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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Achtes Kapitel.

Eines Sonntags im März – es war gerade der Ostersonntag – erklärte Hugo seiner alten Magd schon am frühen Morgen, daß er weder zum Mittagessen noch zum Abendbrot zu Hause sein würde und daß sie bis zum Abend ausgehen könnte. Barbe freute sich nicht wenig darüber, zumal ihr Ausgehtag mit einem großen Fest zusammenfiel. Sie nahm sich vor, zu den Beghinen zu gehen und den verschiedenen Messen beizuwohnen, dem Hochamt, dem Vespergottesdienst und dem Segen. Den Rest des Tages wollte sie bei ihrer Verwandten, Schwester Rosalie, verbringen, die in einem der Hauptklöster des frommen Bezirks wohnte.

Zu den Beghinen zu gehen, war eine der besten, eine der einzigen Freuden, die Barbe kannte. Sie war im Beghinenkloster gut bekannt und zählte sogar einige der Nonnen zu ihren Freundinnen. Ihr Traum war, später einmal, wenn sie noch etwas Geld zurückgelegt hätte, auch den Schleier zu nehmen und ihr Leben im Kloster zu beschließen, wie so viele andere, denen die Freude aus den alten, in weiße Haubenbänder gewickelten Gesichtern strahlte.

Namentlich in diesen Tagen des erwachenden Lenzes frohlockte sie, daß sie sich auf den Weg zu ihrem geliebten Beghinenkloster machen konnte. Sie ging noch rüstigen Schrittes, und ihr großer schwarzer Mantel mit seiner Kapuze schwang wie eine Glocke im Winde. Ferne Glockenklänge schienen den Takt zu ihren Schritten zu schlagen; alle Glocken des Kirchspiels läuteten miteinander, und alle Viertelstunden hagelte der scharfe, prasselnde Klang der Zeitschläge herab, wie eine auf gläsernem Klavier heruntergeklimperte Melodie.

Das erste sprossende Grün des Lenzes verlieh der Vorstadt ein ländliches Aussehen. Und Barbe hatte, trotzdem sie schon mehr als dreißig Jahre in der Stadt diente, die ungetrübte Erinnerung an ihr Dorf in ihrer Bauernseele bewahrt, wie alle ihresgleichen, und wenn sie ein wenig Grün oder Laub sah, beschlich sie das Heimweh.

Es war ein schöner Morgen. Sie ging mit rüstigen Schritten im hellen Sonnenschein und freute sich über das Zwitschern der Vögel, den Duft des jungen Grüns in der ländlichen Vorstadt und die hübschen Anlagen am Minnewater, dem Liebessee, wie man es übersetzt hat, oder besser noch: dem Wasser, wo man liebt! – Es war ein schlummernder Teich mit Wasserrosen, so weiß wie die Herzen von Firmelkindern, ringsum beblümte grasige Ufer, dahinter hohe Bäume und am Horizonte Mühlen mit ihren an lebende Wesen gemahnenden Bewegungen. Barbe hatte wieder einmal die Empfindung, als wäre sie auf der Wanderschaft, als kehrte sie durch ergrünende Fluten zu ihrer Kindheit zurück...

Sie war eine fromme Seele von jener flandrischen Frömmigkeit, in der noch etwas vom spanischen Katholizismus rückständig ist, – ein Glaube, in dem der Gewissensbiß und der Schrecken mächtiger ist als die Zuversicht, der mehr Furcht vor der Hölle als Himmelssehnsucht empfindet. Dabei eine Vorliebe für äußeren Pomp, für die sinnlichen Eindrücke des Kultes, für Blumen- und Weihrauchduft und reiche Stoffe, wie sie diesem Volke nun einmal erb- und eigentümlich ist. Der sonst so finstere Geist der alten Dienstmagd geriet denn auch jetzt schon im voraus in Entzücken, wenn sie der bevorstehenden heiligen Handlungen gedachte. Sie überschritt bereits die Bogenbrücke des Beghinenklosters und trat in den heiligen Bezirk ein.

Schon hier herrschte das Schweigen einer Kirche; selbst das Geräusch der kleinen Bäche draußen, die in den See rieselten, klang wie ein Laut von betenden Lippen herüber. Ringsum zogen sich Mauern, niedrige Mauern, welche die einzelnen Klöster abschlossen, so weiß wie Altartücher. In der Mitte ein saftiger, dichter Wiesenteppich, wie auf einem Bilde von Van Eyck, auf dem ein Schaf mit der Miene des Passionslammes grast.

Kleine Straßen, die den Namen von Heiligen oder Seligen tragen, laufen kreuz und quer, schneiden sich und laufen im Bogen weiter, um einen ganzen mittelalterlichen Ort zu bilden, eine kleine Stadt für sich in der anderen Stadt, die noch erstorbener ist als jene, so stumm und leer, so ansteckend in ihrer Lautlosigkeit, daß man nur leise den Fuß aufsetzt, nur leise zu sprechen wagt, wie in der Umgebung eines Kranken.

Kommt einmal jemand vorbei, der etwas mehr Lärm macht, so empfindet man das gleich als etwas Ungewöhnliches, als eine Entweihung. Nur einige Beghinen mit ihren schlürfenden Schritten haben in diesem erstorbenen Dunstkreise das Recht, auf und ab zu gehen, denn ihr Schritt ist weniger ein Gehen als ein Gleiten, und sie gleiten wie Schwäne, wie Schwestern der weißen Schwäne auf den langen Kanälen. Einige Verspätete huschten soeben noch eilig unter den Ulmen des Vorplatzes vorbei, als Barbe ihren Schritt nach der Kirche lenkte. Orgelklang und Meßgesang schollen ihr bereits entgegen. Sie trat zugleich mit den Beghinen ein, und diese nahmen auf den zwei Bankreihen des geschnitzten Chorgestühls Platz. Sie saßen Haube an Haube, die weißen Leinwandflügel unbeweglich ausgebreitet, und wo die Sonne durch die bunten Scheiben schien, huschten rote und blaue Lichter darüber hin. Barbe blickte mit neidischen Augen nach der knieenden Gruppe der Beghinen, die sich Jesu Bräute und Gottes Mägde fühlten, und sie hoffte eines Tages auch zu dieser Schwesterschar zu zählen...

Sie selbst hatte ziemlich weit im unteren Teil der Kirche Platz genommen, neben ihr einige fromme Laien wie sie: Greise, Kinder und arme Familien, die in den leeren Häusern des allmählich aussterbenden Beghinenklosters ein Obdach erhalten hatten. Barbe betete, da sie nicht lesen konnte, einen großen Rosenkranz herunter; sie betete mit vollen Lippen und schaute dabei bisweilen zu Schwester Rosalie hinüber, ihrer Verwandten, die auf den Chorbänken als zweite neben der Oberin saß.

Wie schön war die Kirche in dem schwelenden Kerzenlicht! Beim Meßopfer erstand Barbe bei der Schwester Sakristanin, die sich an einem schmiedeeisernen Taxusbaum bereit hielt, eine kleine Wachskerze, und bald brannte die Opferspende der alten Magd neben denen der anderen.

Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf das herunterbrennende Licht, das sie unter den übrigen wohl herauserkannte.

O, wie fühlte sie sich glücklich! Wie recht hatten doch die Priester, wenn sie sagten, daß die Kirche Gottes Haus ist, namentlich im Beghinenkloster, wo die Schwestern im Chor sangen, mit sanften Stimmen, wie sie wohl die Engel haben müssen.

Barbe ward es nicht müde, den Klängen des Harmoniums und den Chorgesängen zu lauschen, die ihre reinen Töne wie weißes Linnen ausbreiteten.

Schließlich war die Messe zu Ende, und die Lichter erloschen. Die weißen Hauben der Beghinen gerieten plötzlich alle miteinander in Bewegung und verschwanden aus der Kirche wie ein auffliegender Vogelschwarm, um sich dann noch einmal mit den weißen Flügelspannen über das Grün des Gartens zu verteilen, wie ein Schwarm Möwen vor dem Aufbruch. Barbe war Schwester Rosalie, ihrer Verwandten, in gemessenem Abstand gefolgt; so gebot es ihr die Zurückhaltung und Ehrerbietung; erst als sie sah, wie sie in ihr eigenes Kloster verschwand, beschleunigte sie die Schritte und trat einen Augenblick hinter ihr ein.

Die Beghinen leben in jedem der Häuser, aus denen ihr Gemeinwesen besteht, zu mehreren, hier drei oder vier, dort bis zu fünfzehn oder zwanzig zusammen. Das Kloster, in dem Schwester Rosalie wohnte, war eines der größten, und alle Schwestern begannen von dem Augenblick an, wo Barbe eintrat, obwohl sie kaum aus der Kirche zurück waren, zu schwatzen, zu lachen und sich gegenseitig anzureden. Es war in dem großen Arbeitssaale. Da heute Festtag war, standen die Nähkörbe und Spitzenrahmen in den Ecken. Die einen ergingen sich in dem Gärtchen, das vor ihrer Wohnung lag, besichtigten die Pflanzen und prüften das Wachstum der Blumenbeete in ihrer Buchsbaumeinfassung. Andere, bisweilen noch junge Gesichter, zeigten die Geschenke, die sie bekommen hatten: Ostereier mit Zuckerguß. Barbe fühlte sich etwas eingeschüchtert und folgte ihrer Verwandten überallhin durch die Wohn- und Sprechzimmer, nach denen auch andere Besucherinnen strömten. Sie fürchtete sich, hier allein zu bleiben und für einen Eindringling zu gelten, und wartete nicht ohne Angst darauf, daß sie zum Essen eingeladen würde, wie es Brauch war. Aber wie doch? Wenn heute zu viele Verwandte kamen und kein Platz mehr für sie wäre?

Barbe war nicht eher beruhigt, als bis Schwester Rosalie kam und sie von seiten der Oberin einlud; dann verließ sie sie wieder mit der Bitte um Entschuldigung, daß sie so viel zu tun hätte; denn die Beghinen müssen jede der Reihe nach eine Woche lang den Haushalt führen, und jetzt war die Reihe an ihr.

»Wir sprechen nach Tisch noch miteinander,« sagte sie im Gehen. »Zumal ich dir etwas Ernstes zu sagen habe.«

»Etwas Ernstes?« fragte Barbe erschrocken. »Aber dann sag es mir doch gleich!«

»Ich habe jetzt keine Zeit... später ...«

Damit verschwand sie in den Gängen und überließ die alte Magd ihrer Bestürzung. Etwas Ernstes? Was mochte das wohl sein? Ein Unglück? Aber sie hatte nichts mehr auf der Welt, woran sie hing, außer dieser alten Verwandten.

Dann handelte es sich also um sie selbst. Was sollte man ihr aber vorwerfen? Wessen bezichtigte man sie? Sie hatte nie um einen Heller betrogen. Wenn sie zur Beichte ging, wußte sie tatsächlich nicht, was sie sagen und welcher Sünde sie sich zeihen sollte.

Sie blieb in größter Unruhe. Schwester Rosalie hatte so finster, fast streng dreingeschaut, als sie mit ihr sprach. Für diesen Tag war ihr alle Freude verdorben. Sie hatte nicht mehr das Herz, zu lachen und sich unter die Gruppen zu mischen, die da scherzend und plaudernd herumstanden oder angefangene Spitzen besahen, ein neues Muster, zu dem sich die Fäden der verschiedenen Garnröllchen unentwirrbar verknüpften.

Sie saß allein für sich auf einem Stuhl und dachte über die unbekannte Mitteilung nach, die Schwester Rosalie ihr zu machen hatte.

Man setzte sich in dem langen Refektorium zu Tische, nachdem man laut das Tischgebet gesprochen. Barbe aß kaum und wirklich ohne Appetit, während die gesunden, rotbäckigen Beghinen und einige andere Gäste, Verwandte wie sie, diesem Sonntags- und Festschmaus eifrig zusprachen. Es wurde zur Feier des Tages sogar Wein gereicht, ein öliger, goldfarbener Wein aus Tours, der reine Abendmahlswein. Barbe trank das Glas aus, das ihr eingeschenkt war, in der Hoffnung, ihre Sorge darin zu ertränken. Sie bekam aber nur Kopfschmerzen davon.

Das Essen kam ihr endlos vor. Als man endlich vom Tische aufstand, lief sie stracks auf Schwester Rosalie zu und blickte sie fragend an. Diese bemerkte ihre Verstörtheit und suchte sie schnell zu beruhigen.

»Es ist nichts, Barbe! Nicht doch, meine Liebe, wozu regst du dich so auf?«

»Was ist es denn aber?«

»Nichts! Nichts besonders Schlimmes. Ein kleiner Rat, den ich dir geben wollte.«

»O, du hast mir solche Angst gemacht...«

»Wenn ich sage, nichts Schlimmes, so handelt es sich um den Augenblick. Aber die Sache kann immerhin ernst werden. Siehst du, es wird vielleicht nötig sein, daß du eine andere Stelle annimmst.«

»Ich eine andere Stelle annehmen! Aber warum denn? Ich bin nun schon fünf Jahre bei Herrn Viane. Ich bin ihm zugetan, denn ich habe ihn so unglücklich gesehen, und er hängt an mir. Er ist der anständigste Mensch von der Welt.«

»O, meine arme Tochter, wie einfältig ist doch dein Sinn! Nein, eben nicht, er ist nicht der anständigste Mensch von der Welt.«

Barbe war leichenblaß geworden.

»Wie meinst du das?« fragte sie. »Was hat mein Herr Schlechtes getan?«

Schwester Rosalie erzählte ihr die Geschichte, die so stadtbekannt war, daß sie bis in den stillen Bezirk des Beghinenklosters gedrungen war. Sie erzählte ihr von der üblen Aufführung des Mannes, dessen herzzerreißenden Schmerz, dessen Untröstlichkeit als Witwer einst jedermann bewundert hatte. Nun wohl: er hatte sich getröstet, und zwar auf schändliche Weise! Er ging jetzt zu einer schlechten Weibsperson, einer früheren Tänzerin vom Theater...

Barbe zitterte und kämpfte bei jedem Wort gegen eine innere Empörung an, denn sie verehrte ihre Verwandte, und diese Enthüllungen, die für sie so kränkend, so unglaublich waren, klangen in ihrem Munde so gebieterisch. Also das war der Grund für diesen plötzlichen Wandel im Leben ihres Herrn, für sein häufiges Ausbleiben, sein Kommen und Gehen, sein Außer-dem-Hause-Essen, sein zu spätes Heimkehren, sein Fortbleiben in den Nächten...

»Hast du darüber nachgedacht, Barbe,« fuhr die Beghine fort, »daß eine anständige, christliche Dienerin nicht mehr in einem Hause bleiben kann, dessen Herr ein Heide geworden ist?«

Bei diesem Wort brach Barbes Unwillen denn doch los. Es war nicht möglich! Verleumdungen, lauter Verleumdungen, durch die sich Schwester Rosalie hatte täuschen lassen. Ein so guter Herr, der seine Frau so anbetete! Den sie jeden Morgen mit Tränen in den Augen vor den Bildern der Entschlafenen stehen sah! Der ihr Haar besser bewahrte als eine Reliquie!

»Es ist so, wie ich es dir sage,« antwortete Schwester Rosalie kühl. »Ich weiß alles. Ich kenne sogar das Haus, wo diese Person wohnt. Es liegt auf meinem Wege zur Stadt, und ich habe Herrn Viane mehr als einmal hineingehen oder herauskommen sehen.«

Das war eine formelle Antwort. Barbe schwieg kleinlaut. Sie antwortete nichts und versank ganz in tiefes Sinnen, während sich auf ihrer Stirn eine große Falte und mehrere kleine Runzeln bildeten.

Dann sagte sie einfach: »Ich werde darüber nachdenken,« während ihre Verwandte wieder durch ihren Dienst in Anspruch genommen wurde und sich für eine Weile von ihr verabschiedete.

Die alte Magd stand immer noch starr und ohnmächtig und mit wirren Gedanken vor dieser Neuigkeit, die alle ihre Hoffnungen vernichtete und ihren künftigen Lebensweg gänzlich verändern mußte.

Sie war ihrem Herrn zugetan und hätte ihn nur schweren Herzens verlassen.

Und wo sollte sie auch eine andere Stelle finden, die so gut, so bequem und einträglich war? In dem Haushalte dieses alten Junggesellen konnte sie leicht noch einige Ersparnisse machen und die kleine Mitgift erübrigen, mit der sie ihre Tage im Beghinenkloster zu beschließen gedachte. Und doch hatte Schwester Rosalie recht. Bei einem Manne, der seinen Nächsten Ärgernis gab, konnte sie nicht länger bleiben.

Sie wußte, daß man bei Gottlosen, welche nicht beten, welche die Kirchensatzungen, Quatember und Fasttage mißachten, nicht dienen darf. Dasselbe gilt von den Ausschweifungen. Diese sind sogar die schlimmere Sünde, welche die Prediger in ihren Reden und Andachten am meisten mit höllischem Feuer bedrohen. Und Barbe wies schleunigst auch die fernste Gemeinschaft mit der Sünde der Unzucht zurück, bei deren bloßem Namen sie sich schon bekreuzigte.

Was sollte sie nun aber tun? Während des Vespergottesdienstes und des Abendsegens, derentwegen sie mit der Klostergemeinde wieder in die Kirche gegangen war, blieb sie völlig ratlos. Sie bat den Heiligen Geist, sie zu erleuchten, und ihr Gebet ward erhört, denn beim Verlassen der Kirche war ihr ein Entschluß gekommen.

Da der Fall verwickelt war und über ihre Urteilskraft ging, entschloß sie sich, sogleich zu ihrem Beichtvater zu gehen und gehorsam seinem Spruch zu folgen.

Sie ging also nach Notre Dame und erzählte dem Priester alles, was sie soeben vernommen. Er kannte sie schon seit Jahren als eine gerade, schlichte Seele, die bei jeder Gelegenheit von Gewissensbissen geplagt wurde und dadurch etwas Finsteres erhalten hatte. Sie trug wirklich eine Dornenkrone, diese arme Seele, und darum suchte der Priester sie auch zu beschwichtigen, ja er nahm ihr sogar das Versprechen ab, nichts Voreiliges zu unternehmen. Wenn das, was man von ihrem Herrn sagte, wahr war, wenn er wirklich sündhafte Beziehungen unterhielt, so mußte sie immer noch einen Unterschied machen. Fanden diese Begegnungen außer dem Hause statt, so sollte sie sie ignorieren oder sich doch keinesfalls darüber beunruhigen. Wollte es aber das Unglück, daß dieses Weib von schlechtem Wandel, von dem die Rede war, das Haus betrat und ihren Herrn besuchte, mit ihm aß oder sonst etwas trieb, so konnte sie in diesem Falle allerdings nicht die Mitschuldige seiner Unzucht bleiben; dann mußte sie ihren Dienst aufkündigen und gehen.

Barbe ließ sich diese Unterscheidung noch einmal wiederholen. Als sie sie endlich begriffen hatte, verließ sie den Beichtstuhl, verrichtete in der Kirche noch ein kurzes Gebet und ging dann heim. Sie folgte dem Quai du Rosaire bis zu dem Hause, das sie heute morgen so glücklich verlassen hatte, und das sie (das fühlte sie wohl!) früher oder später würde verlassen müssen.

O, wie schwer ist es doch, lange froh zu sein! Schon betrat sie die toten Straßen und ließ die grüne Vorstadt des Morgens, die Messe und die schönen Gesänge wehmütig hinter sich zurück. Auf alle diese Herrlichkeiten sank jetzt die Nacht herab! Sie dachte an ihr baldiges Scheiden aus ihrer Stelle, an neue Gesichter, an ihren Herrn, der im Stande der Todsünde lebte, und sich selbst sah sie jeder Hoffnung beraubt, ihre Tage einst bei den Beghinen zu beschließen. Sie würde an einem Abend, wie dieser, ganz verlassen sterben, dort im Hospiz, dessen Fenster auf den Kanal blickten ...

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