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Das Ungeheuer und der verzauberte Wald

Ludwig Tieck: Das Ungeheuer und der verzauberte Wald - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchriften, Elfter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1798
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDas Ungeheuer und der verzauberte Wald
pages124
created20130607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt.


Erste Scene.

(Garten mit Springbrunnen, Statuen und andern Verzierungen.)

Um einen runden Tisch sitzen Camilla, Rondino, Trappola und andere Diener und Mädchen; mit Endigung der Symphonie fällt der Chor ein:

        Giebt die Welt noch andre Freuden
        Neben Wein und Rundgesang?
        Mag der Held am Ruhm sich weiden,
        Keiner wird ihn je beneiden
        Bei dem süßen Becherklang.

Trappola.
        Nur eins will ich erbitten,
        Die schönste Zier nicht zu vergessen! – –
        Wohl dem Mann, dem in der Irre
        Seines trüben Wandels hier
        Glänzt der Stern, der im Gewirre
        Leitet sicher für und für.

        Nun merkt ihr Herren was ich meine! – –
        Schöne Gabe du von oben,
        Die mit Engeln uns verband,
        Immer will ich dich nur loben
        Gut der Güter – dich Verstand!

Chor.
        Giebt die Welt noch andre Freuden
        Beim Verstand und Rundgesang?
        Mag der Held am Ruhm sich weiden,
        Weisheit wird ihn nie beneiden,
        Hört sie dich nur Becherklang.

Rondino.
        Außer Wein nicht andre Wonne
        Als der dunkelgrüne Wald,
        Den beim Schein der Morgensonne
        Muntres Jagdgeschrei durchschallt.

        Hunde bellen durch die Schatten,
        Und es folgt der Jäger Troß,
        Durch die Büsche, über Matten,
        Munter wiehert, springt das Roß.

Chor.
        Giebt die Welt noch andre Freuden
        Neben Wein und Waldhornklang?
        Mag der Held am Ruhm sich weiden,
        Nie wird ihn ein Waidmann neiden,
        Dem das Tagewerk gelang.

Camilla.
        Der Verstand hoch soll er leben!
        Freudenreich ist Jäger-Lust,
        Nach dem Heldenruhme streben
        Sei Begeistrung kühner Brust.

        Aber alles muß verschwinden,
        Wenn die Lieb' uns hold begrüßt,
        Wenn die Herzen sich entzünden,
        Und die rothe Lippe küßt.

Chor.
        Giebt die Welt noch andre Freuden,
        Außer Kuß und Rundgesang?
        Mag der Held am Ruhm sich weiden,
        Liebe wird ihn nie beneiden,
        Tönt ihr Lied und Becherklang.

Trappola. Das sind nämlich, die meinigen ausgenommen, nur sogenannte poetische Ideen, die ein vernünftiger Mensch wohl singen, aber niemals sprechen darf.

Rondino. Ihr haltet euch immer für den Klügsten, Freund Trappola, und doch findet sich's oft, daß es in Eurem Kopf –

Trappola. Was findet sich in meinem Kopf? Nichts! das behaupt' ich, und darauf will ich sterben! – Mäßigkeit! Weisheit! – seht, das ist meine Loosung, und auch mitten im Trunk will ich – wenn Ihr mich recht versteht –

Camilla. Er lallt, er weiß nicht, was er sagt.

Trappola. Danks Gott, Camilla, daß wir verliebt in einander sind, sonst sollte Dir dieser Spott theuer zu stehn kommen; aber freilich, ein Liebhaber drückt schon die Augen zu.

Rondino. Vollends wenn sie ihm zufallen.

Trappola. Nicht weiter gespottet und geschäkert – es wäre lieber Zeit zu einem andern Liede. – Aber lieben Freunde, wenn Ihr mich liebt und meine Freunde seid, so singt ein philosophisches Lied, ein Lied, das etwas mehr sagen will, – so eins von denen, die – nun, begreift Ihr's?

Camilla. So was von Cypressenhain, Vollmondsschein –

Trappola. Einerlei was, nur daß man dabei zu grübeln findet. Versteht Ihr mich?

Rondino. Ei was! Nichts über ein Lied mit Trarah, oder Hop hop tik tak.

        Trarah durch den Wald
        Das Horn erschallt!
        Hop hop! alsbald
        Der Reiter zu Pferd
        Durch den Wind so kalt.
        Ach leider so kalt!
        Doch eigner Heerd
        Ist Goldes werth.

Chor.
        Doch eigner Heerd
        Ist Goldes werth!

Der Minister Sebastiano tritt ein.

Sebastiano. Was muß ich erleben? – das ganze Reich ist in Noth, der König in Thränen, Staatsrath und Ministerium auf den Knieen, ich selbst außer dem allgemeinen Elende ein kranker, schwacher Mann, und hier wird gesungen und jubilirt. Gleich seid still und schafft mir die bachantischen Trinkgeschirre aus den Augen.

Trappola. Herr Minister Excellenz – es war nur, daß eine erlaubte Gemüths-Ergötzung –

Sebastiano. Kein Wort weiter!

Trappola. In den allgemeinen Drangsalen –

Sebastiano. Schweig!

Trappola. Und doch mit Verstand getrieben – da fragen Sie nur die Umstehenden.

Sebastiano. Ich will nichts wissen! – Ist es nicht entsetzlich? das Reich leidet von einem Ungeheuer, das unsere Felder verdirbt und verzehrt, Menschen und Vieh erwürgt, die Reisenden, selbst die fremden Gesandten nicht ausgenommen, plündert und beschädigt, – in dem verzauberten Haine verlieren täglich die besten Köpfe des Königreichs ihren Verstand – der Kronprinz ist in ein Milchmädchen verliebt – ich, der ich bisher das Staatsruder noch gegen Wind und Wellen regiert habe, bin schwach und werde mich bald von allen Geschäften zurückziehen müssen – und Ihr sitzt hier, lärmt und schreit und entblödet Euch nicht, Euch der unsinnigen Trunkenheit zu eigen zu geben.

Trappola. Ich für meine Person habe immer gesucht, meinen vollständigen Verstand zu conserviren.

Sebastiano. Und ihr wißt doch, wie sehr ich ein Feind alles Singens und aller musikalischen Exercitien bin. Das Singen, versteht mich, ist eine unerlaubte Schwelgerei mit Zunge und Sprache; der Vogel singt, weil ihm die vernünftige Rede mangelt, weil er sich der ordentlichen Worte nicht bedienen kann; – wo wird gesungen? in keinem Trauer-, in keinem Lustspiele, weil diese Dinge auf Vernunft Prätension machen – aber in den sogenannten Opern, weil dort der Menschenverstand augenscheinlich mangelt. Darum schämt euch nicht allein, sondern ich verbiete es euch auch gradezu. – Und daß ich nichts von Glockenspielen, oder Zauberzittern und Flöten an diesem Hofe vernehme, bei Strafe aus dem Lande verwiesen zu werden.

        Bei hoher Strafe wird geboten,
        So hier als auch im ganzen Land,
        Wen man ertappet über Noten,
        Der wird im Augenblick verbannt:
        So hat das Reich durch mich erkannt.

Trappola. Und singt da die herrlichste Arie.

Sebastiano. Was sollen diese Trillerkünste,
Durch die man sonst den Mond beschwur?
Sie sind ein Nichts und leere Dünste
Und immer gegen die Natur. –
Spricht Leidenschaft in Paukenschlägen?
Der Schmerz in Flötenmelodie?
Empfindung geht auf andern Wegen;
Was sagt dazu Philosophie? –
Bei hoher Strafe wird geboten,
So hier als auch im ganzen Land,
Wen man erwischet über Noten,
Der wird im Augenblick verbannt,
So hat das Reich durch mich erkannt!

Die übrigen bis auf Trappola sind abgegangen.

Sebastiano. Es ist nur darum, daß die Sitten verbessert werden müssen, denn wenn man nicht in Zeiten dazu thut, so fällt am Ende die ganze Menschheit übern Haufen.

Trappola. Die Unterthanen haben alle eine rechte Furcht vor Euer Excellenz.

Sebastiano. Das muß seyn, dazu sind sie Unterthanen, und wenn ich nicht noch im Reiche nach den Rechten sähe, so ginge alles bunt über Eck. Mich soll doch wundern, wenn ich todt seyn werde, wie sich dann alles regieren wird.

Trappola. Sie sterben noch nicht so bald, gnädiger Herr!

Sebastiano. Man kann nicht wissen, die Anstrengung des Kopfs, die Sorge für den Staat, reizbare Nerven, natürliche Schwachheit – o mein Freund, das sind Dinge, die mir bald den Garaus machen können. Und dann, o du armes Vaterland! dann bist du verloren.

Trappola. Der gnädige Herr blühen aber wie eine Rose.

Sebastiano. Nur Schein, Trappola, nichts als Schein, ich muß das besser wissen. Der Doktor hat noch gestern den Kopf über mich geschüttelt! Er hat den Kopf geschüttelt, sag' ich dir, was kann man von einem Doktor mehr verlangen? – Es steht gewiß gefährlicher mit mir, als wir uns beide einbilden können.

Trappola. Das Ungeheuer ist für diesen Staat doch eine große Landplage.

Sebastiano. Ja, das liegt mir nun auch auf dem Herzen. Dieser Staat war ein so niedlicher Staat, als nur einer sein kann, so sauber eingerichtet, daß einem das Herz im Leibe lachte, die Geschäfte gingen ihren Gang, kein Mensch wußte, wie, die gehörige Anzahl armer Sünder immer in den Gefängnissen – alles in der vortrefflichsten Ordnung – und nun, wie? woher? steht in den benachbarten Gebirgen ein fürchterliches Ungeheuer auf, das das Land verwüstet, Menschen erwürgt, die Poststraße unsicher macht, Briefe erbricht und unterschlägt, in Summa, alles hier in Verwirrung, Unordnung und Wildheit verkehrt. Und welche Mittel soll man dagegen brauchen? Ja wenn ich nicht so krank und schwach wäre, so ließe sich vielleicht noch auf Rettung denken; aber so, fürcht' ich, ist das ganze Land ohne Barmherzigkeit verloren. Das grausame Ding da draußen wird sich der Hauptstadt immer näher fressen, und dann à dieu Herrlichkeit, Gelehrsamkeit, Magistrat und Ministerium.

Trappola. Man erfährt nicht genau, wie viele gute Bürger und Unterthanen es in diesem Monat schon verzehrt hat.

Sebastiano. Man wird am Ende noch das ganze Gebirge, in dem es sich aufhält, in die Luft sprengen müssen.

Trappola. Freilich; aber was machen wir mit dem verzauberten Hain, in dem die wunderbaren Stimmen wohnen, in welchem Sang und Klang zu Hause ist? – Ich fürchte, dort wird ihr strenges Gebot, das Singen betreffend, nichts helfen.

Sebastiano. Da seht ihr Gesindel, wie sehr ich Recht habe, daß kein vernünftiges Wesen singt und klingt. Da ist nun wieder eine andere Hauptsorge. Sollte sich ein vernünftiger Mensch dergleichen tolles Zeug auch nur einbilden können? Fast um die nämliche Zeit, in der das Ungeheuer entstand, zeigte sich eine andere seltsame Erscheinung. Ein benachbarter Wald, der allerhand Göttern durcheinander gewidmet ist, wird mit einem male verzaubert. Kein Mensch darf ihm zu nahe kommen, alle Phantasterei und Tollheit ist dort einheimisch, wer sich ihm nähert, wird von süßen Gesängen wie mit Gewalt hineingezogen, er weiß nicht, wie ihm geschieht, der Verstand entweicht und der komplette Wahnsinn befällt einen solchen Unglücklichen.

Trappola. Und noch kein einziger ist wieder zurückgekommen. Die naturforschende Gesellschaft vermuthet, daß sie dort alle in Affen oder dergleichen Kreaturen verwandelt werden.

Sebastiano. Es mag wohl sein, und so sind nun schon viele junge Leute verloren gegangen, die dem Staate wohl bessere Dienste hätten leisten können. Der Satan muß es auf unser Land recht eigentlich abgesehn haben, daß diese zwei Dinge von beiden Seiten alles mögliche dazu beitragen, Handel und Wandel, Flor und Bildung der Unterthanen zu unterbrechen. Und dabei meine Schwächlichkeit! – und Ihr Bösewichter setzt Euch dahin, laßt Euch beim Weine wohl sein, singt und brüllt, und kümmert Euch den Henker darum, ob die Väter des Landes graue Haare kriegen oder nicht.

Der Minister Samieli mit Gefolge.

Samieli. Mein Herr, der Staatsrath will sich versammlen, man hat Sie schon in allen Winkeln und Ecken in der ganzen Stadt gesucht, aber Sie sind immer nirgend zu finden: da stehn Sie nun und plaudern mit dem ersten Besten, der Ihnen in den Wurf kömmt, aber es ist jetzt nicht Zeit zu dergleichen. Kommen Sie. geht mit den übrigen.

Sebastiano. Komm Trappola, man muß ihn schon reden lassen; siehst, das ist Politik. sie gehn.

Der Prinz Aldrovan kömmt.

Aldrovan. Sei mir gegrüßt du holde Einsamkeit! Hier kann ich ungestört mit meinem Gram in Gesellschaft sein. Aus allen Blumen duften mir die süßen Schmerzen entgegen, die meinen Geist gefangen halten. Sie kömmt vielleicht, sie sucht mich wohl, wie ich sie anzutreffen wünsche. – O Hoheit! wie schwer liegst du auf meinen Schultern und meinem Herzen, daß ich dich nicht, als eine lästige Bürde, abschütteln darf! Wie gern wollt' ich alle meine Hoffnungen gegen eine ruhige Schäferhütte austauschen, mein Reich gegen einen Rasenplatz und einen schattigen Wald! – O! holdselige Angelica! – wie es mich in ihrer Nähe mit aller Sehnsucht der Liebe umfängt, alle Töne in den Blättern der Bäume, das Rieseln dieser Springbrunnen, alles ist mir Botschaft von ihr, alles bringt mir Kunde von ihrer süßen Liebe.

Töne einer Zitter aus dem Gartenhause.

O lieber Klang! –
Wie alle Sinne nach ihr hingezogen werden.
Ja dieser Garten ist für mich der Hain,
In dem der allgewaltge Zauber wohnt.
Auch diese Töne reißen meine Sinne
Unwiderstehlich nach;
Der Wahnsinn rauscht um mich mit Flügeln
Und deckt mir Aug' und Ohr,
Daß ich nur sie in weiter Welt vernehme.

Ein Lied, von innen gesungen, mit der Zitter begleitet.

        O! süß' Verlangen,
        Nun bin ich dein;
        Ich soll gefangen,
        Verschlossen sein.
        Das holde Sehnen,
        Hält bei mir Wacht,
        Und weckt die Thränen..
        So Tag als Nacht.
        Giebst Du mich nimmer,
        Der Banden frei,
        Daß ich im Schimmer
        Zufrieden sei?
        Doch laß mich wohnen
        In Ketten hier,
        Ich finde Kronen,
        Ach, nur bei Dir.

Aldrovan einfallend.
        Laß mich den Armen
        Gefangnen ein,
        Bei Dir erwarmen,
        In Freiheit sein!

Angelica tritt heraus.

Angelica. Mich ruft der süße Ton der Liebe;
Wie lang' hab' ich Dich nicht gesehn.

Aldrovan. Der Himmel war mir immer trübe,
Ich komme gleich zurück zu gehn.

Angelica. Du kömmst und willst so eilig scheiden,
Was hab' ich, Trauter, Dir gethan?

Aldrovan. Du weißt, ich soll Dich strenge meiden!
Ach einsam, rauh ist meine Bahn!

Beide. O Götter! die ihr Liebe schirmet,
O, sendet eure Hülfe nieder!

Angelica. Ja, Freund, wenn Wolken ausgestürmet,
So scheint die lichte Sonne wieder.

Aldrovan. Ach nirgends kann ich Sonnen finden,
Mein Auge sucht, doch nur vergebens.

Angelica. O holde Freude meines Lebens,
Dir darf nicht jede Hoffnung schwinden!
Lieb ich Dich nicht wie sonst?
Bist Du mir nicht in Liebe zugethan?
Was kümmern uns die andern Menschen?

Beide.
        O holder Liebe Schein!
        Gänzlich dein eigen sein!
        Mit Herz und Leben dein!

Aldrovan.
        Ich muß zurück, denn kaum
        Entschlich ich meinen Wächtern.

Angelica.
        Lebe wohl, gedenke mein.

Beide.
        O holder Liebe Schein!
        Mit Herz und Leben dein!

beide von verschiedenen Seiten ab.


Zweite Scene.

Pallast, der versammelte Rath.

Der König, Climene die Königin, Sebastiano, Samieli, Rathsherrn, Gefolge.

König. Unser Sohn ist noch nicht zugegen – ich vermisse ihn ungern – Wo bleibt er?

Climene. Er wird gewiß sogleich erscheinen.

König. Der ganz Rath muß auf ihn warten – ich sehe dergleichen Unordnungen sehr ungern. – Nun sind wir hier versammlet und müssen noch immer seinetwegen mit Rathschlagen inne halten.

Climene. Er ist vielleicht auf der Jagd.

Sebastiano. Nein, Ihro Königliche Majestät, – mich dünkt, er ist nur noch einmal durch den Garten spazieret.

König. Dergleichen soll nicht sein, ich habe es schon wiederholentlich verboten!

Climene. Mein theurer Gemal, Du erzürnst Dich.

König. Ich will mich erzürnen und damit ists aus! – Du bist meine gute geliebte Königin, er ist nicht Dein Sohn, er liegt Dir nicht so am Herzen, – aber mir –

Climene. Glaubst Du, daß ich ihn darum weniger liebe?

König. Sieh, aufrichtig zu reden, ich glaube nichts. – Aber er mißbraucht meine Güte und Deine Fürbitten, er ist ein Mensch, der sich unter seinem Stande verliebt hat, und das ist unschicklich. Ist es nicht sonderbar? Seit ich mit Dir vermählt bin, ist meinem Reiche nichts als Unglück zugestoßen. Die Götter sind neidisch über mein großes Glück. Mein erstgeborner Sohn hat sich seitdem verloren, Niemand weiß, wohin; mein zweiter Sohn verliebt sich in die Tochter einer alten Gärtnerwittwe; ein Ungeheuer verwüstet die Gränze, und ein verzauberter Wald macht die Leute unsinnig. Du, meine schöne Gemalin, bist mein einziger Trost bei diesen Stürmen des Schicksals.

Der Prinz Aldrovan tritt ein.

König. Da ist er – Nun kann das Gericht seinen Anfang nehmen. – Wo bist Du gewesen mein Sohn? – Fangt nur immer an Euch zu bedenken, laßt Euch nicht stören, ich will Euch schon zu rechter Zeit in die Rede fallen. – Nun so sprich, Aldrovan, wo läufst Du denn immer herum? Schickt sich dergleichen für einen Kronprinzen? Was werden die Leute dazu sagen?

Aldrovan. Ich dachte nicht, mein gnädigster Vater, daß Ihr unter Euern weisen Räthen mich vermissen würdet.

König. Ach was weise Räthe! – Du bist mein Sohn, Du sollst mir immer zur Seite bleiben! Es ist genug, daß ich den einen Sohn verloren habe, Dich will ich bewahren, wie die Augen im Kopfe. – Sieh – à propos Augen – da gehn sie mir grade über, indem ich nur an Deinen Bruder denke.

Aldrovan. Mein Vater –

Climene. Mein königlicher Gemal –

König. Nun seid nur ruhig, es hat nichts weiter auf sich, man muß auch zur Abwechselung einmal weinen, denn dazu sind ja die Thränen. – Nun wieder auf die Deliberation zu kommen – wie weit seid Ihr denn damit ihr Herrn?

Samieli. Wir warten nur auf Eure Gegenwart, auf Eure Aufmerksamkeit, mein König. – Es sind Gesandten draußen, die eingelassen sein wollen.

König. So laßt sie schnell hereintreten.

Milon und Curio treten ein.

Milon und Curio knieen. Wir sind Eure getreusten Unterthanen.

König. Steht auf Leute, ich weiß, daß ich dazu da bin Euch anzuhören. – Es ist, wie ich schon oft gesagt habe, grade wie mit dem Essen beschaffen. – Stille, geduldet Euch nur einen Augenblick, es wird mir sogleich wieder beifallen, es ist ein alter Spruch, den ich schon manch liebes Mal wiederholt habe. – Ja – wie man nicht lebt um zu essen, sondern ißt um zu leben – bedenkt meine Kinder, das ist ein sehr schöner Gedanke – grade so fügt sichs auch, daß ich, der König, nicht regiere, – ich wollte sagen, daß Ihr meine Unterthanen – recht! so ists recht; – Ihr meine Unterthanen, nicht darum als Unterthanen da seid, weil ich Euer König bin, – sondern vielmehr umgekehrt, – nun paßt auf die überraschende Wendung! – ich bin nur König, weil Ihr da seid, Euretwegen, weil Ihr meine Unterthanen seid – Ha ha ha! nun, hab' ichs nicht sauber getroffen? Was sagt Ihr dazu? Nicht wahr, diese übermenschliche Humanität in mir hättet Ihr nicht vermuthet. Nun sprecht, denn ich denke, Ihr sollt dadurch, als meine lieben Freunde, ein gutes Zutrauen zu mir bekommen haben. – He, mein Sohn? Sieh, so muß man regieren! o lern es früh, dergleichen kannst Du in meinem Alter gebrauchen. – Nun, meine lieben Leute?

Milon. Mein König, wir kommen von der Grenze Eures Landes, von dem Gebirge.

König. Aha! nordöstlich – ja ja, ich kenne das Ding schon. Es liegt so etwas hoch, nicht wahr? Nicht grade so ganz – nun ich bin vor langen Zeiten einmal da gewesen.

Milon. Das Ungeheuer, der Drache –

König. Recht, ganz Recht, der wohnt itzt da –

Milon. Ja, Ihro Majestät, und es ist jetzt mit der Bestie durchaus nicht mehr auszuhalten.

König. Wie so?

Milon. Er frißt alles weg, was ihm nur vor den Schnabel kömmt, wir können in diesem Jahre unsre Zinsen oder Attribute, wie man's nennt, durchaus nicht bezahlen, und darum sind wir im Namen der ganzen Gemeinde abgeschickt.

König. Nun seht da die Ruthe des Himmels! wo Rath? wo Hülfe hernehmen? er weint.

Samieli. Mein König, das scheint mir alles nur eine Windbeutelei zu sein. – Wer von Euch hat denn den Drachen, wie Ihr ihn nennt, gesehn?

Milon. Ach keiner von uns, gestrenger Herr Minister, wir nehmen uns gar sehr in Acht.

Samieli. Woher wollt Ihr denn aber wissen, daß das Ding dort lebt?

Milon. Einer sagts immer dem andern, und die Heerden fehlen doch, die Reisenden werden angefallen, kurz, es kann doch Niemand läugnen.

Samieli. Aber was soll denn nun die Regierung zu Eurem Besten thun?

Milon. Sie soll, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, den Drachen ordentlich wegfangen, ihm eine Falle stellen, wie dem Maulwurf oder den Ratzen.

Climene. O mein theurer Gemal, tröstet Euch, erhaltet Euch mir zur Liebe, wenn Ihr es nicht zum Besten des Landes und Eurer Unterthanen thun wollt.

König. Ihr Abgeordneten, tretet ab! – Milon und Curio gehn ab. Ja, was ist nun zu thun? Alle Tage neues Unglück, neue Klagen!

Sebastiano. Das Rindfleisch wird am Ende nicht mehr mit Gelde zu bezahlen sein, wenn dem Ungethüm in seinem Wüthen nicht Einhalt geschieht!

Ein Bedienter kömmt.

Bedienter. Ein junges schönes Mädchen ist draußen, sie weint und schluchzt, sie wünscht die Ehre zu haben, Ihro Majestät nur auf einen Augenblick zu sprechen.

König. Was wird denn das wieder sein? – Laßt sie herein kommen.

Bedienter ab, Doris kömmt und kniet nieder.

Doris. O! hört mich, mein allerhuldreichster Monarch, um Eurer wohlbekannten Milde willen, hört mich an!

König. Rede.

Doris. Und Ihr, meine Königin, Ihr Muster aller Frauen, Ihr Preis unsers Zeitalters, o! vereinigt Eure Bitten mit den meinigen. – So erfahrt denn, daß mich schon seit einem Jahre Alcest unaussprechlich liebte, ich erwiederte seine Zärtlichkeit – und ach! – übermorgen sollten wir unsre Hochzeit feiern.

Aldrovan. Uebermorgen?

Doris. Welch Glück war dem meinigen zu vergleichen! Gestern sprachen wir zufälliger Weise über den verzauberten Hain, der auch Eurer Majestät bekannt sein wird, wir geriethen in einen kleinen Streit, und er kam auf die unglückselige Neugier, den verwünschten Wald zu besuchen, er behauptete, daß ihn keine Gewalt bezaubern und von mir abwendig machen solle, er ging hinein, und ach! – heftig weinend. er ist nicht zurückgekommen!

Aldrovan. O mein Vater, ihr Räthe des Reichs, sollen wir es dulden, daß die armen Einwohner dieses unglücklichen Landes noch länger durch Feen und Ungeheuer beunruhigt werden? Nein, zu unsrer eignen Ehre müssen wir ihnen Hülfe leisten, die benachbarten Nationen werden sonst unserer spotten, wenn hier Unterthanen beraubt, dort verzaubert, hier erwürgt und verzehrt, dort verwandelt werden.

König in Eifer. Ungerathner Sohn! was verlangst du denn, daß ich thun soll? – Geh, Mädchen, tritt ab, – ihr alle macht mir den Kopf beinah allzuwarm, – entferne Dich, Mädchen, wir haben jetzt etwas zu sprechen, das Du nicht hören sollst. – Ich sage noch einmal, was soll ich denn dabei thun, daß Du Dich unterstehst, so in Eifer zu gerathen? – Ins Henkers Namen geh! Du siehst ja wohl, daß ich allein sein will! Doris ab. –Nun so rede einmal! Soll ich nach dem Walde hinaus? und ihr etwa ihren Liebhaber herausfangen? Und wenn ich ihn erwische, so ist noch immer die Frage, ob ich ihn wieder aus einem Affen zurück in einen Liebhaber verwandeln kann. Am Ende könnte ich über die saubre Geschichte selber verwandelt werden, und so käme zum Argen noch das Aergste. – Nein, jeder ist sich selbst der Nächste.

Samieli. Mein König, Ihr erhitzt Euch vergeblich, und werdet über diesen Wirrwarr noch kindisch werden.

König. Ja! ich möchte lieber gleich in den Wald hinausrennen, um nur in größter Behendigkeit wahnsinnig zu werden.

Samieli. Der Liebhaber dieses Mädchens war ohne Zweifel schon vorher unklug, denn sonst wäre er gar nicht darauf gefallen, in den berüchtigten Wald zu gehn.

König. Ist auch wahr, das hätte ich nur gleich bedenken sollen.

Sebastiano. Es sind bedenkliche Zeiten! – Ein Wunderzeichen nach dem andern – was es für ein Ende nehmen wird!

Samieli. Lauter dummes Zeug, lauter Unvernunft! Ungeheuer, verzauberte Haine! hab' ich in meinem Leben so was gehört? Sollte man sich's vorstellen, daß gesetzte, erwachsene Leute auf solche Kinderpossen etwas geben würden? Man sollte denken, man wäre mit dem Zeitalter fortgeschritten, – aber nein, alles kehrt sich wieder um, wir fallen in den alten Aberglauben zurück, und die Früchte der Aufklärung fangen schon an schimmlicht zu werden. Selbst Minister lassen sich den Kopf davon einnehmen, und hundert Gulden will ich gegen zwei wetten, daß das Ungeheuer, über das wir heulen und schreien, der verzauberte Wald und all die Ungereimtheiten, nirgend anders, als in unserer Imagination existiren, und es heißt daher wohl mit Recht, wenn man kein Unglück hat, so macht man sich welches.

König. Ihr habt nicht so ganz Unrecht, Minister.

Sebastiano. Aber die Leute sagen doch –

Samieli. Ja die Leute sind grade die rechten dazu, um etwas zu sagen.

Ein Bedienter kömmt.

Bedienter. Ihro Majestät, es ist ein wunderbarer seltsamer Mann an den Hof gekommen, der sich durch mich anmelden läßt, er sagt, er sei ein Prophet und bittet dringend vorgelassen zu werden.

Samieli. Wieder was neues! Ich trage darauf an, daß man ihn gar nicht hereintreten läßt.

Bedienter. Er behauptet, er wisse ein Mittel, dieses Reich von allen Unglücksfällen zu säubern.

König. Da ist es denn doch wohl meine Schuldigkeit, ihn anzuhören.

Bedienter ab, kommt mit dem Propheten zurück.

Samieli. Wer seid Ihr?

Prophet. Durch die Gnade der Götter und mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ein Prophet!

Samieli. Nein, es ist nicht mehr auszuhalten! Mein gnädigster König, Ihr werdet erlauben, mich wegzubegeben, denn diese Tollheiten wollen sich in meinem Kopfe nicht zusammen reimen. Man kann es ja mit Händen greifen, daß es nur Possenspiele sind. Ich sehe, daß meine Reden unnütz sind, aber niemals sollen die Geschichtschreiber der künftigen Jahrhunderte erzählen können, daß ich bei dieser Sitzung zugegen gewesen. Adieu! geht ab.

Sebastiano. Desto besser – nun können wir ja diesen Propheten recht gemächlich anhören.

König. Er ist ungestüm, der redliche Mann.

Sebastiano. Etwas grob mit Ihrer Erlaubniß.

König. Also rede mein Prophet.

Prophet.
        Ja Prophet von Gottes Gnaden
        Bin gesegelt übers Meer.
        Großer König, nicht zu schaden,
        Dir zu nutzen kam ich her.

        Ich weiß von Zauberein,
        Kann in den Händen sehn,
        Was soll und muß geschehn,
        Von allem groß und klein.

        In Sternen kann ich lesen,
        Ich höre Sphären singen,
        Was künftig, was gewesen,
        Und jedes muß gelingen.

        Wenn Zeitungsschreiber lügen,
        Sei's auch in Mohrenland,
        Wohin die Flotten fliegen
        Und ob die Feinde siegen,
        Ist mir sogleich bekannt.

König. So wißt Ihr also auch ein Mittel für unsere Umstände? der verzauberte Hain, das Ungeheuer – Ihr habt wohl davon gehört?

Prophet. Jedes Kind in Ihrem Reich spricht davon. Es wird daher kein beßres Mittel sein, als irgend einen gescheidten Mann nach den Weissagungsfelsen zu schicken.

König. Was sind die?

Prophet. Eine wüste furchtbare Gegend, hinter dem langen Wald, die von großen Felsen eingeschlossen ist und die nur selten ein menschlicher Fuß betritt. Dort, in den Felsen eingeschlossen, wohnen viele weise Männer, denen Zukunft wie Vergangenheit und alle Mittel gegen Unglücksfälle bekannt sind.

König. Ihr sagtet ja, daß Ihr Euch selber mit Prophezeien beschäftigt.

Prophet. Doch dringt mein Blick nicht so tief, um hier zu rathen.

König. Und wie findet man diese weisen Männer?

Prophet. Der Gesandte, wenn er in jene Gegend gelangt, darf nur diesen Zettel laut ablesen, so öffnen sich nach und nach die Felsen, die weisen Männer sitzen drinne, man trägt ihnen das Gesuch vor und sie beantworten die Fragen.

König. Ihr, mein Minister Sebastiano, sollt den Auftrag haben, diese Männer aufzusuchen, und Euch von ihnen rathen zu lassen.

Sebastiano. Mein König, die Schwäche meines Alters, meine Krankheit wird mich zu einer solchen Reise untüchtig machen. Man sollte unmaßgeblich lieber den muntern, starken, gesunden Herrn Samieli dort hinschicken.

Climene. Sie wissen ja, daß er sich niemals dazu bereden ließe, weil er alle diese Dinge nicht glaubt. Sie gehn dorthin, meine und des Königs Bitte werden Sie bewegen.

König. Ja mein Getreuer – Also ist hiemit nun die Sitzung unserer Rathsversammlung aufgehoben. Wir danken Euch, Herr Prophet, für Eure Mühwaltung, die Ihr zu unserm Besten übernommen habt. – Komm meine theuerste Gemalin. sie gehn ab.

Sebastiano. Wieder eine neue Last! Aber der Königin darf man nicht viel widersprechen. – Ein elendes miserables Leben, in den Geschäften grau zu werden. geht ab.


Dritte Scene.

(Gartenplatz, Nacht.)

Oriana, eine Alte mit einer Krücke.

Oriana. Angelika schläft, die Mitternacht ist da: mich wundert, daß sich die Königin noch nicht auf dem abgeredeten Platz einfindet. Die Sterne verbergen sich, Feenschwärme ziehen auf schwarzen Wolken durch die Luft; jetzt ist die Zeit bequem zur Zauberei. O Elfino! wie demüthigst du mich, daß ich diese schmälige Gestalt tragen muß, daß ich unter allen Beschwerden des Alters und der Sterblichkeit leide? Aber meine Rache soll dich dennoch verfolgen, niemals sollst du deine Tochter wiedersehn, der mächtige Olallin wird mich auch ferner beschirmen. – Sie kömmt nicht, – ich gehe, um alle Thüren des Gartens zu verschließen, damit uns kein Ueberlästiger in unserm Werke störe. sie geht.

Die Königin Climene kömmt.

Climene. Ich schaudre durch die einsame Nacht zu gehn, das Geräusch der Blätter erschreckt mich, die wohlbekannten Gänge erscheinen mir fremd und furchtbar. – Sie ist nicht hier. – Hat sie den Platz, hat sie die Zeit vergessen? Was will ich hier?

Oriana zurück.

Oriana. Nun sind wir sicher. sie geht und holt einige bunte Lampen, die sie in die bäume hängt.

Climene. Soll das Werk beginnen?

Oriana. Sogleich.

Climene. Ist die Zeit günstig?

Oriana. In dieser Stunde. Dann rückt die Morgenröthe herauf, und mit den ersten Strahlen, die über dem Horizont sichtbar werden, entfliehn alle Nachtgeister; wer sie dann auf ihrem Fluge beschwört und sie durch Zauber-Gesänge herunterzwingt, steht in Gefahr von ihnen verletzt oder getödtet zu werden.

Climene. Woher hast Du diese Kenntnisse?

Oriana. Ich bin nicht, was ich Dir scheine, die arme Witwe eines Gärtners, auch ist meine Tochter nicht meine Tochter, – die Zeit wird auf ihrer Wanderschaft alles ans Licht bringen.

Climene. Warum vertraust Du mir nicht?

Oriana Stille Deine Begier mehr zu erfahren, vielleicht entwickelt sich in wenigen Tagen alles.

Climene. Wir waren schon oft an diesem Orte, schon manches Werk ward hier ausgeführt, aber noch nie war mir so bange.

Oriana Störe die Handlung durch keine unglückliche Ahndungen, sie muß gelingen.

Climene. Der Sohn des Königs, er muß vertilgt werden!

Oriana. Es ist mein Wunsch wie der Deinige.

Climene. Aber wo ist er, der Erstgeborne geblieben? darfst Du mir's nicht entdecken?

Oriana. Die Zeit wird alles verkündigen.

Climene. Aldrovan muß fallen, auch wenn unser Werk mißlingt, ich habe schon mit Sebastiano Abrede genommen.

Oriana. Erhalte Dir nur die Liebe des Königs.

Climene. Er ist ganz in meiner Gewalt, mit jedem Tag wird sein Gemüth schwächer, er hat mir seit den zwei Jahren, daß wir mit einander vermält sind, noch kein unfreundliches Wort gesagt.

Oriana.
        Jetzt ist die Stunde da –
        Die Geister sind uns nah –
        Um Mitternacht
        Da halten unsre Bundsgenossen Wacht.

Climene. Stille! – mich dünkt, ich höre jemand. –

Oriana. Stör' mich nicht, Niemand kann zu uns kommen. –

        Seid ihr aus den Wolkenzügen?
        Schwebt ihr dort in Dunstgestalt?
        Ja ich seh die Geister fliegen,
        Nieder zieht sie unsre Spruchgewalt!

Climene. Soll ich auf dem verborgnen Altar das Rauchwerk anzünden?

Oriana. Thu es und sprich kein Wort dabei. –

        Bist du, Olallin, in der Nähe?
        Hörst du wohl mein innig Flehn?
        So komm, daß uns dein Fittig wehe,
        Laß mich dein furchtbar Antlitz sehn!

Der Altar brennt, Rauchwolken entzünden sich.

Oriana fortfahrend.
        Der Dampf mischt sich mit Himmelsdunst,
        Und dringt mit magischer Gewalt
        In ihre magische Wesenheit,
        Das macht die hohe geheime Kunst,
        Die Kunst, so wie die Sündfluth alt.
        Die Stunde rückt, nun ist die Zeit.
                heftig hin und her gehend.
        Singe das bekannte Lied!

Climene auf den Knieen.
                Höre! höre!
                Ich beschwöre
                Bei den Sternen,
                Himmelsfernen,
                Erdenklüften,
                Meeresschlüften,
                Hört die Lieder,
                Senkt euch nieder
                Aus den Bäumen,
                Sternen-Räumen,
                Aus den Gründen
                Mich zu finden!
                Neige dich, neige
                Meiner Gewalt!
                Zeige dich! zeige
                Dich, Geistes-Gestalt!

Pause.

Oriana.
Still! –
Ruft es nicht aus den Bergen her?
Säuselts nicht wogend übers Meer?
Stille!

Climene.
                Neige dich, neige
                Meiner Gewalt,
                Zeig' dich, o zeige
                Dich Geistes-Gestalt! –

Pause.

Oriana.
Stille! –
Rauscht es nicht von weiten?
Hörst du sie schreiten? –
Singt dir kein Kobold nach?
Wird denn kein Echo wach? – –
        heftig.
Lauter, laut, mit heftigerm Schrei,
Ziehe sie, zwinge sie, stürm sie herbei!

Climene.
O ihr schnellen
Furcht-Gesellen,
Geist-Gestalten,
Die da walten,
Wo kein Blick sie erreicht,
Wo alles Leben weicht: –
Hört mich in unterirdischen Wegen,
Drängt euch ihr höllischen Scharen entgegen!
Hört mich! hört mein Geschrei!
Macht mich des Grimmes frei! –

Pause.

Oriana.
Stille! –
Zittert die Erde nicht?
Wankt nicht der Lampen Licht? –
Hörst du die bleichen
Gesellen nicht schleichen?
        mit dem heftigsten Ausdruck.
Laut und lauter schrei die Lieder!
Zwing' sie mit Entsetzen nieder,
Laß in grausen Ungewittern
Im tiefsten Grund das Geisterreich erzittern.

Climene.
Reißt Euch durch Felsenspalten
Nächtliche Grimmgestalten!
Wandelt, erstarrt mein Blut,
Erschüttert den frevelnden Muth!
Nimm schwarzes Höllen-Chor
Die gräßlichste Larve vor!
Aber zeigt! zeigt! zeigt euch!
O neigt! neigt! neigt euch!

Oriana.
                – Still
                Die Felsen klingen,
                Die Geister bringen
                Uns stillen Gruß.

Echo leise Stimmen weit ab.
                Wir neigen, wir neigen
                Doch zeigen, uns zeigen
                Ist uns nicht vergönnt.

Oriana und Climene auf den Knieen.
Olallin, großer König, zwinge,
Daß uns dein Werk, dein Werk gelinge;
Zwinge,
Und bringe
Sie alle herbei!!

Eine tiefe Stimme.
                Ich zwinge sie –
                        Ja!
                Aber bringe sie
                Heute nicht nah.

Oriana und Climene.
                Wehe! Wehe!
                    Verloren!
                Wehe! Wehe!
                    Verloren!

            Echo und Stimme zugleich.
Ich zwinge sie
Ja!
Aber bringe sie
Heute nicht nah.
            Wir neigen, wir neigen
Doch zeigen, uns zeigen
Ist uns nicht vergönnt.

Die Töne verhallen, wie in der Ferne Altar und Lampen verlöschen. Morgenroth.

Oriana. Auf! unsere Arbeit war vergebens. Der furchtbare Elfenfürst hat sich uns abgewandt. – Hinweg! der Morgen bricht an!

Climene. Hinweg! hinweg! Beide schnell von verschiedenen Seiten ab.

Man hört ganz in der Ferne einen Marsch von Waldhörnern.

Angelica tritt auf.

Angelica. Es ist noch früh, die ersten Strahlen spielen herauf und küssen das fliehende Gewölk. – Ich höre seine Jagdhörner. – Ein tiefer Schlaf hielt in dieser Nacht meine Sinne gefesselt und nun bin ich ermatteter als zuvor. – Ich muß zurück; ich darf ihn nicht begrüßen. – O Schmerz der hoffnungslosen Liebe! – Er jagt – o du gute Göttin Diana schütze ihn, den Liebling meines Herzens; sieht er doch deinem Endymion so ähnlich, um den du noch immer klagst, denn jede Morgenröthe findet deine Thränen noch am grünen Grase. sie geht.

(Der Marsch näher, ein Chor von Jägern tritt auf, Rondino unter ihnen, Aldrovan an ihrer Spitze.)

Chor.
        Es dampfen die Büsche
        Mit lieblicher Frische,
        Der Morgen so schön!
        Auf, Jagdkameraden!
        Ihr werdet geladen
        Durch Hörnergetön!

Aldrovan.
        Die Rosse sie stampfen,
        Sie schnauben und dampfen
        Vor feurigem Muth.
        Besteigt sie in Eile
        Und röthet die Pfeile
        Mit spritzendem Blut.

Chor.
        Es dampfen die Büsche
        Mit lieblicher Frische,
        Der Morgen so schön!
        Auf Jagdkameraden!
        Ihr werdet geladen
        Durch Hörnergetön! Mit einem Marsche ab.

Der Vorhang fällt.

 


 

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