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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Sechstes Kapitel.

Welch unerklärliche Macht hat doch die Ähnlichkeit! dachte Hugo. Sie entspricht den beiden widerspruchsvollen Grundbedürfnissen der Menschennatur: der Gewohnheit und der Sucht nach Neuem. Die Gewohnheit ist das Gesetz, das Rückgrat des Lebens. Das hatte Hugo mit einer Schärfe erfahren, die sein ganzes Schicksal unwiderruflich bestimmen sollte. Dafür, daß er zehn Jahre lang an der Seite einer heißgeliebten Frau gelebt hatte, konnte er sich ihrer nicht mehr entwöhnen, mußte er fortan mit der Getrennten im Geiste zusammenleben und ihr Antlitz auf anderen Gesichtern suchen.

Andererseits ist die Sucht nach Neuem nicht weniger instinktiv. Der Mensch wird es müde, stets dasselbe Gut zu besitzen. Glück und Gesundheit werden erst durch ihr Gegenteil fühlbar. Und auch die Liebe beruht auf ihrer eigenen Unterbrechung.

Nun aber ist es gerade die Ähnlichkeit, die jene beiden Gegensätze in uns vereinigt, jedem sein Teil zuweist und sie unbestimmt miteinander verbindet. Die Ähnlichkeit ist die Horizontlinie, wo Gewohnheit und Sucht nach Neuem zusammenstoßen.

Und es ist namentlich die Liebe, die dieser Art Verfeinerung einen günstigen Boden bietet. Es ist der Zauber einer neuen Frau, die an Stelle der alten, ihr ähnlichen, tritt!

Hugo genoß ihn mit wachsender Wonne, er, den Schmerz und Einsamkeit schon lange so feinfühlig gemacht hatten, daß er solcher Seelenregungen fähig war. Überdies war er ja auch durch einen angeborenen Ähnlichkeitssinn darauf gekommen, nach Brügge zu ziehen, als er Witwer geworden war.

Er besaß ihn in hohem Grade, diesen »Ähnlichkeitssinn«, einen sechsten, ungemein zarten und empfindlichen Sinn, der die Dinge durch tausend feine Fäden verband, die Bäume mit der heiligen Jungfrau verknüpfte und einen unsichtbaren Zeichenaustausch zwischen seiner Seele und den ewig klagenden Türmen schuf.

Darum eben hatte er sich Brügge zum Wohnsitz erkoren, Brügge, von dem das Meer sich zurückgezogen hatte, wie ein zu großes Glück.

Das war die erste Übereinstimmung gewesen, und dann sollte auch sein Denken mit der größten jener berühmten »grauen Städte« harmonieren.

O Schwermut dieses Graus der Brügger Straßen, wo alle Tage wie Allerheiligen aussehen! Dieses Grau, wie gemischt aus dem Weiß der Nonnenhauben und dem Schwarz der Priesterröcke, die hier ununterbrochen vorbeistreifen und gleichsam abfärben! O Mysterium dieser ewigen Halbtrauerfarbe! Überall die Straßen entlang stufen sich die Häuserfronten ab, so weit der Blick reicht. Die einen tragen blaßgrünen Bewurf oder sind aus verblichenen Ziegeln erbaut, zwischen denen weiße Kalkstreifen laufen; aber dicht daneben stehen Häuser, die ganz geschwärzt sind, wie harte Kohlezeichnungen oder verbrannte Kupferstiche, deren Tinten den allgemeinen Ton wiederherstellen und den etwas kräftigeren Farben der Nachbarhäuser die Wage halten. Und so kommt es, daß das Ganze doch in ein gleichmäßiges Grau getaucht scheint, das längs der quaiartigen Flucht der Mauern webt und sich verbreitet.

Auch der Klang der Glocken ließe sich eher als schwarz denken. Aber durch den Raum ergossen, kommt er gedämpft mit einem gleichfalls grauen Klang hernieder, streicht über das Wasser der Kanäle, wird vom ihm zurückgeworfen und bebt auf seiner Oberfläche.

Und dieses Wasser selbst fließt mit allen seinen Reflexen, den blauen Himmelszipfeln und roten Dachziegeln, dem Schnee der wandernden Schwäne und dem Grün der einfassenden Pappeln zu stillen, farblosen Bahnen zusammen.

Durch ein Wunder dieses Himmelsstriches findet eine gegenseitige Durchdringung aller Farben statt. Gott weiß, durch welche Gesetze der atmosphärischen Chemie alle zu lebhaften Töne abgeblendet und in einen träumerischen Gesamtton aufgelöst werden, eine müde, nahezu graue Mischung.

Es ist, als ob die häufigen Nebel, das verschleierte Licht des nordischen Himmels, der Granit der Uferborde, der unaufhörliche Regen und der Klang der Glocken miteinander auf den Luftton eingewirkt hätten – dazu in dieser uralten Stadt die kalte Asche der Zeit, der Staub der Sanduhr der Jahre, der alles unter seiner stillen Decke begräbt.

Das war der Grund, weshalb Hugo sich hier hatte niederlassen wollen. Seine letzte Kraft sollte in Brügge unmerklich, aber sicher versanden und unter diesem feinen Staub der Ewigkeit verschwinden; seine Seele sollte auch grau werden wie die tote Stadt!

Auch heute hatte dieser Ähnlichkeitssinn seine Wirkung getan, aber in einem Umschlag, der plötzlich und rätselhaft war, wie ein Wunder, und somit in entgegengesetzter Richtung wirkte. Welche seltsame Laune des Geschicks, daß dieses Gesicht in dem Brügge seiner ersten, so fernliegenden Erinnerungen aufgetaucht war, um sie ihm plötzlich alle wieder wachzurufen!

Aber wie es um diesen seltsamen Zufall auch stand: Hugo überließ sich fortan völlig der Trunkenheit dieser Ähnlichkeit Janes mit der Toten, wie er sich vordem an der eigenen Ähnlichkeit mit der toten Stadt berauscht hatte.

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