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Das Ungeheuer und der verzauberte Wald

Ludwig Tieck: Das Ungeheuer und der verzauberte Wald - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchriften, Elfter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1798
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDas Ungeheuer und der verzauberte Wald
pages124
created20130607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt.


Erste Scene.

(Waldplatz – ein Marsch aus der Ferne.)

Die Jäger zurück, Aldrovan unter ihnen und Rondino.

Chor.
        Wir kehren nach Haus,
        Mit Beute beladen,
        Wir flogen Wald aus,
        Im Thau zu baden;
        Wir kehren nach Haus,
        Mit Beute beladen: –
        Es sprach im Zorn,
        Das Jägerhorn
            Tarrah! Tarrah!
        Es bellten die Hunde, –
        Nachhallt' es im Grunde,
            Bau! bau!
        Es tönt in die Runde
            Tarrah! bau! bau!
            Bau bau! Tarrah!
        Gewieher der Rosse,
        Getön der Geschosse,
        Der Vogelsang
            Ding dang!
        Tarrah! Bau bau! ding dang!
        Wir kehren mit Klang
        Mit Beute beladen,
            Frohlockend nach Haus

alle ab, bis auf Rondino.

Rondino. Ich will Camillen hier erwarten.

Camilla kömmt mit einem Sonnenschirm.

Camilla. Sieh mein Bester, wie viel ich Deinetwegen thue.

Rondino, ihr die Hand küssend. Ich erkenne es, wie ich soll. – Aber wie bist Du dem eifersüchtigen Trappola entgangen?

Camilla. O der hat jetzt lauter Staatsgeschäfte im Kopfe, er ist seit gestern der erklärte Liebling des Ministers Sebastiano und soll mit ihm die Reise nach den Weissagungsfelsen unternehmen.

Rondino. O Camilla! welche Zeit der Unruhen ist dies!

Camilla. Ja wohl, kein Mensch ist seines Lebens sicher.

Trappola kömmt geschlichen und versteckt sich hinter die Gebüsche.

Rondino. Liebst Du mich denn, mein holdes, süßes Mädchen? – Nein, mein Kind, bedecke Dein erröthendes Gesicht nicht mit diesem neidischen Sonnenschirme, laß mich diese hellen Augen betrachten, diese Hände, diese Lippen küssen.

Nimm den Schwur der treusten Seele,
Quäle
Länger nicht des Freundes Herz.
Wähle,
Daß sich lindre dieser Schmerz.

Camilla.
O mein Freund, ich muß durch Schweigen
Zeigen,
Daß mich Leichtsinn nicht bethört,
Eigen
Hat Erfahrung mich belehrt.

Trappola bei Seite.
Ei du tugendhaft Gemüthe!
Wüthe,
Schmerz mit tobend wilder Gluth!
Hüte
Dich, sonst fließt des Feindes Blut.

Rondino.
        Traute Liebe
        Uns erhält.
        Ach was bliebe
        In der Welt,
        Wenn sie wiche?
        Freud' erbliche,
        Alles todt.

Camilla.
        Traute Liebe
        Uns vereint;
        Ach was bliebe
        Ohne Liebe?
        Sie nur scheint
        In dem Glanze,
        Lebt im Tanze,
        Alles eint
        Ihr Gebot.

Trappola.
        Traute Liebe!
        Nein ein Geck,
        Wer da bliebe,
        Großer Schreck,
        Wenn ich erscheine,
        Thränen weine!
        hervorkommend. Hinweg! hinweg!

Camilla.
O mein Freund, wo kamst Du her?

Trappola.
Wüthend, wie das wilde Meer.

Rondino.
Zorn thut allen Wesen Schaden.

Trappola.
Ja in Blut will ich mich baden,
In dem Blut der Ungetreuen,
Und sie soll, mit Fluch beladen,
Mich als ihren Henker scheuen;
Klopft nicht an die Thür der Gnaden,
Denn ich werde nie verzeihen.

Beide.
Mein Bester, so im Grimme?
O! höre unsre Stimme.

Trappola.
Ich bin taub und stumm, ich höre
Nur den Ruf der Ritterehre.

Beide.
O laß Dich erweichen,
Wir nehmen die Hand,
Als freundliches Zeichen,
Du läßt Dich erweichen,
Das ist ja bekannt.

Trappola.
Nein, nichts da von Hand!
Ihr werdet erbleichen,
Mich niemals erweichen,
Es zürnt mein Verstand.
        wirft den Handschuh hin.
Da liegt er als Zeichen,
Bald liegt ihr als Leichen
Auf blutigem Sand. er geht wüthend ab.

Beide ihm folgend.
Er giebt uns vermessen
Das grausame Pfand,
Es läßt sich ermessen,
Ihm fehlt der Verstand. folgen ihm lachend.

König, von einem Mohren begleitet, der ihn mit einem kostbaren Sonnenschirm bedeckt. Der Minister Samieli.

König. Und Ihr meint also – ach! ach! Es ist eine große Hitze, – Ihr meint also – wie sind wir denn dazu gekommen, bei dieser heißen Witterung spazieren zu gehn? – Ihr meint also –

Samieli. Ja, mein gnädigster Herr, ich bin sogar fest überzeugt, daß es keine Gespenster, Zauberer und dergleichen giftiges Unkraut gebe – alles sind nur Phantome einer kindischen und in Furcht gesetzten Imagination.

König. Aber, mein Bester, sie müssen doch auch sein.

Samieli. Nein, mit Verlaub, Ihro Majestät, man muß sie durchaus nicht dulden, auch wenn sie es sich in der That herausnehmen sollten zu existiren.

König. Nun wie Ihr wollt, – verdammt heiß! Sagt, Minister, wovon sind jetzt die Tage so heiß?

Samieli. Das bringt der Kalender einmal so mit sich. Die Astronomie.

König. Da müssen aber alle darunter leiden, – ach! ach! – Also, wieder auf den Aberglauben zu kommen, Ihr rathet zu strengen Maßregeln?

Samieli. Nicht anders. Seht die ganze Welt umher an, wie lieblich und reizend aufgeklärt, allenthalben sind Geister und Zauberer abgeschafft, allenthalben spricht und schreibt man noch immer dagegen und der Unglaube an diese Märchen ist so stark geworden, daß man sogar auf diese Aufklärer nicht mehr Achtung giebt; – und Euer blühendes, mit geistreichen Köpfen und einsichtsvollen Leuten angefülltes Land soll immer noch ein Ball in den Händen der Dummheit bleiben? Nein, mein König, das müsse niemalen von Eurem vortrefflichen Königreiche gesagt werden, daß es hinter seinen Nachbaren zurück bleibe. So wie es ein nothwendiges politisches Gleichgewicht giebt, so müßte auch billig ein Gleichgewicht in den Einsichten und Kenntnissen eingeführt werden.

König. So aber fällt unsre Schale gewaltig nieder? Nicht wahr?

Samieli. Allerdings!

König. Nun das soll nicht sein, nein, Ihr habt Recht, das Gleichgewicht soll hergestellt werden! Nun sollt Ihr einmal Wunder erleben, was das Land für Fortschritte machen wird. Binnen kurzen sollen mir alle diese Ungeheuer, verzauberte Haine, Propheten und Weissagungsfelsen über die Gränze tanzen.

Samieli. Mein König, alle diese Dinge existiren ja gar nicht.

König. Noch besser! Nu seht einmal, wie kommode wir es dann haben.

Samieli. Wenn ich seither von diesen Albernheiten so viel habe schwatzen hören, so kam es mir immer vor, als wenn sich ein Dichter aus Muthwillen dergleichen Erfindungen erlaubt hätte, um ein Theater-Stück mit Zauberei, wilden Bestien und dergleichen zu componiren.

König. Recht, macht ein Stück daraus, mein Lieber, um sie alle zu beschämen.

Samieli. Bewahre mich der Himmel, daß ich muthwillig oder gar witzig sein sollte.

König. Warum nicht?

Samieli. Geziemt sich nur für Narren, mein König, und zeigt auch gewöhnlich ein schlechtes Herz an.

König. Ja, wenn das ist, so laßt es.

Die Königin mit Gefolge, Sebastiano.

Chor von Mädchen.
        Zieht ihr warmen Sommerlüfte
        Durch die Blumenfelder hin,
        Stehlt dem Frühling seine Düfte,
        Bringt sie unsrer Königin.
        Wo sie wandelt, spielen Weste,
        Folgen ihrem hohen Gang,
        Vöglein freuen sich im Neste,
        Grüßen sie mit Lobgesang.

Sebastiano. Alles ist wahr, meine verehrungswürdige Königin, was die Leute da gesangsweise vorgetragen haben.

König. Meine theure Gemahlin, wir haben hier eben Rath gehalten – aber Du setzest Dich der Hitze zu sehr aus – rath einmal, worüber wir Rath gehalten haben.

Königin. Doch wohl über irgend einen wichtigen Gegenstand.

König. Richtig. Wir haben nämlich beschlossen und uns vorgenommen, daß es keine Hexerei geben soll.

Königin. Wie?

König. Alles ist nämlich nur Fabel. Unser Land soll auch vorwärts kommen.

Königin. Aber es leidet ja grade jetzt am meisten.

König. Nun Samieli! das ist auch wahr, das Land leidet jetzt am meisten von dem Ungeheuer und dem verzauberten Walde, und ihr wollt mir einreden, daß beide gar nicht lebten. Was sagt Ihr denn dazu?

Samieli. Mein König –

Climene.
    Willst Du guten Rath verachten?
    Rührt Dich nicht die große Noth?
    Soll Dein armes Land verschmachten,
    Jedem drohn der wilde Tod? –
    Nein es wohnt in Dir Erbarmen,
    Dich bewegt der Klageschrei,
    Gütigst denkst Du aller Armen,
    Rufst die Hülfe schnell herbei.

Der König hat sich indessen niedergesetzt und ist eingeschlafen.

König aufwachend. Hört Leute, meine Gemalin hat immer Recht, wenn man die Sache genau untersucht. – Also es bleibt dabei, Sebastiano, Ihr müßt heute noch reisen.

König mit Gefolge ab.

Climene. Ihr, Sebastiano, wißt meine Aufträge; vergeßt sie nicht, so lieb Euch meine Gunst und Euer Leben ist.

Sebastiano. Eure Befehle leben immer in meinem Gedächtnisse.

Königin mit Gefolge ab, indem das Chor singt:

        Zieht ihr warmen Sommerlüfte
        Durch die Blumenfelder hin,
        Stehlt dem Frühling seine Düfte,
        Bringt sie unsrer Königin.
        Wo sie wandelt spielen Weste,
        Folgen ihrem hohen Gang,
        Vöglein freuen sich im Neste,
        Grüßen sie mit Lobgesang.

Sebastiano, Samieli bleiben.

Samieli. Sebastiano, ich kenne Euch, alle diese Anstalten rühren von Euch her, Ihr seid selbst ohne Vernunft und wollt darum auch alle übrigen Menschen in ihrer Vernunft stören. – Aber ich gedenke es Euch! –

Sebastiano. Was habe ich denn nun wieder gethan?

Samieli. Den Aberglauben habt Ihr befördert, die Fortschritte des Jahrhunderts haltet Ihr auf, – Ihr seid ein Bösewicht!

Sebastiano. Ein Bösewicht?

Samieli. Ja, das will ich Euch ins Angesicht hinein beweisen. – Da liegt mein Handschuh, hebt ihn auf, wenn Ihr Muth dazu in Euch fühlt.

Sebastiano ihn aufhebend. Mein Freund, die Duelle sind verboten.

Samieli. Ihr habt das Zeichen angenommen, und nichts kann Euch nun mehr entschuldigen. Wir werden uns zu treffen wissen. ab.

Sebastiano. Es wird immer besser. Nun werde ich mich noch gar dafür todt schlagen lassen, daß es Ungeheuer und Feen giebt. – Meine Sorgen vermehren sich mit jedem Tage. – geht ab.


Zweite Scene.

(Gebirgsgegend.)

Ein Fremder mit einer Tasche, der auf den Bergen umherkriecht. Wie wunderbar und unerschöpflich ist die Fülle der Natur! – Hier ergötzt sich mein wißbegieriges Gemüth an der Mannichfaltigkeit der Kräuter und Gewächse, die alle aus dem mütterlichen Schooße der Erde entspringen.

Milon und Curio kommen.

Milon. Da sind wir nun ganz nahe an unserer Heimath, wenn wir nur erst vor diesem verfluchten Berge vorbei wären.

Curio. Flucht nicht Gevatter, haltet den Berg und das allerliebste Ungeheuer in Ehren; wer wird so gottlos sein! Leben und leben lassen, die Welt ist groß genug, es muß auch Ungeheuer geben.

Milon. Wie kömmst Du denn mit einem Male zu dieser Frömmigkeit? Du hast ja den ganzen Weg über das Ding da oben verwünscht.

Curio. Ich? o Gevatter, Lügen! Ich und verwünschen! Den Herr Nachbar da oben? daß mir dergleichen nur einmal in den Sinn gekommen wäre! Sieh, da kriecht er herum und frißt.

Milon. Narr! das ist ja nur ein Mensch wie wir. – Was treibt Ihr denn da Landsmann?

Fremder. Ich botanisire.

Milon. Was ist das?

Fremder. Ich suche allerhand Kräuter und Gewächse zusammen und bringe sie nachher in ihre gehörige Ordnung.

Milon. Wißt Ihr wohl, daß dergleichen hier herum ein bischen gefährlich ist? Da oben wohnt ein fürchterliches Ungeheuer; habt Ihr nichts davon gehört?

Fremder. Ich bekümmere mich nicht um Politica, sondern lebe nur allein meiner Wissenschaft.

Milon. Da habt Ihr recht, politisch ist es genug, denn es frißt alles auf, was ihm in die Klauen kömmt.

Fremder. So ist er kein Freund der Wissenschaften?

Milon. O ja, Freunds genug, indem er Euch mit sammt Eurer Wissenschaft auffrißt.

Fremder. Ich will nur noch einige von diesen Blumen mitnehmen, und mich dann auf den Rückweg machen.

Das Ungeheuer zeigt sich in einer furchtbaren Gestalt oben, die aber doch an die menschliche gränzen muß; es ist mit einer Keule bewaffnet.

Ungeheuer. Der verhaßte Tag ist mir wieder erschienen!
O Schicksal! wann, wann endet deine Quaal?
Muß ich ohne Wechsel
Diese Pein, diese grimme Pein im Busen dulden?
Der Morgen kommt, ich hoffe jedesmal,
Und ohne Hoffnung sinkt der Abend nieder,
Weckt mich das Morgenroth zu neuem Schmerz. –
Und wilder geängsteter noch
Soll der Lauf meines Schicksals werden,
So hat es die dunkle Sage verkündigt!
In der Befreiung die schrecklichste Quaal,
In der Erlösung die furchtbarste Hölle.

Curio zitternd. Nun da haben wirs! – da steht Ihro Excellenz.

Fremder. Ist er das?

Milon. Allerdings, nun gute Nacht Leben! er verzehrt uns alle drei.

Curio. Ich habe ihm nichts zu Leide gethan, ich liebe und schätze ihn hoch, wie meinen leiblichen Bruder.

Ungeheuer.
        Wieder ergreift mich
        Der rasende Sinn
        Wüthig, er schleift mich,
        Durch Berge dahin.
        Ohne Besinnen,
        Bin ich gehetzt,
        Und muß beginnen,
        Was mich entsetzt.
        Ich kann mich nicht halten,
        Ich stürze Berg nieder,
        Die wilden Gewalten
        Beherrschen mich wieder.

Er rennt wüthend den Berg hinunter.

Alle knieend. Gnade!

Ungeheuer. Wie kommt Ihr hieher?

Fremder. Die Wissenschaft der Botanik, wenn Ihnen dergleichen bekannt ist, hat mich hieher gelockt.

Milon. Wir sind Abgesandte – respectiren Sie doch um Gotteswillen das Völkerrecht.

Curio. Sind Denenselben auch ferner in treuster Liebe zugethan.

Fremder. Will Ihnen meinen ersten schwachen Versuch dediciren, wenn sie mich nur für Heute mit Dero gütigen Appetit verschonen wollen.

Ungeheuer.
        Geht! Entflieht!
        Doch keiner wage wieder,
        Den Berg hier zu betreten. –

Alle. Ganz gewiß nicht Ihro Durchlaucht. – Wir empfehlen uns zu künftigen Gnaden. – alle eilig ab.

Ungeheuer. Ich will in meine Höhle zurückkehren, mich vor dem Tage verbergen und allen Schmerzen mein Herz eröffnen. geht ab.


Dritte Scene.

(Garten.)

Angelica allein.

Angelica. Ich begreife mich und meine Mutter nicht, noch nie war sie so hart und grausam gegen mich, und mein Kopf ist mit so wunderbaren Gedanken angefüllt, daß mir jeder Baum, jede Blume dieses Gartens fremd und unbegreiflich erscheinen, daß ich mich selbst nicht kenne, daß ich oft frage, wer sind sie die Bilder, die vor meinen Augen so ungewiß und ohne Bestand schweben? Ach, oft erfaßt es mich wie ein Grausen, daß ich ihn, meinen Aldrovan, nicht kenne, und er und seine Liebe nur wie ein Märchen in meiner Seele aufsteigt.

        Ach! wer seid ihr fremden Wesen,
        Die mit Grimm mein Herz zerschneiden?
        Laßt mich wieder neu genesen,
        Nehmt, o nehmt zurück die Leiden!
        Wenn ich meine Zitter spiele,
        Kenn' ich ihre Töne nicht,
        Innre Angst und Schreckgefühle
        Dunkeln mir der Sonne Licht.
        Und die Liebe scheint dazwischen,
        Wie wenn sie mich nicht mehr kennt,
        Wie bei Nacht in grünen Büschen
        Räthselhaftes Mondlicht brennt.

Oriana tritt auf.

Oriana.
        Geh zurück in Deine Hütte,
        Wandle nicht so frech herum.

Angelica.
        Mutter, sprecht, warum, ich bitte,
        Zürnt Ihr so, sagt mir, warum?

Oriana.
        Bald, zu bald wirst Du erfahren,
        Was nicht zu verschweigen ist. beide ab.

Der König, die Königin, Sebastiano, Samieli, Camilla, Trappola (mit einem großen Mantelsacke auf dem Rücken) Aldrovan, Rondino, Gefolge.

König. Alles ist zur Reise zubereitet, viel Glück auf den Weg, Sebastiano.

Sebastiano. Wenn ich Euer Wohlwollen mit mir nehme, so ist meine Reise glücklich und ich lasse Krankheit und Schwachheit hier zurück.

        Ich empfehl' mich Eurer Gnade,
        Betet für mein gutes Glück.

Trappola.
        Ach, es wäre wahrlich schade,
        Käm ich ohne Kopf zurück.

Königin.
        Reiset fort bei guter Stunde,
        Bringt uns Freude mit zurück.

Trappola zu Camilla.
        Wie? Du stehst mit stummen Munde,
        Gönnst mir Armen keinen Blick.

Camilla.
        Reise nur zur guten Stunde,
        Komm als treuer Knecht zurück.

Trappola.
        Ja ich komme glücklich wieder,
        Dir, Rondino, nur zum Schreck.

Rondino.
        In der Wüste sinkst Du nieder,
        Findest todt niemals den Weg.

Aldrovan.
        Reiset, Freunde, ohne Weile,
        Daß wir wieder athmen frei.

Sebastiano.
        Prinz, wir sind in großer Eile,
        Doch, daß sie verständig sei.

Trappola.
        Denn man sagt, daß große Eile
        Ohne Weile schädlich sei.

Camilla.
        Daß das Unglück bald sich wende,
        Müßt ihr ohne Zagen sein.

Sebastiano.
        Ist man todt, so hats ein Ende,
        Man muß sich dem Staate weihn.

Rondino zu Trappola.
        Bist Du todt, so hats ein Ende,
        Dann will ich Camillen frein.

Trappola.
        Noch gesund sind diese Hände,
        Die Dich bald dem Tode weihn.

Alle.
        Lebet wohl auf Wiedersehn,
        Man muß an die Arbeit gehn. alle ab.


Vierte Scene.

(Wüste Felsengegend, Bäume und Felsen erfüllen in Gruppen das ganze Theater, doch muß alles so eingerichtet sein, daß sich dem Auge nachher ein verworrnes, aber doch angenehmes Schauspiel darbietet.)

Ein alter Prophet mit einigen Propheten-Schülern.

Alter Prophet. Ihr habt alles mitgebracht, was ich Euch aufgetragen habe?

Schüler. Alles.

Alter Prophet. So wie ein Orakel von uns gegeben ist, müssen wir aus dem Umkreise der Welt die Buchstaben und Wörter wieder suchen, die wir ausgesprochen haben, sonst verlieren wir unsre Kunst.

Schüler. Darum sind wir auch so fleißig im Wiedersuchen.

Ein Schüler. Aber sie fangen an Buchstaben abzuschaffen, da habe ich mit Auswechseln meine Noth gehabt.

Alter Prophet. Ihr müßt Euch nur durch dergleichen Mühseligkeiten nicht abschrecken lassen.

Ein kleiner Greis erscheint mit einer Krücke, langem Bart und sehr alt und gebrechlich aussehend.

Greis. Seid mir gegrüßt, Ihr würdigen Propheten.

Alter Prophet. Wir danken Dir, Du wunderbarer Greis.

Greis. Heut werden Leute in diese Wüste kommen, die ein Orakel von Euch begehren.

Alter Prophet. Nun, so ist es gut, daß wir die Buchstaben und Wörter wieder beisammen haben.

Greis. Das Reich der Feen ist in Unordnung und Zwiespalt, die Menschen leiden unter ihrem Gezänk, aber bald wird sich alles verändern.

Alter Prophet. Du scheinst interessante Kenntnisse zu haben.

Greis. Mich betrifft es am nächsten, ich habe am meisten dabei verloren und habe nun auch am meisten zu gewinnen. – Lebt wohl.

Alter Prophet. Lebt wohl, weiser Greis. Die Propheten ab.

Der Greis verbirgt sich hinter einem Baum, das Theater verfinstert sich, Oriana tritt auf, von einer Larve mit einer Fackel begleitet, Donner und Blitz, Regen und Sturm. Oriana ist mit wunderbarem Zaubergeräth behängt.

Oriana.
        Nieder will ich ihn beschwören,
        Daß mein Zauber nicht zerbricht,
        Ja er soll, er muß mich hören,
        Meine Wuth erträgt er nicht.
        Himmelwärts, höllenwärts,
        Schick' ich die Stimme,
        – O weh es reißt, es springt mein Herz
        Dem wilden Grimme.
        Aber nein, ich muß mich rächen,
        Mag mein Leben dann zerbrechen!

Greis hervortretend.
        Kennst Du mich, Scheusal?
        Zitterst Du nicht in allen Gebeinen,
        Wenn Dich mein Anblick trifft?
        Soll Dich die Erde hier verschlingen?
        Soll dieser Fels hier niederstürzen?
        Und Dich auf ewig in Schutt begraben,
        Erkennst Du meine Macht? –

Oriana entflieht entsetzt. Elfino! Wohin verberg ich mich?

Greis. Sie erträgt, die Schuldige, meinen Anblick nicht. verliert sich in den Bergen.

Das Wetter erhellt sich, Donner und Blitz hören auf.

Sebastiano, Trappola treten durchnäßt auf.

Trappola. Nun das wird eine saubere Geschichte. – Wären wir in dem Ungewitter nicht beinahe ersoffen?

Sebastiano. Erst die Hitze – nun dies Wetter – meine Kränklichkeit. – O Trappola, eröffne den Mantelsack.

Trappola. Ja eröffnen, der Regen hat ihn ganz durchnäßt und der Blitz ist dreimal hineingeschlagen, er hat, glaub' ich, den Wein gewittert. schnallt den Mantelsack ab.

Sebastiano. Es war unvorsichtig, daß wir nicht einen Ableiter mitnahmen.

Trappola. Triumph! noch sind die Flaschen ganz. Diesmal sind wir mit der Furcht durchgekommen!

Sebastiano. Gieb her zur Stärkung, meine innern Eingeweide erhalten mich sonst nicht mehr auf den Beinen. – er trinkt aus der Flasche.

Trappola. Zur aufmunternden Nachahmung! trinkt aus einer andern Flasche.

Sebastiano. Das Herz, mein Sohn, geht gleich einen ganz andern Schritt, wenn man dergleichen zu sich genommen hat.

Trappola. Das meinige war ganz und gar still gestanden, und rührte sich nicht aus der Stelle, ich mochte ihm die Sporen geben so viel ich wollte.

Sebastiano. Meins ist seiner Natur nach ein Paßgänger, jetzt fängt es aber an, sich in einen kleinen Galopp zu setzen.

Trappola. Mein Herz glaub' ich, hat was von einer Eselsnatur an sich, da ist an keinen Galopp zu denken; drum, gnädiger Herr, reiten Sie nicht zu weit voraus, ich möchte Sie sonst nicht wieder einholen können.

Sebastiano. Wir sind hier, glaub' ich, zur Stelle.

Trappola. Nach der Beschreibung kann es fast nicht anders sein.

Sebastiano. Nun noch ein Schluck, dann wollen wir an die Arbeit gehen – trinkt.

Trappola. Meinthalben! trinkt.

Sebastiano, liest ein Pergament ab.
Uns sendet, wie Euch wohl bekannt,
Das arme nothgedrängte Land,
Weil Glück sich von uns abgewandt.

Donner.

Trappola. Da fängt die alte Geschichte wieder an!

Sebastiano. Wir müssen von neuem herhalten, zum Besten unsers Vaterlandes werden wir naß wie die Katzen. liest weiter.

Wir bitten also vor der Hand
Um guten Rath und Beistand!

es donnert stärker.

Trappola. Ich laufe fort.

Sebastiano. Wohin? – Es ist eine verdammte Eigenschaft, die der Zettel an sich hat, so wie ich zu lesen anfange, geht auch das Donnern wieder los.

Trappola. Rühren Sie lieber das Orakel nicht weiter auf, denn ich fürchte, wenn es einmal in den Gang gebracht ist, so zermahlt es uns wie eine Mühle.

Sebastiano. Wir sind einmal mitten drein, da hilft kein Sauersehen. fortfahrend.

In Demuth wir Euch flehn,
Uns durch Orakelmund zu sagen,
Was uns zum Besten soll geschehn;
Wir wollen uns und unser Leben wagen.

Trappola. Da nehm ich mich aber aus, mein hochgebornes Orakel. Ich habe mit dem Staate nichts zu thun.

Sebastiano. Siehst Du, das Gewitter hat aufgehört, das Orakel besinnt sich und wird freundlich.

Unsichtbar Chor.
        Die Eulen schrein
        Zum Wald hinein,
        Was mag das sein?
        Bei unserm Dräun,
        Erbebt der Hain;
        Beim Weisheit Schein
        Sich Menschen freun;
        Geht zu uns ein!

Trappola. Ganz wohl, wenn wir nur die Thür finden könnten.

Sebastiano. Laß uns auf diese höfliche Antwort einmal trinken! –

Trappola. Zur Gesundheit meine Herrn! –

Der mittelste Felsen eröffnet sich, ein alter Prophet mit langem Barte sitzt darin.

Sebastiano. O weh! o weh!

Trappola. Sehn Sie, wie der alte Mann in seinem Kabinet ungnädig aussieht.

Zwei andere Felsen zu beiden Seiten thun sich auf, in denen zwei andere Greise in tiefen Gedanken sitzen.

Trappola. Ich merke, der Kern ist bei diesen Felsen das beste.

Sebastiano. Einen Trunk, Trappola, das Entsetzen reißt mich sonst um.

Trappola, indem sich mehrere Felsen aufthun. Ich finde, heute ist hier Jahrmarkt mit Weisheit, dann werden wir sie gewiß wohlfeil einkaufen können.

Sebastiano. Mach' keine Scherze hier, Du armer Sünder, die Leute dort können dergleichen nicht vertragen.

Viele Felsen im Hintergrunde springen auf, in welchen die Schüler sitzen.

Schüler. A, B, C, D, –

Sebastiano. O weh! o weh! o weh!

Schüler. E, F, G, H.

Trappola. Ha ha! ha ha!

Schüler. I, K, L –
        Das ist der Weisheit Quell –

Andere. E, F, G. –

Andere. A, B, C, D –

Andere. X, Y, Z –

Trappola. Sie singen das Alphabet –

Andere. X, Y, Z –

Andere. R, S, T.

Die vordern drei Greise.
        Nun rüttelt
        Und schüttelt
        Sie tüchtig,
        Daß es g'nug sei
        Und richtig
        Der Spruch sei.

In Urnen werden die Buchstaben geschüttelt und herum gegeben, worauf man die Silben ordnet.

Sebastiano.
        Nun rüttle
        Sie tüchtig!
        Und schüttle,
        Daß flüchtig
        Das Herz sei
        Von Schmerz frei.

Sie trinken, indessen werden die Buchstaben in Urnen geschüttelt.

Schüler. Schik, Zau, Ge, Kö.

Trappola. O weh! o weh! o weh!

Sebastiano.
        Mein Verstand, er wankt!
        Mein Gehirn erkrankt!

Schüler. Der, wird, ber, im, er,

Trappola. Dies Leid ist mir zu schwer!

Noch andere Zauberer zeigen sich in aufspringenden Felsen, sie zeigen sich oben in den Felsen, in den Bäumen, alle schreien durcheinander.

Andere. Geh, Zau ver, er, ginn, –

Andere. A, B, C, D, E –

Sebastiano. O mein guter Verstand! wo bist du hin?

Trappola. O mein Kopf, mein Kopf thut weh! –

Sie trinken und fallen während der Chöre nieder.

Dem mittlern Greise werden alle Buchstaben und Silben gebracht, er schüttet sie in eine Urne, ordnet die Silben, und singt dann unter Donner und Blitz.

        Das Schicksal wird besiegt,
        Das Ungeheuer bekriegt,
        Der Zauber im Walde versiegt,
        Wenn die Königin erliegt.

Trappola und Sebastiano.
        Ja wohl ist der besiegt,
        Der auf der Erde liegt.

Chor.
        Dies große Orakel gnügt.

Sebastiano und Trappola halb im Schlaf.
        Das Orakel hat uns bekriegt.

Chor wird immer schwächer, denn die Felsen schließen sich nach und nach.
        Das hohe Orakel gnügt!

Sebastiano und Trappola.
        Der Wein in der Flasche versiegt.

Chor der drei Greise, indem sich ihre Felsen auch schließen.
        Wenn die Königin erliegt.

Sebastiano und Trappola.
        Genug ist der besiegt,
        Der auf der Erde liegt. –

Leises unsichtbares Chor.
        Beim Weisheit Schein
        Sich Menschen freun.

Sebastiano und Trappola im Schlaf kaum hörbar.
        Doch mehr beim Wein.

Chor.
        Beim Weisheit Schein.

Trappola und Sebastiano.
        Ja wohl beim Wein.

Chor, Sebastiano und Trappola.
        Sich Menschen freun.

Alle Töne verlieren sich nach und nach.

Der Vorhang fällt.

 


 

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