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Das Trauerspiel in Tyrol

Karl (Leberecht) Immermann: Das Trauerspiel in Tyrol - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleImmermanns Werke Band I.1
authorKarl Immermann
year1887
firstpub1828
publisherW. Spemann
addressBerlin und Stuttgart
titleDas Trauerspiel in Tyrol
pages190
created20130916
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.

Zu Botzen. Ein Zimmer. Nacht.

Donay allein.
Für einen Klugen giebt's kaum größre Lust,
Als zuzuschau'n, wie Tapfre und Gewalt'ge
Sich keuchend müh'n, den Schatz zu heben, den
Nur unser helles Auge sieht, und nur
Dem ihren zeigen kann. So stöhnt der Graf
Seit Wochen, Andres Hofern einzufangen,
Und kommt zum Ziele nicht. Niemand verrät ihn.
Die Sorge raubt die Freuden ihm des Mahls,
Und scheucht den Schlaf von seinem Lager. Ich
Seh' lächelnd zu. Ich weiß den Ort schon längst,
Weil es kein andrer sein wird, als aus welchem
Ich Hofern im August hervorgezogen.
Ich kann nicht sagen, wie es mich erquickt,
Die schweißgetränkte Mühe anzuschau'n.
Ein Wort gäb' Ruh' dem goldbetreßten Grafen,
Was aber rasch zu sagen, Thorheit wäre.
Ein kahler Dank wär' dann der höchste Lohn.
Ich aber will ein glänzend Schicksal ernten.
Und dazu that es not, die Anstrengung
Sich unnütz lange Zeit zerwirken lassen.
Er hat mich herbestellt, tief in der Nacht;
Es muß ihm not sein. Wenn's die Zeit mich dünkt,
Will ich das Suchespiel heut enden lassen.


Zweiter Auftritt.

Graf Barraguay. Donay.

Graf Barraguay tritt auf.
Ich ließ dich aus dem Schlafe stören, Priester!
Gieb neuen Anschlag an, der alte hilft nicht.
So eben kehrte das Kommando wieder
Mit leeren Händen! Glaub' ich doch, der Sandwirt
Besitzt den Hut des Fortunat.

Donay.                                             's ist seltsam.

Barraguay. Was hab' ich nicht versucht, ihn zu bekommen,
Das ganze Thal der Etsch, das von Passeyer
Ließ ich durchstreifen; keinen Holzweg giebts,
Der nicht die Spuren trüge unsrer Füße.
Vergebens! Teuren Lohn hab' ich verheißen
Dem, der ihn ansagt: Niemand meldet sich.
Ich habe mich so weit herabgelassen,
Die Acht zu tilgen, daß er selbst sich liefre.
Umsonst; er traut nicht, und ich bin der Hund,
Der nach dem Vogel, hoch in Lüften, springt.

Donay. Ich würd' ihn seinem Schicksal überlassen.

Barraguay. Nein, nein, das geht nicht!
Ich gab mein Ehrenwort, das Land zu stillen,
Und bin darin genauer, als der Herzog.
So lang' er lebt, hat die Empörung Farbe.
Es giebt in jedem Wald den höchsten Baum,
Den größten Berg in jeglichem Gebirge.
Und so will die Natur, daß auf den Schultern
Der Bürgerkriege und Tumulte sich
Irgend ein Haupt erhebe. Selber weiß
Ein solcher Mensch oft nicht, warum er's ist.
So ist's mit Hofern. Haben muß ich ihn.
Gelingt's dem Torgler nicht, den andern Schelmen,
Dem Kolb, dem Stöger, Luxheim, Markenstein,
Mit seinem Namen immer noch das Volk
In dem und jenem Dorfe aufzuregen?
Es sind die letzten Flammen, weiß ich wohl;
Doch löschen sie auch nur durch Hofers Blut.

Donay. Ich wüßte wohl ein Mittel.

Barraguay.                                       Sag's geschwind!

Donay. Was aber wird mir denn für meine Mühe,
Für meine Sorge und Aufopferung?

Barraguay. Der ausgesetzte Preis soll dir gehören.

Donay. Nicht Geld ist das, wonach mein Herz verlangt:
Ich bin nicht unempfindlich gegen Ehre.
Wenn wirklich sich an Hofern knüpft das Schicksal
Von diesem Land, und ich ihn fallen mache,
Bin ich wohl eigentlich der Friedensstifter.
Nun wohl! Ich will, daß dieses Ruhmverdienst
Mit Siegespomp von meiner Stirne leuchte;
Ich will, daß mich des guten Hofers Fall,
Den ich mit Schmerzen nur, aus höh'rer Rücksicht
Besiegend mein Gefühl, geschehen lasse,
Sofort zu hohem Kirchenamt befördre.

Barraguay. Es sei! Was ich dir nützen kann, versprech' ich.
Mich kümmert es, als einen Krieger, wenig,
Auf welchem Priesterhaupt die Bischofsmütze.
Sobald durch deine Hilf' uns Hofer wird,
Empfehl' ich dich aufs gründlichste dem Prinzen,
Durch ihn dem Kaiser, und die Silberlinge
Gehören dir als Aufgeld. – Sag' dein Mittel!

Donay. Es wohnt ein Mensch hier, der sich Staffel nennt.
Ich hab' gehört, der bring' dem Sandwirt Nachricht
Von dem, was sich ereignet ringsumher.
Er ist ein armer, blöder, stumpfer Mann;
Die Todesfurcht entreißt ihm wohl den Ort.

Barraguay. Das ist derselbe ja, den das Kommando
Verdächtig irrend in den Bergen traf,
Anhielt und hergebracht. – He, Ordonnanz!


Dritter Auftritt.

Eine Ordonnanz. Vorige. Nachher Staffel.

Barraguay.Den Arrestanten bring' herein!
        Ordonnanz geht und kommt mit Staffel zurück.
                                                                            Hör du!
Du sollst vom Sandwirt Kunde haben, Schelm!
Gleich sag den Ort, du bist verloren sonst.

Staffel. Mir soll die Zung' in meinem Mund verwesen,
Wenn sie den Ort, wo Hofer ist, dir nennt;
Die Lippen sollen überm Kinn verschrumpfen,
Wenn sie den Ort aus ihrem Schutz entlassen;
Und mag das Ohr mir von dem Kopfe fallen,
Das den Verrat von Zung' und Lippe hört.

Barraguay. Bei solcher greulichen Verwünschung, Staffel,
Dring' ich denn weiter freilich nicht in dich.
        Zur Ordonnanz.
Hat das Kommando wohl noch scharf geladen?

Ordonnanz. Ja wohl, mein General!

Barraguay.                                         So soll's antreten
Hier auf dem Hof, und diesen Märtyrer
Vor meinem Fenster alsobald erschießen.

Staffel. Halt! Nicht so rasch! Ich mag nicht sterben! Wartet!
Der Sandwirt sitzt in seiner Alpenhütte
Vier Stunden ob Passey'r, zu Kellerlahn.

Barraguay. Gut! Du sollst führen. – Nimm ihn mit hinaus!
        Ordonnanz führt Staffeln ab.
Fast wird's unmöglich sein, zu ihm zu dringen
Durch diese wilden Schnee- und Eiseswüsten.
        Es fällt ein Schuß.
Was giebt es da?

Ordonnanz tritt auf.   Der Bauer, General!
Hat sich, verwünschend seine Schwäche, draußen
Mit einem Terzerol durchs Herz geschossen.
Wir hatten's nicht bemerkt; er trug's im Kleid.

Barraguay. Was für ein Volk! verzagt und unerschrocken!
Warum denn fürchtete er meine Kugel?
Schafft mir die Leiche weg. – Der Hauptmann komme,
Der bei den Insurgenten war gefangen,
Und den in Brixen wir befreit. – Wie heißt er?

Donay. Der Kapitän Raynouard.

Barraguay.                                   Recht! Raynouard komme.
        Ordonnanz geht.
        Zu Donay.
Ist dir der Ort bekannt?

Donay.                                   Ich habe selbst
Den Hofer früherhin dort oft besucht.

Barraguay. So wirst du denn den Weg uns zeigen müssen.

Donay. O! das wird kaum mein Herz zu tragen wissen!

Barraguay. Ich hoffe dennoch, daß du's überstehst.


Vierter Auftritt.

Kapitän Raynouard. Die Vorigen.

Barraguay zu Raynouard.
Sie soll'n die Scharte Ihrer Haft, Herr Hauptmann!
Auswetzen diese Nacht. Der Sandwirt ist
Entdeckt. Sie sind befehligt, ihn zu fangen.
Donay geleitet Sie. – Ein stark Kommando
Von Fußvolk und Gendarmen nehmen Sie.
Das Volk wird gären, sieht es ihn; die Truppen
Soll'n in der ganzen Gegend im Gewehr stehn.

Raynouard. Gehorchen muß ich, doch mit Schmerzen thu' ich's.
Der alte Mann hat mich vom Tod erlöst,
Fast wie ein Freund mich in der Haft behandelt.

Barraguay. Solch Widerstreit von Pflicht und Lieb' ist häufig
In stürm'scher Zeiten Lauf. Wenn er gefangen,
Muß gleich ein Reitender nach Mailand abgeh'n,
Wohin des Prinzen Hoheit sich begeben.
Den zweiten senden Sie nach Mantua,
Daß dort das Kriegsgericht zusammentrete,
Und führen diesem Hofern schleunigst nach.
Sie werden nach drei Tagen die Verhandlung
Von dem vollstreckten Urtel senden. – Halt!
Noch eins!
        Er geht zum Tische und nimmt ein Schreiben von demselben.
                    Hier ist das Schreiben vom Haus Östreich,
Das unsre Leute kürzlich unter'm Schutt
Bei den Gebeinen des La Coste fanden;
Es hat, wie durch ein Wunder, sich erhalten.
        Er giebt das Schreiben dem Raynouard.
Das händ'gen Sie dem Hofer ein. Er hat
Darauf gepocht, und sich des Rechts darauf berühmt.
Gerechtigkeit zu üben bin ich hier.
Wie ihm nach unserm Rechte wird die Kugel,
So werde ihm nach seinem Recht das Schreiben

Sie gehen ab.


Fünfter Auftritt.

Öde Felsgegend, mit Schnee bedeckt, oberhalb Passeyer, vor der Hütte Kellerlahn. Es ist noch Nacht.

Hofer tritt aus der Hütte.
Die Luft geht scharf; der zwanzigste Januar,
Den wir heut schreiben, übt ein strenges Recht;
Die Sterne scheinen grimmig auf den Schnee.
Ich konnt' nicht schlafen in der leichten Hütte.
»Du sollst das Schwert, das du geführt, behalten.«
Der Engel sprach's, so war's ein Ruf von Gott.
Das konnte heißen: Brauche dieses Schwert,
Und deine Macht, die durch das Schwert sich kündet,
Zur Friedigung des Landes. Ich gab euch
In Feindes Hand, so diene fromm dem Feinde.
Und hilf unmächt'ge Zuckung niederhalten.
Du warst zum Krieg das Haupt, sei's jetzt zum Frieden.
Es konnte heißen: Kleinmut ist ein Laster.
Nicht Kleinmut darf des Schwertes Träger schänden.
Behalt die Waffe still in tapfern Händen;
Stärk' dich daran, und stärke deine Freunde,
Und harrt geduldig in dem Leid auf Glück. –
Was konnt's nicht alles heißen, und was sollt' es?
Mir hieß es: Krieg! Weil Krieg mein Herz begehrte,
Weil Zorn und Schmerz an meiner Seele zehrte,
Darum gebot der Engel mir den Krieg! –
Hab' ich gesündiget, du heil'ger Gott,
So finde mich und messe meine Strafe!
Ich leide sehr, und will darob nicht klagen.
Der Brand der Dörfer, die der Feind entzündet,
Weil sie mein neu Gebot zum Kampfe hörten,
Wirft seinen roten Schein an meine Hütte;
Das Winseln mannberaubter Frau'n tönt her.
Ich selber bin geächtet und verlassen,
Seh' niemand, höre niemand, hungr' und friere,
Und bin lebendig tot auf dieser Firne.

Speckbachers Stimme draußen.
Hier geht der Weg!

Haspingers Stimme draußen.
                                  Nein Josef! hier geht er!

Hofer. Ich höre Stimmen und bekannte Laute;
Die Geister meiner Freunde suchen mich.
Heran ihr Schatten, denn ich fürcht' euch nicht!


Sechster Auftritt.

Speckbacher und Haspinger treten auf. Hofer.

Speckbacher. Da sitzt ein Mann!

Haspinger.                                     Ich glaub', es ist der Hofer!

Hofer. Seid Menschen ihr mit Fleisch und Blut, seid ihr
Nur Schemen meiner Freunde?
Die Mitternacht ist, denk' ich, lang vorbei;
Doch schaudr' ich, eure Hände zu berühren;
Ich fürcht', ich fasse nur die dünne Luft.
Löst meine Seel' aus ihren Zweifeln, bitt' ich!

Speckbacher. Guten Morgen, Hofer!

Haspinger.                                           Nimm die Hand der Freunde!

Sie reichen ihm die Hände.

Hofer. Ihr seid's! Ihr seid's! O welch ein Freudentag
Wird noch auf dieser Welt dem armen Hofer!
Wie komm' ich denn zu diesem Glück? Entwöhnt
Hat meine Brust sich fröhlicher Empfindung,
Und sträubt sich, zu empfangen ihren Gast!
O deutet meine Kälte mir nicht übel.
Ich hab' ein elend Leben hier geführt.

Es ist Tag geworden.

Haspinger. Ach, armer Hofer! wie dein Bart ergraute!

Hofer. Auch deiner Haare Kranz hat sich gebleicht.

Speckbacher. Die Kniee zittern unserm Freunde, sieh!

Hofer. Dein scharfer Blick erlosch, mein lieber Josef!

Haspinger. Wir steh'n hier, eine stille Jammerkirche,
Und singen neue Weisen tiefer Schmerzen.
Wie sollen unsre Augen helle sein?
Das Vaterland weint sich die Augen aus.
Es ziemet sich, daß unsre Kniee schwanken.
Das Vaterland erliegt an seiner Last,
Und da ihm seine Jugend ward erschlagen,
So müssen wir wohl graue Haare tragen.

Hofer. Die grauen Haare deuten Weisheit an,
So wird das Vaterland die Weisheit finden.
Mit schwachen Knie'n erreicht man auch sein Ziel,
So schwankend wird das Vaterland es finden.
Vor Thränen kann das Auge nicht weit seh'n;
Blind schleicht das Land zu seinem Wohlergeh'n.

Haspinger. Hast du noch Aussicht? Ich hab' keine mehr;
All' meine Hoffnungen sind bei den Toten.

Hofer. nimmt ihn bei der Hand.
Bruder! ich hab' mich nie vermessen, abends
Zu sagen: Morgen werd' ich das und das thun;
Ich setzte stets hinzu: Wenn's Gott geliebt.
Ich kann nicht sagen, ob ich noch den Mittag
Erleben werd', und was mir heut begegnet.
Der Mensch blickt über seine Füße nicht.
Das aber weiß ich, und verkünde dir,
So wahr auf diesen Winter folgt der Sommer,
So werdet ihr, so werden unsre Kinder
Dem Kaiser, der zu Wien sitzt, huldigen.

Speckbacher. Woher, mein Hofer, schöpfst du das Vertrau'n?

Hofer. auf seine Brust deutend.
Von hier!
        gen Himmel deutend.
                Von dort! – Wenn mir ein wüster Knecht
Die Wirtschaft bringt in Unordnung: die Pferde
Zieht nach der Tenne, und den Ackerpflug
Trägt auf den Boden, und an seiner Stelle,
So jedem Ding nach Brauch und Schick gebührt,
Nichts lassen will, seh' ich wohl eine Weile
Dem Unheil duldend zu, und denk' im stillen:
Vielleicht, daß der Gesell sich doch noch bessert.
Doch hilft es nichts, und läßt er sich nichts sagen,
Weis' ich dem Störenfried zuletzt die Thür. –
So wird der Herr auch seinen wüsten Knecht,
Wenn die Verwirrung, die er angerichtet,
Zu ihrer Reif' und Zeitigung gedieh'n,
Mit Schimpf und Schanden aus dem Hause jagen.

Speckbacher. So laß uns leben in der Hoffnung, Hofer!
Ich freu' mich deiner herzlichen Gesinnung.
Geächtet sind wir, und auf rascher Flucht.
Wir aber mochten nicht das Land verlassen,
Eh' wir nicht dich gerettet. Komm mit uns;
Ich bringe dich nach Östreich, glaub' ich, durch.

Hofer. Ihr Herzgeliebten! Wackre, teure Männer!
Es wärmt mein Innerstes die goldne Treue,
Die ich von euch erfahre! Zürnt mir nicht!
Ich flüchte mich mit dir, mein Josef, nicht.

Haspinger. Willst du mit Josef nicht, so komm mit mir,
Hin nach Graubündens finstern Felsengründen,
In's stille Klösterlein zu Münsterthal.

Hofer. Du Guter, was soll ich wohl zu Graubünden?

Speckbacher. O Vater Hofer, gieb den Freunden nach!

Hofer. Bin ich denn eigensinnig, liebe Brüder?
Ich bin's ja wahrlich nicht, und kann nicht anders.
Ihr kennt mich doch, und wisset meine Weise.
Was soll der Hofer doch in fremden Ländern?
Wie eine Alpenpflanze wuchs ich fest
An unsren Felsen, und das viele Blut,
So ich vergossen und vergießen lassen,
Hat meinen Fuß noch fester angekittet.
Ihr wollt mein Heil; ich find' mein Heil nur hier.
Reißt ihr mit meiner Wurzel mich vom Boden,
So muß der alte Hofer bald verdorren.
Gott segne eure Flucht! Ich bleibe hier!

Speckbacher. Als Held wirst du in Österreich geehrt;
Der Kaiser wird dich väterlich beschützen.

Hofer. Der Kaiser wäre mir ein güt'ger Herr;
Allein er kann den Bauer nicht in's Schloß,
In sein Gemach, an seine Tafel nehmen,
Und für des Volkes Neugier taug' ich nicht.

Haspinger. Das stille Kloster in dem Münsterthal
Giebt, teurer Hofer, Ruh' und Frieden dir.

Hofer. Das Kloster ist des Mönches Aufenthalt,'
Und milde Freistatt reuevoller Sünder.
Ich bin kein Sünder, und kein Mönch bin ich;
Darum gehör' ich nicht in's Kloster, Vater!

Speckbacher. Was aber willst du hier? Besinn dich Hofer!

Hofer. Mein Los, wie Gott der Herr es giebt, erfüllen.

Haspinger. Verzweiflung ist's! Fass' Mut, entherzter Mann!

Hofer. Nein, Ruhe ist es, die nichts stören kann.

Speckbacher. Der Hunger tötet dich in dieser Wüste.

Hofer. Es bringt mein junger Sohn mir öfters Speise.

Haspinger. Sie werden dich hier fangen und verderben!

Hofer. Dann gebe Gott, ich sei das letzte Opfer.

Speckbacher. Unnütze Opfer liebt die Gottheit nicht.

Haspinger. Dem Vaterland zu leben, das ist Pflicht.

Hofer. Ich leb' und sterbe vor des Herrn Gesicht! –
Nun wollen das Gespräche wir beenden.
Der Hader bleibe fern der schönen Stunde,
Vielleicht der letzten, die wir sind zusammen.
Geht, meine Freund', und lasset euren Freund.
Gefährlich ist es, lang hier zu verweilen!
        Zu Speckbacher.
Du sinne, Kühner, für des Landes Heil!
        Zu Haspinger.
Du bete, Treuer, für des Landes Heil!
Ich will, was Gott schickt, für das Land erdulden.

Speckbacher. O Himmel! soll ich dich dem Feinde lassen?

Haspinger. Mir bricht das Herz; ich weiß mich nicht zu fassen!

Hofer. Die Gnade Gottes lächle euren Straßen!
        Zu Speckbacher.
Wenn dir der Kaiser Audienz erteilt,
Sag' ihm, Andreas Hofer sei getreu
Bis auf das Letzte seinem Herrn verblieben.
Unnütz sei jüngsthin noch viel Blut geflossen.
Ich aber bitte Seine Majestät,
Sie wolle mir nicht zürnen um den Fehler,
Weil Liebe ihn begangen! –
Der ganzen Welt nicht, nur dem Kaiser habe
Der blöde Hofer Glauben schenken wollen,
Und sei des Kaisers Wort ihm ausgeblieben.
        Speckbacher und Haspinger wenden sich, heftig erschüttert.
Bleibt ruhig, meine Freunde! hört mich aus!
Noch leb' ich, und vielleicht bleib' ich am Leben;
Ist's aber anders mir bestimmt, so werdet
Als Männer ihr die Todeskunde hören.
Und laßt mein weiß Gebein vergessen liegen,
Bis Östreichs Adler kehrt zum alten Horst;
Dann ist es Zeit, den Hügel mir zu rüsten,
Dann setzt ein schwarzes Kreuzlein mir darauf,
Und schreibt ans Kreuz: Hier liegt der Sandwirt Hofer.
        Er umarmt sie und drückt sie sanft an sich. Sie gehen nach verschiedenen Seiten ab.
Mein Heiland und mein Herr, beschütze sie!
Du schützest fromme Liebe, schütze sie!
Laß für die treue Freundschaft meine Brüder,
Für diesen schweren Gang laß sie nicht büßen!


Siebenter Auftritt.

Sein Sohn Johann tritt auf. Hofer.

Hofer. Nun, Hans, du junger Vogel! atzest du
Den Alten? Bringst du Futter deinem Alten?

Johann. O Vater, nichts als Elend bring' ich dir!
Du bist verraten, Vater! Die Franzosen
Zieh'n durch's Passeyerthal zu Berg hinan.

Hofer. Was? Ist's schon Zeit? So will ich nach der Scheiblahn,
Von da nach dem Hochgrindelberg mich flüchten!

Johann. Es hilft nicht, Vater! Alle Berge sind
Besetzt von ihren Posten; man kann's sehen!

Hofer. Wie? Also wäre keine Rettung mehr?
Die Stunde wäre da? 's ist schauerlich,
Wenn wir auch lange uns d'rauf vorbereitet.

Johann. Ach, du mein Väterlein, nun kommst du um!

Hofer. Sei still, mein Knabe, stör' nicht meine Seele,
Die schweren Kampf in ihren Tiefen ringt!
Warum denn soll ich sterben? Mut und Kühnheit,
Die lohnen sie ja sonst mit rotem Band! –
Nun, Hofer, du bekommst das rote Band!
Du wirst auf deiner Brust dich rötlich schmücken,
Freilich mit Blut; indessen hoff' ich, Freund,
Die Flecken werden dir wie Orden steh'n. –
Mut, Mut, mein Herz! Weil es einmal gekommen,
So nimm's, wie es gekommen! Angst und Pein
Löst ab glorreicher Tod. So ständ's ja gut.
Vernimm des Vaters Testament, mein Sohn.

Johann. Vater, du stirbst nicht!

Hofer.                                           Doch, mein lieber Junge!
Der große Kaiser braucht dergleichen Feste.
Zu meinem Erben ordn' ich dich, mein Sohn.
In beiden Höfen, an dem Sand und auf dem Tschaufen.
Die Mutter aber sollst du d'rin ernähren
Und pflegen, daß dir's wohl geh' auf der Erde.
Zu Herrn Vinzenz von Pöhler, meinem Freunde
Und werten Gönner, der in Neumark wohnt,
Begieb dich, lieber Sohn, und sage ihm,
Du sei'st des Sandwirts Hofer arme Waise;
Der Vater aber lass' ihn bitten, daß
Um alte Freundschaft und Gevatterschaft
Er deiner walten möge, als ein Vormund,
Bis du zu deinen Jahren bist gekommen.

Johann. Ach! hab' ich keinen Vater mehr?

Hofer.                                                             Nun werden
Wohl die Franzosen viel bei euch verkehren,
Und wo die sind, geht's wild und lustig zu.
Je wilder sie, so zahmer mußt du sein;
Demütig steh' zur Thüre, wenn sie kommen,
Und frage, was die gnäd'gen Herrn befehlen;
Stößt einer dich vom Ofen, der doch dein,
So murre nicht, und drück' dich in die Ecke;
Woll'n sie das Kalb, frag: ob sie nicht das Rind,
Und auch die Kuh noch außerdem begehren?
Wenn sie dich auf die rechte Backe schlagen,
So halte gleich die linke hin dem Zücht'ger.
Kurz, denke stets, du seiest ohne Recht,
Sie sei'n die Herren, und du seist der Knecht.

Johann. Vater! warum soll ich so schimpflich denken?

Hofer. Wie wird dir sein, wenn du mein Wort befolgst?

Johann. Ich werde schluchzen, Vater! meine Hände
Zusammenball'n und mit den Zähnen knirschen.

Hofer. Nun siehst du, Sohn, so legst du einen Schatz
Von edlem Haß dir an in deiner Brust.
Der ist, was du bedarfst, geliebtes Kind.
Von diesem Schatz bestreitest du die Rache,
Wenn ihr Tag kommt. Je tiefer du dich beugtest,
Um desto höher wirst du steigen wollen!
Und bete, Knabe, daß zu frühe nicht
Der Herr der Herren den Gerichtstag sendet,
Damit du Jünglingskräfte erst erwirbst,
Und auch mit helfen kannst. Das ist zu fürchten,
Daß gar zu nah' die schreckliche Vergeltung.
Mich dünkt, ich sehe schon die Cherubim,
Die furchtbar dräu'n in die zerfleischte Welt.
Spart Gott die Strafe, bis du, Knabe, kannst
Den Stutz regieren, traun, so kommt der Tag,
Wo du in dreißig Feinde schickst die Kugel.
Befolgst du nun, was ich dir hab' gesagt?

Johann. Ja, Vater!

Hofer.                     So empfange meinen Segen;
Des Vaters Segen wird dir nötig sein. Er segnet ihn.
Ich hör' Geräusch! Grüß' deine Mutter! Fort!

Der Sohn geht. Hofer sinkt im stillen Gebet auf seine Kniee.


Letzter Auftritt.

Raynouard tritt auf mit Franzosen und Donay. Hofer.

Raynouard. In des Kaisers Namen, Andres, Sandwirt Hofer
Aus Thal Passeyer, du bist mein Gefangner.

Hofer steht auf.
Ihr kommt zu mir mit Spießen und mit Stangen.
Ich bin allein, und mach' euch leichtes Spiel.
        Er erblickt Donay und fährt zusammen.
Du also bist's, der seinen Freund verriet?

Donay. O Hofer! traurig kämpfte Pflicht mit Pflicht!

Hofer zu Raynouard.
Mein lieber Herr! willst du die Güte haben,
Und sagen, daß sich dieser Mann entferne?
Ich bin gefaßt; sein Anblick aber regt
Mir Streit und Qual in dem gestillten Herzen.

Raynouard. Fort, Priester!

Donay.                                   Laßt mich! Dieser Edle soll
Die Gründe meines Handels kennen lernen.

Raynouard. Du stürzest in den Abgrund, gehst du nicht. Donay geht.
Empfange, alter Mann, den Brief des Herrschers,
Für den du dich geopfert. Grause Frevel
Sind zwischen die Beförderung getreten.
Jetzt sendet ihn der Graf von Barraguay.
        Er übergiebt Hofern das Schreiben.

Hofer. Zu spät erblicktes, teuerwertes Blatt!
Ich küsse dieses Wappen, das ich kenne.
        Er küßt das Siegel, öffnet und liest.
Du mahnst zur Ruhe und Ergebung, Herr!
Und ich gehorche pünktlich dir, wie immer.
Ergeben bin ich in mein Todeslos,
Und geh' zur Ruh', zur ew'gen Ruhe ein.
Nun, meine Herrn Franzosen, ja, ihr habt ihn,
Der Oberkommandant war von Tyrol.
Es sind doch die Gewehre schon geladen,
So, dächt' ich, machten wir der Sach' ein Ende.
Wohin befehlt ihr, daß ich treten soll?

Raynouard. Du irrest, Hofer. Nicht auf diesem Berg
Wird dich des Lebens letzter Tag ereilen.
Nach Kriegsrecht und durch Urtel fällt dein Los.
Versammelt harren schon die Obersten,
Die schwarz' und weiße Kugel in den Händen.

Hofer. O blut'ger Scherz! Wohin entführt ihr mich?

Raynouard. Nach Mantua.

Hofer                                   Nach Welschland führt ihr mich?
Betrogner Hofer! Mit den Freunden wolltest
Du nicht von dannen, und nun bringen dich
Die Feinde aus der lieben Heimat Grenzen.
So soll mein sterbend Auge nicht mehr schau'n
Der weißen Ferner sonnenrote Häupter?
An grauem, ödem Festungswall soll ich
Veratmen diesen Hauch, den nichts als Düfte
Der Kräuter nährten, kühle Alpenlüfte?

Raynouard. Beschlossen ist's; so füge dich, o Hofer!

Hofer. Das werd' ich, junger Mann!
        Er wirft sich zur Erbe nieder und küßt sie.
                                                      Den Scheidekuß
Nimm, Boden, hin, der mich gesäuget hat.
Dich hab' ich einzig nur geliebt im Leben.
Trag immer Männer, welche gut und bieder.
        Er erhebt sich. Raynouard wendet sich in Thränen ab.
Du weinst? Trägst du um mich Erbarmen, Herr?
Ich schau' dich näher an – ich sollt' dich kennen.

Raynouard. Du bist mir bieder, väterlich begegnet,
Als ich zu Innsbruck saß in deiner Haft;
Ich will dafür als Sohn dich mild geleiten,
Bis daß mein trüb Geschäft zu Ende ist.

Hofer. Welch unerwartet freundliches Begegnen!
Wie lind und leise lös't mein Leben sich!
Mich dünkt, ich höre ferne Glocken klingen,
Und tief im Thale Kirchenlieder singen.

Raynouard. Mir aber quillt die Thräne unaufhaltsam.

Hofer. Trockne dein Auge, Jüngling! Willst du weinen,
So wein' um dich, und wein' um deine Freunde;
Denn wisset ihr, wohin euch euer Herr
Noch führen wird, und welcher Erdenwinkel
Eu'r brechend Aug' und Qualenschicksal sieht?
O, glaube mir, mein lieber, junger Mann,
Du wirst vielleicht den Sandwirt einst beneiden,
Der friedlich weggeht aus der Zeitlichkeit.

Raynouard. Hör auf! Die Erde scheint mir zu erbeben!

Hofer. So halte dich an meinem Glauben fest!
Es ist bei euch wohl wenig Christentum;
Du aber trägst ein glückliches Gesicht,
Und fromme Eltern, denk' ich, zeugten dich. –
Ich sage dir: ein heil'ger Engel sitzt
Am Thron des Ewigen, zu seinen Füßen;
Ganz eingehüllt von seinen beiden Flügeln,
Die silbern von den Schultern niederglänzen,
Und Haupt und Brust und Leib mit Licht bestrahlen.
Und die Geschicke, die der Ew'ge sieht,
Schreibt dieser Engel treu auf seine Tafel.
So bleiben vor dem Angesicht des Höchsten
Besteh'n die guten und die bösen Stunden.
Nach Mantua nun! – Ich habe überwunden.

Er geht voran. Die Franzosen folgen.

 


 

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