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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Das Trauerspiel in Tyrol

Karl (Leberecht) Immermann: Das Trauerspiel in Tyrol - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleImmermanns Werke Band I.1
authorKarl Immermann
year1887
firstpub1828
publisherW. Spemann
addressBerlin und Stuttgart
titleDas Trauerspiel in Tyrol
pages190
created20130916
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.

Zu Villach. Staatszimmer.

Der Vicekönig. Der Page. Nachher Hofer.

Vicekönig. Laß ihn herein; wie sieht er aus?

Page.                                                                   Man sieht
Von ihm fast nichts, als seinen langen Bart,
Der halb das Antlitz deckt, von da hernieder
Zum Gürtel kräuselnd wallt. Er könnte, glaub' ich,
So wie er ist, sich in Paris auf das
Theater Feydeau stellen, und den Jakob
In »Josef von Egypten« spielen.

Vicekönig.                                         Geh,
Du kleiner Schwätzer! ruf' den Patriarchen.
        Der Page geht.
Die Unterredung wird mir neu sein. Viel
Verworr'ne Reden werd' ich hören. Nun
Man muß sich in Geduld zu fassen wissen,
Will man einmal mit solchen Leuten sprechen.
        Hofer tritt auf.
Bist du der Sandwirt Hofer von Passeyer?

Hofer. Der bin ich, mein hochgnäd'ger Prinz und Herr.

Vicekönig. – Ein schlichter Landmann, wie es scheint. – Kommst du
Mit bünd'ger Vollmacht von den Insurgenten?
Zwar Vollmacht deutet auf erlaubte Dinge,
So paßt das Wort hier nicht. Indessen giebt
Die Armut unsrer Sprache mir kein andres;
Kommst du in Vollmacht von den Insurgenten?

Hofer. Die Landsverteid'ger haben mir vertraut,
Daß ich an ihrer Statt vor dir erscheine.

Vicekönig. Dein Kreditiv –

Hofer.                                   Ich habe kein's. Die Eile,
Der Drang der Zeitumstände ließen uns
Die Schrift vergessen. Auch wird meistens alles
Bei uns von Mund zu Munde abgehandelt.
Indessen kam ein guter Herr und Freund
Mit mir, der Priester Donay, dieser kann
Bekräft'gen, daß das Volk, was ich vor dir
Geredet, auch genehm'gen werde. Willst
Du, daß ich diesen Priester rufe?

Vicekönig.                                             Nein,
Bleib' nur; ich nehm' dich an.
        Nach einer Pause.
                                                  Daß ich so ganz
Vergesse, wie ich eigentlich mit euch
Verfahren dürfte, sollte, – freien Zutritt
Und des Gespräches Gnade euch gewähre,
Hat seinen Grund in angestammter Milde,
Und gütiger Erwägung eures Kurzsinns,
Der schrecklich auf euch selbst die Folgen wandte,
Erkennst du die Herablassung wohl an?
Ich hoffe, dankbar wirst du sie erkennen.

Hofer. Wenn ich bedenke, mein erlauchter Prinz!
Welch strenges Recht von euch, wie wir vernommen,
An denen ward geübet, die wohl sonst
Sich unterwanden, euch zu widerstreben,
Bewundr' ich deine Gnade.

Vicekönig.                                   Wohl! Und was
Bringst du von deinem Volke? Will es sich
Nun endlich guter Ordnung fügen? Frieden
Genießen, da der Erdkreis Frieden hat?

Hofer. So sagt man.

Vicekönig.                 Nun? – Sagt man? Wie? Glaubst du denn
Dem nicht, was alle Welt dir schon gesagt?

Hofer. Dein Offizier, o Herr! mein Adjutant,
Die beiden haben's mir bisher gesagt.

Vicekönig. nach dem Tische gehend.
Ich will des Kaisers Brief dir –

Hofer.                                             Hoher Herr!
Der Brief wird mir den Glauben doch nicht geben
        Der Vicekönig wendet sich unwillig.
Vergieb mir meine Kühnheit, lieber Herr!
Der arme Hofer kann einmal nicht anders;
Und da du Gnade üben willst, so übe
Die Gnade jetzt, mich huldreich anzuhören.
Wir Leute von Tyrol sind, oder waren,
Ein fröhlich Völklein; aber einen Zug,
Den wollen unsre Nachbar'n just nicht loben,
Sie nennen uns mißtrauisch. Ob wir's sind,
Kann ich nicht sagen; wenn wir's sind, so haben
Wir ein'gen Grund dazu; denn Vorsicht lehrt
Uns jeder Schritt von unsern Kindesbeinen.
Auf schmalen Pfaden wandern wir, da reißt
Sich haarbreit neben uns ein Abgrund auf,
Es hängt der Fels, die Klippe über uns –
Geschwind vorbei, eh' sich die Quadern lösen;
Heut sehen wir ein Bächlein, morgen ist
Vom kurzen Regenguß das Thal beströmt;
Die Nebel und die Wolken spiegeln uns
Die Ebne oder eine Brücke vor,
Vertrauen wir dem Dunst, so stürzen wir
Zerschmettert in das Bodenlose; nächtlich
Bricht Bär und Wolf in unsre Hürden, tags
Raubt uns der Aar die Frucht der Mutter. Sieh',
O Herr! so sind wir immerdar im Kampf,
Und müssen auf der Hut sein; der Tyroler
Glaubt nur, was er mit Händen fassen kann.

Vicekönig. Nun denn, du wunderlicher Mann! wie soll ich
Den Frieden dir in deine Hände geben?

Hofer. Ich bin nicht aufgestanden freventlich,
Nicht wie ein Ritter aus dem Stegereif!
Vielmehr, ich habe höchste Mahnung, und
Des Kaisers Willensmeinung abgewartet,
Und eher nicht den Stutz zur Hand genommen.
Ich kann wahrhaftig meine Zweifel, ob
Ich ihn ablegen solle, kann sie nicht
Aus meiner Seele in die Lüfte schicken,
Eh' ich nicht Kaisers Hand und Siegel, nicht
Den Friedensbrief von meinem Kaiser sehe.

Vicekönig. Ich muß dir zu vernehmen geben, Hofer!
Auf diesen Einwand war ich nicht gefaßt,
Und wenn du ihn nicht läßt, so scheint mir gänzlich
Der Unterredung Grund und Zweck zu mangeln.

Hofer. O zürne nicht, erlauchter Prinz! und höre
Mich gütig aus. Ich kann dir's nicht erzählen,
Wie oft uns arme Bauern das Gerücht
In diesem Sommer trog; an dessen Tücke
Reicht doch der Wolken Bosheit nicht, und schneller
Dreh'n Worte in ihr Gegenteil sich um,
Als um die Rose wechselnd läuft der Wind.
Bald hieß es: Stillstand sei, bald wieder: nein!
's ward eine Schlacht geliefert; bald: der Feind
Steht rechts vom Land, bald: links ward er geseh'n:
Jetzt war's gewiß: die Truppen werden bleiben,
Im nächsten Augenblick: das Heer zieht ab!
Wer kann uns schelten, wenn wir mehr als Worte
Zu der Bestät'gung unsres Unglücks fordern.

Vicekönig. So! – Aber hör doch! Ich soll dir doch glauben,
Daß du auf Abordnung des Volkes kommst.
Ich glaube dir; ich zweifle nicht; ich denke
Nicht, daß ihr Zeit gewinnen wollt, und während
Ich mit dir rede, neue Listen spinnt.
Du sagst's, der Bauersmann, ich glaub's, der Fürst.
Dir aber, Bauer! gilt das Ehrenwort
Des Fürsten und des Ritters nicht für voll.
        Hofer schweigt verlegen.
Ich dächt', es wär' wohl wichtig. – Schäm' dich, Hofer;

Hofer nach einer Pause.
Mein Herr! ich will versuchen, dir zu glauben.


Zweiter Auftritt.

Graf Barraguay. Die Vorigen.

Graf Barraguay tritt ein.
Vergebung meiner Kühnheit! – Doch vielleicht
Dient meine Nachricht zu der Audienz.
Der Herzog Danzigs hat, gemäß der Ordre,
Die ihm befiehlt, nichts Fremdes nach Tyrol
Hineinzulassen, Österreichs Kurier,
Der einen Brief vom Hause Habsburg an
Die Insurgenten brachte, sich zur Ruh'
Zu geben und die Waffen abzulegen,
Nebst seinem Schreiben, angehalten, fragt:
Ob er den Brief ins Hauptquartier soll senden,
Ob er ihn den Empörern schicken soll.

Vicekönig. Ich werde mich entschließen. Warten Sie
Im Vorgemach das Weit're ab. Barraguay ab.
                                                    Nun, Hofer!
Willst du, so laß ich diesen Brief mir bringen,
Du kannst ihn dann mit Kunstverständ'gen prüfen,
Ob er verfälscht sei; bis dahin verschieben
Wir unsre Sach', und reden dann wohl weiter.

Hofer. O Herr! nicht spotte des Geschlagnen! Alles
Ist ja zu End'; ich seh's, und um den Hauch
Des nackten Daseins müssen wir nun fleh'n.
Ich beuge mich, denn uns hat Gott gebeugt.
So ziehet denn auf allen Straßen ein,
Und nehmet hin, was wir nicht geben wollten!
Die Welt ist euer, sei Tyrol auch euer!
Wenn du mich willst entlassen, ordn' ich gleich
Zu allen Scharen meine Boten ab,
Zerschlagen sollen sie die blanken Büchsen,
Zerschmettern ihre Degen, und vergessen,
Was sie gewesen, und nach Hause geh'n,
Und stumm und still sich halten, wie das Vieh!

Vicekönig. Fass' dich! Fügt euch, wie Männer, in die Schickung!
Ich nehm' die Unterwerfung an, und Nacht
Bedecke das Gescheh'ne! Ungekränkt,
Sollt ihr in Frieden leben! Des sei sicher.
Im übrigen werd' ich den Brief dir lassen
Einhänd'gen, daß dein Herz sich d'ran beruh'ge.
Wohin gehst du von hier?

Hofer.                                       Zuerst nach Steinach.

Vicekönig. Wohl! Dorthin lass' ich dir das Schreiben senden
Du bist entlassen; geh', Andreas Hofer!

Hofer. Vergönne, Herr! mir einen Augenblick
In deiner Nähe noch. Ich war bestürzt,
Mich überraschte diese Post zu sehr;
Allein Besinnung kehrt mir bald zurück.
O, daß es mir gelänge, meinen Brüdern
In deinem Herzen Achtung zu verschaffen.
Wohl niemals steh' ich wiederum vor dir.
Und welche Bürgschaft des Vertrages haben
Wir, wenn du, Herr! uns nur verachten kannst?

Vicekönig. Es ist gelobt, und also wird's gehalten.

Hofer. Der Sklave hat kein Recht, wie sollt ihr ehren
Den Ehrlosen; was kümmern Tiere euch?
Du aber, Herr! mußt würd'ger von uns denken.
Auf deine edle Seele, die gelassen
Aus klaren Augen schauet, leg' ich dir's:
Bedaure das unglückliche Tyrol!
Laß unsern Sinn von deinen Spöttern nicht
Zur Fratze dir verspotten! Lobt man doch
Den Hund am meisten, der von seinem Herrn
Und keinem andern seine Speise nimmt.
Ihr habt zum Grabe Österreich gemacht!
Ich sage dir: der arme, treue Hund
Wird auf dem Grabe sich zu Tode heulen!
Nun, Herr! nun hab' ich gründlich angezeigt,
Wie uns zu Mute ist, und darnach, fleh' ich,
Behandle uns! Ich hab' nichts mehr zu sagen.

Er will gehn.

Vicekönig. Bleib' noch! – Nicht ohne Rührung hör' ich dich.
Ich sollte diese Dinge nicht vernehmen;
Doch weiß ich nicht, welch eine Regung mich
Antreibt, daß ich fast wünsche, meine Rede
Möchte den Eigensinn aus eurer Brust
Wegschneiden, und ein neu Vertrauen pflanzen.
Noch einmal, alles sei vergessen, was
Die Leidenschaft und böse Menschen euch
Zu thun befahlen. Jetzo ziemt Besinnung.
Sich einzeln, unberufen, frevelhaft
In zweier Kaiser Zwist und Kampf zu mischen!
Allein es sei vergessen, weil ich's will.
Nun aber sag' mir doch, Andreas Hofer,
Der du so wacker und verständig sprichst –
Und alle seid ihr, wie ich hör', begabt
Mit Sinn und mit Verstand – verständ'ge Männer
Irr'n auch, doch fassen sie den Irrtum bald,
Zu künft'ger Meidung. – Warum liebt ihr Östreich?
Denk' 'mal darüber nach und sag' die Gründe,
Die euch so heiß nach Wien und Schönbrunn wenden.
Wir woll'n dann mit einander prüfen, ob
Der neue Landesherr nicht alles that,
Nicht alles thun kann, um den Preis zu zahlen
Für diese Liebe. Warum liebt ihr Östreich?

Hofer. Mein Herr, die Frage legt' ich selber mir
Und keiner, glaub' ich, in Tyrol sich jemals vor.
Ich kann dir keine Antwort darauf geben.

Vicekönig. Besinne dich nur; ich lass' dir Zeit, du sollst,
Es ist mein Wille, dich ganz frei erklären.

Hofer. So helf' mir Gott! ich weiß dir nicht zu sagen,
Warum den Kaiser wir zu Wien verehren.
Ich schüttle mein Gedächtnis suchend durch. –
Wir ziehen nur in Krieg, wenn wir gefährdet;
Wir zahlen Steuern nur, die wir bewilligt;
Wir haben gleiche Rechte mit den Rittern,
Wir stimmen auf dem Landtag, so wie sie;
Und freundlich immer war der Kaiser uns.
Und doch erspäh' ich in dem allen nicht
Den Winkel, der den Grund der Liebe birgt.
Das alles ist es nicht, was uns macht hüpfen,
Und jauchzen, und das Herz vor Freuden zittern,
Wenn wir die schwarz und gelben Fahnen seh'n.
Der neue Herr könnt' alles das gewähren,
Und dennoch glaub' ich – frei soll ich ja reden –
Die alte Liebe bliebe, wie ein Kind,
Dem man die Hand gebunden, uns im Herzen.

Vicekönig. Es scheint mithin, daß grundlos diese Liebe.

Hofer. Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund.

Vicekönig. Nun, Hofer! bist du, wo ich dich gewollt.
So werft denn dies Gespinst weit von euch weg,
Das euren Sinn verdunkelt. Was ihr hattet,
Sollt ihr behalten, und noch mehr bekommen.
Aus engen, dumpfen Schranken rafft euch auf.
Schenkt eure Neigung uns, wir schenken euch
Dagegen Ruhm und Aussicht; mit uns werdet
Ihr höher steigen, als ihr nur geträumt.
Das sag dem Volke, wie ich's dir gesagt.

Hofer. Soll ich denn ganz beschämt von hinnen geh'n?
Und bleibt mir nichts, worauf ich fußen kann? –
Du bist so mild und gnadenreich, o Herr!
Darf ich nun wohl in Unterthänigkeit,
Ich dir auch eine Frage stellen?

Vicekönig.                                           Nun?

Hofer. Ich hab' dir keine Antwort geben können,
Warum wir lieben unsern alten Herrscher.
So habe du die Gnade, mir zu sagen,
Warum du liebst den Kaiser, deinen Vater?

Vicekönig lächelnd.
Mein Hofer! leicht machst du die Antwort mir.
Weil er den Feind besiegt, wo er sich zeigt,
Weil er ein großes Reich sich hat gegründet,
Weil er mir gab ein schönes Fürstentum,
Und weil an seinem Glanz und seiner Macht
Er mich als Sohn und Erben Teil läßt nehmen.

Hofer. Wohl! Aber setz': es käm' ein Größerer –
Denn möglich ist dies doch – es käm' ein Held,
Der dreimal so viel Schlachten schlug, als er,
Ein dreimal weit'res Reich begründete, –
Denn Raum für solch ein Reich hat noch die Erde,
Ein dreifach bess'res Fürstentum dir gäbe,
Und dich mit seiner dreimal höhern Ehre
Und Macht wollt' teilen lassen; würdest du
Den Kaiser, deinen Vater, nun verlassen,
Absagen deiner Lieb', und neuen Herzens
Dem neuen Gotte folgen, lieber Herr?

Vicekönig. – Ein wunderbarer Alter! –

Hofer.                                                       Herr, du schweigst?
Ich bin so kühn, für dich zu sprechen: Nein!
So scheint es denn, daß deines Herzens Neigung
Nicht größern Grund hat, als die unsrige.
Vielleicht soll es so sein. Ich bin ein Bauer,
Und kann nicht, was ich meine, deutlich sagen
Allein es dünkt mich fast, wenn ich's bedenke,
Als käm' die Liebe von der Erde nicht;
Vielmehr, sie sei ein Strahl, den Gott der Herr
Vom Himmel in das Herz der Menschen sendet,
Daß sie d'rin scheinen solle, gleich dem Lichtlein,
So aus der Hütte Fenstern freundlich blinkt.
Die Liebe liebt, weil sie die Liebe ist.

Vicekönig. Hör' auf! Ich will, daß das Gespräch hier ende.

Hofer. Ich bin zu End' und deinem eignen Herzen
Kann ich nun die Verteid'gung unsrer Sache,
Wo sie vonnöten scheinet, überlassen.

Vicekönig. Nach Steinach geh'; du findest dort den Brief
Von deinem alten Herrn, der dir dasselbe,
Was ich, mit andern Worten sagen wird.
Ich hoff', ihr werdet Frieden halten, Leute.
Den Friedensbrecher trifft, das wisse, Tod.
Nun, Sandwirt, geh' nach Haus, und halt' dich ruhig.
        Hofer geht. Der Prinz klingelt. Barraguay tritt ein.
Der Herzog soll La Costen alsobald
Nach Steinach senden mit dem Schreiben; dort
Wird Andres Hofer es von ihm empfangen.
Sie selber brechen gleichfalls dorthin auf.
Beziehen Sie Quartiere, und beruh'gen,
Wo etwa noch die Rebellion sich rührt,
Mit Ernst und Kraft das Land. Genehm'gen werd' ich,
Was Sie in diesem Sinne vorgenommen.


Dritter Auftritt.

Wildes Felsenthal.

Andreas Hofer tritt auf mit Donay.

Hofer. Hier, wo die Buchen mit den breiten Ästen,
Dem letzten Licht, dem rötlichen der Sonne,
Verwehren, uns den Abendgruß zu senden;
Hier will ich rasten; eine Felsenquelle
Giebt wohl den Trunk, und eine wilde Beere
Stillt wohl den Hunger, bis du wieder kommst.
Geh' nun nach Steinach, lieber Priester Donay.
Laß dir den Brief vom Offizier dort geben,
Und bring' ihn her; ich will dich hier erwarten.

Donay. Willst du nicht Obdach suchen, kaum zwei Stunden
Kann der Berg Isel sein von dieser Stätte.

Hofer. Nein, lieber Donay, bis ich zu dem Sand
Gelange, und mein eignes Haus begrüße,
Mag ich kein Obdach mir bei Menschen suchen.
Verbrechen übt' ich, daß ich's wüßte, nicht;
Doch trag' ich Scheu, zu blicken in das Antlitz
Der Menschen. Und mir ist zu Mute, wie
Dem Kain, da er floh, von Gott gezeichnet. –
Bei seinem stolzen Feinde betteln müssen!
Du legst, o Herr! zu schwere Prüfung auf! –
Und hat das Volk sich unterworfen schon?

Donay. Unwill' erhob sich anfangs, laut Geschrei;
D'rauf, wie der Haufen ist, ging er nach Hause.

Hofer. Wir sind zu rasch gewesen. Dieses Mal
Hast du mir wohl nicht gut geraten, Donay!
Du triebst so sehr, daß ich das Schreiben sandte.
Ich wollt' noch warten. Wenn's nur richtig ist!

Donay. Der kluge Mann thut das Notwendige
Rasch, wenn Notwendigkeit den Schein der Freiheit
Noch führet. Tröste dich! Unüberwindlich
Sind unsre Sieger, und es schändet nicht,
Zu unterliegen solchem großen Feinde.

Hofer. O sing' mir nicht von ihrem Ruhme vor;
Unfähig bin ich, in das Lied zu stimmen.
Ich seh', du wandelst, wie Kamäleon,
Die Farbe, wenn der Boden sich verändert.

Donay. Du hast ja selbst den Fall voraus gedacht.

Hofer. Doch nie geglaubet, daß er kommen werde.
Laß nur, du bist ein Friedensmann und kannst
Es nicht begreifen. Geh' nach Steinach, bring'
Mir bald den Brief. Donay geht.
                                Die Zeichen meines Herrn
Sah ich abreißen – wär't ihr, Augen, doch
Erblindet! – und die neuen Zeichen pflanzen.
Den Ausruf hört' ich – wär' ich taub gewesen! –,
Der unsern alten Ehrennamen tilgt,
Und uns nach Flüssen wiedertauft, damit
Tyrolisch Wesen, unsres Ruhms Gedächtnis,
Auf glatten, flücht'gen Wellen in das Meer
Geführet werde, und sein Grab dort finde!
Gott, Gott! wo ist dein Donner? – Wilde Menschen!
Hegt ihr nicht Scham? – Ihr stürzt, uralte Mauern,
Und hoffet euren Bretterwänden Dauer?
O Himmel, laß mich nicht verzweifeln! – Still!
Ein Knabe schilt und dräuet in die Wolken.
Ich will, wie Hiob und Tobias, leiden.


Vierter Auftritt.

Elsi tritt auf. Hofer.

Hofer. Sieh da! Die arme Elsi. Kind! woher?

Elsi. Aus Elend, Vater!

Hofer.                             's ist ein weit Gebiet,
So groß fast, wie Tyrol. Und wohin, Tochter?

Elsi. Ins Unglück!

Hofer.                     Nun, so gehst du mit uns andern.
Doch sprich gesetzt, mein Kind! Seid ihr versöhnt?

Elsi. Ich hoffe, bald werd' ich gesühnet sein.

Hofer. Kind, Kind! du denkst was andres, als ich frage.
Sprich doch getrost zu deinem alten Freund.
Wie geht es dir, mein arm, gefallen Weib?

Elsi. Ach traurig, äußerlich! Die Menschen seh'n
Ja nicht die eigne Schuld, nur die des Nächsten.
Sie stießen mich, wie eine Schlange, von sich.
So irr' ich ohne Obdach in den Wäldern.
Doch aber steht es wohl um meine Seele.
Es zog die schönste Ruhe in mich ein,
Daß alles, was wir auch begegnen mag,
Fast mich bedünket, wie Vergangenheit.

Hofer. Dein wilder Gram, da er zu Worten kommt,
Löst meinem, bleiche Elsi, seine Zunge.
Bestrafte Sünde leiht den Schmerzenston
An die gekränkte Tugend! Ja, von dir
Hör' ich die rechten Laute meines Kummers.
Wir stimmen beid' hier an im Buchenschatten
Ein traurig Lied, gleich zween verirrten Vöglein.
Ich denk', der alte Gott lebt noch, mein Kind!
Dir hat er schon geholfen, wenn du willst.
Geh' heim, ich weiß, vergeben wird dir Wildmann.

Elsi. Das mußt' er früher thun; nun ist's zu spät.

Hofer. Zu spät? Besinne dich! Was hast du vor?

Elsi. Ich will mich rächen, Vater! an dem Menschen,
Der übel an mir that. Er gab mich preis,
Nachdem er Haus und Ehre mir geraubt.
Da schwor ich ihm den Tod, und wie das Unglück
Schlich leise ich auf seinen Spuren nach,
Die Stund' erharrend. Heute ist sie da;
Ihr sollt erfahren, wie ein Weib sich rächt.

Hofer. O laß, Verkehrte, von dem Frevel ab,
Und stürze nicht aus alter Schuld in neue!
Die span'sche Mördergrube grabe nicht
In unserm ehrlich deutschen Lande, Elsi!
Die Rache, Elsi, ist ein schlimm Geschäft;
Ihr Schlag trifft Rächers Stirn und schuldlos Blut,
Und an dem Feinde gleitet er vorüber.
Laß Gott die Rache; Menschen ziemt sie nicht.

Elsi. Wohl ziemt sie Menschen, denn durch Menschen nur
Rächt Gott die Unbill. – Ein tyrolisch Weib
Kann sich vergessen; aber aufgeschreckt
Vom eklen Rausch, bedeckt sie ihre Schande
Und ihren Schänder mit dem tiefsten Dunkel.
Was aber ist wohl dunkler, als das Grab?
Ich weiß, La Coste kommt zum Isel heute;
Ich weiß, er geht vom Isel nicht hinweg.
Leb' wohl, mein Vater, meine Zeit ist um. Sie geht.


Fünfter Auftritt.

Hofer allein.
So geh' in dein Verderben! Beten will ich
Für deine Seele! Großer Gott des Himmels,
Der Erdkreis ist in Umkehrung begriffen:
Die Männer beten und die Weiber handeln. –
Fast wär' es besser, in dem Wald mit Staren
Die Zeit sich zu vertreiben, in die Nüsse
Sich mit dem Eichhorn brüderlich zu teilen.
Die Wüste ist das beste Haus anjetzt.
        Es ist unterdessen dunkel geworden.
Die Nacht bricht ein. Das Moos schickt feuchten Duft;
Der Glühwurm steckt die matte Kerze an;
Die kleinen Vögel träumen in den Nestern.
Ich will mich auch zur Ruhe niederlegen;
Der Schlummer drückt wie Blei auf meinen Augen.
        Er zieht das Schwert.
Vorher bestatt' ich dieses Schwert zur Gruft.
Die Herrschaft ist vorbei; was soll das Zeichen?
Erinnern darf mich nichts an früh're Zeit,
Vergessen müssen wir. D'rum fort mit dir!
        Er geht einige Schritte, und wirft das Schwert in eine Felsenspalte.
Da ruh' und rost'! Und laß von Quellengeistern,
Die, deinem Lager nah, verborgen sprießen,
Mit Liedern dir die Einsamkeit versüßen,
Bis eingesungen du, und aufgezehrt,
Zerfallen bist, und in den Staub verkehrt.
Ihr Bäume, nehmt mich unter euren Schutz,
Und wehrt von mir das Unheil und die Sünde.

Er legt sich nieder und schläft ein. Nach einer Weile erscheint ein Engel mit dem Schwerte, welches Hofer weggeworfen, und nähert sich dem Schlafenden.

Der Engel. Du sollst das Schwert, das du geführt, behalten.

Er legt das Schwert neben dem Schlafenden nieder und verschwindet.

Hofer erwacht.
Zum zweitenmale träum' ich diesen Traum.
Ich weiß, das Schwert liegt fern in seiner Grotte.
        Er fühlt um sich, und bekommt das Schwert zu fassen.
O all' ihr Heiligen, das Schwert liegt hier!
Erhalt o Gott, gesunde Sinne mir!
Gieb deutlich deinen Willen, ew'ger Gott!
Daß damit nicht mein Fürwitz treibe Spott!

Donays Stimme von außen.
He, Hofer!

Hofer in Nachsinnen verloren.
                  Weggeworfen hatt' ich's doch!


Sechster Auftritt.

Donay. Hofer.

Donay tritt auf.
Antwort – ist Hofer da?

Hofer.                                     Hier bin ich, Donay!
Du bringst, ich hoffe, mir den Brief des Kaisers.

Donay. Ich bring' ihn nicht. Es weiß in Steinach niemand
Von diesem Offizier. Auch in der Gegend
Hab' ich vergebens mich nach ihm erkundigt.
Vielleicht, daß ihn ein Unfall hat betroffen.

Hofer. O nein, ich denke ganz was andres mir!
Wenn nur nicht Arglist – doch, ich schweige noch;
Und steh'nden Fußes eil' ich selbst nach Steinach,
Den Boten zu erharren. Gehst du mit?

Donay. Ich bin zu müde.

Hofer.                               Wohl, so scheiden wir.
Auch duldet den Begleiter nicht mein Weg;
Er ist zu schmal für einen zweiten. Geh
Und sage den Freunden, daß sie auf mich merken.
Sie werden, glaub' ich, bald von mir vernehmen.

Donay. Du redest feierlich; was ist gescheh'n?

Hofer. Mir ward ein Traumgesicht an diesem Ort
Zu schwier'ger Auslegung.
Ich wünsche herzlich, den Franzosen morgen
In Steinach anzutreffen. Andernfalls
Ich für belogen mich erachten werde,
Und deuten muß den dunkeln Traum durch Blut.

Er geht ab.


Siebenter Auftritt.

Donay allein.
So ist es denn für mich die höchste Zeit,
Mich von der kranken Seite zur gesunden
Hinüber zu begeben. Barraguay
Ist mit der Heeresmacht in Sterzing schon.
Ich geh' zu ihm, und kann ihm nützlich sein,
Da ich die Anschläg' und Verstecke sämtlich
Der Insurgenten kenne; dankbar wird
Er mich zum höchsten Vorteil fördern. Der
Ist nur ein schlechter Vogelsteller, welcher
Mit einem Sprenkel denkt den Fang zu machen.
All überall stell' ich dem Glück die Schlingen:
Was hier mißriet, das muß mir dort gelingen.

Er geht nach der andern Seite ab.


Achter Auftritt.

Stube im Wirtshause am Isel. Durch die Thür sieht man auf eine offene Galerie.

Nanni. Nachher Elsi.

Nanni ein Kind, windet einen Kranz.
Es ist schon spät und meine Augen schläfern;
Und muß den Kranz für Mutters Grab doch heute
Noch fertig haben. Will ein Lied mir singen:
        Ringelblumen, runder Kranz
        Auf dem Grab am Kreuze –

Elsi tritt in die Thür.
Nanni!
        Nanni blickt auf, schreit und versteckt sich.
              Was hast du? Fürchtest du die Mutter?

Nanni. Du bist ein Geist und kehrst aus deiner Gruft.

Elsi. Wie? Bist du thöricht? Fühl mich an; ich lebe.

Nanni nähert sich furchtsam.

Nanni. Der Vater sagte mir, du sei'st gestorben.

Elsi. So ist es freilich Zeit, ins Grab zu geh'n! –
Wo ist der Vater?

Nanni.                           Bei dem Volk in Innsbruck.
Der Knecht ist auch weg; ich bin mit der Jenny
Allein zu Hause.

Elsi.                             Habt ihr heut Besuch?

Nanni. Noch nicht, allein es kommt wer, liebe Mutter.
's hat ein Franzose sich ansagen lassen
Durch den Bedienten. – Mütterlein, ich weiß was:
Es ist derselbe, der dich immer küßte.

Elsi. Schweig', Nanni. – Kommt er bald?

Nanni.                                                         Er will bald hier sein.

Elsi nimmt den Kranz vom Boden auf.
Was ist denn das? Du machst dir Kränze, Mädchen?

Nanni. Herzmutter, weil der Vater mir den Ort
Nicht sagen wollte, wo du lägest, hab' ich
Im Garten mir ein Hüg'lein aufgescharrt,
Das stellt dein Grab vor, meine liebe Mutter!
Und alle Morgen bring' ich ihm den Kranz.
        Elsi bricht in ein heftiges Weinen aus.
Du mußt nicht böse sein, mein Mütterchen!
Daß du nun wieder da bist, das ist schön;
Ich will den Hügel auseinander streu'n.

Elsi. Nein, laß ihn, Kind, laß nur den Hügel steh'n;
Und leg' dein Kränzlein morgen wieder d'rauf.
        Es schellt. Elsi fährt zusammen.
Die Totenglocke tönt!

Nanni.                                 Nein, unsre Glocke.

Elsi. Recht, unsre Glocke. Geh' dem Herrn entgegen.
        Nanni geht.
Zu Boden, Furcht! und Mut, steig siegend auf!
Wie töt' ich ihn am sichersten?
Gift hab' ich nicht, und mit dem Dolche zittr' ich.
Was bleibt mir noch, als – Feuer? – Feuer sei's!
Ist Liebe nicht, wie Feuerflammen, heiß?
Er glüh' für mich, schwur oft sein trunkner Mut,
So lohn' ich ihm denn heute Glut mit Glut!


Neunter Auftritt.

La Coste. Elsi. Nachher Nanni.

La Coste tritt ein.
Dich hätt' ich heute nicht gehofft zu seh'n;
Bestürzt bin ich, und meine Adern pochen.
Ich fürchtete, du seiest weit von hier.
Vergiebst du mir, was ich an dir verbrochen?

Elsi. Beschäme deine Magd nicht, François;
Ich muß mich selber aller Schuld verklagen;
Wie ungeschickt und heftig drang ich zu dir.
Von Glück sag' ich, daß du mich nicht geschlagen.

La Coste. Du bohrst mir Messer in die wunde Brust;
Ich schelte mich, wie du mich nicht kannst schelten.
Doch wüßtest du, in welcher Lag' ich war,
Ich würde nicht so hassenswert dir gelten.

Elsi. Freund, lassen diese Kleinigkeit wir ruh'n!
Zur alten Ordnung siehst du alles kehren.
Die Wirtin, die dich oft empfing, steht vor dir,
Und fragt nach ihres werten Gasts Begehren.

La Coste. Ich bin untröstlich, gute, schöne Elsi!
Ein munter Liebsgespräch wird nicht gelingen.
Ich brauche nichts als Schlaf, du holdes Weib!
Zum Tode bin ich müd'. Ich komm' von Salzburg.
Ich müßte eigentlich nach Steinach heut,
Doch lehrt mich Vorsicht, nicht die Nacht zu reiten,
Weil einen Brief von äußerst wicht'gem Inhalt
Ich bei mir führe, dessen Los ich nicht
Der Dunkelheit vertrauen mag. Die Banden
Der Insurgenten streifen noch umher.
Darum, aus Furcht, sie lassen mich nicht durch,
Zog ich den blauen Rock des Bürgers an,
In dem du mich erblickst, und darum, denk' ich,
Ist's besser, auf dem Isel nächtigen.

Elsi. Ja wohl, hier schlummerst du mit deinem Briefe
So sicher, wie im Grabe.

La Coste.                               Nun, das wäre
Mir doch zu sicher, denn ich muß schon morgen
Bei Zeiten aufersteh'n.

Elsi.                                       's ist so ein Sprichwort.

La Coste. Wo ist mein Schlafgemach?

Elsi.                                                         Hier dicht bei an;
Du wirst das Lager schon gerüstet finden.

La Coste. Gut' Nacht!
        Er will sie küssen.

Elsi wendet sich ab.           Nein, laß, mein Mund ist aufgesprungen.
Schlaf' wohl! Ich hoff', du schlummerst lang und fest.
        La Coste geht durch die Seitenthür ab.
Mut! Mut, mein Herz! laß deinen Mut nicht sinken.
Nanni!
        Nanni kommt.
            Komm her, mein Mädchen! mußt nach Innsbruck.

Nanni. Wie, Mutter, in der Nacht?

Elsi.                                                   Es ist nicht weit;
Du kannst den Weg schon machen, gehst mit Jenny.
Ruf' dir die Jenny. Geht dann beide gleich.
Zum Vater send' ich dich. Du sollst ihm sagen,
Die Mutter sei zurück; doch werde sie
Ihn nicht beläst'gen. Etwas Neues aber
Werd' er erfahren, wenn er heimgekommen.

Nanni. Ach, liebe Mutter! laß mich morgen geh'n.

Elsi. Nein, heute, heute! Es hat Eile, Kind! Nanni geht.
Sprich nicht von Mitleid, Herz! es muß gescheh'n!
Hat er um dich Erbarmen wohl getragen?

Nanni kommt zurück.
Auch Jenny, Mutter! will nicht gerne geh'n.

Elsi. Die Jenny soll gehorchen. Stör' mich nicht.
Steck fester dir das Tuch; die Nacht ist kühl.
        Sie küßt Nanni.
Leb' wohl, mein Kind! bleib deiner Mutter gut.
Wir wollen morgen früh mein Grab bekränzen.
        Nanni ab.
Die Thüre schließt. Das Kind und Jenny geh'n –
Noch sind sie nah' – ich höre ihr Gespräch –
Der Schall wird schwach – sie biegen um den Felsen –
Die Tritte hör' ich klingen auf den Stufen
Zum Thal hinab – der Laut erstirbt – noch einmal?
Horch! – Nein – 's ist alles still. – Ich bin allein!
O Himmel! welch ein schrecklich Werk hebt an!
Ist's möglich, daß ein Weib so was vollbringe!
        Sie geht zur Seitenthür.
Schon dunkel? Ja – er schläft! den Schlaf zu morden!
Im Schlafe sündigt er ja nicht! Warum?
Warum soll er denn schlafend in den Tod?
Erwache, François! Wenn er erwacht,
So kann ich's nicht verüben – wache! wache!
Die Mörderin steht hier! Wo? Hier? Du irrst,
Du irrst, mein Freund! Die Liebste ist dir nah'.
Erleuchtung soll das schöne Fest beenden.
        Sie greift nach dem Lichte.
Schau, wie die Fackel glüht in ihren Händen!
        Sie eilt mit dem Lichte fort. Nach einiger Zeit kommt sie wieder.
Es ist gescheh'n! – – Nun hemmt kein Heiliger
Den wilden Strom des wütenden Verderbens!
Die Flamme saust schon – und er schlummert noch!
Geschwind, eh' mich sein Rufen wankend macht.
Dort ist die Felsenkluft am Haus – hinunter!
Getötet habt ihr mich und ausgelöscht,
Eh' Gott mich rief! – Empfangt denn meine Leiche!

Sie eilt über die Galerie ab, und verschwindet. Gleich darauf hört man einen Fall und einen dumpfen Schrei aus der Tiefe. Dann wird alles still.


Zehnter Auftritt.

Marktplatz in Steinach. Es ist Tag.

Andreas Hofer unter vielem Volke. Ein Bote. Nachher Nepomuk von Kolb. Barraguay. Donay.

Hofer. Wo ist der Bote?

Ein Bote tritt auf.             Hier, Herr Kommandant!
Ich bin bis über Innsbruck 'naus gewesen,
Und hab' gefragt in Dörfern und in Städten;
Kein Offizier kam mit des Kaisers Brief,
Kein fränk'scher Federbusch war auf dem Weg.

Hofer. Betrogen sind wir, Brüder; es ist klar.
Wie hätte kaiserliche Majestät
Uns ohne Wort von Ihrer Hand gelassen?
Und warum senden sie das Wort uns nicht?
Mithin erhellt: sie täuschten unsre Einfalt
Durch falsche Friedenspost.

Bote.                                             Das sagt auch Nepomuk.
Er achtet's nicht, was die Franzosen sprechen:
Hat eine Schar errichtet, kommt mit der
Gleich hier in Steinach an.

Einer im Volke.                         Nimm ihn nicht auf.
Die wilde Rotte bringt uns keinen Segen;
Aus seinem Munde geht kein wahres Wort.
Der Schelmenhaufen sengt und brennt im Land.

Hofer. Ich nehm' ihn auf. Die Zeit ward nun so schlimm,
Daß wir den Schlimmsten nicht entbehren können.

Nepomuk von Kolb tritt auf mit einem Haufen Bewaffneter.
Gott grüß' dich Fürst! Wie lange willst du säumen?
Ich bringe Sieg und Siegsgeschrei! Aus Kärnthen
Rückt an der Erzherzog mit starker Macht;
Bei Sachsenburg schon donnert sein Geschütz!

Hofer. Schrecklich ist unsre Lage, teure Brüder.
Ihr seid ja Männer, könnt die Wahrheit tragen.
Der Graf von Barraguay steht mit Zehntausend
Bereits in Brixen, und bedroht uns hier.
Doch schafft vielleicht die letzte Not ein Wunder.
Den Riesen schlägt der Zwerg, den Geier tötet
Die Taube mit dem weichen Schnabel. Wollt
Ihr es mit mir, will ich's mit euch versuchen.

Einige. Führ' uns zum Kampf!

Andere.                                     Nach Blute dürsten wir!

Hofer. Das ist der echte Durst in solcher Not;
Denn Wasser löscht die Glut nicht, die uns drückt.
Dies feige Blatt, so ich an euch erlassen,
Verführt von Schmeichelworten, falschen Freunden,
Hab' ich vom Stadthaus selber abgenommen,
Zerreiß' es hiemit und verstreu' die Stücke
In alle Lüfte! –
        zerreißt das Blatt.
                          Reiße dieser Friede!
Der Wind treib' in ihr Angesicht die Fetzen!
Der ist verfallen unter mein Gericht,
Wer von Ergebung spricht! Mich selbst schießt nieder,
Thu' ich's. – Den falschen Hofer tötet ihr,
Der wahre ist, der Krieg und Schlacht befiehlt.
Du, Nepomuk von Kolb, geh' uns voran.
Ich folge dir nach Brixen. Halt't euch brav,
So wascht ihr euch von euren Flecken rein.

Kolb zu seiner Schar.
Kommt, meine Kerle, keines Groschens mächtig,
Doch all' von Mut und tapfern Thaten trächtig!
Ich sag' euch an, wie Gott, der Herr, es meint,
Und was er spricht, danach schlagt ihr den Feind!

Er geht mit seiner Schar ab.

Hofer zum Boten.
Wo ist der Josef und der Kapuziner?

Bote. Speckbacher hat das Zillerthal verlassen.
Sie wollen nichts mehr für die Sache thun.
Er liegt versteckt in seinem eignen Hof;
Der Kapuziner aber irrt umher.

Hofer. Geh' zu den beiden Männern, und sprich so:
Josefen zieme das Verstecken nicht,
Er trag' ein Antlitz, was sich zeigen könne.
Der Rotbart find' ein Haus in meinem Lager.
Sie sollen zu mir kommen, ohne sie
Woll' ich die Schlacht bei Brixen nicht gewinnen.
        Der Bote geht.
        Zum Volke.
Brecht auf, ihr Freunde! Folgt nach Brixen mir!

Volk. Nach Brixen! Auf nach Brixen!

Sie wollen abgehen. Barraguay tritt ihnen entgegen mit Gefolge, darunter Donay.

Hofer Barraguay erblickend.                     Was will dieser?

Alles weicht vor Barraguay zurück, so daß dieser und Hofer sich in der Mitte des Schauplatzes gegenüber zu stehen kommen.

Barraguay. Als Richter unter euch, ihr Räuber! treten.
        Es entsteht eine stürmische Bewegung unter dem Volk.
Erhitzt euch nicht! – Ihr seid's; so hört euch nennen,
Ich acht' euch nicht für Feinde. Friede schließen
Und Friede brechen, ist der Räuber Art.
Seht, furchtlos nah' ich euch, ich einzelner;
Ich weiß, im Notfall, mit der Börse kann
Ich mich aus euren Händen wohl erlösen.

Hofer. Ich habe große Lust, dich festzuhalten.
Nicht tückisch lockten wir dich her; du trägst
Die Schuld von deinem Vorwitz; denn wir sind
Liebhaber nicht von solchen Künsteleien
Des Hochmuts. Deine Worte treffen nicht;
Es sind nur Gertenstreich' auf einen Panzer!
Was willst du? Sag es kurz! Was willst du hier?

Barraguay. Was willst du selbst? frag' ich mit größ'rem Fug.
Vermess'ner Greis! Tollkühner Wegelagrer!
Sind noch nicht Wunden g'nug dem Land' geschlagen?
Willst du durchaus, Tyrol soll eine Wüste
Und eine Wohnung für die Wölfe werden?
Der Wais' und Witwe Thränen über dich!
Was treibt dich, Mensch, der Eintracht junge Blume
Mit deinen rohen Füßen zu zertreten,
Und Streit aufs neu' zu sä'n?

Hofer.                                             Ich sollt' mich schämen,
Mit dem Geschlechte noch Gespräch zu pflegen!
Eur' Lügen treibt mich, eure Arglist treibt mich,
Eur' Heuchelei und eu'r Betrug treibt mich!
Sind's Treiber genug? Wo ist des Kaisers Brief?

Barraguay. Er ist verbrannt mit dem La Cost' am Isel.

Hofer. Verbrannt? La Coste? Trug La Coste ihn?

Barraguay. La Coste war der Träger.

Hofer.                                                     Elsi! Elsi!

Barraguay. So soll die Mörd'rin heißen.

Hofer.                                                       Nein, und dennoch
Ich glaub' es nicht! Es ist nicht Friede!

Barraguay. winkt dem Donay. Dieser tritt mit einem Papiere vor.
                                                                  Lies!

Hofer zu Donay.
Bei ihnen du!?

Donay.                   Bei unsres Landes Herrn,
Bei der von Gott gesetzten Obrigkeit.
Empfang gedruckt das Friedensinstrument.

Er giebt Hofern das Papier.

Hofer liest.
»Im Namen heiliger Dreieinigkeit –«
Ich kann nicht weiter, meine Augen schwimmen.
Les't ihr's!

Das Blatt wird von mehreren betrachtet und gelesen.

Einer.               Ja, richtig ist's.

Ein Zweiter.                               Hier steht L. S.

Ein Dritter. Die Sach' hat ihren Grund, Andreas Hofer.

HoferFür die Aufführung bleiben die Worte Hofers weg.. Ihr heil'gen Engel! Pflegt ihr mit dem Satan
Gemeinschaft – lerntet auch Versucherkünste,
Und liebt, zu üben sie? –
        Mit einer Bewegung nach seinem Schwerte.
Warum denn sollt' ich dies? – O still! o still!
Sag' es nicht aus! Weh! weh! mein Hirn zerbricht –
Die Welt zerbricht in Scherben – was ist das?

Barraguay. Du bist dem Kriegsgesetz verfallen, Hofer!
Ich ächte dich hiemit, und weih' dein Haupt
Dem Tod der Schmach! –
        Zum Volke.
                                            Gebt ihn heraus! So will
Ich euch verzeih'n. – Nun? Wollt ihr ihn mir geben?

Ein Gemurmel unter dem Volke. Einer tritt vor.

Der Tyroler. Zu Gnaden halt't, Herr Graf! Das wird nicht angeh'n;
Er ist denn doch der Oberkommandant,
Und wir sind seine treugeschwornen Schützen.
Da draußen mach' mit ihm, Herr Graf, dein Werk;
Hier aber, Excellenz, gehört er uns.

Barraguay. Hofer, gieb selber dich! Du bist verloren.

Hofer. Willst du als Opfer mich für sie auf das Volk deutend empfangen?
Sühnt Hofers Tod das Volk Tyrols bei dir?

Barraguay. Nein, jetzt nicht mehr. Sie haben mir verraten
Den störr'gen Sinn durch ihr Verweigern. Und
Zu strafen diesen Sinn bin ich im Land.

Hofer. So wär' es Thorheit, gäb' ich mich freiwillig.
Du wirst mich haben, wenn du mich ergreifst.

Barraguay. Noch einmal: Tod dem Haupte und den Gliedern!
Ihr wolltet es, so habt denn euer Los!

Er geht mit seinem Gefolge ab.

Hofer. Lebt wohl, ihr Armen! Froh zu Freudentagen
Wollt' ich euch führen; aber anders war's
Beschlossen in dem Rat der Himmelsmächte.
D'rauf hab' ich euer Leben retten wollen
Mit meinem Blut; allein der Graf versagt es.
So bin ich denn, ich hoff's, in meiner Pflicht
Als redlicher Feldhauptmann wohl bestanden.
Ihr aber habt wie gute Männer euch
In Sieg und Niederlage stets verhalten.
D'rum denk' ich, wandte sich das Glück auch ab,
Wir wandeln doch im Angesicht der Tugend.
Und überall, wo wackre Herzen schlagen,
Da werden Thränen fließen, hören sie
Die Kunde von dem Sandwirt zu Passeyer,
Und von den treuen Bauern in Tyrol.
Nichts Ird'sches kann ich weiter für euch thun.
Des Ew'gen denk' ein jeder selber nun;
Und ich zumeist. In stummen Felsen such' ich
Mein letztes Haus auf Erden. Lebet wohl!

Er wendet sich zum Abgehen. Das Volk sinkt vor ihm auf die Kniee. Sie ergreifen seine Hände und küssen sie. So wird er noch eine Zeitlang aufgehalten. Endlich macht er sich los und geht.


Eilfter Auftritt.

Vor den Thoren von Steinach.

Speckbacher und Haspinger treten auf. Nachher ein Tyroler.

Haspinger. Was nutzt es, diesem Rufe Hofers folgen?
Was soll der Strudel neuer Zwistigkeit?
Bezweifelst denn auch du den Frieden?

Speckbacher.                                                   Nein!
Doch solchen Reiz übt Ruf zum Kampf auf mich.
So hass' ich den Vertrag mit unsern Drängern,
Daß ich bezaubert mich, und fortgerissen
Nach Hofern fühle, der uns Kampf verspricht.

Haspinger. Es ist nur schlimm, daß du die Freunde mit dir
In deine Zauberkreise zerrst; welch Elend,
Welch nutzlos Elend ließest du mit dir
Mich dulden, und dies neu' ist wieder nutzlos!

Speckbacher. Hier kommt der Strobelwirt, Johannes Holzknecht,
Der wird uns sagen, wie es drinnen steht.

Ein Tyroler tritt auf.
Flieht, Herren, flieht! Hier ist nicht gut, zu weilen.
Ihr sucht den Sandwirt, der ist auf und fort.
Wir sind zersprengt und irr'n auf allen Straßen.
Ihr seid geächtet mit dem Sandwirt. Eben
Schlug ein Franzose das Plakatum an.
Auf euren Köpfen stehen große Preise.
Lebt wohl! Auch mir ist Tod geschworen worden.

Speckbacher. Ein einzig Wort! Wohin ist Andres Hofer?

Tyroler. Nach Kellerlahn in seine Alpenhütte. Ab.

Speckbacher. Nun, Vater, lebe wohl! Zum letztenmal
Sollst du mir heute vorgeworfen haben,
Ich reiße meine Freund' in mein Verderben.
Geh', flüchte dahin, doch ich eile dorthin.
Nicht rühmlich scheint es mir, den Mann zu lassen,
Den wir zu unserm Feldherrn uns gesetzt.
Konnt' ich dem Guten auch Verdruß nicht sparen,
Da wir in Innsbruck mit einander waren,
Versuch' ich jetzo doch, ihn zu erretten;
Ich dring' zu ihm durch Eis und Felsenglätten.

Haspinger. Ich hoff', du denkest besser von mir, Josef,
Als daß du glaubst, ich wende meine Schritte.
Wo ein vernünftig frommer Zweck sich zeigt,
Scheut Joachim nicht Kerker, noch den Tod.
Allein gebührt dir Hofers Rettung nicht;
Ich teile mich mit dir in diese Pflicht.

Speckbacher. Ich wußte, teurer Bruder, daß die Ehre
In deinem Herzen, wie in meinem, wäre.
So komm! – Ist uns das Vaterland geraubt,
Flieh'n mind'stens wir mit unserm Freund und Haupt!

Sie gehen ab.

 


 

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