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Gutenberg > William Shakespeare >

Das Trauerspiel vom Macbeth.

William Shakespeare: Das Trauerspiel vom Macbeth. - Kapitel 28
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDas Trauerspiel, vom Macbeth.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20152-2
titleDas Trauerspiel vom Macbeth.
pages3-121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1765
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Sechste Scene.

Rosse zu den Vorigen.

Macduff. Seht, wer hier kommt!

Malcolm. Ein Landsmann; und doch kenn' ich ihn nicht.

Macduff. Mein werther Vetter, seyd willkommen.

Malcolm. Nun kenn ich ihn. Der Himmel entferne bald die Ursachen, die uns einander fremde machen!

Rosse. Dazu sag' ich Amen, Gnädigster Herr.

Macduff. Ist Schottland noch im alten Stand?

Rosse. Ach! Unser armes Vaterland, es erschrikt vor seinem eignen Anblik! Es kan nicht mehr unsre Mutter genennt werden, sondern unser Grab; ein Land, wo allgemeiner Jammer alle Angesichter verzehrt; wo man das unwissende Wiegen-Kind allein noch lächeln sieht; wo Seufzen, Aechzen und Schreyen die Luft erfüllen, ohne mehr bemerkt zu werden, und beym Getön der Todtengloke kaum noch gefragt wird, um wen? Wo rechtschaffne Leute schneller dahin sind, als die Blumen auf ihren Hüten, und sterben, eh sie krank geworden sind.

Macduff. O grausame, aber nur allzuwahrhafte Beschreibung!

Malcolm. Was ist die neueste Beschwerde?

Rosse. Jede Minute brütet eine neue aus.

Macduff. Wie steht's um mein Weib?

Rosse. Wie? wohl – –

Macduff. Und um alle meine Kinder?

Rosse. Auch wohl – –

Macduff. Hat der Tyrann ihre Ruhe nicht gestört?

Rosse. Nein, sie waren in guter Ruhe, wie ich sie verließ.

Macduff. Ich merk euch an, daß ihr mir etwas verbergen wollt: redet frey heraus, wie geht es?

Rosse. Wie ich abreisete, um die Zeitungen mit denen ich schwer beladen bin, hieherzutragen, gieng ein Gerüchte, daß verschiedne brave Leute aus dem Wege geräumt worden seyen; welches mir desto glaublicher war, weil ich die Völker des Tyrannen ausrüken sah. Nun ist die höchste Zeit zu helfen; euer blosser Anblik würde in Schottland Krieger erschaffen, und Weiber zum fechten aufmuntern, um dieses unerträglichen Jammers loß zu werden.

Malcolm. Laß es ihren Trost seyn, daß wir im Begriff sind, zu kommen: der huldreiche König von England hat uns den wakern Siward mit zehentausend Männern geliehen, den ältesten und besten Kriegs-Mann in der ganzen Christenheit.

Rosse. Wollte der Himmel, ich könnte diesen Trost mit einem andern erwiedern! Aber ich habe Dinge zu sagen, die ich lieber in eine einöde Wüste hineinheulen wollte – –

Macduff. Was betreffen sie? die allgemeine Sache? Oder ist es ein besonderer Schmerz, der irgend einer einzelnen Brust zugehört?

Rosse. Es ist kein redliches Gemüth, das nicht Theil daran nimmt, ob gleich das Ganze euch allein gehört.

Macduff. Wenn es mein ist, so enthaltet mir's nicht länger vor – redet!

Rosse. O! Laßt um dessentwillen, was ich sagen muß, den Ton meiner Stimm' euern Ohren nicht auf ewig verhaßt werden! Es ist das schmerzlichste, was ihr jemals gehört habt.

Macduff. Hem! ich errath es.

Rosse. Euer Schloß ist überrumpelt, euer Weib und eure Kinder unmenschlich niedergemezelt worden – – die Umstände zu erzählen, wäre euern Tod auf den ihrigen häuffen.

Malcolm. Barmherziger Himmel! – – Wie, Mann! drükt euern Hut nicht so auf eure Augbrauen – – Gebt euerm Schmerz Worte: ein stummer Schmerz preßt seine Klagen in das Herz zurük, und macht es brechen.

Macduff. Meine Kinder auch!

Rosse. Weib, Kinder, Hausgenossen, alles was er fand.

Macduff. Und mußt' ich abwesend seyn! Auch mein Weib um gebracht?

Rosse. Wie ich sagte.

Malcolm. Fasset euch; Raache soll die Arzney seyn, womit wir diesen tödlichen Schmerz heilen wollen.

Macduff. Er hat keine Kinder – – alle meine artigen Püpchen? Alle, sagtet ihr? wie, alle? O höllischer Geyer! alle? Wie, alle meine armen Hühnchen, und ihre Mutter, auf einen verfluchten Schluk?

Malcolm. Rächet euch wie ein Mann – –

Macduff. Das will ich: aber erst will ich fühlen wie ein Mann. Ich kan nicht gleich vergessen, daß ich sie hatte, daß sie das kostbarste waren was ich hatte – – Konnte der Himmel zusehen, und nahm sich ihrer nicht an? Sündenvoller Macduff! um deinetwillen wurden sie erschlagen! Ich unglükseliger! Nicht um ihrer Missethaten, um der meinigen willen wurden sie geschlachtet: der Himmel gebe ihnen nun Ruhe!

Malcolm. Laßt das euer Schwerdt wezen, laßt Schmerz sich in Wuth verwandeln: erleichtert euer Herz nicht, sezt es in Flammen.

Macduff. O ich könnte weinen und schreyen wie ein Weib! aber, du gütiger Himmel, schneide allen Aufschub ab! bring du, Stirne gegen Stirne, mich und diesen Schottischen Teufel zusammen; bring ihn nur so nah daß ihn mein Schwerdt erreichen kan, und wenn ich ihn entrinnen lasse, dann, o Himmel, dann vergieb ihm auch!

Malcolm. Dieser Ton geht männlich! Kommt, wir wollen zum Könige, unsre Völker sind marschfertig, wir haben nichts mehr nöthig als Abschied zu nehmen. Macbeth ist reif abgeschüttelt zu werden, und die Mächte über uns sezen ihre Werkzeuge an. Gehet, und erfrischet euch diese Nacht auf den morgenden Tag.

(Sie gehen ab.)

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