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Das Tränenhaus

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDas Tränenhaus
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrunErste bis sechste neubearbeitete Auflage
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid1117bd4d
wgs9110
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Neuntes Kapitel

Mancherlei Besuch kehrte in der nächsten Zeit im Tränenhaus ein. Als ein lustiges buntes Vögelchen flirrte die hübsche Lucie Bubenberg, Annerles Freundin, durch die trüben Räume. Annerle nannte sie: Madame la Baronne und wollte damit pikante Geheimnisse andeuten. Lucie war die wohlangesehene Tochter eines begüterten Industriellen und einer sehr duldsamen Mutter, die durch die Beziehungen ihrer Tochter zu einem württembergischen Standesherrn nur geschmeichelt war. Lucie selbst nannte sich: »Das Glücksvögerl« und schaute mit einem aus Neugier und Mitleid gemischten Interesse auf die Bewohnerinnen der »Villa Uffingen«.

So fragte sie die bayerische Toni, die mit glänzenden Augen Luciens Erzählungen aus der ihr so fremden Welt des Vergnügens lauschte, wie es nur gekommen, daß sie, die doch einen braven, soliden Eindruck mache, hier gelandet sei.

»Wir sind halt Schlittschuh gelaufen,« erzählte die sonst so schweigsame Toni, »und da hat er mich heimgebracht, und wir sind jedesmal an der Tür von seiner Wohnung vorbeigekommen, und er hat mir erzählt, er hätte einen Papagei, der könnte singen: Freut euch des Lebens ... und da hab' i so arg Lust kriegt, den Papagei zu hören, und bin halt mit ihm 'naufgangen ...«

»Hat's Ihnen denn ein bissel Pläsier gemacht – nachher?« erkundigte sich Lucie mit Teilnahme.

Toni schüttelte finster den Kopf.

»I hab' mich halt entsetzt – er war arg wüscht ... Aber ich bin doch noch zweimal bei ihm gewesen – i dacht', i müßt' –, weil er doch nun mein Schatz wär – er hat mir auch gedroht, er will mich totschießen ...«

»Der Schuft!« knirschte Annerle, Lucie fragte mit unsicherer Stimme:

»Hat's denn wenigstens einen Papagei drin gehabt?«

»Den hat's schon gehabt –« sagte Toni ergeben, »aber singen hat er nicht können.«

Viel war während der Anwesenheit des »Glücksvögerls« von allerlei Mitteln die Rede, durch die man hätte den Aufenthalt im Tränenhaus vermeiden können.

»Ich probier' alles, ich hab' vor nix Furcht,« erklärte die kleine, hübsche Lucie. »Die Mama denkt, ich besuch' eine Freundin in der Schweiz – aber ich geh' zu einem Doktor, den mir der Geheimrat empfohlen hat. Mein Baron will nicht, daß ich mir die Figur verderbe!«

Cornelie war allmählich doch neugierig auf den sich so vielfach betätigenden »Herrn Geheimrat« geworden, und als am nächsten Tag der Willkommruf erscholl: »Da schau – der Herr Geheimrat,« floh sie nicht wie sonst, sondern blieb auf ihrem Liegestuhl in der Laube.

Mit einem weiten Schwung seines weichen grauen Filzhutes begrüßte der freundlich blickende, kleine, alte Herr seine Freundinnen, die ihn sofort mit munterem Geplausch umringten. Die Lucie tuschelte mit ihm über ihre Schweizerfahrt, der Toni hatte er Grüße ihres Vaters auszurichten, die Annerle klagte ihm, daß sie sich gar nicht recht extra fühle. Darauf erhielt sie unter viel Gekicher ein Pülverchen aus seiner Brusttasche. Für jede der Damen hatte er eine Aufmerksamkeit, seine Taschen schienen unergründlich. Die Uffenbacherin stand mit triumphierender Miene in der Laubentür. So gefiel es ihr. – Sie strahlte nicht nur in einer reinen weißen Schürze, sondern auch im Glanze von Zufriedenheit und Würde, indem sie dem Herrn Geheimrat schilderte, wie sich der Herr Kreisphysikus und der Herr Polizeiinspektor, als sie letzthin zur Besichtigung dagewesen seien, lobend über ihre »Anstalt« ausgesprochen hätten.

»›So findet man's selten,‹ habe der Kreisphysikus gesagt, ›in dem Zimmer möchte man ja gleich selbst – Sommerfrische halten.‹ Die Fräulein Cornelie habe so schöne Bukettle auf ihrem Tisch und so arg viel Bücher. Und der Herr Kreisphysikus habe eins von dene große Bücher vom Tisch genomme und 'neingeschaut und ganz reschpektvoll gerufe: ›Alle Wetter –! Gratulier' zu der Lektür'!‹ Und so gemütlich säßen die Dam' jeden Nachmittag in der Laub' und es wär' ein Fried' und ein' Freundschaft unter ihne', daß mer sich's nit besser wünsche könnt'.«

Sie triefte von Anerkennung und Wohlwollen und machte ganz verliebte Augen zu dem Gaste hin, denn sie hatte durchaus nicht die Absicht, dem Herrn Geheimrat den Zins zu zahlen, wenn er etwa deshalb schon so bald wiedergekommen wär'!

Cornelie fühlte sich enttäuscht. Ihre Phantasie hatte sich unter dem »Herrn Geheimrat« einen ernsten Menschenfreund oder einen überlegenen Zyniker, einen alten Feinschmecker des Lebens vorzustellen beliebt. Nun sah sie einen gutmütigen Philister, der mit friedevollem Behagen Curellasches Brustpulver austeilte und wohl nur ein ganz klein wenig perverse Lüste inmitten der dickbauchigen jungen Dinger empfand.

Hatte er etwa das Annerle zuerst in den Garten der Liebe eingeführt? Oder war er ihr illegitimer Herr Papa? Am Ende auch Väterchen der Lucie mit der sehr duldsamen Mama?

Hier war alles nicht so, wie es zu sein schien, und nahm man das Gegenteil von dem, was Dinge, Beziehungen und Menschen zu bedeuten schienen, so wußte man auch wieder nicht, ob man sich nicht auf falscher Fährte befand. Cornelie kam es wie ein grotesker Humor des Schicksals vor, daß sie selbst, die bisher nur im Klaren, Einfachen gelebt hatte, hinfort zu dieser verwirrten, schillernden, zweideutigen Welt gehören sollte.

Und doch – dachte sie jener Mittel, welche die hübsche Lucie so warm gepriesen, wußte sie, daß diese Hilfe für sie niemals in Betracht gekommen wäre. »Mir scheint es Mord,« hatte sie zu Lucie gesagt. »Und gerade an dem einen Geschöpf, das uns vielleicht noch das Glück geben kann, das für uns aufgehoben ist. Darüber wär' ich nie hinweggekommen ...«

»Mord ... Wenn Sie's so fühlen ...« flüsterte Lucie. Sie war während des Gespräches ein wenig blaß geworden. Ihre braunen Augen tauchten mit einem hungrig forschenden Blick in Corneliens graue.

»Freuen Sie sich denn wahrhaftig auf den Wurm?«

»Nein,« antwortete Cornelie ehrlich.

»Da schauen Sie ...«

»Ich warte auf die Zeit, in der ich mich freuen werde,« sagte Cornelie leise ... »Ich denke, der Sieg muß einmal kommen.«

Nach diesem wurden die Mädchen schweigsam und man ging in der Abenddämmerung den gewohnten Wiesenpfad an der Höhe entlang, über dem der Ernte entgegenbleichenden Haferfelde. Die Ferne lag in schwerem trüben Sommerdunst, aus dem bewölkten Himmel fielen warme Tropfen. Zur Seite der schmalen Wegspur wuchs auf hartem Gestengel wilde Zichorie mit hellblauen, duftlosen Blumen, die letzten des bunten Gewimmels, das im Frühling den Rain überschäumte. Gewohnheitsmäßig schritten die Mädchen dort auf und nieder, eine hinter der anderen, die Köpfe gesenkt, die unförmig werdenden Gestalten mit müden Schritten vorwärts geschoben. Corneliens Phantasie sah diese Reihe ins Unermeßliche ausgedehnt – die Köpfe gesenkt – die unförmigen Gestalten müde vorwärts geschoben – so wanderten sie geduldig, aus Dämmerung und Nebel tauchend, im trüben, schweren Sommerdunst der verhüllten Ferne entgegen ...

»Ah – geht – ihr seid's fad!« rief Lucie überlaut und begann zu singen: »Morgen fahr' i mit meinem Schatzerl in die Berge hinein – juvivallera – juvivallera – ein Glücksvögerl bin i, ein Glücksvögerl bleib' i, holdrio-o-o!«

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