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Das Tränenhaus

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDas Tränenhaus
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrunErste bis sechste neubearbeitete Auflage
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid1117bd4d
wgs9110
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Drittes Kapitel

Unter den Blinden ist der Einäugige König, hatte Cornelie Reimann gedacht, als die ersten Zeichen zu ihr gedrungen waren, daß ihr Buch: »Beiträge zur Psychologie der Frau«, das vor einigen Monaten erschien, ein gewaltiges Aufsehen machte und sie zu einer Berühmtheit erhob, die sie niemals erwartet hätte. Waren die einfachen Beobachtungen, die sie zusammenstellte, den Menschen so fremd? Es mußte wohl sein.

Hatte nicht sogar der Mann, der sie zu lieben vorgab, sie zerstörend beleidigt, indem er alle Grundbedingungen ihrer Persönlichkeit mißkannte?

Der laue Frühlingstag lockte unter knorrigen, von rosenroten Blüten bedeckten Apfelbäumen auf der Landstraße weiter und weiter zu wandern. Heut zum erstenmal, seit sie besinnungslos vor Schrecken und Not aus dem Hause ihrer Mutter geflohen war, schien es ihr, als schaue sie das Flimmern eines goldenen Fadens, an dem sie sich herauszutasten vermöchte aus dem dumpfen Umherirren, in den dunklen Gängen tausendfacher Qualen. Ein neues Werk – in dem sie vergessen könnte ... Ein Werk, das ihrem Kinde, wenn sie sterben mußte, die Existenz sichern sollte.

Unter dem Tirilieren der Lerchen über den hellgrünen Feldern spann sie an dem Plane und freute sich, wie die Gedanken heller und schärfer wurden, wie logisch Ring sich an Ring fügte.

Als Cornelie heimkam, war die Sonne schon eine Weile untergegangen. Sie sah in der Dämmerung Frau Uffenbacher breit und wuchtig in ihrer kleinen Haustür stehen. Die Hanne war bei ihr und drei der Fräuleins; die Rose von Ulm war am Morgen abgereist. Cornelie hörte lautes, heftiges Schwatzen und zögerte, um einen Augenblick abzupassen, in dem sie unbemerkt die Treppe hinaufschlüpfen konnte. Seit man ihren Zustand offen erkannte, war ihr zumute, als gehe sie nackend zwischen den Menschen hindurch. Sie fühlte deren Blicke wie die Stiche böser Insekten auf ihrer empfindlichen Haut, und bis tief in ihre Brust hinein.

Während sie in der Dämmerung am Himbeergebüsch des Gartens stehenblieb, hörte sie Annerles helle Stimme:

»Jesses, da kommt sie ja schon, Frau Uffenbacher! Hab' ich's nit gesagt, sie wird halt spazieren gegangen sein!«

Cornelie trat langsam näher.

»Ist es schon Essenszeit? Es tut mir leid, wenn ich habe warten lassen,« sagte sie obenhin. Mit einem leichten Neigen des Kopfes wollte sie an der Gruppe vorüber.

»Das geschieht mir aber nit wieder,« schrie Frau Uffenbacher sie an, der Zorn der vollblütigen Frau brach zuweilen ganz unvermittelt aus ihr hervor.

»Was geschieht nicht wieder?« fragte Cornelie befremdet.

»Daß Sie hier fortgehn, ohne mir auch nur ein Wörtle zu sagen, und stundenlang fortbleibe und mir wisse nit, wo Sie sich aufhalte! Das gibt's nit – die Angscht will ich nit noch einmal habbe!«

»Aber – Frau Uffenbacher,« sagte Cornelie irritiert, »warum hatten Sie denn Angst? Ich bin doch ein erwachsener Mensch! Was soll mir denn hier zustoßen? Sind die Landstraßen in der Gegend so unsicher?«

»Ja, was meine Sie denn,« schrie die Uffenbacherin laut und drohend, »in dem Zustand, wo Sie sich befinde, da rennt man doch nit stundelang auf die Landstraß'! Wenn Ihne da was zustößt, und Sie komme im Straßengrabe nieder? ... Nachher hab' ich mit der Polizei zu schaffe! Das könnt' mir passe! Oder Sie krieget's in den Kopf und tun sich ein Leid an! Gar noch! 's wär' nit das erschte Mal!«

Cornelie stand mit gesenktem Kopf und ließ die Scheltworte der wütenden Frau auf sich niederprasseln.

Morgen früh reise ich wieder, dachte sie mutlos. Es muß doch einen Ort geben, wo ich mich unbehelligt verkriechen kann.

Hochmütig sagte sie: »Bitte mir das Abendessen auf mein Zimmer zu senden.« Dann stieg sie, ohne sich umzusehen, langsam und ein wenig schwer die schmale Holztreppe hinauf.

»Was ist denn die – was will denn die!« keifte die Uffenbacherin mit hochrotem Gesicht und schaute sich wütend unter ihren Damen um.

»Ja, Frau Uffenbacher, die läßt sich nicht behandeln, wie wir armen Hascherle!« meinte das Annerle.

»No – wie behandele ich euch denn?« schrie die Uffenbacherin. Die Arme in die Seiten gestemmt, pflanzte sie sich drohend vors Annerle, so daß sie fast erschrecklich anzusehen war, die gewaltige Frau, in dem aus ihr kochenden und polternden Jähzorn.

Es wurde ein wüster, kreischender, tobender Weiberzank, der den lauen Frühlingsabend mißtönend durchhallte.

Cornelie lag oben auf dem tabaksduftigen Kanapee. Die zugenähten Gardinen vor den Fenstern konnten den Schall der Schimpfworte, die hin und wieder flogen, nur wenig dämpfen. Ihre geringe Kenntnis von den volkstümlichen Ausdrücken für die zarten Dinge der Liebe wurde an diesem Abend um eine tüchtige Anzahl saftiger Kernworte vermehrt.

Sie beschloß, am frühen Morgen ihren Koffer zu packen, die für den Monat vorausbezahlte Pension fahren zu lassen und weiter zu ziehen. Konnte sie bei dem Geschrei und Geheul, das hier an der Tagesordnung zu sein schien, ihre Arbeit über das Seelenleben des modernen Kulturweibes mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg zu einem guten Ende bringen?

Und doch schien es ihr beinahe unmöglich, eine neue Unterkunft zu suchen und sich all den fragenden, verwunderten, mißtrauischen Blicken aufs neue auszusetzen. Eine Angst ergriff sie, in der sie aufsprang und mit flatterndem Herzschlag mühsam und bange atmete. Sie trat an das winzige Fenster, hob die Gardine und blickte hinab. Da sah die vornehme Philosophin Cornelie Reimann etwas, das sie noch niemals gesehen hatte: Frau Uffenbacher wendete sich mit einem jähen Schwung ihrer stattlichen Hüften, hob ihre Röcke hoch auf und streckte ihren Pensionärinnen, den gesamten besseren Damen als Zeichen ihrer äußersten Verachtung ihr weißleuchtendes, breites und mächtiges Hinterteil entgegen. Dann verschwand sie unter dem gellenden Entrüstungsschrei der von solchem Schimpf Betroffenen in dem Flur ihrer »Anstalt«, und dröhnend schlug die Küchentür hinter ihr zu.

Der schwarz und weiße Sagenvogel, der, einen zapzelnden Frosch im roten Schnabel, von blauer Höhe herab zugeschaut hatte, schlug gelassen seine schweren Flügel auf und nieder und enteilte zu seinem friedlichen Nest auf der Pfarrscheune.

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