Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Das Trauerspiel in Tyrol

Karl (Leberecht) Immermann: Das Trauerspiel in Tyrol - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleImmermanns Werke Band I.1
authorKarl Immermann
year1887
firstpub1828
publisherW. Spemann
addressBerlin und Stuttgart
titleDas Trauerspiel in Tyrol
pages190
created20130916
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vorrede.

Der gründliche und einsichtsvolle Beurteiler meiner dramatischen Arbeiten im 35. Bande der Wiener Jahrbücher der Litteratur tadelt unter anderem an mir, daß ich meine Dichtungen ohne Vorrede in die Welt schicke. Er leitet diese Schweigsamkeit aus einem gewissen Stolze ab, und findet in letzterem auch zum Teil den Grund, warum meine Dramen untheatralisch seien, indem er meint, ich habe sie mit Willen außerhalb der Berechnung für die Bühne gestellt.

Ich muß gestehen, daß diese Argumentation mir in der sonst so schätzbaren Arbeit nicht erfreulich gewesen ist. Mich dünkt, es ist sehr mißlich, in die ästhetische Würdigung solche halbmoralische Betrachtungen zu verflechten, da sie in der Regel unsicher, doch dem gewöhnlichen Sinne zusagend, sehr leicht das allgemeine Urteil über den Dichter verrücken können.

Ich fühle unter diesen Umständen mich veranlaßt, das Trauerspiel von der Treue der Tyroler, welches ich jetzt meinen Landsleuten übergebe, mit einem Vorworte zu versehen. Über das Ästhetische, dessen Verständnis und Würdigung muß ich bei meiner Sitte, zu schweigen, verharren. Der Dichter wird immer im stillen eine Meinung über sein Werk haben, und in vielen Fällen selbst am meisten geeignet sein, dasselbe auszulegen; wenn er sich aber vor dem Publiko, deutend mit dem Stabe, daneben stellt, 132 so gleicht er nach meinem Gefühle doch allzusehr den Leuten, welche die Jahrmärkte bänkelsängerisch zu belustigen pflegen.

Etwas andres ist es mit Dingen, die sich auf das äußere Schicksal, auf das Fortkommen eines Werkes in der Welt beziehen und die Absichten des Dichters mit demselben betreffen. Darüber darf man wohl reden, und deshalb gebe ich diese Erklärungen ab.

Ich bin immer der Meinung gewesen, daß ein Gedicht in dramatischer Form auch bestimmt sein müsse, öffentlich in Handlung gesetzt und gesprochen zu werden. Nie habe ich daher mit der Absicht, nur den einsamen Leser zu beschäftigen, sondern immer mit der gearbeitet, ein versammeltes Volk durch das lautgewordene Gedicht zu erfreuen. Ich habe auch einzelne meiner Produktionen, wie das Lustspiel »Die Prinzen von Syrakus« und das kleine, nachher im Berliner Taschenkalender abgedruckte Schauspiel »Die Brüder« verschiedenen Theatern zur Aufführung übersendet. Ebenso ist das gegenwärtige Trauerspiel einer großen Bühne in der Handschrift mitgeteilt worden, und ich habe mich zu den, der scenischen Rücksichten wegen, etwa nötigen Abänderungen gegen dieselbe erboten. – Wenn das Theater also mit Recht von meinen Arbeiten keinen Gebrauch gemacht hat, so kann das nur in meinem Unvermögen, für seine Zwecke zu dichten, nicht aber in einem eigensinnigen Willen seinen Grund haben.

Eine besondere Schwierigkeit, dem deutschen Theater, wie es gegenwärtig ist, gemäß zu dichten, liegt darin, daß das Publikum vorzugsweise nur von dem Deklamatorischen und Rhetorischen, nicht aber von dem Poetischen und Charakteristischen angesprochen wird. Der abgesonderte und einsame Zustand, worin die meisten Deutschen leben, begünstigt die Neigung, sich gewisse prächtige Gesinnungen und Gedanken vorzusagen, und dem einförmigen Strome einer einseitig angeregten Empfindung bis ins Unendliche zu folgen. Alles, was ihnen in solcher Form und von solchem Gehalte von andern geboten wird, ist ihnen gemäß. Ein sozialer und öffentlicher Zustand dagegen fordert notwendig zur Gestalt auf, und 133 bildet den Sinn für Gestalt aus. Schiller schlug den rhetorischen Ton zuerst lebhaft an. Seine Seele war aber zu groß, und seine Kraft zu mächtig, als daß er in dieser falschen Richtung würde fortgeschritten sein, wenn ihm der Himmel ein längeres Leben gegönnt hätte. Wallenstein, Maria Stuart und Wilhelm Tell legen überall die Bestrebungen dar, einen wirklichen, eigentümlichen Kunststil sich auszubilden, und wahrscheinlich hätte ihn der in der Braut von Messina sichtbar gewordene Irrtum nur noch mehr zu einer thätigen und fruchtbringenden Reue für seine künftigen Werke begeistert. Schiller war ganz der Mann, der das deutsche Theater zu einer Stufe der Vollkommenheit hätte erheben können. Den Stoff nahm er ernst und reflektierend; sein Talent war auf das Glänzende gerichtet, die Form war respektabel und dabei sehr faßlich, Sinn für äußere Handlung und Theatereffekt besaß er, und so ist sein früher Tod unendlich zu beklagen; denn er hatte von den schwachen Seiten seiner Zeitgenossen gerade so viel in sich, als der dramatische Dichter haben muß, der der Menge zusagen soll. Seine Tugenden waren aber größer als seine Fehler, und durch jene erhob und erweiterte er den Sinn derer, die ihm zuerst durch diese zugeführt worden waren. Nach ihm hat sich kein würdiges Haupt der dramatischen Poesie gefunden; man ist vielmehr eifrig bemüht gewesen, das schwache Element in seinen Dichtungen weiter auszubilden; fremdartige Einflüsse, wovon besonders der des Calderon zu nennen ist, haben sich hinzugesellt, und der Sinn des Publikums ist daher immer mehr davon abgekommen, eine tragische Handlung zu erwarten, wenn der Vorhang aufrollt. Das Deklamatorische und Rhetorische führt, konsequent ausgebildet, zur Zerstörung des eigentlich Dramatischen. Es bewirkt, daß den Personen Sentenzen und Schilderungen in den Mund gelegt werden, die weder aus dem Charakter, noch aus der Situation hervorgehen. Genau damit verbunden ist die Sucht, alle Figuren und Scenen so recht in den Vordergrund zu rücken, immer mit ganzem Lichte zu beleuchten, und jeden Teil so zu behandeln, als sei er ein für sich bestehendes und unabhängiges Ganzes. Statt daß der wahre Dichter nur danach strebt, durch die Dichtung im ganzen einen bleibenden Eindruck hervorzubringen, 134 sucht man jetzt so vieler einzelner, zersplitterter Effekte, als möglich, habhaft zu werden; daher das Attrappenartige, das Suchen nach Pointen in der Scenenbildung. Was sich zu einem solchen sogenannten Effekte durchaus nicht verarbeiten läßt, wird mit unbeschreiblicher Nachlässigkeit behandelt; daher die gänzliche Leerheit der vermittelnden Scenen und der sogenannten Nebenfiguren. Die Kunst, poetische Mittel- und Hintergründe abzustufen, subordinierte Motive richtig zu behandeln, und die Hauptmotive in eine Übereinstimmung zu setzen, scheint fast verloren gegangen zu sein. Schlingt sich nun um alle diese Fehler und Mängel noch der Kranz der sogenannten blühenden Diktion, so ist ein Kunststück fertig geworden, welches den meisten nichts zu wünschen übrig läßt, freilich aber ein gebildetes Gefühl ungefähr so anspricht, wie ein Gemälde, in welchem der Maler, ohne Kenntnis der Perspektive und Verkürzung, lauter verzeichnete Figuren mit reinem Himmelblau, Rosenrot und Grasgrün zusammengetrieben hat.

Die Schauspieler, welche natürlich so reden müssen, wie die Stücke es ihnen auflegen, und wie es das Publikum verlangt, haben bei diesem Stande der Dinge sich eine ebenso ungehörige Manier angewöhnt. Denn entweder geraten sie in eine gemeine Natürlichkeit, oder sie suchen das tragische Pathos in einem hohlen, singenden Predigertone. Besonders verfallen die Schauspielerinnen in den letzten Fehler. Ich wenigstens habe noch nie eine tragische Heldin anders, als rezitativisch, sich erklären hören. Stücke, welche den Spielern anmuten, sich in die Charaktere zu vertiefen, worin es gilt, wahre Naturtöne zu finden, weil das Wortgeräusch mangelt, worin überhaupt alles mit einer gewissen Poesie gespielt werden muß, erklären sie deshalb für nicht darstellbar, und sie haben freilich nach dem Stande ihres Vermögens und ihrer Bildung recht.

Erkannten Fehlern, um der Mode willen, nachzugeben, ist mir unmöglich gewesen. Und wenn dies Stolz ist, wie mir ihn der Beurteiler in den Wiener Jahrbüchern nachsagt, so muß ich die Beschuldigung tragen. Wohl bewußt ist es mir, daß die Isolation zu andern Irrtümern führt, die vielleicht ebenso schlimm sind, als die, wozu der Zeitgeschmack verleitet. Sehr schätzbar würde es mir daher gewesen sein, wenn jene Kritik, die mich höchlich erfreut hat, sich noch mehr im einzelnen über die Fehler verbreitet hätte, welche die scenische Darstellung meiner 135 Arbeiten hindern sollen. Gewiß würden dergleichen Bemerkungen an mir den aufmerksamsten Leser gefunden, und mich zur ernstesten Prüfung veranlaßt haben.

Ich wünsche, daß das gegenwärtige Trauerspiel jenen Beurteiler und allen, die an meinen Versuchen Anteil nehmen, wenigstens von meinem Bestreben, den mimischen Ausdruck zu ergründen, Zeugnis ablegen möge. Freilich ist es, wie ich voraussehe, wieder von der Beschaffenheit, daß unsre Bühne es nicht aufnehmen wird. Ich habe es aber so lassen müssen, wie es jetzt ist, weil ich es so gemacht habe, wie ich es habe machen können. Ich schlage indessen, um den Direktionen meine möglichste Bereitwilligkeit zu zeigen, außer der zu Ende angehängten Variante noch folgende Abänderungen vor.

Dasjenige, worauf zunächst das Interesse des Stücks bei der Darstellung – wenn es ein solches hat – beruht, ist der Gegensatz zwischen dem rohen Heldentume der Tyroler, ihrer Treue, ihrem Glauben und dem feinen Heldentume der Franzosen, ihrem Verstande, ihrem Ehrbegriffe. Alle Scenen, welche aus diesem Gegensatze fließen, müssen stehen bleiben, und es mag höchsten diese und jene zu bestimmte Färbung bei Jüngstverstorbenen oder noch Lebenden, der Rücksichten wegen, wegfallen.

Es giebt nun aber eine Reihe von Scenen darin, welche zeigen, daß die Insurrektion in dieser Zeitlichkeit nicht hätte bestehen können, und daß die Begeisterung wohl auf einen Moment eine Wirkung hervorbringen, nicht aber die letztere die Dauer versichern kann. Es giebt auf der andern Seite Scenen, welche sagen, daß der Triumph der Franzosen über die Begeisterung denn doch nur ein kümmerlicher gewesen ist.

Zu den ersten Scenen gehört die Machination Donays im 1. Akte, Kolbs Narreteidung, im 2. Akte der Streit der Häupter, im 3. das meiste, was zu Innsbruck unter den Häuptern vorgeht. Zu den Scenen der letzten Art gehören die Auftritte in Botzen, womit der 5. Akt beginnt.

Diese Bestandteile können, wenn etwas geändert werden soll, zusammengezogen, in Erzählungen verlegt, oder gestrichen werden. Das Stück wird dadurch an Länge verlieren, und an dem gewinnen, was man jetzt rasche Handlung zu nennen, 136 übereingekommen ist. Ich erbiete mich gegen die Direktionen, die von meiner Dichtung Notiz nehmen wollen, nach diesen Andeutungen eine Bearbeitung vorzunehmen. Es soll mich freuen, wenn die Tragödie unsres Vaterlandes, sei es auch nur auf die angegebene Weise verstümmelt, zu einem öffentlichen Leben gelangt. Nur bitte ich aber, nicht Abänderungen von mir zu verlangen, welche das Stück in seinen Grundgedanken zerstören würden. Denn die Bühne muß ihrerseits eine dramatische Dichtung auch als eine Aufgabe betrachten, und muß nicht sofort alles, was ihr schwierig und bedenklich vorkommt, als unmöglich oder ungereimt verwerfen. Der Dichter muß nachgeben, die Bühne muß aber auch für Poesie sich wieder empfänglich stimmen. Auf Gegenseitigkeit beruhen alle wahrhaft fruchtbringende Verhältnisse, mithin auch das des Theaters und des dramatischen Dichters zu einander.

Düsseldorf, den 5. August 1827.

Der Verfasser.

 


 

Vorrede.

Als die Gelegenheit sich mir darbot, eine Sammlung meiner Schriften herauszugeben, hielt ich strenge Kritik für meine Pflicht, soweit der Mensch überhaupt jene am Eignen üben kann. Ich habe daher von den Arbeiten früherer Jahre nur weniges aufgenommen: auch dieses wenige ist umgearbeitet oder doch bedeutend geändert worden. Ich legte manches selbst zurück, was mir aus älterer Zeit her lieb war, weil mir die Stimmung nicht erscheinen wollte, es noch einmal wie frischen Stoff zu betrachten und in diesem Gefühle zu verjüngen.

Die meisten Veränderungen hat die dramatische Dichtung erfahren, die ich vor mehreren Jahren unter dem Namen: Das Trauerspiel in Tyrol bekannt machte. Nie bin ich von einem Stoffe gründlicher erregt gewesen; in diesen Erinnerungen war ich aufgewachsen. Jener Gebirgskrieg mit seiner Verwirrung und Treue blickte wie eine finstre armselige Zeit in die Zeit, welche dem jetztlebenden Geschlechte leider seine ersten Eindrücke gegeben hat. Lange nachher hörte ich eines Abends schöne Tyroler Lieder; da entstand das Gedicht, und war in vier Wochen fertig geschrieben. Das Wagnis, noch lebende oder jüngst verstorbene Personen in poetische zu verwandeln, bewegte mich so, daß ich damals oft in der Nacht vor Schreck erwachte, und dann die Vorwürfe der Tyroler und der französischen Befehlshaber zu hören meinte. Späterhin ist diese Kühnheit öfter geübt worden, 138 zuletzt von Grabbe in den Hundert Tagen aus eine glückliche und wahrhaft genialische Weise.

Ungeachtet meiner Liebe zur Sache hing sich jener Arbeit etwas Kränkelndes an, vielleicht diesmal durch einen von außen störenden Einfluß. Man hatte mir so oft gesagt, der Dichter müsse auf die Konvenienzen des Theaters achten, daß ich endlich an deren Dasein glaubte, obgleich sie mir nirgends erscheinen wollten. Ich vergaß, daß eine Anstalt, welche gegenwärtig weder Stil noch Regel besitzt und sich selbst seit lange keinen Rat mehr weiß, wohl schwerlich imstande sei, ihn den Dichtern zu erteilen, und daß gerade in diesem Falle eine Absicht am wenigsten zum Ziele führen werde. Unsre Verhältnisse sind so sonderbarer und gemischter Natur, unsre Erinnerungen so getrübt und unrein, daß eine Dichtung, in der das Vaterland, wie wir es nicht besitzen, der leidende Held ist, keine Aussicht haben konnte, bis zu den Brettern durchzudringen, oder auf denselben etwas anderes, als ein schläfriges Mißbehagen zu erregen.

So rang ich nach Dingen, die nicht zu erreichen waren, und büßte darüber eine weit edlere Freiheit ein. Wir haben nun einmal eine geschriebne dramatische Litteratur, und man wird sie als eine eigne Gattung gelten lassen müssen, bis die sogenannte reale Bühne aus dem Schlummer der Faulheit, in welchem sie jetzt liegt, erwacht. Diese Gattung hat ihre Vorteile und Nachteile; ich bediente mich der ersteren, als mir der Mut wurde, meine Tragödie noch einmal anzufassen und von Grund aus umzuschmelzen. Ich schaute nach der Urgestalt des Ereignisses hin, in der es meine Seele erschüttert hatte, tilgte die kleinlichen, sentimentalen Motive, welche der früheren Arbeit schadeten, und wagte, das Werk auf ehrliche historische Füße zu stellen. Ich halte überhaupt viel von der Geschichte; nur steht sie für mich kaum zur Hälfte in den Kompendien geschrieben. Der besitzt ihr Geheimnis nicht, dem sie nicht zur wunderbaren Fabel wird. Dannecker in Stuttgart hat ein Basrelief gemacht: »Die Tragödie von der Historie Unterricht empfangend«, diese ist mittlerer Größe, jene einen Kopf länger. Ich sagte zu ihm, die Schülerin scheine neben der Lektion in der oberen Luftschicht noch allerhand zu 139 vernehmen, wovon die Lehrerin nichts wisse. Er versetzte, ich hätte seine Meinung getroffen.

Manches gute Wort ist mir zu teil geworden, in Lob oder Tadel habe ich es immer dankbar gehört. Das Schlimme, Unwahre, Nichtswürdige, was einem jeden, der seines Weges geht, daneben zu vernehmen gegeben wird, muß man wie Regen, Wind, oder bösen Nebel betrachten. Diese Dinge können uns Stunden und Tage verderben, dann ziehen sie vorbei und sind vergessen. Es ist Thatsache, daß sich bei uns unter denen, auf deren Meinung ein Autor Wert legen soll, die Unabhängigkeit des Urteils auszubilden anfängt, der man ruhig alle Entscheidungen anvertrauen darf.

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.