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Das Trauerspiel vom Macbeth.

William Shakespeare: Das Trauerspiel vom Macbeth. - Kapitel 29
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDas Trauerspiel, vom Macbeth.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20152-2
titleDas Trauerspiel vom Macbeth.
pages3-121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1765
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Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

Ein Vorzimmer in Macbeths Schlosse.

Ein Arzt und eine Kammer-Frau treten auf.

Arzt. Ich habe nun zwoo Nächte mit euch gewacht, aber ich finde nichts daß eure Erzählung bestättiget. Wenn war es, da sie das leztemal gieng?

Kammer-Frau. Seitdem seine Majestät zu Felde gezogen ist, hab' ich sie gesehen, daß sie aus ihrem Bett aufstuhnd, ihren Schlafrok um sich warf, ihr Cabinet aufschloß, Papier herausnahm, es zusamenlegte, überschrieb, laß, hernach siegelte, und dann wieder zu Bette gieng; und das alles im tiefsten Schlafe.

Arzt. Das zeigt eine grosse Unordnung in der Natur an! zu gleicher Zeit die Wohlthat des Schlafs geniessen, und Geschäfte des Wachens thun! Ausser dem Herumgehn und andern würklichen Verrichtungen, hörtet ihr sie in dieser schlummernden Bewegung jemals etwas reden?

Kammer-Frau. Dieses, Sir, möcht' ich ihr nicht nachsagen.

Arzt. Gegen mich dürft ihr's wohl, und es ist sehr nöthig, daß ihr's thut.

Kammer-Frau. Weder gegen euch, noch eine andre lebende Seele, da ich keinen Zeugen habe, der meine Aussage bekräftigen könnte.

Lady Macbeth tritt mit einem Wachslicht auf.

Seht, seht! hier kommt sie; so pflegt sie zu gehen, und bey meinem Leben, in tiefem Schlaf; beobachtet sie nur, aber haltet euch ruhig.

Arzt. Wie kam sie zu dem Lichte?

Kammer-Frau. Es stuhnd neben ihrem Bette: sie hat immer Licht bey sich; es ist ihr Befehl.

Arzt. Ihr seht, sie hat die Augen offen.

Kammer-Frau. Ja, aber ihre Empfindung ist geschlossen.

Arzt. Was macht sie izt? Seht, wie sie ihre Hände wascht.

Kammer-Frau. Das bin ich schon gewohnt, sie ihre Hände so waschen zu sehen; ich habe schon gesehen, daß sie eine ganze Viertelstunde an einem fort nichts anders that.

Lady Macbeth.
Hier ist noch ein Fleken.

Arzt. Horcht, sie redt. Ich will alles aufschreiben, was sie sagt, damit ich nichts vergesse.

Lady Macbeth.
Weg, du verdammter Fleken; weg, sag ich – – Eins, – – zwey; wohlan dann, so ist es hohe Zeit – – Die Hölle ist dunkel. Fy, Milord, fy! ein Soldat und erschroken? Was brauchen wir uns zu fürchten, daß es auskomme, da niemand mächtig genug ist, uns zur Rechenschaft zu ziehen? – – aber, wer hätte gedacht, daß der alte Mann so viel Blut in ihm hätte?

Arzt. Hört ihr das?

Lady Macbeth.
Der Than von Fife hatte eine Frau; wo ist sie nun? – – Wie, wollen diese Hände nimmer rein werden? – – Nichts mehr hievon, Milord, nichts mehr hievon, ihr verderbt alles mit diesem Starren.

Arzt. Geht, geht; ihr wißt etwas, das ihr nicht solltet.

Kammer-Frau. Sie hat gesprochen, was sie nicht sollte, dessen bin ich gewiß; der Himmel weiß, was sie wissen mag.

Lady Macbeth.
Das riecht immer noch nach Blut; alle Gewürze von Arabien können diese kleine Hand nicht anders riechen machen. Oh, oh, oh!

Arzt. Was für ein Seufzer das war! Sie hat etwas schweres auf dem Herzen.

Kammer-Frau. Ich wollte um die ganze Hoheit ihrer Person kein solches Herz in meinem Busen haben.

Arzt. Wohl, wohl, wohl – –

Kammer-Frau. Das gebe Gott, daß es so sey, Sir – –

Arzt. Diese Krankheit geht über meine Erfahrung; indeß hab' ich doch solche Nachtwandler gekannt, die als gute Christen in ihrem Bette gestorben sind.

Lady Macbeth.
Wascht eure Hände, werft euern Schlafrok um, seht nicht so blaß aus – – Ich sag's euch noch einmal, Banquo ist begraben, er kan aus seinem Grabe nicht wiederkommen.

Arzt. Würklich?

Lady Macbeth.
Zu Bette, zu Bette; man klopft an der Pforte: kommt, kommt, kommt, kommt, gebt mir eure Hand: Was geschehen ist, kan nicht geändert werden. Zu Bette, zu Bette, zu Bette.

(Lady Macbeth geht ab.)

Arzt. Geht sie nun zu Bette?

Kammer-Frau. Geradesweges.

Arzt. Man lispelt einander entsezliche Dinge in die Ohren. Unnatürliche Thaten bringen unnatürliche Unruhen hervor, und ein angestektes Gewissen murmelt sein Geheimniß seinem tauben Kopf-Küssen zu. Sie bedarf mehr eines Geistlichen, als eines Arztes. Gott, Gott, vergieb uns allen! – – Sehet zu ihr! Entfernet alles von ihr womit sie sich Schaden thun könnte, und lasset sie keinen Augenblik unbewacht, und hiemit, gute Nacht. Mein Gemüth ist ganz bestürzt und mein Gesicht wie nebel-trunken – – Ich denke, aber reden darf ich nicht.

Kammer-Frau. Gute Nacht, Herr Doctor.

(Sie gehen ab.)

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