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Das Tränenhaus

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDas Tränenhaus
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrunErste bis sechste neubearbeitete Auflage
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid1117bd4d
wgs9110
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Achtes Kapitel

Cornelie kam vom Kirchhof, der von einer grauen Feldsteinmauer umgeben, auf windverwehter Höhe jenseits des Dorfes lag. Ihr hatte sehr davor gebangt, die Geburt eines Menschen zum ersten Male in dichtester Nähe mitzuerleben – mit zu durchfühlen ... Während sie nach Stuttgart gefahren war, sich dort einige Bücher zu besorgen, war die Schweizer-Mari niedergekommen. Sie fand das Mädchen friedlich und erlöst in ihrem Bett und das Kleine war ohne weitere Zeremonien auf der Grenzscheide zwischen geweihter Erde und ordinärem Feldrain, wo die aus dem Hause Uffenbach zur Ruhe kamen, dem Staube übergeben worden. Heute hatte sie sein Gräblein besucht, auf dem ein paar dünne Halme wilden Hafers und einige blasse Skabiosen sproßten. Cornelie hatte einen Kranz aus Wiesenblumen dazu gelegt und ging nun langsam heim, durch den schwülen Duft und die laute Fröhlichkeit der Heuernte. Eine Sehnsucht nach Tod und Vergehen schwoll wie eine gewaltige Welle aus Meerestiefen aus ihres Wesens innerstem Verlangen empor – überflutete alle Dämme, die Vernunft und Wille errichtet hatten – gierte – lechzte nach Vernichtung wie nach letztem Glück.

Mit dem Kind im Arm an der Kirchhofsecke auf dem öden windumwehten Hügel zu schlafen, schien ihr so süß und friedlich.

Nach dem anreizenden Stachel, den das neue unbekannte Leben anfangs für sie gehabt, war sie in der letzten Zeit völlig zurückgesunken in eine unermeßliche Gleichgültigkeit. Nichts, was die Zukunft ihr noch bringen konnte, und kein Mensch, von dem sie wußte, dünkte ihr wert, um seinetwillen auch nur eine Stunde länger zu leben. Die Liebe und jedes Band zwischen ihr und allen, die ihr einmal nahegestanden, war in ihr abgestorben, und mit dem letzten Rest von Haß gegen den Mann, der sich unter der falschen Flagge einer inneren Gemeinschaft, die niemals bestanden, in die wohlverwahrte Festung ihres Herzens eingeschlichen hatte – der sich den Vater ihres Kindes nennen durfte – schwand auch das letzte Gefühl für ihn aus ihrer Brust.

Und das Kind? Das Kind? Würde sie es lieben –? Würde sie es hassen? Würde es ihr ebenso gleichgültig bleiben, wie alles andere auf dieser Welt, weil ihr Gefühl gestorben war an der fürchterlichen Enttäuschung, die sie erlitten hatte?

Sie fragte und fragte ... Niemand gab ihr Antwort und sie wußte selbst keine Antwort. Aber sie erinnerte sich der Zeit, da sie ihren Vater verlor. Sie war damals dreizehn Jahre alt gewesen, und hatte sich in unermeßlicher Verzweiflung in ihren Gebeten an den Thron Gottes gleichsam angeklammert – hatte mit Fäusten der Wut und Empörung an die Pforten gehämmert, die das Wunder vor ihr verschlossen – Gott war unerschütterlich geblieben, die Pforten des Wunders hatten sich nicht geöffnet – sie hatte ihn verlieren müssen. Und dann waren die Jahre gekommen, an die sie nun so oft denken mußte, die man die schönsten der Jugend nennt, und die gleichgültig und leer für sie gewesen waren, weil sie selbst innerlich tot war, abgestumpft für jedes Gefühl, unfähig jeder wirklichen Anteilnahme.

Endlich hatte die erste starke Liebe zu einem Manne sie aus jenem Zustande von Erstarrung geweckt – eine Liebe, die niemals erwidert wurde. Doch was sollte sie nun wohl wecken?

Wie sollte sie aus Eis und Schlacken soviel Wärme zusammensuchen, wie ein kleines Kindchen zum Leben braucht. Wie sollte sie, erzitternd unter der Qual dieser inneren Kälte die Glut und Kraft zu einer Mutterschaft hernehmen, die täglich neu gegen eine Welt von Hohn und Mißbilligung verteidigt werden mußte.

Cornelie blieb stehen auf der einsamen Straße und rang die Hände und blickte mit vor Angst weit aufgerissenen Augen umher.

»Mein Gott, mein Gott, laß mich doch sterben – gönne mir, daß ich sterben kann,« murmelte sie, wie eine Kranke in unerträglichen Schmerzen.

Plötzlich befiel sie das Bewußtsein, den Tod regieren und mit eigener Hand sich zu Willen zwingen zu können, wie eine wundervolle, tröstende Erlösung. Nein – sie brauchte nicht zu leben, wenn sie nicht leben wollte, und ihr Kind brauchte nicht zu leben, wenn sie es nicht wollte! Kein Gott war im Himmel, kein Gesetz auf Erden, von dem sie gezwungen werden konnte, weiterzugehen, wenn sie zu müde war – kämpfen zu sollen, wenn sie nur noch zu schlafen begehrte.

Eine listige, heimliche Freude dämmerte in ihrer Seele – als betröge sie irgend jemand um einen seltsamen Triumph, wenn sie sich und das Kleine allen Bitterkeiten, die man ihnen zu trinken geben wollte, still und sicher entzöge.

Und die Angst vor dem Leben löste sich auf in der Begier nach dem Tode ... Wenn sie wieder kommen und sie überwältigen wollte, so brauchte Cornelie nur unterzutauchen in das ewige Meer des Vergehens, wo es so gut und friedlich zu ruhen war.

Ihre Phantasie begann spielend und versucherisch die Wege zu gehen, die dorthin führten – begann allen Möglichkeiten nachzuträumen, berauschte sich an den Schrecken des Todes, wie an Opiumdüften des Vergessens.

Sie sah ihr Kind nicht mehr lebendig, rosig, mit Blumen bekränzt, wie sie es einmal in einem schönen Traum geschaut hatte –, sie sah es schlaff in ihrem Schoße liegen, die Gliederchen steif, das Mündchen in dem grünweißen Gesicht mit einem süß-wehen Ausdruck ein wenig schief gezogen, sie fühlte die Kälte der kleinen Leiche erstarrend in ihr eigenes Herz dringen, empfand mit einer grausigen Beruhigung, wie das Leben auch aus ihrem Körper wich, und er sich in der letzten Todesnot zusammenkrampfte ...

Oh – sie wußte ja, der Tod hatte wartend hinter ihr gestanden, alle diese Monate schon – und sie hatte sich erschöpft, hatte übermächtig gerungen, im Kampf mit der Versuchung, sich nach ihm umzuwenden. Er hatte nur immer stillgestanden und gewartet und gelächelt. Er wußte, daß sie die Sehnsucht verzehrte, von ihm geküßt – von ihm in den Arm genommen zu werden. Er wußte, daß es damit enden mußte, daß sie von selbst zu ihm kam.

Der Sonnenschein reizte ihre Nerven, erbitterte sie förmlich mit seinem Glanz, sie ertrug das »Draußen« nur, wenn die Dämmerung wie ein zarter silberner Nebel milde über alle Gegenstände niedersank. Begegnete sie dann auf dem Wiesenweg einem heimkehrenden Schnitter, der gebeugt und schwer oder aufrecht und stark die Sense über der Schulter, an ihr vorüberschritt, so grüßte sie ihn still in ihrem Herzen als das uralte Abbild und Symbol des Freundes, nach dem sie verlangte.

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod –
Er hat Gewalt vom höchsten Gott,
Hüte dich, schön's Blümelein ...

Sie spürte im Vorübergehen den Dunst von Schweiß und Kraft, der von dem Sensenmann ausging und der ihre überfeinerten Geruchssinne erregte mit einem Gemisch von Widerwillen und Erinnerungszauber. Und so wurde ihr der Mann schlechthin zu einem Bilde des Todes: Leben zeugend, um doppelt Leben zu vernichten, nur von einem blinden Drang getrieben, den er selbst nicht zu deuten gewußt hätte. War das ruhelose Sehnen und Gieren nach Liebe, das sie verzehrt hatte, all die Jahre ihrer Jugend hindurch, im Grunde nicht auch nur ein Verlangen nach Vernichtung, als nach der Erfüllung alles Seins? ...

Die letzten Fuhren waren in den Scheunen geborgen. Hoch stand das Korn zwischen den nun flachen, leeren Wiesen, auf denen der Storch gravitätisch nach Futter für die junge Brut suchte, die auf der Pfarrscheune schon mächtig die Schnäbel aufsperrte und für die er gar nicht genug herbeischleppen konnte. Jetzt mochten die Gewitter, die seit mehr als einem Tage drohend am Himmel standen, sich entladen, nun mochte der Regen strömen. Tier und Mensch ersehnte Abkühlung und Frische.

Der Sonntag kam. Die Paare drehten sich in dem vor Hitze und Menschendunst dampfenden Saal des »Sternen«. Fiedeln und Brummbässe kreischten, das Bier strömte aus den Fässern in die durstigen Bauernkehlen. Draußen schlang die Nacht dunkle, warme Schleier um das Dorf. Es regte sich kein Windchen, ohrbetäubend schrillten die Grillen, ein banges Warten lag in der Luft.

Die Hanne hatte auch mit im »Sternen« tanzen wollen. Das war eine, die ihre Röcke zu schwenken verstand, ihre Schätze wechselten mit jedem neuen Mond. Aber heut' erwartete die Uffenbacherin für die Nacht den Ruf zu einer Bäuerin, deshalb sollte ihre Magd daheimbleiben, sehr zu deren Verdruß. Sie war schon den ganzen Tag vor sich hinbrummend und schimpfend im Hause umhergeschlurft. Abends versuchte sie noch einmal, ihre Herrin umzustimmen. Die Alte war schlechter Laune, wie immer, wenn sie ihre Nachtruhe drangeben sollte, und verweigerte der Hanne die Erlaubnis zum Tanz. Es gab eine wilde Auseinandersetzung zwischen beiden – wenige Zeit darauf verließ die Hanne, mit tückischem, dumpf-sinnlichen Ausdruck in den plumpen Zügen das Haus und blieb eine lange Weile verschwunden. Die Fräuleins mutmaßten, sie werde ohne Erlaubnis die Nacht fortbleiben, wie dies schon öfters geschehen war. Die Uffenbacherin erklärte zornig, dann werde sie nicht wieder eingelassen und die Kündigung sei ihr gewiß. Doch gegen neun Uhr stellte sich Hanne wieder ein, redete mit niemand ein Wort und ging auf ihre Kammer.

Mitternacht mochte bereits vorüber sein, als Cornelie durch ein Schlagen an der Haustür und die Rufe roher Männerstimmen erwachte. Sie glaubte, man benachrichtige die Frau zu ihrem Wehenmutterdienst, aber so war es nicht. Ein Fenster klirrte, die Uffenbacherin schimpfte in den saftigsten Ausdrücken hinunter. Gebrüll und wieherndes Gelächter antwortete. Fäuste und Steine hieben gegen die Türe, das Schloß im morschen Holze krachte unter dem Gerüttel der trunkenen Burschen, die mit den unflätigsten Worten Einlaß verlangten und drohten, Türen und Fenster einzuschlagen, wenn die H... ihnen nicht gutwillig öffneten.

Cornelie war in Schweiß gebadet und doch von eisiger Kälte durchschüttelt unter ihren Decken. Vom Rückenmark kroch ihr eine Lähmung durch alle Glieder. Vor Entsetzen lag sie wie im Starrkrampf, die Finger und Zehen gekrümmt, die Zähne knirschend gegeneinanderschlagend. Jeden Augenblick konnte sie gewärtig sein, daß die Hölle, die unten an der gebrechlichen Türe rüttelte, die rostigen Bänder sprengen und zu ihr eindringen werde – daß das Fürchterliche, Grauenvolle sie wehrlos preisgegeben finden mußte. Schon flogen Steine in die geöffneten Fenster, ein Irrsinn des Vernichtens hatte die Trunkenen ergriffen. Sie brüllten und johlten die wüstesten Lieder und dazwischen krächzte und schimpfte die' Alte ... Das Dorf lag weit, jede Hilfe war fern ... Der nackte, rohe, unbändige Trieb des Geschlechtes tobte in unflätiger Begierde nach dem Fleisch des Weibes. Cornelie fühlte den Wirbel der finstern, tierhaften Urmächte des Lebens um sich kreisen – er griff nach ihr empor, riß sie in seinen Schlund –, sie sah rote Fäuste durch die Dunkelheit nach ihr langen, branntweindunstiger Atem umfing sie. – Mit einer wilden Energie reckte sie sich empor, die Betäubung von sich abzuschütteln, da wurde ihre Tür geöffnet, Annerle und Toni im Hemd mit bloßen Füßen kamen zitternd und weinend vor Furcht, sich zu ihr zu flüchten.

»O mein Jesus, Fräulein Cornelie, die Viecher ... Hören Sie nit hin, die wüschte Worte – o mei – wann die eindringe, da Gnade uns Gott!«

»Das hat die Hanne anstift ... ganz sicher die Hanne ...«

Die jungen Geschöpfe klammerten sich an Cornelie und sie hatte ihre Arme um beide geschlungen. Auch die Mari kam, wankend vor Schwäche aus ihrem Kindbett. Nun faßten sie wieder Mut und schoben mit vereinten Kräften den Waschtisch vor die Tür, die längst keinen Riegel mehr besaß.

Draußen schüttete die Uffenbacherin Hafen nach Hafen mit Wasser über die Köpfe der wüsten Gesellen. Sie drohte mit Polizei und Gefängnis. Das schien die Burschen allmählich zu ernüchtern. Lachend forderten sie jetzt nur noch die Herausgabe der Hanne, die sich still auf ihrer Kammer hielt. Es brauste ein Sturm durch den Birnbaum, die halbreifen, harten Früchte prasselten auf die Köpfe der Hitzigen, Staub und Strohhalme in Wirbeln emporgeweht, blendeten ihnen die Augen. Blitze zuckten, der Donner krachte. Da zogen sie schimpfend und johlend ab, um dem Regen zu entgehen, der nun mit Macht herniederbrach.

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