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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Das Trauerspiel in Tyrol

Karl (Leberecht) Immermann: Das Trauerspiel in Tyrol - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleImmermanns Werke Band I.1
authorKarl Immermann
year1887
firstpub1828
publisherW. Spemann
addressBerlin und Stuttgart
titleDas Trauerspiel in Tyrol
pages190
created20130916
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Für die Aufführung fallen die mit * bezeichneten Reden weg.

Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Stube im Wirtshause am Berge Isel.

Wildmann. Elsi.

Wildmann kommt zur Thür herein.
Das wird ein heißer Tag; die Uhr schlug neun,
Und doch verzehrte schon den Tau die Sonne.
Gieb einen Trunk mir, meine junge Frau!

Elsi setzt ihm ein Glas hin.
Da.

Wildmann.
      Ist der Matthis heim?

Elsi.                                           Nein.

Wildmann.                                           Zauderer!

Elsi. Wo ist der Matthis hin?

Wildmann.                             Nach Innsbruck, Elsi.

Elsi. O mir! ich sah ihn auf dem Weg nach Sterzing.

Wildmann. Ja, über Sterzing wandert er nach Innsbruck.

Elsi. O grober Trug! Das eine lieget nach Mittag,
Nach Mitternacht das andre.

Wildmann.                                     Bist so klug?

Elsi. Wohl klüger noch. Was schafft der Matthis, Wildmann?

Wildmann. Er kauft uns Stiere ein, ein tüchtig Joch.

Elsi. O mir! Wir haben alle Ställe voll.
Sei gut, sprich doch die Wahrheit, laß mich nicht
Vergeh'n in dieser Angst. Schon seh' ich Flammen
An unserm Dache lecken! Eine Rotte
Schlägt unsre Kisten auf! Das Vieh brüllt irr!
Du, ich, die Nanni liegen blutig nieder.
Hab' ich's nicht immer euch vorhergesagt,
Als es im Winter hier drei Monden braute?
Ein Jahrmarkt war das Haus; ihr spracht von Roßtausch;
Ich merkte wohl, was es bedeuten sollte.
Mann, sagt' ich, laßt es sein! Es geht nicht glücklich;
Werft euch der Geißel Gottes nicht in Weg,
Ihr ward das Ziel noch nicht gesteckt. Scheut Gott!
Viel Sünden soll sie noch vom Boden tilgen.

Wildmann. Was willst du denn? Es ist ja ruhig worden.

Elsi. Ruhig? – Ja wohl, der Kaiser wurde ruhig;
Er hat zur Unruh' euch empor gestört,
Und läßt euch nun in Ruhe hier verderben.
Fort aus dem Lande ziehen die Soldaten,
Von oben, aus dem Welschen dringen her,
Hier stehen schon in Innsbruck die Franzosen.
Was soll'n die Boten ab und zu im Haus?
Schrecklich Vermessen dräut in euren Seelen,
In deiner, und in Josefs und des Paters
Und in des bärt'gen Sandwirts seiner Seele.
Jesus Maria, was wird mit uns Armen!

Wildmann. Nur hör mich an, und schweige deine Zunge,
Denn dieses Winseln sprengt mein Trommelfell.
Ich bin dein Mann und schwur dir am Altar,
Dich zu verteidigen in Fahr und Not.
Des sei gewiß. Mein Leben für das deine!
Damit begnüge dich!
Wenn's Vaterland an allen Orten brennt,
Laß Männer weinen; dir verbrennt dabei
Nichts, als der Flachs an deinem Spinnerocken.
Und wenn wir gramgefurchte Stirnen falten,
Und uns die Hände leise murmelnd drücken,
So dräng' dich nicht in unsern stillen Rat.
Sieh nichts, und höre nichts, und denke nichts!
Dem folge, und nun sorg für deine Wirtschaft.
        Elsi geht.
Wo Matthis bleiben mag? Zwölf Stunden sind's bis Brixen,
Und vor vier Tagen schickt' ich ihn schon weg.
Gewißheit nur! Das Schlimmste will ich tragen,
Kann ich sein Antlitz seh'n. Wer kommt da draußen?


Zweiter Auftritt.

Matthis kommt. Wildmann.

Matthis. Herr, guten Tag!

Wildmann.                         Dank! Sprich, wie sieht es aus?

Matthis. O traurig, Herr!

Wildmann.                         So sag's in Einem Atem.

Matthis Das Heer zieht ab.

Wildmann.                           Ganz aus dem Lande, Matthis?

Matthis. Die Marschrout' ist bis Klagenfurt gemacht.

Wildmann. Gieb acht, sie setzen sich im Pusterthal.

Matthis. Nein Herr, ich weiß das Gegenteil bestimmt;
Ich sprach mit Veit, dem Seidenwarenhändler,
Der alle Heimlichkeiten gründlich kennt.
Das Land ist aufgegeben, glaub mir, Herr.

Wildmann. O teurer, lieber Erzherzog Johann!
Wirfst du die Perle weg an deine Feinde?
Kannst du's ertragen, daß dein Ehrensaal,
Des Boden glänzt von deiner Tritte Spuren,
Nun wieder dulden soll der Feinde Fuß?
Kannst du's ertragen? Kannst du's, Kaiser Franz?

Matthis. Die Majestät des Kaisers hat geweint,
Als sie den Stillstand bieten mußt' von Znaym,
Der's Land Tyrol dem Feinde überläßt.
D'rauf hat der Erzherzog noch stets gehofft,
Im Glauben, daß der Krieg aufs neu' beginne,
Die Schmach von dem Artikel zu vereiteln.
D'rum zog der Chasteler und Baron Schmidt
Im Schneckengang hinweg durch unsre Berge,
Bis dann, gedrängt vom Feind und ihrem Wort,
Die höchsten Herren Eil' gebieten mußten:
So sprachen zu mir Leute, die d'rum wußten.

Wildmann. Und hast du von den Unsern nichts gehört?
Was macht Kemmater, Schenk und Peter Mayer?

Matthis. Die haben auf dem Kreuz zu Brixen sich
Verschworen, österreich'sch zu sein und bleiben,
Und dafür Blut und Leben aufzusetzen,
Wenn auch der Kaiser seinen Frieden macht.
Die Hostie teilten sie auf diesen Eid,
Und Pater Jochem sprach den Segen d rüber.

Wildmann. Wie steht's um Speckbacher?

Matthis.                                                       Den sahen Krämer,
Die mit mir übern Brenner wandern gingen,
Von Ort zu Ort im Zillerthale eilen.
Was er gesprochen und verhandelt hat,
Weiß niemand. Meistens blickt' er starr zu Boden;
Nur wenn er hörte: Bayerns Löwe werde
Nun bald sein Haupt in Dorf und Stadt erheben,
Dann blitzte fürchterlich sein Aug' gen Himmel;
Doch sagt' er nichts.

Wildmann. Und Andres Hofer?

Matthis.                                       Raufte seinen Bart,
Warf sich zur Erd', und weint' und betete.
Dann ging er fort vom Sande zu Passeyer,
Und barg den Leib in einer Felsenhöhle.
Nicht lüstern sei er mehr, das Licht zu schau'n;
Das war sein letztes Wort.

Wildmann. Die Führer fliehen, und zusammenbricht
Das Werk der Rettung; doch bevor ich klage,
Will ich gewiß sein. Glänzend stieg vom Himmel
Das alte Glück im Monat Februar.
So kann's noch einmal unerwartet kommen.

Matthis. Auch muß noch alles nicht zur Ruhe sein.
Als ich von Brixen kam, vernahm ich Schießen
Von Prutz und von dem Brückenpaß bei Laditsch
Das weiß ich, der Franzose, der zuerst
Den Hof betritt, bekommt von mir die Kugel
Aus diesem Stutzen hier.

Wildmann.                               Das wirst du bleiben lassen!
Ich hätte Lust dir gleich den Dienst zu künd'gen.
Wenn sich der Sandwirt regt, Speckbacher wagt,
Dann werden sie den Wildmann auch berufen,
Dann ist es Zeit für dich, so wie für mich;
Doch bis dahin laß deine Eitelkeit.


Dritter Auftritt.

Speckbacher. Die Vorigen. Nachher Elsi.

Speckbacher ist bei den letzten Worten eingetreten.
Recht, Wirt, du sagst dem Knecht, was sich gebührt!

Wildmann. Speckbacher!

Matthis.                             Was!

Wildmann.                                   Wo kommst du her?

Speckbacher.                                                                 Von Rinn

Wildmann. Nun, deiner hätt' ich heut' mich nicht verseh'n.

Speckbacher. Sorg für mein Pferd, Bursch.
        Matthis geht.
Doch da ich hier bin, weißt du, was ich bringe.
Mach dich gefaßt auf viele Gäste, Wirt.

Wildmann. Ihr seid entschlossen, euch zu widersetzen?

Speckbacher. Ich bin's, und hoff' ein gleiches von den andern.
Was geht der Stillstand uns von Znaym an?
Dem Kaiser lähmt der Schlag von Regensburg
Die Rechte, daß sie seine Kinder, die
Er väterlich von neuem angefaßt,
Mit Schmerzen lassen muß. –
Wer aber schilt uns, wenn wir ihn nicht lassen?
Das Feuer brennt einmal in unsern Bergen,
So mag's zu Ende brennen!
Nun höre, was gescheh'n.
Sobald ich wußte, daß die Truppen abzieh'n,
Und sich Tyrol auf sich verlassen muß,
Beschickt' ich Pater Jochem, daß er schlage,
Wo, wie und wann er einen Feind betreffe.
Denn dieses schien mir das Vernünftigste,
Die Glut zu hegen und nicht Rat zu halten:
Daß Feigheit nicht in unsre Reihen dringe,
Und sich wie beßre Überlegung stelle.
Hier gilt's nur zu beraten, wie wir schlagen,
Nicht, ob wir schlagen.
An Hofer sandt' ich ab den Priester Donay,
Hervorzutreten mit dem Landsturm
Von Meran, und Passeyer und Algund.
Inzwischen hielt ich wach die Höhen,
Die von dem Paßberg bis nach Volders streichen.
Es kann kein Franzmann seinen Kessel spülen
Im Inn, den meine Schützen nicht erblicken.

Wildmann. Mir schwillt das Herz bei deinen Worten, heiß
Drängt sich das Blut durch alle meine Adern!
Und welchen Part verteiltest du auf mich?

Speckbacher. Für diesmal zuzuschau'n, und Wein zu schenken.
Das weiße Roß in deinem Wirtshausschilde
Gab ich als Zeichen an für unsre Freunde
Und meine Boten, die ich hier erwarte.
Sorg nur für Brot, und Fleisch, und Pferdefutter,
Und Lagerstroh und Holz zur Feuerung;
Es wird wohl was lebendig bei dir werden.

Elsi tritt ein.
Ihr steht und plaudert – Gott, das ist Speckbacher!
Du stürzest uns ins Elend, Unglücksmann!
Der ganze Hof ist voll Franzosen!

Wildmann.                                             Was?

Speckbacher. Franzosen? Woher die?

Elsi.                                                           Der Marschall, der sich
Da von der großen Stadt, ich weiß nicht, wie,
Benennen läßt, kommt mit dem ganzen Volke
Von Innsbruck in das Land herab.

Speckbacher.                                         Triumph!
So ist der Herzog Danzigs denn in Marsch!
Nun, Freunde, jubelt! Einen Kuß, schön' Elsi,
Ich muß dich küssen für die Freudenpost.

Elsi. Laßt mich! Ihr ras't – ich hätte Luft, zu weinen.
        Sie geht.

Wildmann. Ich aber ahne, was du sagen willst.

Speckbacher. Das war mein Gram, der Herzog werde bleiben
Hier in der Ebene von Hall und Innsbruck,
Wo unsre Schützen nichts sind, und ermüden
Durch kleine Streifereien, die nichts entscheiden.
Allein der werte, teure, goldne Marschall
Erzeigt die Liebe mir, und quetscht sich mit der ganzen
Gewalt'gen Heeresschlang' durch unsre Pässe.
Nun denn, ich will so heiß den Herrn umarmen,
Daß er mir Schweiß und Blut vergießen soll;
Und alle Bäche, die vom eis'gen Brenner
Hinab zum Thal des breiten Innes tanzen,
Send' ich als freudenrote Boten ab,
Dem Strom zu sagen, was Speckbacher that.

Wildmann. Die Generalität kommt! Mach dich fort!

Speckbacher. Verstecken? Wie? Bist du ein art'ger Wirt?
Dir muß es gleich sein, wer bei dir verkehrt;
Du darfst dem Bauer nicht die Thüre weisen,
Wenn der Feldmarschall in die Stube tritt.
Hier setz' ich mich, und will erwarten, Wirt,
Daß du mich rasch bedienst, so wie den Herzog.

Wildmann. Nun, deine Kühnheit ist bewundernswürdig!

Speckbacher. Es wäre kühner, sich davon zu schleichen.
Trau mir, sie sind so fein und übersichtig,
Daß sie das Nächste nicht vor Augen seh'n,
Und glauben eher an die größte Dummheit,
Als an die kleinste Klugheit bei dem Feind.
Ich hab' noch nichts vom neuen Kampf gehört,
Viel wen'ger wird der Herzog davon wissen.
Mir ist, durch sie zu fallen, nicht bestimmt.
Geh, Wildmann, und empfang die hohen Gäste!

Wildmann geht.
Speckbacher hat sich an einen Tisch im Hintergrund gesetzt.


Vierter Auftritt.

Der Herzig von Danzig. La Coste treten ein, Speckbacher. Nachher Wildmann.

Herzog. Sie müssen zwei Kuriere expedieren
Sofort, und dafür haften, Oberstlieutnant,
Daß beide abgeh'n allsogleich; den einen
An Seine Hoheit, den Prinz Vicekönig
Nach Villach, und den andern schicken Sie
Nach Schönbrunn an des Kaisers Majestät.
Empfangen Sie den Inhalt der Depeschen.
        Der Herzog diktiert, La Coste schreibt in die Brieftasche.
An Seine Hoheit schreiben Sie: Ich habe
Den Gen'ral Royer, mit dem ersten Heerteil,
Durchs Zillerthal nach Laditsch detachiert,
Die Bayern aber, unter Oberst Bourscheidt,
Rechts ab vom Brenner hin nach Prutz entsendet.
Ich selber rücke auf der großen Straße
Mit meinem Kern nach Brixen und nach Botzen.
Ich sei in Sterzing morgen, hoffe spätstens
In Botzen nach drei Tagen anzukommen,
Worauf ich mich durchs Sau- und Pusterthal
Mit Seiner Hoheit in Verbindung setze,
Und deren weiteren Befehl erwarte.
Ist es geschrieben?

La Coste.                       Zu Befehl, Eu'r Durchlaucht.

Herzog. An Seine Majestät, den Kaiser der Franzosen:
Ich sei ohne Widerstand
Von Salzburg in die Grafschaft vorgerückt.
Das Land sei ruhig: die geächteten,
Verruchten Fackeln dieses Bauernaufruhrs
Der Marquis Chasteler und Josef Hormayr
Sei'n ausgelöscht vom mächt'gen Flügelschlag
Der fränk'schen Adler!
Sie schwebten, königlichen Blicks, wie immer,
Ob diesen Bergen; tot sei aller Zwist,
Die Insurrektion zunicht geworden. –
Datieren Sie die Meldung nur aus Botzen.
Sie stocken – wie? Ist Ihnen was bedenklich?

La Coste. Ich frag' in Unterthänigkeit, Herr Herzog,
Ob den Bericht wir nicht versparen wollen,
Bis wir in Botzen Standquartier bezogen?

Herzog. Es darf nicht sein, der Kaiser ist seit Wochen
Ganz ohne Nachricht von dem Korps geblieben.
Es liegt ihm d'ran, Tyrol zu überwält'gen,
Das, lächerlich, dem Stacheligel gleich,
Auf seiner großen Siegesbahn sich kauert.
Ich bin gewiß, daß ich nach Botzen komme.
So dürfen wir, was wir bis dort erfahren,
Auch melden, dreist, als sei es schon gescheh'n.

La Coste. Ich fürchte nur, es giebt noch Hindernisse.
Schlimm wär's, wenn den Rapport Unmöglichkeit
Zu Schanden machen sollte.

Herzog.                                         Oberstlieutnant,
Der Kaiser strich, wie Sie wohl wissen werden,
Als er dem Dämon, welcher zwanzig Jahre
Frankreich zerriß, die blut'gen Tatzen brach,
Und sich die alten Kronen Karls des Großen
Mit neuem Glanz auf seine Stirne drückte,
Aus seinem Wörterbuch die Worte: schwierig,
Unmöglich, Hindernis
. Er liebt es nicht,
Wenn seine Diener sie noch kennen wollen.
Er will Tyrol, und also wird er's haben,
Ich soll es schaffen, also werd' ich's schaffen.
Sie, der bei Ulm und Friedland um ihn war,
Versteh'n Sie nicht die Richtigkeit der Folg'rung?

La Coste. Was hierauf mir zu sagen übrig bliebe,
Verschweig' ich gern, da es nur Meinung ist.
Es haben Eure Durchlaucht zu befehlen,
Und zu vertreten, und ich schreib' von Botzen.
– Doch nicht vorher, eh' wir nicht drinnen sind. –

Speckbacher leise.
Mir ist es lieb, daß keiner meiner Knechte
Hier dem Gespräche zugehöret hat.
Die Bursche würden in der guten Schule
Ganz sakrisch lügen lernen für den Fall,
Daß sie mein Dienst in schlimme Händel brächte.
Der alle Welt durch seine List zerstückt,
Wird von den eignen Dienern frech berückt,
Ich seh', so hoch steigt doch kein großer Mann,
Daß ihm nicht grober Trug nachfliegen kann.

Der Herzog zu La Coste.
Sie halten den Bericht ganz allgemein.
Vor allem nichts erwähnt von jenen Schüssen,
Die gestern aus der Schlucht des Judensteins
Auf das Kommando fielen, hinterrücks,
Und uns den Major Müller töteten.

Speckbacher leise.
Ha! wackre Buben, zieltet ihr so gut?

Der Herzog. Fang' ich die Räuber, laß ich sie erschießen!
Doch nur nicht sprechen von den Kleinigkeiten,
Die mit dem Schein dann von was Großem prunken.

La Coste. Indessen hörte man auch heute früh
Ein heftig Plänkeln in der rechten Flanke,
Das, wie es schien, von Greil und Mutters kam.

Der Herzog hat einen Gang durch die Stube gemacht.
O ja, die Berge werden noch ertönen
Von manchem Schuß. – Ein Land, was jüngst im Aufruhr,
Dünkt mich, wie ein genes'ner Fieberkranker,
Der Arzt erklärt ihn für geheilt; allein
Die wankende Natur vergißt sofort
Die alten, wilden Phantasieen nicht,
Und wenn das Leben auch gerettet ist,
So schüttet sie die aufgeregten Schrecken,
Im Beben aller Pulse, lang' noch aus.
Bestell'n Sie wohl ein Frühstück, lieber Coste?

La Coste zur Thüre hinaus rufend.
Herr Wirt!

Speckbacher laut.
He Wirt! Wie lange wart' ich auf den Wein?

Der Herzog. Wer spricht?

La Coste.                           Ein Bauer, der geschlafen hier,
So wie es scheint.

Herzog.                       Nun, hätt' er auch gewacht,
Und zugehört, nichts Heimliches vernahm er,
Und was ein dritter just nicht hören durfte,
Das hat er nicht verstanden.

La Coste hat ihn genauer betrachtet.   Eure Durchlaucht,
Wenn ich nicht irre, kenn' ich das Gesicht.

Speckbacher. Ei Herr, ja freilich, bist du nicht La Coste,
Den ich, als du gefangen wardst bei Wiltau,
Im Mai austauschte gegen Eisenstecken?

La Coste. Der bin ich, und du bist der so berüchtigt

Speckbacher. Nein Herr, nicht Soberüchtigt nenn' ich mich,
Den Namen kenn' ich gar nicht in Tyrol.
Ich bin der Josef Speckbacher von Rinn
Und Kommandant des Landsturms bis zum Stillstand.

Herzog tritt näher.
Hier sähen wir ja eines von den Häuptern!
Es ist ein seltsam Schicksal doch, La Coste, daß wir
Nachdem wir schlugen jede Heeresmacht,
Mit solchem Volk zuletzt noch kriegen mußten.
Ein Fingerzeig, nicht stolz zu werden, Freund!
Wo steckt denn euer mystischer Prophet,
Der in dem Barte seine Kraft besitzt,
Der Gen'ral Sandwirt – ha, wie heißt er doch?

Speckbacher. Meinst du den Sandwirt Hofer von Passeyer,
So wisse, seine Freunde wissen nicht,
Wo dieser Mann sein armes Haupt geborgen.

Herzog. Vernehmen Sie, La Coste, wohl den Ton?
Sobald von dem sie reden, klingt's gewichtig.
Der Kaiser von Östreich hat doch kluge Köpfe
In seiner Kriegskanzlei. – Der Greis vom Berge!
Man schnitze nur dem Volke einen Götzen,
Und sei gewiß: sie werden ihn verehren.
So machten jene Herren da aus Wien
Den Bauer aus Passeyer hier zum Tell. –
Ihr les't wohl viel hier euren Wilhelm Tell? –

Speckbacher. Wir lesen nichts als den Kalender, Herr.

Herzog. Nun das ist gut, und daran haltet euch,
Der Bauer thut nicht wohl, denkt er zu hoch.
Faßt nur ein recht Vertrau'n zu mir, ihr Leute,
Nicht denk' ich, euch im mindesten zu drücken,
Das Land gefällt mir, die Bewohner auch.
Und wenn ihr frommen Frieden mit uns haltet,
Sollt ihr an mir den guten Freund besitzen.
        Der Wirt bringt Frühstück. Der Herzog setzt sich dazu.
Nun, Coste?

La Coste der sich nicht gesetzt.
                      Eure Durchlaucht, der Kurier,
– Indes der Mann hier in der Stube ist,
Erneur' ich meinen Handel mit der Frau.
Mir brennt das Herz, seit ich sie wieder sah,
Sie winkte mir, ich darf nicht warten lassen. – Ab.

Speckbacher. Herr Wirt, wenn du da fertig bist, so komm
Denn endlich auch zu mir, und sorg für mich.
        Zum Herzog.
Du gönnst doch, Herr, daß ich mein Brot hier esse?

Herzog. Die Stub' ist frei, gehört so dir, wie mir.
        Zum Wirt.
Bedien den Mann, ich bin nun schon bedient.

Wildmann geht zu Speckbacher.
Du weißt nicht, wo du bist und was du thust.
– Zwei Worte flüstr' ich dir: der Landsturm hat
Bei Laditsch und bei Prutz den Feind geschlagen.
Fallern von Rodeneck und Peter Mayer
Steh'n draußen, mit des Weges Staub bedeckt,
Geh 'naus, vernimm sie! –

Speckbacher.                           Bess're deine Rede.
Hier, in des Herzogs Beisein, hör' ich sie,
Und gebe ihnen Ordre.

Wildmann.                           – Bist du rasend? –

Speckbacher. Mein gnäd'ger Herr und Herzog – du, merk auf,
Und instruier nach diesem Wort die beiden –
Ich bin ein Pferdehändler hier zu Lande,
Und sende meine Knechte weit umher.
Nun stand mir eben just 'ne starke Koppel
Bei Laditsch, und 'ne andere bei Prutz.
Jetzt kommen zwei von meinen Leuten an,
Der ein' von Laditsch und von Prutz der andere.
Die woll'n mir melden, was sie für Geschäfte
Dort im Gebirge machten mit den Gäulen.
Erlaubt es deine Durchlaucht wohl, o Herr,
Daß ich die Knechte hier im Zimmer höre?
Die armen Buben sind vom Wandern heiß,
Und draußen sticht die Sonne gar gewaltig.

Herzog. Laß sie nur kommen, Freund! und sprich sie hier.

Speckbacher. Ich dank' der Gnade. Siehst du, blöder Wirt?
Er meinte, du würd'st böse werden, Herr!
Wenn ich so gradezu mit dir mich hielte.
Ich aber sagte, daß du sprachst vorhin,
Du seiest unser Freund! Nun denk' ich immer:
Vor Freunden hat man keine Heimlichkeit,
Und spricht vor ihnen dreist von seinen Sachen.
        Zum Wirt.
Laß Fallern erst, dann Peter Mayer kommen.
        Wildmann geht.

Herzog steht auf.
Hör du, mir mißfällt nicht dein keckes Wesen.
's ist schade, daß du angesessen bist,
Sonst sagt' ich dir, komm mit, und dien bei uns.
Bei uns kann alles aus dem Manne werden.
Der letzte Sohn des armen Tagelöhners
Hat so viel Hoffnung zu dem Marschallsstabe,
Als wie das Kind der seidnen Excellenz.
Wie ich dich seh' auf deinen Füßen steh'n,
Gemahnt's mich fast, als säh' ich selber mich
Vor dreißig Jahren, in des Vaters Mühle,
Denn eines Müllers Sohn aus Elsaß bin ich;
Nicht schäm' ich mich, ich freue mich des Ursprungs,
Weil's größer mich bedünkt, der erste sein
Von einer Ahnenreihe, als der letzte.
Ich glaub', der Krieg könnt' etwas aus dir machen.

Speckbacher. – Und soll es auch, wenn Gott Gedeihen giebt! –
Ja Herr! Wo sollten meine Pferde bleiben?


Fünfter Auftritt.

Fallern von Bodeneck. Vorige.

Fallern tritt auf.
Gott grüß dich, Josef!

Speckbacher.                   Danke, lieber Fallern!
Nun sag', wie schaut's?

Fallern.                                 Ei, wacker in die Welt.

Speckbacher. Was machtet ihr bei Prutz denn für Geschäfte?

Fallern. Frag einzeln mich, so will ich Antwort geben.

Speckbacher. Recht, du bist noch zu jung, um viel zu sprechen:
– O meine braven, list'gen Bergesknaben! –
Ich schrieb euch, wie ihr klüglich handeln solltet,
Ist euch der Brief auch richtig zugekommen?

Fallern. Ja, durch den Rotbart, dem du ihn gegeben.

Speckbacher. Wo fand euch meine Botschaft, sag mir das?

Fallern. Wir zogen mit der Koppel just gen Pontlatz.

Speckbacher. Wo traft ihr Käufer, welche handeln wollten?

Fallern. Die kamen an von Prutz und Dullenfeld.

Der Herzog. Das ist die Gegend, so die Bayern halten.

Speckbacher. Und waren's viele, die ein Lusten trugen?

Fallern. Die ganze Ebne war von ihnen voll.

Speckbacher. Da war die Koppel wohl nicht groß genug?

Fallern. Nein Herr, auf zwanzig Käufer kam Ein Stück.

Speckbacher. Wie schafftet ihr das nötigste Bedürfnis?

Fallern. Wir holten's aus den Dörfern in der Nähe.

Speckbacher. Es halfen euch die Landesleute aus?

Fallern. Es helfen sich Tyroler gegenseitig.

Speckbacher. Ging nun ein frisch und lebhaft Krämern an?

Fallern. Zwei Tage währte das hartnäck'ge Feilschen.
Sie wollten anfangs uns den Preis nicht zahlen,
Doch endlich neigten sie sich unserm Willen.
Wir setzten ab, was wir nur wollten. Redlich
Ist ihnen g'nug gethan; und alle Kunden
Sind, glaube mir, auf lange Zeit versorgt.

Speckbacher. Ich bin mit euch zufrieden. Setz dich zu mir.

Herzog zu Fallern.
Hör du, sahst du den Oberst Bourscheid dort?

Fallern. Ei Herr, mit dem und mit den Seinigen
War unser Handel just, von dem ich sprach.

Herzog. Und ist er weiter schon ins Land hinein?

Fallern. Dies wüßte ich, Herr Herzog, nicht zu sagen.
        Er setzt sich zu Speckbacher.

La Coste tritt wieder ein, zum Herzog.
Die Pferde sind gefüttert, Eure Durchlaucht.

Herzog. Zur rechten Zeit, wir dürfen nicht verweilen.
Die Truppen sind nach Sterzing schon voraus.
Zu Roß, la Coste, denn!

La Coste.                             Mein gnäd'ger Herzog,
Sollt' es nicht rätlich scheinen –
        auf Speckbacher deutend.
                                                      diesen Mann
Als Geißel Ihrer Suite anzuschließen?

Herzog. Warum nicht gar!

La Coste.                             Ich hab' bestimmte Kunde,
Daß er auf Schlimmes denkt mit vielen andern.

Herzog. Gedanken, Freund, sind frei. Dem großen Kaiser
Dient der am schlecht'sten, der auch der Gedanken
Luft'gen Bezirk ihm unterwerfen will.
Die Länder und die Leiber reichen hin.

La Coste. Doch wenn der Leib im Sold steht der Gedanken?
Eur' Durchlaucht, meine Furcht kommt von der Frau
Im Haus hier, die, ich muß es nur gesteh'n,
Mir ihre Gunst gewährt; sie sagte mir's.
Die Form des Anschlags weiß sie leider nicht,
Doch, daß etwas im Werk, weiß sie gewiß.

Herzog. Ich hasse Furcht, die von den Weibern stammt!
Indessen – freilich – sagen Sie, La Coste –
        Er spricht leise mit ihm.

Speckbacher an seinem Tische, zu Fallern.
Nun halten sie geheimen Rat zusammen,
Ob sie uns mit sich als Gefangne nehmen.

Fallern. Sie werden doch nicht? Was thun wir dabei?

Speckbacher. Wir trinken ruhig unsern Schoppen weiter.

Herzog aus seinem Gespräche mit La Coste.
Die beßre Überzeugung spricht dagegen.
Wenn wir die unruhvollen Köpfe sämtlich,
Die in der kurzen Zeit des Sommerfeldzugs
Als Bauernkönige sich ehren ließen,
Und denen es nun freilich nicht gefällt,
Von neu'm dem Pflug zu folgen – fangen ließen,
Wir hätten, sie zu hüten, nicht die Wächter.
Zu stark sind wir für solche kleine Mittel,
Man könnte dadurch erst Empörung sä'n.
Auch war der Mann vor mir so unbefangen,
Daß seine Schuld mir nicht recht glaublich ist.
Verschwörung wandelt leiser, unter Schleiern.
D'rum nichts davon.
        Zu den Tyrolern.
                                  Gehabt euch wohl, ihr Leute.
        Zu Speckbacher.
Du kannst dich, wenn du 'nmal nach Botzen ziehst
Mit deiner Koppel, bei mir melden lassen.
Mein Marstall wird Ergänzung wohl verlangen,
Und was ein andrer zahlt, das geb' ich auch.
        Mit La Coste ab.

Speckbacher. Ich denk', du zahlst mir mehr, als jeder andere.


Sechster Auftritt.

Peter Mayer tritt auf. Die Vorigen.

Speckbacher. O alter Mayer! warum schleichst du so,
Der Schnecke gleich? Du schmälerst mir die Lust.
Mein guter Freund, der Herzog Danzigs, sollte
Auch hören, was du bringst. – Von wannen kommst du?

Mayer. Vom engen, fürchterlichen Paß bei Laditsch,
Wo tief, daß sie der Sonne Blick nicht wärmt,
Die wilde Eisack über Klippen rennt,
Von blut'gen Felsen, blutgetränkter Erde,
Von einer Leichengrube komm' ich her.

Speckbacher. Dein Antlitz gleicht dem Kirchhof, den du schilderst.
Wie war's? Geschwind!

Mayer.                                   Wir lagerten bei Laditsch.
Da hörten wir, der Royer zieh' heran
Durchs Felsenthal. Was sollten wir beginnen,
Allein mit uns, und schwächer in der Anzahl?
So sprachen wir den Berg um Hilfe an,
Und redlich hat der Berg sie uns geleistet.

Wir klimmten in der Felsensäulen Mitte,
Da grade, wo sie ob der Brücke hangen,
Die schmal und spärlich überbaut den Fluß.
Und lösten alte Lärchen aus den Wurzeln,
Und hoben Felsenblöck' aus ihren Betten,
Und rammten in das Erdreich schwache Pfeiler,
Und legten erst die Lärchen auf die Pfeiler,
Und schoben dann die Blöcke auf die Lärchen.
Jetzt luden unsre guten Büchsen wir,
Und hingen still wie Gemsen an den Zacken.

Nicht lange d'rauf, da kamen hergezogen
Die hüpfenden Franzosen in der Tiefe.
Sie trippelten in Haften übers Brücklein,
Und sahen aus von oben klein wie Mäuse.
Und als die rechte Zeit gekommen war,
Gab ich das Zeichen mit der Jägerpfeife,
Und unsre Buben löseten die Stützen.

Da hob der Berg zu dröhnen und zu wandern an,
Und ging, als wie ein rollend Weltgericht,
Hinunter in die Tiefe! – Alsobald
Klang ein erschrecklich Wimmern aus dem Schlunde,
Geschrei und Heulen, wie dicht bei uns, tönte.
D'raus stieg ein Dampf empor, und rollte qualmend,
Die Schlucht bedeckend, bis zu unsern Füßen.
Wir aber schossen durch den Dampf hinab,
Daß, wer noch lebt', empfing vom Blei sein Grab!
Wie nun der Staub verzogen war, so stiegen
Wir von dem Grat und gingen zu den Feinden.
Da sah'n wir nichts, als Stein getürmt auf Stein,
Gebrochne Augen, rauchendes Gebein!
Die Brücke lag in Trümmern, und die Eisack,
Von wild verschränkten Totengliedern starrend,
Sprang, wie ein rasend Untier, übers Schlachtfeld.

Fallern. Ein graus Verhängnis!

Speckbacher.                             Und gerecht Gericht!
Nun, Freunde, auf!
Der heil'ge Krieg hängt seine Feuerfahne
Von höchster Alpenfirste bis zu Thale!
Jetzt gilt's, zwei Leben haben!
Käm' nur der Pater bald! Wo weilt er denn?

Mayer. Er ist schon hier versteckt im Nebenstübchen,
Zu kenntlich ist er, darum wollt' er nicht
Sich zeigen vor den Feinden.

Speckbacher geht zur Seitenthür.   Vater, komm!


Siebenter Auftritt.

Vorige. Der Kapuziner Joachim Haspinger. Nachher Nepomuk von Kolb und Donay.

Haspinger. kommt aus der Seitenthür.
Gelobt sei Jesus Christ!

Die andern.                           In Ewigkeit und Amen!

Haspinger. Die heil'gen Landspatronen segnen euch!

Speckbacher. Ei Vater, wie so bleich und abgefallen!

Haspinger. Es ist kein Wunder, denn ich bin sechs Tage
Durch alle Berg' und Thäler, wie ein Pfeil,
Hindurch geschwirrt, die Leute aufzuregen,
Kein Schlaf kam in mein Auge, dazu nimm
Die Anstrengung von Laditsch und von Prutz,
So hält zwar noch mein weißer Wanderstecken,
Allein die Füße wollen nicht mehr tragen.

Speckbacher. Ei Vater, bleibe frisch, die Sache braucht dein.

Haspinger. Sorg' nicht für mich, sind auch die Wangen bleich,
So ist das Herz doch rot, und Gott erhält mich.

Speckbacher. Bist du mit mir zum Äußersten entschlossen?

Haspinger. Schieß nieder mich, siehst du mich je verdrossen.
Ich will mein Haupt nicht scheren, und den Staub
Von meinen Füßen nicht zur Erde schütten,
Bis ich die Feinde unsrer heil'gen Kirche
Vom Boden weggetilgt, wie sie's verdienen.

Speckbacher. Nun wohl, dein Ton stimmt rein zu meinem Ton.
Ich hasse sie, ich weiß nicht recht, warum,
Doch hass' ich sie, und bis ich diesen Haß
In ihrer Leiber rotem Born gelöscht,
Soll mir von Fried' und Freundschaft niemand sprechen.
Jetzt Freunde geht, und kehrt zu euren Haufen,
Sie sollen rechts und links der Straße sich
Hieher zum Isel zieh'n; die Straße meiden,
Denn alles kommt d'rauf an, daß nicht der Herzog
Zu früh erfahre, was wir unternommen.
        Mayer und Fallern ab.
Nun zieht die Schlinge immer enger sich,
Und kommt der Sandwirt hier im Centro an,
So ist der Knoten fertig und geschürzt.

Haspinger. Hast du schon Nachricht von dem frommen Hofer?

Speckbacher. Des Priesters Donay wart' ich jede Stunde.

Haspinger. Wie? Sandtest du den falschen Mann zu ihm?

Speckbacher. Der Sandwirt mag ihn, und er hat Geschick,
Man kann in solchen unruhvollen Zeiten
Das beste Werkzeug leider oft nicht wählen,
Da muß das erste denn das beste sein.
        Nepomuk von Kolb tritt ein.
O Gott, dort kommt der Fluch von unsrer Sache,
Der ausgelass'ne Nepomuk von Kolb.
Ich denk', wir sind ihn los. Was will der Schwärmer?

Kolb. Hosanna in den Höhen und in Lüften,
Nebst Kyrie und Benedicite!

Haspinger. Der Mensch verdreht ja furchtbar seine Augen.

Kolb. Ich hatt' 'ne Eingebung, hört meine Eingebung,
Ihr seid verloren, große Kriegesfürsten,
Hört ihr nicht meine Eingebungen an!

Speckbacher. O heil'ger Himmel, welch verrückt Geschwätz!
Die ernste Zeit sitzt hoch in Wolken, zürnt,
Daß ihren Gang du hemmst mit seichten Reden.
Nun, mach ein End', wer gab dir etwas ein?

Kolb. Ein Engel, letzte Nacht, am linken Ohr.
Vertraut dem Sandwirt nicht – rief dieser Engel,
Der Sandwirt kommt nicht, trauet Hofern nicht,
Du, Nepomuk, bist mein erwähltes Rüstzeug.

Haspinger. Gesell', ich glaub', ich kenn' des Engels Fittich;
Gleich werden wir erfahren, ob er recht hat,
Denn hier kommt Donay.

Der Priester Donay tritt ein.   Werte Landeshäupter,
Mein Auge schwimmt in Thränen bei dem Anblick.
So seh' ich sie denn mit einander steh'n,
Den kühnen Speckbacher, den tapfern. Mönch!
Heil dir, Tyrol! Du wirst dein Haupt erheben
Bis zu den Wolken, Mut und Gottesfurcht
Steh'n, wie zwei Riesen, stark an deinen Pforten.
Nun kehren wieder jene alten Tage
Von Salamis und Marathon, Tyroler
Nennt man hinfort bei Griechen und bei Römern.

Speckbacher. Mein würd'ger Priester, diese Redensarten
Versparen wir uns gerne bis zum Nachtisch.
Willst du so gütig sein, zu melden, wie
Die Sendung an den Sandwirt abgelaufen?

Donay. Der Gottesmann, der Patriarch Passeyers
Empfing den Brief, so wie der Feuerschwamm
Empfängt den Funken, und zur Lohe aufglüht,
Die dann, was nahe, unaufhaltsam zündet,
Und ihrem Feu'r viel fremde Feu'r verbündet.

Speckbacher. Soll'n endlich wir erfahren, wo der Mann,
Der Gottesmann, das angesteckte Feuer,
Leibhaftig sich befindet, sollen wir?

Haspinger leise zu Speckbacher.
– Erzürn dich nicht, denn das ist Teufels Art,
Wenn Satan umgeht, hüllt er sich in Worte. –

Donay. In kurzen, schlichten Worten denn berichtet,
Daß Hofer,
Auf deinen Ruf, mit dem gesamten Landsturm
Vom Thal Passeyer und dem Gau Meran,
So wie den Bergen, die Algund beschaut,
Gleich Mose durchs Gebirge hergezogen,
Und sich mit seinem Volk gelagert hat.
Kaum einen Büchsenschuß von hier, am Schönberg.

Speckbacher. Entgegen ihm, den Wackern zu begrüßen!

Kolb. Halt einen Augenblick! Ihr Herrn, der Engel
Am linken Ohr, sagt mir, er hab' gescherzt.

Haspinger. Ei, hör mit deiner Thorheit jetzo auf!

Kolb. Halt! halt! – Ein Äthergeist Ituriel
Raunt mir ins rechte Ohr: Erwählt ein Haupt,
Ihr braucht ein Haupt in diesem Kriege, wählet,
So Visionen hat und Geistesgnaden!
Ein hell, erleuchtet, gottbeseligt Haupt!
Der Hauptpunkt ist das Haupt!

Haspinger.                                         Komm doch, Speckbacher!

Speckbacher. Nein, Vater, bleib. Der Schwätzer sagt die Wahrheit:
Der Hauptpunkt ist das Haupt,
Wir müssen's haben, sonst zerscheitert alles.
Mensch! wie fand'st du die Perle g'rade jetzt?

Donay. – Nun gilt's, für Hofern klüglich was zu wirken. –
Darf ich vor euch die schwache Stimm' erheben,
So habt ihr, werte Männer, was ihr sucht
Denn wer besitzt des Volkes Liebe so,
Wer ist so rein untadlichen Gemütes,
So frommer Tapferkeit, so hohen Sinnes,
Als –

Kolb.       Nepomuk von Kolb!

Donay.                                       – der Sandwirt Hofer.

Kolb. Pah, dreimal höhern Sinn trägt Nepomuk!

Donay. Wählt ihn zum Haupt, den Biedern und den Guten.
        Zu Speckbacher, leise.
Dein größerer Verstand regieret dann
Statt seiner, denn er ist in deinen Fesseln;
Das Süße schmeckest du des Regiments,
Empfindest nicht das Bittre, noch die Bürde.

Kolb. Ich sage, Nepomuk ist gut und bieder!

Donay. Wählt ihn zum Haupte, den die Heil'gen lieben!
        Zum Kapuziner, leise.
Und der den frommen Dienern unsrer Kirche
Gern alles gönnet, was ihr Herz begehrt.

Kolb. Was will das alles? Mit mir sprechen Engel.

Haspinger. Ich wehr' mich, Priester Donay, offen sag' ich's,
Dem Eindruck deiner Wort'. Ich lieb' dich nicht,
Du weißt's – und kann nichts Gutes von dir hoffen.
Doch deucht mir das wie Wahrheit, was du sagst,
Mich bessre Gott, wenn ich hierin mich trüge.

Speckbacher. 's kam eine wicht'ge Stunde über uns,
Die Folgen werden schrecklich sein, wenn wir
In ihr das Rechte nicht zu treffen wissen,
Doch weil sie da ist und Entschluß verlangt,
So sei er denn gefaßt!

Haspinger.                         Laßt's uns verschieben!

Speckbacher. Es darf nicht sein. Der Feind weiß morgen schon,
Was wir gethan, und wird fürwahr nicht säumen.
Verloren sind wir ohne einen Führer.
Ich steh' vor Gott, und sag' bei seinem Namen:
Wie ich von bösem Eigennutze frei
Und ledig mich in meinem Busen fühle,
Und rede nach der Worte g'radem Sinn.

Haspinger. Das schwör' auch ich, und spreche darauf Amen.

Speckbacher. Nun höret mich, die ihr versammelt seid:
Ich achte Andres Hofern gleich 'nem Vater,
Und hab' an seinem Wesen mich gestärkt,
Wenn nichts als Nacht herein zu brechen schien.
Wie ich für ihn empfinde, ist's mit vielen.
Ich glaub', er ist der Würdigste, ihr Herr'n,
Das Regiment in diesem Krieg zu führen,
Den der Verstand allein wohl nicht verwaltet.
Wir brauchen Gottes Beistand, liebe Herr'n,
Und unsre listigen Gedanken fliegen
Nicht auf zum Throne des Allmächtigen.
Der Mann, von dem ich rede, steht ihm näher,
Und alles wohl erwogen, geb' ich gern
Hier mein Stimme für Andreas Hofer.

Haspinger. Ich folge dir, er hat die meinige.

Donay. Gesegnet sei der Herr, der euch gelenkt!

Speckbacher.* Der Wirt am Isel hat ein altes Schwert,

Von einem Herrscher aus dem Hause Görz,
Das hier gewaltet hat vor grauen Jahren.
Holt es, wir wollen Hofern damit gürten,
Der Feldherr führe dieses Ehrenschwert.

Kolb. Ituriel sagt: Da's so gekommen ist,
So beuge dich der Wendung, das ist Größe!
Ich will voraus, bei Hofer euch zu melden. Geht.

Donay.* Das Schwert hol' ich, und komme damit nach. Geht.

Haspinger. Ein schlimmes Omen! Narrheit geht voraus.

Speckbacher. Doch besser stets, als wär' sie im Gefolge.

Haspinger.* Und Lüg' und Bosheit bringt die Waffen nach.

Speckbacher.* Ei, schäm dich, sing uns keine Eulenlieder,
Mag Narrheit vor und Bosheit nach uns gleiten,
Wir wollen tapfer unsres Weges schreiten. Sie gehen.


Achter Auftritt.

Hochebene unweit des Berges Isel. In der Ferne die Türme von Innsbruck.

Andreas Hofer unter vielem Volke.

Hofer. Nun, liebe Brüder Landsverteidiger,
So steh'n wir wieder an dem Berge Isel,
Der zweimal unsres Landes Glorie sah;
Zuerst im Lenz, wo sich die Bayern hier
Ergaben an den guten Major Teimer,
Im Sommer dann, wo wir den Deroy schlugen.
Da scheint die Martinswand, und dort liegt Innsbruck,
Und Kaiser Maxens Geist umschwebt uns hier.

Das Volk. Du hast uns, Vater! aufgemahnt, und wir
Sind dir, wie sich's gebühret, gern gefolgt,
Nun aber sag uns, daß wir's wissen mögen,
Was ist des Zuges Zweck und rechte Absicht?

Hofer. Das Land Tyrol dem Kaiser zu erhalten.

Volk. Der Kaiser aber gab das Land ja auf.

Hofer. Noch nicht, ihr Kinder! Noch ist Friede nicht,
Und wird auch nimmer werden, wie's der Feind will.
Denn seht, ich gäbe lieber meine Rechte,
Als daß sie meine Schmach mir unterschriebe,
Nicht kleiner dürfen wir vom Kaiser denken,
Als von uns selbst. Die unglücksvolle Zeit
Erpreßt' auf kurze Dau'r den Pakt von Znaym;
Allein der Adler wird sich wieder rühren,
Dann wär' es schlimm, wenn wir in fremden Händen.
D'rum hab' ich euch berufen, daß wir wert
Des Namens bleiben: Schild von Österreich! –
Wie wir die ärmsten sind von seinen Kindern,
So müssen wir die treusten sein des Kaisers.
Den Vater müssen wir uns selbst erkämpfen,
Verdienen das Zutrau'n, das in uns gesetzt
Das alte, heil'ge Erzhaus Österreich.
Wenn dann der Kaiser seinen Frieden macht,
Und fröhlich sitzt in seinem Pomp zu Wien,
Und alle Völker ob und nied der Ens
Den Thron umsteh'n, dann schaut er wohl zuerst
Nach seinen grau und grünen Bergesschützen.

Volk. Doch aber, wenn es anders kommt, o Vater,
Und wir den Fremden wieder dienen sollen?

Hofer. Wenn dieses letzte Unglück sich ereignet,
– Was Gott und alle Heil'gen wenden mögen! –
So werden wir's als Männer auch ertragen.

Volk. Doch werden sie nicht unsre Treue strafen
Mit Mord und Brand und jeglicher Verwüstung?

Hofer. Ich sollt' nicht meinen, daß es also käme.
Sie werden, was wir thaten, nicht verachten,
Und wünschen, daß wir es für sie gethan.

Volk. Nur bis zum Frieden also, willst du, Vater!
Daß wir in diesem Zustand uns behaupten?

Hofer. Bis dahin scheint es mir nur recht zu sein.

Volk. Und wirft uns nimmer aus dem Lande führen?

Hofer. Auf unsern Bergen bleibe ich mit euch;
Da woll'n wir jubeln, weinen, singen, sterben;
Ich sag' es euch, und schwöre, daß ich's halte.

Volk. So sind wir dein mit Leib und Herz und Geist;
Vivat der Sandwirt! Hoch Andreas Hofer!

Hofer. Dank, Brüder! – Seht auf mich, und was ich thue!
Wie ich die Kugel aus der Büchse sende
Dorthin – Er schießt seine Büchse ab.
                So send' ich die Gedanken fort
Ins Lager, in die Schanzen der Franzosen!
Und niemand denke etwas andres nun,
Als was die Leiber,
Wie die Gedanken jetzo müssen thun!


Neunter Auftritt.

Nepomuk von Kolb. Die Vorigen.

Kolb tritt auf.
Die Engel Rafael und Gabriel
Gebieten mir, vor dir zu knieen, Volkshaupt!
Wirf Gnadenblick auf deinen Nepomuk! Er kniet.

Hofer. Bist auch da, Kolb? Steh' auf, verwirrter Mann!
Wenn du willst ehrlich mit der Büchse dienen,
So sei willkommen, sonst verfüg' dich fort,
Der alten Schwärmereien bin ich müde.
Steh' auf, ich will's!

Kolb.                               Nicht eh', bis du gelächelt,
Und mich mit Sonnenblick der Gunst vergoldet!

Hofer. Bist sinnig Mann! Weißt nichts von Speckbacher,
Und Pater Jochem, sind sie schon allhier?

Kolb. Ich tanze ihrem Reigen eben vor!
Sie suchen dich, mit Kronen dich zu schmücken,
Du Fürst, und Graf, und Herzog von Tyrol!

Hofer. Nun reißt mir die Geduld, schafft mir ihn weg!

Sie wollen ihn wegziehen.


Zehnter Auftritt.

Speckbacher und Haspinger treten auf. Vorige. Späterhin ein Bote und Donay.

Hofer ihnen entgegen.
Ei, lieber Josef, teurer Pater Jochem!
Ha, herzerstärkend, labendes Begegnen;
Ei, wie das freuet, solche Freunde seh'n
In solcher Zeit! Nun wären wir zusammen!
Und steh'n zusammen, gebt mir eure Hände.

Speckbacher. Dank, Gegengruß und Handdruck, Andres Hofer!
Die Zeit will Eil', d'rum kürz' ich meine Worte.
Die höchsten Ehren bring' ich deinem Haupt,
Du sollst in diesem Krieg als Oberfeldherr
Das Land Tyrol und seiner Männer Kraft
Zum Siege leiten, und wenn's Gott verhängt
Mind'stens zum ehrenvollen Untergange.
Ich, und der würd'ge Pater Haspinger,
Die Häupter der Bewaffnung in den Bergen,
Beschlossen's des gemeinen Bestens wegen,
Verkünden's dir, und harren deiner Antwort.

Hofer. Wie? Soll des Schwärmers Märchen Wahrheit werden?
Ich bitt' euch, meine Brüder, übereilt nicht
Solch' wicht'ges Unternelnnen und Verhandeln.
Ich bin ja nur ein Bauer von Passeyer,
Was hab' ich denn voraus vor so viel andern
Gewitzten, kühnen und verständ'gen Männern?
Tilgt, bitt' ich, euer Wort und diese Würde.

Speckbacher. Sie bleiben beid' in ihrer Kraft besteh'n;
Was unser Witz und unsre Kühnheit leistet,
Ist dein, zu groß und heldenmüt'ger Führung;
Brauch unsern Rat, wir brauchen dein Gemüt.

Haspinger. Begreifst du's nicht, so nimm es für ein Wunder;
Ein König wird nur durch ein Wunder König.

Hofer. Recht! – Und als ein Wunder will ich es betrachten;
Nicht grübeln, und nicht deuten, was euch lenkte.
So nehm ich's an, wofern die Landsgemeinen,
Die hier versammelt stehen, nichts entgegnen.

Volk. Vivat Sr. Gnaden, Andres Hofer, hoch!

Hofer. So nehm' ich's an! – Daß Gott der Herr es segne!
Speckbacher! hast du einen Plan ersonnen
Zur nächsten Schlacht?

Speckbacher.                       Ja wohl, mein Herr und Führer!
Im Schupfen, wenn es dir gefällig ist,
Gedenk' ich gründlich dir ihn vorzulegen.

Ein Bote kommt. Zu Speckbacher.
Herr Kommandant! –

Speckbacher auf Hofer deutend.
                                    Zu diesem Größern rede,
Der Oberkommandant ist von Tyrol.

Bote. Der Herzog Danzigs ist im vollen Feuern
Mit unsern Posten, die bei Tschitfes stehn.

Haspinger. So haben sie zu früh sich doch gezeigt.

Speckbacher. Und früher, als ich glaubte, reift das Treffen.

Hofer. In Gottes Namen! Morgen, Freunde! heißt's:
Die dritte Rettungsschlacht am Berge Isel!
        Zu Speckbacher.
Du hast?

Speckbacher.   Sechstausend.

Hofer zu Haspinger.                       Du?

Haspinger.                                         An siebentausend.

Hofer. Fünftausend Schützen aber folgen mir.
So sind wir achtzehntausend, und der Herzog
Hat wenig über fünfundzwanzigtausend.
So ist denn das Verhältnis gut und richtig,
Wenn wir die Berge und den lieben Gott,
Wie billig, zu den Bundsgenossen zählen.
Nun zu dem Schupfen!Anstatt des Folgenden für die Aufführung:
        Es gilt, ihr Freund', ein würdiges Gefecht
        Für alten Herrscher und für altes Recht!
                (Der Aufzug schließt.)

Sie wollen gehen. Donay tritt ihnen mit dem Schwerte entgegen.

Donay.                                   Dir, Timoleon,
Bringt Priesterhand –

Speckbacher.                   Still, würd'ger Priester Donay!
Der Sandwirt Hofer liebt die Blumen nicht.
Mein Herr und Führer! nimm dies gute Schwert,
Es rühret von den alten Landesherrn,
So wie man sagt, den Grasen her zu Görz.
Wir geben's dir als Zeichen deiner Würde;
Führ es zum Schreck der Feinde, Heil der Freunde!

Hofer nimmt das Schwert.
Gebt mir das Schwert! Mir zittert meine Rechte,
Da ich den Knopf und Griff des Schwertes fasse;
Denn es bedeutet die gewalt'ge Macht
Des Feldherrn über Tod und über Leben.
Welch ein Vermessen, solche Macht zu geben
In eines armen, sünd'gen Menschen Hand!
Mit Glanz und Trauer füllet dieser Stand.
Ich heb' das heil'ge Kreuz des Griffes auf;
Gott Vater, lenk' Andreas Hofers Lauf!
Es gilt, o Schwert! ein würdiges Gefecht
Für alten Herrscher und für altes Recht!

Er geht. Die andern folgen.

 


 

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