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Das Tränenhaus

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDas Tränenhaus
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrunErste bis sechste neubearbeitete Auflage
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid1117bd4d
wgs9110
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Fünftes Kapitel

Auf halber Höhe des langgedehnten Hügelgeländes, das auf seinem Gipfel die Dorfstraße trug, führte zwischen Haferfeldern ein schmaler, blumenumwachsener Weg zu einem Hain alter zottiger Apfelbäume. Weiße und rosige Blättchen wehten bei jedem Luftzug über Cornelie hin, die auf ihrem Tuch im Grase saß und zu arbeiten versuchte. Dabei mußte sie aber fortwährend über all die Zustände nachdenken, die Annerle ihr vorhin enthüllt hatte. Wenn es so stand, besaß sie ja gar nicht mehr die Freiheit, fortzugehen! Und auch wenn sie blieb, setzte sie ihre Mutter bei jeder Meinungsverschiedenheit mit diesem unheimlichen Weibe der Gefahr eines anonymen Anklagebriefes aus. Wie ein unbedachtes Kind hatte sie sich benommen. Sollte nun ihre Mutter Unsicherheit und Erwartung dieser Monate mit ihr leiden, nur weil sie sich zu schwach fühlte, zu ertragen, was alle die kleinen Mädchen doch ertrugen? Wie sie sich für ihre Willenlosigkeit verachtete!

Ein Bauer, der nach seinen Feldern gesehen hatte, war an Cornelie vorübergegangen, war zurückgekommen, um sie genau zu betrachten, und hatte sie dann in einer gewissen Entfernung umkreist, sie beobachtend, wie man ein fremdes Tier in seinen verwunderlichen Beschäftigungen beobachtet. Das hatte Cornelie maßlos gereizt – sie war geneigt, ihre ganze Verstimmung lediglich jener Störung zuzuschreiben. Der von hohen Mauern umhegte gräfliche Park erschien ihr plötzlich als ein Zufluchtsort, wo der Druck von ihr genommen werden könne. Dort gab es sicher Bänke und Tische. Man konnte seine Blätter behaglich ausbreiten. Das Schreiben auf den Knien, eine Stellung, bei der einem alle Glieder schmerzten, war der geistigen Sammlung nicht eben zuträglich. Hatte Frau Uffenbacher ihr nicht gesagt, daß die Herrschaft verreist sei? Der Gärtner mochte durch ein Trinkgeld zu gewinnen sein.

Cornelie lächelte ein wenig in sich hinein. Sie mußte sich vorstellen, daß die Herrschaft anwesend war, sie ihre Karte hinaufschickte – und ob dies unter andern Verhältnissen nicht genügt haben würde, damit man ihr den Park, solange sie es wünschte, zur Verfügung stellte? Es war ihr in diesem Augenblick wieder alles gegenwärtig, was dieses letzte Jahr ihr gebracht hatte. Sie sah ihre Stuben angefüllt mit den üppigen, schwer duftenden Gewächshausblumen, sie sah die Stöße von Zeitungen, welche Tag um Tag gesandt wurden von Menschen, die sie nicht kannte, in deren jeder ihr Name – der Name Cornelie Reimann – als ein aufgehender Morgenstern, ein Fanal in der Dunkelheit gepriesen wurde – sie sah bewundernde Augen, verehrende Blicke von Männern und Frauen auf sich gerichtet – sie hörte das Flüstern, das um sie her entstand, sobald sie ein Theater, einen Gesellschaftssaal betrat – sie atmete wieder die allgemeine Huldigung, die zu ihr empordrang und sie, wo sie auch ging und stand, gleichsam in einen feinen Weihrauchduft hüllte. Sie spürte wieder mit einem seltsamen Vibrieren ihres Herzens die Flammen des Begehrens, die entzündet aus den Weihrauchdüften des Ruhmes heiß zu ihr emporgezüngelt waren, die ihr mit einem Male die verlorene Jugend zurückzuerobern schienen ... Nein – der Ruhm war nicht kalt, des Lorbeers Blüten dufteten betäubend, waren umflochten von Girlanden blutroter Rosen ... Und die Welt gehörte ihr – zu Genuß und Besitz ...

Ihre Lippen wölbten sich voll und rosig in ihrem glühenden Antlitz und ihre Augen glänzten ...

Das Verweilen in Frau Uffenbachers geheimnisvollem Häuschen erhielt jetzt plötzlich nur die Bedeutung einer vorübergehenden abenteuerlichen Laune, es bekam den Reiz eines Exils, in dem eine Herrscherin zeitweilig ihre Krone verbirgt – in dem sie, der noch unermeßliche Macht und Gewalt vorbehalten ist, sich aus eigenem Willen aller ihrer Ehren und Herrlichkeiten für eine kurze Weile begibt ...

Annerle stand vor der Tür und wartete, sie stand dort, eine neue Flanellwindel behäkelnd, schon geraume Zeit, um Corneliens Rückkehr nicht zu versäumen. Cornelie fragte hochmütig nach dem Weg zum gräflichen Park.

Annerle bot sich sogleich als Führerin an. Sie äußerte Bedenken, ob der Gärtner eine Fremde wohl einlassen würde. – Cornelie wagte, durch Annerles Ansprache jäh aus allen Phantasien gerissen, keinerlei Widerspruch gegen ihren Vorschlag. Sie hätte dem Mädchen nicht einmal andeuten können, daß sie zu arbeiten beabsichtige. Es würde ihr wie eine Entweihung vorgekommen sein, als zeige sie vorwitzig ihre verborgene Krone – das Manuskript, das sie in einem Leinenbeutelchen am Arme hängend trug.

Zerstreut aß sie auf ihrem Zimmer ein Beefsteak, welches Frau Uffenbacher mit allzuviel Zwiebeln zuzubereiten pflegte, und streckte sich, ermüdet von dem sonnigen, warmen Morgen, auf dem alten Kanapee aus.

Annerle hatte inzwischen beschlossen, die Schweizer-Mari und die arme Toni an der Ehre eines Spazierganges mit der geheimnisvollen Neuen teilnehmen zu lassen. Ihr gutes Herz konnte einmal keine Freude allein genießen, und ihr Tatendrang ergriff mit Begeisterung jede Gelegenheit, sich in den Mittelpunkt der Ereignisse zu bringen.

Doch schien es auch Frau Uffenbacher lieblich, mit der vornehmen Dame im gräflichen Park zu promenieren. Bei dem Gärtner, dem Verwalter, am Ende gar dem Herrn Pfarrer oder dem Dr. Schwärzle, dem sie leicht begegnen mochten, konnte man sich als Beschützerin einer geheimnisvollen Fremden von hohem Range aufspielen. Der einfache bürgerliche Name, den Cornelie angegeben hatte, war der alten Schwäbin längst nicht interessant genug. Dahinter steckte noch manches, und die gute Frau Uffenbacher erging sich sowohl abends in ihren Träumen unter dem karrierten Federbett, wie auch bei ihren Besuchen im Dorf in den üppigsten Vorstellungen, was alles an herrlichen Dingen für ihre eigene Zukunft aus so hohen Beziehungen entsprießen könne!

Cornelie ahnte wenig, daß man schon am abendlichen Biertisch in der »Wirtschaft« oben im Dorf darüber dischkurierte, ob sie eine »Regierende« oder nur »halt so eine Fürschtin« sei, und welche romantische oder gar politische Umtriebe sie in den abgelegenen Erdenwinkel verjagt hatten. Cornelies gleichgültiges Ablehnen von Frau Uffenbachers Anerbieten, sie in Dorf und Park umherzuführen, hatte diese schwerer gekränkt, als sie ahnen konnte. Und nun wollte die freche kleine Person, das Annerle, deren Freundschaft zu dem Geheimrat ihr ohnehin ein Dorn im Auge war, der Frau Uffenbacher den Triumph mir nichts dir nichts vorweg nehmen!

Der Sturm der Wut begann bereits in ihrer gewaltigen Brust zu kochen und ihr das Blut in den Kopf zu treiben. Als die Mari, die Toni und das Annerle gegen drei Uhr, die auseinandergegangenen Gestalten zum erstenmal wieder in Korsetts gezwängt, mit Jacken, Hüten, Schleiern und Sonnenschirmen die Treppe hinab kamen, brach das Unheil furchtbar aus und es gab ein Toben schwäbischer Flüche und Verwünschungen, daß das kleine Haus darob in seinen Grundfesten erzitterte.

»Wer hat die Erlaubnis für den gräflichen Park? Ich oder ihr? Das gäb' Geschichte, wann die Herrschaft solchem Sauvolk wie ihr eins seid, ihren Park auftun wollt'! Der Herr Vollrat hat mir eigens gesagt: Sie, Frau Uffenbacher, jederzeit –! Aber das Gesindel, das Sie da beherbergen, ja – ›Gesindel‹ hat er gesagt! Was fallt euch bei – daß ihr euch hier herausputzt – schämen solltet ihr euch vorm hellen Tageslicht! Ihr H...!«

»Frau Uffenbacher!« rief über ihr eine Stimme mit hartem, hochmütigen Klang, »ich wünsche Sie zu sprechen! Sofort!«

Das war keine Bitte mehr, das war ein Befehl – so streng, und aus einer so fernen Höhe herab gegeben, daß er auf den wollüstigen Zorn der Frau wirkte wie ein Sturzbad kalten Wassers auf tobende Flammen. Sie verstummte jäh und sagte nach einigen Sekunden ganz sanft: »Ich komm' schon!«

»Ich warte,« antwortete Cornelie mit derselben hochmütigen Kälte, die im Gegensatz zu der freundlichen Milde, in der sie sonst zu sprechen pflegte, wie eine unerhörte Beleidigung wirkte. Sie verschwand und schloß die Tür ihres Zimmers.

Einige Sekunden später tappte der schwere Tritt der Uffenbacherin die schmale Holztreppe hinauf.

»Das gnädige Fräulein sind gewiß erschrocken,« begann die Frau, ihr dunkelrotes, aufgeblähtes Gesicht zu einem harmlosen Lächeln zwingend, »ja, die Gesellschaft, die ich hier hab', da muß man als mal dreinfahre, anders ischt da kei Ordnung zu halte!«

Cornelie erhob sich von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, und die Hebamme bekam plötzlich den Eindruck, sie habe nicht gewußt, daß die Gestalt vor ihr so viel größer und höher sei, als sie selbst. Auch sonst hatte sich das Gesicht des Fräuleins verändert. Aus der schmerzhaften Gleichgültigkeit war plötzlich eine Entschlossenheit geworden, die die weichen Züge straffte. Die großen Augen blickten mit einer so strengen Macht, daß die Uffenbacherin fast eine Schwäche und ein Zittern in den Knien befiel.

Cornelie sprach zu ihr, nicht laut und ziemlich langsam. Aber jedes Wort besaß einen Klang, spröde und scharf wie ein Diamantensplitter.

»Frau Uffenbacher,« sagte sie und hielt das Weib fortwährend unter ihrem Blick, »ich will Ihnen jetzt etwas sagen und danach mögen Sie sich einrichten! Wenn ich hier im Hause bleiben soll, so darf niemals wieder ein solcher Auftritt stattfinden, wie gestern und wie eben dort draußen! Hören Sie –! Niemals wieder! Wie können Sie sich unterstehen, junge Mädchen, die sich zu Ihnen in Pension begeben haben, deren Geld Sie nehmen, über die Sie keine Macht und Gewalt irgendeiner Art besitzen, mit Worten und Gebärden, wie ich sie hier gehört und gesehen habe, zu beschimpfen –?«

Die Uffenbacherin öffnete den Mund zu einer Verteidigung, aber Cornelie hob die Hand und Frau Uffenbacher senkte den Kopf und schluckte und schloß den breiten Mund.

»Das Leben dieser Mädchen draußen in der Welt geht Sie gar nichts an, verstehen Sie mich? Erlauben Sie sich noch ein einziges Mal in Worten oder Taten ein Urteil darüber, vergessen Sie noch einmal die Höflichkeit gegen die Mädchen, die sich Ihnen anvertraut haben, dann werde ich deren Partei ergreifen. Dann werde ich dafür sorgen, daß sie ein würdigeres Unterkommen finden – ich werde es für sie suchen, und Sie werden mir wohl glauben, daß ich es ohne Mühe finden kann. Der Vater der Toni und dieser Geheimrat, von dem Sie abhängen, werden durch mich benachrichtigt werden, was hier vorgeht. Und wir verlassen alle – hören Sie – alle! an demselben Tage das Haus. Sie sind dann ruiniert. Das werden Sie wohl begreifen! Ich werde dafür sorgen, daß jedermann erfährt, wie Sie Ihr Amt hier ausführen ...«

Cornelie hielt inne und ließ der Uffenbacherin einige Sekunden Zeit zur Überlegung. Sie genügten, die Frau zur Besinnung zu bringen.

»Ich hab' mich hinreißen lasse,« brummte sie stammelnd. »Die Geduld geht einem halt aus! Es soll schon nit wieder vorkomme.«

»Das erwarte ich von Ihnen. Sie wissen nun, was Ihnen bevorsteht, und Sie werden wohl nicht zweifeln, daß ich mein Wort halte.«

Frau Uffenbacher bewegte wie in einem krampfhaften Kauen und Würgen die Kinnbacken. Dergleichen war ihr noch nicht geschehen, in ihrer ganzen Praxis nicht. Immer hatte sie nur winselnde, hilflose, ihrer Macht preisgegebene Weiber unter ihren Händen gehabt. Nun fühlte sie mit dumpfem Staunen etwas Fremdes, die Kraft eines Geistes, vor der ihre brutale und dumme Macht sich feige verkroch, wie der Hund vor dem Blick des Herrn.

Sie nahm sich zusammen, stammelte Entschuldigungen und Versprechungen und fragte schließlich demütig, das Fräulein werde doch ihre Worte nicht wahr machen, sie sei ein armes Weib, und müsse auch hart um ihren Verdienst arbeiten, und neun Kinder habe sie gehabt, die seien ihr alle gestorben, bis auf die paar, die in die Welt gegangen seien und sich nicht mehr um sie kümmerten. Cornelie hörte wenig mehr auf ihr Geschwätz, sondern starrte stumm zusammengefaßt vor sich nieder und wunderte sich, wie sie zu dem Mut gekommen sei, den Kampf mit diesem fürchterlichen Weibe aufzunehmen. Es war ihr unheimlich, daß sie so schnell die erste Schlacht gewonnen hatte. Doch war es wohl nur die erste Schlacht gewesen und weitere mußten folgen.

»Wünschen das gnädige Fräulein, daß ich den Tee herauf bringe?« fragte die Uffenbacherin. »Der Bäck' im Dorf hat frischen Zwiebelkuchen, der ischt als sehr gut – die Hanne könnt' springe und hole.«

Cornelie schüttelte schweigend den Kopf. Aber als Frau Uffenbacher, die sich entlassen sah, die Tür schon erreicht hatte, rief sie ihr nach: »Ich werde von jetzt ab meine Mahlzeiten mit den übrigen Mädchen nehmen.«

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