daß er eigens von London hergekommen wäre, um mit dem Besitzer von Monk's Chase zu sprechen.

»Ich will einmal sehen«, sagte der Lakai und nötigte Bobby in einen kleinen Empfangsraum. Er ging hinaus, kam aber schon nach kurzer Zeit mit einer Entschuldigung zurück.

»Mr. Hallett fühlt sich nicht wohl«, sagte er, »und er bittet Sie, so liebenswürdig zu sein, ihm schriftlich Ihr Anliegen mitzuteilen. Er ist eben erst aus Paris zurückgekehrt und ist sehr ermüdet.«

»Kann ich ihn nicht wenigstens fünf Minuten lang sehen?« Dann schrieb er verzweifelt einen Namen auf ein Stück Papier, das er von einem kleinen Schreibtisch nahm, steckte es in einen Umschlag und übergab es dem Diener. »Bitte, überreichen Sie ihm diesen Brief.«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Mr. Hallett ist blind, Sir. Sie wissen das wahrscheinlich nicht.«

Bobby war über seine eigene Dummheit aufgebracht.

»Hat er denn keinen Sekretär oder jemand, der ihm das vorlesen kann?«

»Es tut mir leid, er hat niemand«, sagte der Diener.

Hier stieß Bobby wieder gegen eine andere unüberwindliche Mauer. Die Tür schloß sich wieder hinter ihm. Er hatte nicht den geringsten Erfolg für alle seine Anstrengungen gehabt.

In unzufriedener Stimmung ging er die Zufahrtsstraße zurück, passierte das Pförtnerhaus und kam dann auf die Straße. Aber hier war ihm das Schicksal günstig. Vor seinem kleinen Auto stand ein alter Mann, der mit kindlicher Neugier die Figur auf dem Kühler betrachtete. Er war sehr alt und schaute ihn aus matten Augen an.

»Diese junge Dame sieht sehr kühl aus«, kicherte er. »Ich habe so etwas noch nicht in dieser Gegend gesehen.«

»Das glaube ich«, sagte Bobby. »Wie lange leben Sie denn schon hier?«

»Achtundneunzig Jahre«, antwortete er zittrig.

»Donnerwetter!« rief Bobby ehrlich erstaunt. »Da müssen Sie die Umgebung hier aber sehr gut kennen.«

»O ja«, sagte der alte Mann selbstzufrieden. »Ich erinnere mich an Monk's Chase, als es noch der alte Lord Wilsome hatte.«

»Der jetzige Besitzer ist ein Mr. Hallett?« fragte Bobby interessiert.

»Ja«, sagte der Alte verächtlich. »Es ist mir so, als ob all dieser Aufruhr und Lärm erst gestern gewesen wäre. Er ist damals mit einer jungen Dame durchgebrannt, und ihr Vater kam sogar hierher, um ihn zu erschießen. Sie stammte aus einer sehr vornehmen, einflußreichen Familie.«

Bobby zitterte vor Aufregung.

»Wann war das?«

»Das war vor Jahren, als der Krieg in Afrika war. Mein Enkel verlor ein Bein und hat bis heute seine Pension. Ein hübscher Junge –«

Bobby unterbrach die Familienerinnerungen des Alten.

»Weiß sonst noch jemand etwas darüber?«

»Hier in diesem Dorf?« sagte der alte Mann geringschätzig. »Niemand weiß hier etwas! Das ist alles junges Volk – niemand außer mir und dem Wirt vom ›Pflug‹ ist länger als zehn Jahre hier.«

»Wie erfuhren Sie denn davon?« fragte Bobby.

Der Alte grinste.

»Meine Schwiegertochter war Köchin in Chase, und sie wußte es.«

Soweit Bobby sich die Sache zusammenreimen konnte, war die unbekannte Dame eine verheiratete Frau, die einen viel älteren Gatten hatte, dem sie mit dem anziehenden Mr. Hallett weggelaufen war. Sie wurde von ihren entrüsteten Eltern zurückgeholt (ihr Gatte verhielt sich dabei seltsam ruhig, anscheinend nicht ohne Grund, denn er starb bald darauf und hatte wahrscheinlich kein Interesse mehr an weltlichen Dingen) und verheiratete sich nach dem Tod ihres Mannes noch einmal.

»Es wurde alles sehr geheimgehalten«, sagte der Alte. »Totgeschwiegen – das ist das richtige Wort. Soviel ich weiß, hat sich die Dame wieder verheiratet.«

»Mit Mr. Hallett?« fragte Bobby.

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Nein, er hat niemals geheiratet. Wahrscheinlich hatten sie etwas an ihm auszusetzen, ich habe darüber nie etwas erfahren. Aber diese Lady Cynthia –«

Bobby streckte seine Hand nach dem erhitzten Kühler aus, um sich zu halten. Seine Aufregung war so groß, daß er nicht einmal aufschrie, als er sich den Finger verbrannte.

»Lady Cynthia?« keuchte er. »Ach du liebe Tante!«

»Ist sie das?« sagte der Alte. »Ich wollte nichts gegen Ihre Verwandten sagen.«

»Lady Cynthia – erinnern Sie sich, wen sie heiratete?«

Der Alte schüttelte den Kopf wieder.

»Das weiß ich nicht. Ich sah sie nur einmal – sie war eine sehr schöne, schlanke Dame mit einem großen grünen Ring am kleinen Finger. Hundert Pfund wert, wie die Leute sagen.«

In Bobbys Kopf wirbelte alles. Er kannte diesen grünen Smaragd. Wie oft hatte er gesehen, daß Lady Cynthia ihn hin und her drehte, während ihre kalten Augen forschend auf den jungen Offizieren ihres Regiments ruhten!

Der Alte konnte ihm nicht mehr viel sagen und ging langsam weiter. Er war ein wenig betäubt von der Liebenswürdigkeit, mit der ihn Bobby behandelt hatte. Mr. Longfellow setzte sich auf das Trittbrett seines Wagens und stützte den Kopf in die Hände.

Eins war gewiß: er mußte Mr. Hallett noch diese Nacht sehen.

Er ging die Straße zu dem malerisch gelegenen Dorf hinunter. Ein Gasthausschild erinnerte ihn an die Worte des alten Mannes. Der Wirt sollte ja die Geschichte von Mr. Halletts großem Abenteuer kennen. Er trat in das leere Gastzimmer. Hinter dem Tisch stand ein älterer Mann und trocknete ein Glas. Bobby grüßte ihn. Er war nicht so zutraulich wie der Alte, und es dauerte einige Zeit, ehe Bobby mit ihm ins Gespräch kam.

»Sie haben wahrscheinlich mit Gammer Holland gesprochen? Der schwätzt wie eine Frau! Ich weiß sehr wenig von der Sache, und ich kümmere mich auch nicht um die Skandalgeschichten meiner Nachbarn, besonders nicht um die eines Herrn wie Mr. Hallett, der – nun wohl kein Kunde ist, aber mit dem ich Geschäfte gemacht habe.«

»Kennen Sie die Dame?«

»Nein, Sir, ich habe nie nach ihr gefragt. Ich hatte eine Vermutung ..., aber meine Vermutungen sind nebensächlich. Ich weiß, daß sie einige Zeit später einen Gardeoffizier heiratete das ist alles.«

Es schien wirklich so zu sein, denn Bobby konnte keine weitere Aufklärung von ihm bekommen.

Er hielt sich ungefähr eine Stunde lang in dem Gasthaus auf, und der Wirt setzte ihm ein erträgliches Essen vor. Sobald es dunkel wurde, ging er auf Erkundung aus. Er mußte um Mitternacht wieder im Tower sein, da er seinen Namen nicht in das Urlaubsbuch eingetragen hatte. Möglicherweise konnte er den Wächter noch erreichen, dessen Pflicht es war, Offiziere zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens einzulassen.

Es war schon finster, als er dem Haus wieder zuschritt. Er wählte diesmal einen Fußpfad, auf dem er unbemerkt zu einer Stelle kam, die dem Westflügel des Gebäudes gegenüberlag. Es war schon dunkel genug für seine Zwecke, als er dort ankam. Vorsichtig ging er über die breite Rasenfläche und erreichte das Haus. Ohne es zu wissen, schritt er durch das Tor, durch das Hope Joyner nach Monk's Chase gekommen war.

Nun lag die Auffahrt vor ihm. Sie war mit knirschendem Kies bestreut, und er zögerte einen Augenblick, ob er auf dem Rasen bleiben sollte, als er plötzlich die hell leuchtenden Scheinwerfer eines Autos sah, die durch die Bäume vom Ende der Auffahrtsstraße her schimmerten. Er sah sich schnell nach einem Versteck um, konnte aber nur eine Nische finden, die durch den Vorsprung des Säulenvorbaues gebildet wurde. Er drückte sich zwischen Wand und Pfeiler und hoffte, daß die Lichter des Wagens ihn nicht verraten würden. Offenbar war er nicht gesehen worden, denn der Chauffeur hielt vor der Tür, stieg aus und klopfte an.

»Er wird gleich hier sein«, sagte eine leise Stimme, und der Mann kehrte auf seinen Sitz zurück.

Bobby wartete, und sein Herz schlug ein wenig schneller. Wenn der »er« Mr. Hallett war, was sollte er dann tun? Sollte er aus seinem Versteck hervorspringen, ihn liebenswürdig am Arm ergreifen und ihm sagen: »Ich muß ein paar Worte mit Ihnen sprechen?« oder –

Er hatte keine Zeit mehr, sich die Sache zu überlegen. Ein schneller Schritt klang auf den Fliesen. Mr. Hallett trat durch die Tür und nahm im Wagen Platz. Eine Sekunde lang hielt er an und steckte sich eine Zigarette an. Bobby Longfellow sah sein energisches Gesicht... Dann wußte er, daß er seine Gegenwart nicht mehr verraten durfte –

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