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Das Tränenhaus

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDas Tränenhaus
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrunErste bis sechste neubearbeitete Auflage
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid1117bd4d
wgs9110
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Sechstes Kapitel

Es kam nun eine stille Zeit. Ein Friede, der dem Annerle schier unheimlich dünkte, herrschte zwischen der Uffenbacherin und ihren Fräuleins. Die Alte bezeigte ihnen demütige Unterwürfigkeit und nur die Hanne erfuhr, wenn Türen und Fenster geschlossen waren, in der Küche die wahre Meinung der Gekränkten.

Die Schweizer-Mari übte sich auf der Wiese im Spiel mit dem dicken Ziehkind des Hauses, das die Fräuleins das Versuchskind nannten, in mütterlichen Handgriffen. Die Toni räumte ihre Kommodenschubladen auf, kaute an einem Landjäger, untersuchte die Gurken im dreieckigen Gärtchen, ob sie noch nicht bald einen Salat geben könnten und erhielt an den Sonntagen den Besuch ihres Vaters, eines protestantischen Lehrers an der Mittelschule einer kleinen bayerischen Stadt, den keines der anderen Mädchen jemals erblicken durfte.

Am Sonntag kam häufig die Rose von Ulm, um ihr Kleines bei der Frau Lebzelter in der unteren Dorfstraße zu besuchen. Zuweilen wurde sie von dem Leutnant in Zivil begleitet, dann frühstückten sie beide oben im Wirtshaus und die Rose bezahlte. Aber auch an solchen Tagen ließ sie es sich nicht nehmen, bei der Frau Uffenbacher einzuschauen. Eine sonderbare Anhänglichkeit fesselte die früheren Gäste an das Tränenhaus, daß sie immer wieder kamen und mit Seufzen und Stöhnen sich in den niederen Stuben umschauten, wo sie ihres jungen Lebens bitterste Schmerzen gelitten hatten. Nur die Mutter des Agathle, das bei der rothaarigen Bärbe in der Pflege war, ließ sich niemals blicken, sondern fragte zuweilen brieflich an, ob die Kleine immer noch lebe, andere Kinder stürben doch, wenn man sie zu einer Ziehmutter gebe. Die Bärbe hatte nun erst recht einen Trotz darauf, das Agathle groß zu bringen, und lief die Nächte durch mit dem Kind auf den Armen im Stübchen auf und nieder, weil es zahnte und unruhig war. Am Tage saß sie an der Maschine und nähte für die Bäuerinnen Kinderwäsche – denn das Kostgeld für die Agath' hatte die Mutter aus lauter Ärger über den Eigensinn der Bärbe schon lange zu schicken vergessen.

Das Annerle war immer geschäftig, sie führte eine ausgebreitete Korrespondenz, packte und verschnürte zahllose Pakete und empfing andere aus allen Windrichtungen. Es war immer mit ihr ein eifriges und geheimnisvolles Treiben, als sei man acht Tage vor Weihnachten.

Cornelie hatte sich eine Tagesordnung aus Arbeit, Ruhe und Umherschlendern gemacht, die eine angenehme Gleichförmigkeit und dadurch so etwas wie Häuslichkeitsgefühl mit sich brachte. In ihrem Zimmer lagen große Stöße von Büchern; die Empfindung zu haben, jeden Augenblick sich der Gesellschaft auserlesener Geister erfreuen zu können, sollte sie vor der trivialen Melancholie schützen, die ringsumher in der Luft verborgen lauerte.

Annerle hingegen stopfte sich mit abenteuerlichen Liebesgeschichten voll wie mit Kuchen und Zuckerwerk. Der mythische Hans wie der unwahrscheinliche Geheimrat versorgten sie reichlich mit solcher Art von Druckerschwärze.

Cornelie begann gefesselt zu werden von dem kleinen Annerle und ihren Erzählungen aus dieser Zwischenwelt, wo das scheinbar Unzusammengehörigste durch ein Gewirr mannigfacher Fäden verbunden wurde. Wie Annerles Sprache eine Mischung aus schwäbischem und bayerischem Dialekt bildete, so war sie auch unaufhörlich unterwegs zwischen Württemberg, Bayern und Baden. Durch ihr langjähriges Verhältnis zu dem Sohn ihres Chefs hatte sie eine sonderbare Art von Vertrauensstellung auch bei dessen Eltern und wurde zu allerlei diplomatischen Missionen unter dem Personal der Filialen des großen Warenhauses verwendet. Sie gehörte gewissermaßen zur Familie und gehörte auch wieder nicht dazu, es war einfach eine Taktfrage, die sie, wie es schien, richtig zu stellen und geschmeidig zu beantworten wußte. Sie zeigte Geschenke von der Mutter ihres Gefährten, und seine Brüder schrieben ihr neckische Postkarten. Wo sie nur einige Wochen geweilt hatte, besaß sie gleich eine Unzahl von Freundinnen und Verehrern, wußte sich überall nützlich zu machen und war alsbald durch ein kunstvolles Gewebe von hin- und hergehenden Gefälligkeiten mit den verschiedensten Gesellschaftsschichten verknüpft. »Mei Hansel« wurde beständig in Atem gehalten durch Besorgungen und Vermittlungen, von denen die wenigsten ihr selbst zugute kamen. Denn so gern sie Geschenke entgegennahm, gleich überlegte sie auch, wem sie mit der eben erhaltenen Gabe nun wieder eine Freude machen könne.

Zum erstenmal lernte Cornelie in der kleinen Buchhalterin eine jener munteren Lebenskünstlerinnen kennen, die ihr in der Historie wohl unter klingenderen Namen, in der Literaturgeschichte zuweilen durch die Schilderung eines verliebten Autors, in ihrer bürgerlichen Mädchenexistenz aber noch nie entgegengetreten waren.

 

Die jungen Fräuleins saßen bei dem schönen warmen Sonnenschein in der Laube und warteten auf das Mittagessen. Annerles Häkelnadel fuhr eilig zwischen grauen Wollmaschen hin und wider. Sie verfertigte ein warmes Tuch für die Mutter ihrer Freundin Lucie, die Frau Fabrikbesitzer Bubenberg in Ilferlingen, die so arg das Reißen in der Schulter hatte. Dabei erzählte sie vom Hansel.

»O Jesses – mei Mädeles, was so ein Mann alles von einem verlangt! Hat sich mei Hansel an einem luschtigen Abend mit einer Kellnerin verscharmiert – betrunken ist er gewesen, – das hat er mir geschwore, und ich glaub's ihm schon – aber nun denkt's euch, das Ding kommt in die Hoffnung und mei Hansel weiß sich kein Rat – und das End' von der Geschicht ischt, ich muß zu dem Mädele hin und muß es tröste und ihm ein Unterkommen schaffe. – Ich hab' mir die Augen fast aus dem Kopf geheult, dazumal – und der Hansel sagt noch ganz getrost: das tut doch unserer Lieb' keinen Abbruch ... Gar schon ...! 's hat ihr auf die letzt' auch keinen getan, aber ich war halt kreuzunglücklich zu dere Zeit. Seine Ruh' hat man keine Stund' mit so ein'm Leichtfuß –! Aber wie der Herr Tirektor« – Annerle sagte vor lauter Hochachtung und Wichtigkeit stets »Tirektor« statt Direktor – »der Herr Tirektor Häberle von Pforzheim, der die Tapetenfabrik hat, und wann er in Geschäften nach Stuggert kommt, tut er immer in der Konditorei sitzen, wo ich mit meiner Freundin bedient hab' – nur so aus Gefälligkeit – wie der mir einen Heiratsantrag gemacht hat – da hab' ich in mich hineingelacht und hab' gedacht: Mei Hansel ist doch ein anders goldiger Kerl. Der Herr Tirektor ist ja kein Unebner; nur ein bissel arg dürr!«

»Weischt, Annerle, da muß ich dich gerad' bewundern, daß du zu dem andern Maidli gange bischt,« rief die Mari, »nimmer hätt' ich das gekonnt und wenn ich hätt' sollen sterben ... Du bischt halt gar gut!« ...

»Die Frau Bubenberg von Ilferlingen hat auch gesagt, es wär' gegen mei' Würd' gewesen,« sagte das Annerle und reckte sich und ihr Näschen in die Höh'. »Ich hab' ihr geantwortet: Mei Würd' trag' ich in mir selbst und eine Ehefrau, die ihre Würd' zu wahre hätt', die bin ich nit, und will ich auch gar nit sein. Das wär' mir schon viel zu fad, wenn ich jeden Tag an mei Würd' zu denken hätt'. – Die Ehefrauen, die habbe gut rede, die wisset nix. Unsereins fühlt's, wie's so einem arm' Ding zu Mut ist ... Jesses – und mei Hansel, der hätt' mich bald auffressen vor Lieb' und Reumütigkeit ... Er ist nun schon so, denkt nit weiter als an sein Vergnügen, wenn er luschtig ist, ich mag ihn auch nit anders ... Ja ... gnädige Frau – so geht's zu in dere Welt!«

»Nennen Sie mich nicht immer gnädige Frau,« sagte Cornelie, »ich bin keine ›gnädige Frau‹. Ich bin nichts anderes als Sie alle. Nennen Sie mich ruhig Fräulein Cornelie.«

»Cornelie ist ein arg schöner Name und wie geschaffen für die gnä– – – für das Fräulein.« Annerle sprach das Fräulein pointiert hochdeutsch aus. »Wir wisset's doch, daß Sie aus einem andern Holz geschnitten sind als mir, mir haben auch Augen im Kopf ...«

Cornelie zog die Brauen zusammen. »Bitte nicht ... sagte sie nervös und hob, um die Aufmerksamkeit abzulenken, den Deckel von der Schüssel, die Hanne soeben mit einem Krach auf den Tisch gestellt hatte.

»Ach du lieber Gott, wieder Lunge!«

»Der Satan!« schimpft Mari »mir steigt der Ekel schon im Hals herauf.«

Lunge mit saurer Soß' war ein Gericht, das, wie Frau Uffenbacher den Damen erklärt hatte, besonders bekömmlich für ihren Zustand sei. Sie erhielt die Lunge, welche die Bauern nicht essen wollten, für ein paar Pfennige vom Metzger, und so setzte sie sie den Fräuleins jede Woche zweimal vor, denn es gab zwei Metzger in Schopfingen. So wurde der Nachmittagstee, den Annerle aus der Konditorei bezog, die einzige angenehme Mahlzeit des Tages.

Als die Mari aus Stuttgart von einigen Einkäufen heimkehrte, trat das breitschulterige Schweizermädel, dunkelrot vor Aufregung, mit einem in Seidenpapier gehüllten Päckchen vor Cornelie. Sie lächelte schüchtern und wurde dabei von Annerle aufmunternd in die Seite gepufft.

»Ich hab' Ihne auch was mitgebracht, Freile Cornelie,« kam's unbeholfen kindlich in den harten Kehllauten ihres kaum verständlichen Schwizerdütsch. »Nehmen Sie's nicht für ungut – seien's mir nicht bös – ich dacht' nur, weil, wenn mein Stündle kommt und ich bald fortgeh, wollt' ich einer jeden ein klein's Andenken ...«

Die Tränen quollen ihr, in der Angst, das Fräulein könne beleidigt sein. Cornelie aber lächelte liebenswürdig und nahm aus ihren Händen eine Mundtasse mit dem Buchstaben »C« groß und deutlich in blauer Farbe darauf gemalt, entgegen. Sie dankte herzlich, und bewunderte die Tasse nach Gebühr. Annerle rief triumphierend: »Siehscht, die Fräulein Cornelie ischt nit so kleinlich, ich hab' dir's gleich gesagt, daß sie sich freuen wird.«

»Gewiß freu' ich mich,« rief Cornelie, »und ich werde täglich aus der Tasse trinken, die von der Frau Uffenbacher ist so schwer und grob.«

»Es ischt nur,« stotterte die erglühende Mari, »weil ich's nicht mit anschauen konnt', daß das Fräulein aus der Tass' trinke mußt, wo die Frau Uffenbacher des Nachts ihre Zähn' drin aufbewahrt!«

»O Gott im Himmel!« rief Cornelie, die Hände vors Gesicht schlagend und Annerle schrie: »Mari, du Schneegans, das hatte' wir ihr doch nit sage wolle!«

»Ja, mein Heiland, 's ischt mir so heraus gefahren,« beteuerte die Mari und sah so lieb und verstört aus, daß Cornelie über dem Trösten und der Freude an dem prächtigen, treuherzigen Geschöpf den Ekel überwand.

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