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Das Tränenhaus

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDas Tränenhaus
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrunErste bis sechste neubearbeitete Auflage
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid1117bd4d
wgs9110
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Viertes Kapitel

Das blonde Annerle grüßte mit Ehrerbietung, als sie der Neuen am nächsten Morgen auf dem Flur in den Weg trat. Bescheiden fragte sie, wie die gnädige Frau geschlafen habe.

Auf das kühle Dankwort Corneliens flüsterte sie errötend: »Man schläft nit extra gut hier im Tränenhaus – so heißen wir die verfluchte Hütte ... Ach – gnädige Frau passen gar nicht hierher ...«

Cornelie zuckte ungeduldig die Achseln. »Ich werde wieder abreisen,« sagte sie, und wollte in ihr Zimmer zurücktreten, fügte jedoch im nächsten Augenblick lebhafter hinzu: »Ich verstehe nicht, warum Sie sich die Unverschämtheit dieser schauerlichen Person gefallen lassen. Ich habe mich in ihr geirrt. Sie schien mir anfangs eine verständige und wohlwollende Frau.«

»Ja,« rief Annerle, »so scheint sie, und damit lockte sie uns alle hierher – damit umgarnt sie auch den Geheimrat! Der hält arg große Stücke auf sie und will mir nit glauben, wenn ich ihm sage: ›Herr Geheimrat, Sie sollten die Frau Uffenbacher kennen, wie wir sie kennen! Da würden Sie Augen machen!‹«

»Der Geheimrat?« fragte Cornelie befremdet.

»Der Herr Geheimrat hat dem Vater der Toni die Frau Uffenbacher empfohlen, und darum will er nun nicht die Wahrheit hören – so sind die Mannsbilder,« berichtete Annerle, unter ihren blonden Flatterlöckchen mit den etwas vorstehenden Augen Cornelie anblickend. Sie lächelte über die Mannsbilder und Cornelie lächelte auch, aus Höflichkeit.

Plötzlich ging ein Erschrecken über ihre Züge. »Wohnt dieser – dieser Geheimrat hier im Haus?«

Jetzt war Annerles ganzes rundes Gesicht eine fröhliche Heiterkeit. »O – Jesses! Der Herr Geheimrat – hier wohnen! Das muß ich ihm erzählen! Der wird lachen. Nein – der schaut nur zuweilen von Stuttgart herüber, ob hier alles in Ordnung hergeht! O – da kann die Uffenbacherin aber schmeicheln und schön tun! Und eine Würdigkeit! Da sollt' man meinen, es könnt' gar nit sein, daß sie sich so schweinisch beträgt, wie gestern abend. Wir haben uns alle für Sie geschämt.«

Cornelie wendete den Kopf ab und errötete. Annerle sah ein, daß es besser war, das Thema zu wechseln. Die kleine mollige Person in der karrierten Morgenjacke, darunter sich kugelrund das Bäuchlein hob, richtete sich ein wenig auf den Zehen zu Cornelies Ohr und flüsterte geheimnisvoll: »Der Herr Geheimrat hat der Uffenbacherin das Geld gegeben, um die Anstalt zu übernehmen, nachdem ihre letzte Besitzerin verstorben ist, und das Häusle zum Verkauf stand.«

»Woher wissen Sie denn das alles?« fragte Cornelie verwundert und wider Willen interessiert.

Annerle schlug die Augen nieder.

»Ich war schon einmal hier,« sagte sie mit einer künstlich gespielten Verlegenheit. »S'ischt schon mein Zweites ...«

»Ah so ...«

»Ja – das Liesel ist bei meinen Eltern ... Aber gnädige Frau müssen deshalb nicht schlecht von mir denken –«

Annerle hatte diese Redensart häufig in Romanen gelesen, die von verführten Mädchen handelten, und fand sie jetzt entschieden angebracht. »Ich und mei Hansel, wir leben wie brave Eheleut' zusammen – nur heiraten können wir uns halt nit – seine Eltern sind jüdisch und mein Onkel ist doch der Dekan.«

Sie machte eine Pause und war zufrieden mit der Wirkung des zuletzt ausgespielten Trumpfes auf die Fremde.

»Bitt' schön, gnädige Frau – ich vertrau' auf Ihre Dischkretion ... es wäre arg für mich, wenn's daheim auskäm, daß ich schon wieder in der Hoffnung bin ... Ja – geltens –, so ein verliebter Mann ...! Und mei Hansel hat immer gesagt: ›Annerle, nur nichts gegen 's Gesetz ... Da steht Zuchthaus drauf ...‹ Wisse Sie – sein Alter ist als noch so ganz im Alten Testament.«

»Wie merkwürdig ist das alles,« flüsterte Cornelie. »Aber kann Ihnen der – der – Ihr Freund nicht eine andere Unterkunft verschaffen?«

»Ha – mei Hansel – und mir was verschaffen. Jesses, der sagt: Laß mich zufrieden – 's ist schon arg genug, daß d' so garstig ausschaust. Ich wüßt' schon noch andere Orte – aber, das ischt's ja – wir könne hier nit fort – wir habe uns dem Satan in die Händ' geliefert –! Wenn die Männer wüßten, was so ein arm's Mädele auszustehen hat ... Gnädige Frau, das ist ein bitterböses Weib – die Uffenbacherin –, die hat ihre Freud' d'ran, ihr Gift und ihre Bosheit an uns auszulassen ... Sie weiß von uns allen die Adressen – die läßt sie sich gleich zu Anfang geben ... Für einen Sterbensfall sagt sie – ja – ja ... damit sie uns in der Hand hat, und wir nit 's Maul auftun dürfen, wenn sie uns einen Fraß vorsetzt, wie für die Säue. Gnädige Frau haben doch nicht etwa Ihre richtige Adresse angegeben, von Ihrem Zuhaus?«

»Ja – das habe ich,« sagte Cornelie geängstigt.

»Das hätten gnädige Frau nicht tun dürfen,« bemerkte Annerle und hob ihr in die Luft strebendes Näschen mit weiser Überlegenheit noch höher. »Hätt' ich gnädige Frau nur rate dürfe! Von meinen Leuten weiß sie ja – denn ich bin's doch gewesen, die 's beim Herrn Geheimrat vermittelt hat, daß er ihr das Geld gab! Dafür dacht' ich, ich könnt' auf eine menschenwürdige Behandlung rechnen. – Prost Mahlzeit! Nun hat man zu kuschen! Und gar das arme Tonerle – der ihr Vater verliert seine Stellung, wenn's auskommt, wer die Verwandten sind, wo seine Tochter den Sommer zubringt. Wenn das Mädele wagt, sich zu beklagen, da heißt's: Du hascht's nit anders habe wolle – jetzt schweig' und leid'!«

Cornelie neigte den Kopf und bewegte nervös die Finger, die kalt und feucht geworden waren.

»Ach, gnädige Frau ...« begann das kleine rundliche Mädchen elegisch – sie besaß einen regen Schönheitssinn, darum hatte es ihr diese Schlanke, Vornehme gleich angetan. »Wenn ich Ihnen in irgend etwas behilflich sein könnt'?« Eine bewundernde Andacht war in der Stimme.

»Ich danke Ihnen.« Das müde und traurige Lächeln, das Annerle bis zu Tränen rührte, kam wieder über das schmale Gesicht mit der kühnen Nase. »Wir müssen uns wohl am besten auch sagen: Du hast's haben wollen – jetzt schweig' und leid' ...«

Annerle fühlte, es war genug mit den Annäherungsversuchen. So begab sie sich zu Toni, um dieser ihre Erfahrungen mit der neuen Vornehmen freundschaftlich zu berichten.

Die bayerische Toni hatte es sich bequem gemacht und räumte, in eine rosageblümte Nachtjacke und einen braunen Moireerock gekleidet, ihre Kommodenschubladen auf. Sie war daheim, in dem kinderreichen Haushalt eines Mittelschullehrers an hunderterlei wechselnde Arbeiten gewöhnt. Hier schlichen die langen Tage in trüber Einförmigkeit den kurzen Sommernächten entgegen. Darum traf man Toni meist bei der Aufräumung ihrer Kommode, oder mit dem Stopfen ihrer Strümpfe, Hemden und sonstigen Bekleidungsgegenstände beschäftigt. Alles war von äußerster Einfachheit und durch langen Gebrauch abgenutzt, aber mit Sorgsamkeit erhalten.

Toni zählte nicht mehr als siebzehn Lenze. Von einem Liebesfrühling, dessen Freuden sie hier bei Frau Uffenbacher abzubüßen gezwungen wurde, hätte sie kaum sprechen können. Ihre Erfahrungen in der Liebe waren kurz, dunkel und verworren. Sie beschränkten sich auf wenige Stunden, die ihr in der Erinnerung nur Angst und Schrecken zu enthalten schienen. Toni war ein knochiges Mädchen von unreinem Teint und breitem, gewöhnlichen Gesicht, dem nur die treuherzigen Augen ein freundliches Licht verliehen. Aber sie hatte sich darüber klar werden müssen, daß es nicht einmal dieser spärliche Reiz gewesen war, der ihren Verführer lockte. Ach nein – es waren nur die paar tausend Mark, die sie vor kurzem von einer Tante geerbt hatte, und die die geschäftige Phantasie guter Freunde sofort zu einigen Hunderttausenden umschuf, mit denen ein verschuldeter Abenteurer sich hatte vor dem Ruin retten wollen.

Zwei von Tonis Freundinnen waren zur gleichen Zeit dem Schurken zur Beute gefallen. Er wollte die Wahl haben. Von den Eltern konnte ihm unter so zwingenden Umständen doch keiner die Tochter weigern, hatte er wohl gemeint. Aber dieses Rechenexempel wurde ruchbar und Toni wurde von allem in Kenntnis gesetzt. Nun zeigte sie sich demütig einverstanden mit ihrem Vater, als er dem Verführer die Tochter weigerte. Sie sollte ihn niemals wiedersehen und sie verlangte auch nicht danach. Aber sie mußte neun Monate lang sein Kind unter dem Herzen tragen. Das blasse, gedunsene Gesicht der Siebzehnjährigen hatte in dieser Zeit einen Ausdruck von geistiger Stumpfheit angenommen, von ungeheuerer Gleichgültigkeit, die fast wie Dummheit wirkte und die doch nur ein Schild war, die verzweifelte Selbsthilfe eines noch sehr jungen und gesunden Organismus gegen das tötende Entsetzen.

Und auch gegen das Heimweh. Das fürchterliche Heimweh, das Toni ergriff, wenn sie ihre Kommodenschubladen aufräumte – das Heimweh nach der Mama, nach der Großmutter und den kleinen Geschwistern, von denen sie noch niemals entfernt gewesen war. Dabei quälte sie fortwährend ein unerträglicher Hunger. Wo sie ging und stand sah man Toni an einem Landjäger kauen – an einer dieser steinharten, geräucherten, flachgepreßten bayerischen Würste, welche die einzigen Liebesgaben bildeten, die Tonis Familie ihr ab und zu in der Verbannung zukommen ließ.

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