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Gutenberg > William Shakespeare >

Das Trauerspiel vom Macbeth.

William Shakespeare: Das Trauerspiel vom Macbeth. - Kapitel 25
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDas Trauerspiel, vom Macbeth.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20152-2
titleDas Trauerspiel vom Macbeth.
pages3-121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1765
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Dritte Scene.

Verwandelt sich in Macduffs Schloß zu Fife.

Lady Macduff, ihr kleiner Sohn, und Rosse treten auf.

Lady Macduff. Was hat er denn gethan, daß er flüchtig werden mußte?

Rosse. Ihr müßt Geduld haben, Madam.

Lady. Er hat keine; seine Flucht war Raserey; wenn es unsre Handlungen nicht thun, so machen uns unsre Besorgnisse zu Verräthern.

Rosse. Ihr wißt nicht, ob es seine Klugheit oder seine Furcht war – –

Lady. Klugheit? Sein Weib, seine Kinder, seinen Siz, seine Titel an einem Ort vor sicher halten, von dem er selbst entflieht? Er liebt uns nicht, er hat das natürliche Gefühl nicht; der arme Zaunkönig sogar, der allerkleinste unter den Vögeln, hat Muth, wenn seine Jungen im Nest sind, gegen die Eule zu kämpfen: Seine Furcht ist alles, seine Liebe nichts; und wie groß ist nun da die Klugheit, wo die Flucht aller Vernunft und Pflicht so zuvorrennt?

Rosse. Meine theureste Base, ich bitte euch, mäßiget euch; euer Gemahl ist edel, ist weise, ist bedächtlich, und weiß am besten, was die Zeit erfordert. Ich darf mehr nicht sagen, aber grausam sind die Zeiten, wo wir Verräther sind, und uns selbst nicht kennen: wo wir uns von unsrer Furcht regieren lassen, und doch nicht wissen was wir fürchten; sondern auf einer wilden und stürmischen See hin und her getrieben irren. Ich beurlaube mich von euch; aber ich will in kurzem wieder da seyn; Wenn die Sachen am schlimsten sind, müssen sie gar aufhören oder wieder gut werden. Lebet wohl mein liebenswürdiger Vetter.

Lady Macduff. Er hat einen Vater, und ist doch vaterloß.

Rosse. Ich bin so sehr ein Thor, daß wenn ich mich länger aufhielte, meine Schwachheit mich selbst beschämen, und euch nur trostloser machen würde. Ich muß mich auf einmal losreissen.

(Rosse geht ab.)

Lady. Armer Junge, dein Vater ist todt? Was willt du nun anfangen? Wie willt du leben?

Sohn. Wie die Vögel, Mutter.

Lady. Wie, von Würmern und Fliegen?

Sohn. Von was ich kriegen kan, meyn' ich; sie machen's auch so.

Lady. Armes Vögelchen! du würdest weder Nez noch Leimruthe, weder Fallen noch Strike fürchten.

Sohn. Warum sollt' ich, Mutter? Die armen Vögelchen! wie wollten sie das machen? Aber, mein Vater ist nicht todt, wenn ihr's schon sagt.

Lady. Ey ja, er ist todt; wo willt du nun einen Vater hernehmen?

Sohn. Aber wo wollt ihr einen Mann hernehmen?

Lady. Wie! ich kan ihrer zwanzig auf dem nächsten Markt kauffen.

Sohn. So kauft ihr sie nur, um sie wieder zu verkauffen?

Lady. Du redst so gescheidt als du kanst, und doch in der That gescheidt genug für dich.

Sohn. War mein Vater ein Verräther, Mutter?

Lady. Ja, das war er.

Sohn. Was ist ein Verräther?

Lady. Wie, einer der schwört und lügt.

Sohn. Und die sind alle Verräther, die das thun?

Lady. Ein jeder, der das thut, ist ein Verräther und muß gehangen werden.

Sohn. Und müssen die alle gehangen werden, die schwören und lügen?

Lady. Ein jeder.

Sohn. Wer muß sie hängen lassen?

Lady. Wer? die ehrlichen Leute.

Sohn. So sind die Lügner und Schwörer nur Narren; denn es sind ihrer so viele, daß sie stark genug wären, die ehrlichen Leute zu schlagen und hängen zu lassen.

Lady. Gott helfe dir, du armer Junge! Aber was willt du um deinen Vater thun?

Sohn. Wenn er todt wäre, so würdet ihr um ihn weinen; und wenn ihr nicht um ihn weinen würdet, so wäre es ein gutes Zeichen, daß ich bald wieder einen andern Vater bekäme.

Lady. Kleines Plaudermaul! wie du redst!

Ein Fremder zu den Vorigen.

Fremder. Heil euch, schöne Dame! Ihr kennt mich nicht, aber euer hoher Stand macht euch vielen bekannt, die es euch nicht sind. Ich besorge, daß irgend eine Gefahr über euerm Haupte schwebe. Wenn ihr die Warnung eines gemeinen Manns annehmen wollt, so laßt euch hier nicht antreffen; fliehet unverzüglich mit euern Kindern. Ich bin vielleicht unhöflich, daß ich euch so erschreke; aber es würde unmenschlich seyn, wenn ich es nicht thäte, da ihr keinen Augenblik zu verliehren habt, der Himmel bewahre euch! Ich darf mich nicht länger aufhalten.

(Er geht ab.)

Lady Macduff. Wohin sollt' ich fliehen? Ich habe ja nichts böses gethan. Aber nun besinn' ich mich; ich bin in einer Welt, wo böses thun oft löblich ist, Gutes thun, für eine gefährliche Thorheit gehalten wird. Was ist nun zu thun? Soll ich auf meine Unschuld mich beruffen, und mich hinter diesem weiblichen Schilde sicher glauben? – – Was für Gesichter sind diese?

(Die Mörder treten auf.)

Mörder. Wo ist euer Mann?

Lady Macduff. Ich hoffe, an keinem so schändlichen Orte, daß ihn deines gleichen finden sollen.

Mörder. Er ist ein Verräther.

Sohn. Du lügst, du zottelköpfiger Spizbube!

Mörder. Was sagst du, ey du junge Brut von Verrätherey – –

(Er ermordet ihn.)

Sohn. Er hat mich umgebracht, Mutter; flieht, flieht, ich bitte euch.

(Lady Macduff entflieht mit Geschrey um Hülfe; die Mörder verfolgen sie.)

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