Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georges Rodenbach >

Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Hugo brachte Jane in einem freundlichen Hause unter. Er hatte eine Wohnung an der Promenade gemietet, die auf grünes Vorland und Mühlen ging.

Gleichzeitig hatte er sie veranlaßt, die Bühne zu verlassen. Er hatte sie dadurch immer in Brügge und mehr für sich. Es war ihm nicht einen Augenblick zum Bewußtsein gekommen, daß die Liebschaft mit einer Tänzerin für einen ernsten Mann in seinen Jahren, der eine so untröstliche Trauer zur Schau getragen hatte, ein wenig lächerlich war. Im Grunde empfand er auch gar keine Liebe für sie. Alles, was er wünschte, war, den Reiz dieses Wunders ewig festzubannen. Wenn er Janes Kopf in seine Hände nahm und an sich zog, so geschah dies, um in ihren Augen zu lesen und etwas darin zu suchen, was er in denen der anderen gefunden hatte: einen Schimmer, ein Aufglänzen, eine Perle, einen Blumenflor, der seine Wurzeln in der Seele hatte – und den er hier vielleicht auch wieder fand.

Dann wieder knüpfte er ihre Haare auf, so daß sie ihre Schultern überfluteten, und verflocht sie stillschweigend nach Art eines Zopfes, als sollten sie sich mit jener fernen Flechte vereinigen ...

Jane verstand nichts von diesem sonderbaren Gebaren ihres Liebhabers und seinen stumm auf ihr ruhenden Blicken.

Sie erinnerte sich nur seiner unerklärlichen Traurigkeit, als sie ihm im Anfang ihrer Beziehungen verraten hatte, daß sie sich ihr Haar färbte, und wie ängstlich er seitdem aufpaßte, daß sie es ja in genau derselben Schattierung hielt.

»Ich hätte Lust, mir das Haar nicht mehr zu färben,« hatte sie eines Tages erklärt.

Er war anscheinend ganz verwirrt darüber gewesen und hatte sie inständigst gebeten, ihr Haar in dieser hellen Goldfarbe zu lassen, die er so liebte. Dabei hatte er es in die Hand genommen, es gestreichelt und die Finger hineingetaucht, wie ein Geizhals, der in seinem wiedergefundenen Schatze wühlt.

Und er hatte wirre Worte gestammelt: »Ändere nichts ... Eben weil du so bist, liebe ich dich. O, du weißt nicht, was ich mit deinem Haar in Händen halte!«

Seit ihrer Übersiedlung nach Brügge kam er fast jeden Tag, sie zu besuchen, verbrachte seine Abende bei ihr und aß auch bisweilen dort. Barbe, seine alte Magd, war freilich sehr schlecht gelaunt darüber und maulte am nächsten Tage, daß sie umsonst Essen bereitet und gewartet hätte. Sie tat so, als glaubte sie wirklich, daß er im Wirtshaus gegessen hätte, aber im Grunde blieb sie ungläubig und erkannte ihren sonst so pünktlichen und häuslichen Herrn nicht wieder.

Hugo ging viel aus; er teilte seine Zeit zwischen seinem Hause und Janes Wohnung.

Am liebsten ging er in der Abendstunde zu ihr, da er es so gewohnt war, am Ende des Nachmittags auszugehen, und dann auch, damit seine häufigen Wege nach ihrer Wohnung, die er absichtlich in einem entlegenen Stadtviertel gemietet hatte, nicht zu sehr auffielen. Sich selbst gegenüber empfand er nicht die geringste Scham; seine Seele errötete nicht, denn er kannte ja den Grund und den geheimen Plan seines veränderten Benehmens; es war in seinen Augen nicht nur entschuldbar, sondern die Vergebung selbst und seine Ehrenrettung vor der Toten, ja fast vor Gott. Aber er mußte nichtsdestoweniger mit der prüden Provinzialstadt rechnen. Wie sollte er nicht auch schließlich etwas auf die Nachbarschaft achten und die öffentliche Achtung oder Feindschaft berücksichtigen, wo er fortwährend die Augen auf sich gerichtet sah und in nächster Berührung mit anderen lebte!

Namentlich in diesem katholischen Brügge, das so sittenstreng war! Die hohen Türme in ihren steinernen Kutten warfen ihren Schatten auf alles. Und es war, als ginge von den zahllosen Klöstern eine Verachtung alles Fleisches und seiner geheimen Begierden aus, eine ansteckende Verherrlichung der Keuschheit. An allen Straßenecken sah man geschnitzte Heiligenschreine mit Glasfenstern, in denen Jungfrauen in Samtmänteln zwischen verwelkten Papierblumen standen, in der Hand ein aufgerolltes Spruchband mit sichtbarer Schrift, die an ihrer Statt erklärte: »Ich bin die Unbefleckte.«

Die Leidenschaften, der außereheliche Verkehr der Geschlechter werden stets als das Werk des Satans, der Weg zur Hölle angesehen. Die Sünde gegen das sechste und neunte Gebot läßt die Stimmen in den Beichtstühlen kleinlaut werden und schminkt die Gesichter der Beichtenden mit purpurner Scham. Hugo kannte diese Sittenstrenge von Brügge und wollte sie darum nicht verletzen. Aber in der Enge des Provinziallebens entgeht nichts der Beobachtung. Nicht lange, so erregte er, ohne es zu wissen, die Entrüstung der Frommen. Und der beleidigte Glaube gefällt sich in ironischen Redensarten, wie die Kathedrale den Teufel mit den Masken ihrer Wasserspeier höhnt.

Sobald das Verhältnis des Witwers mit der Tänzerin bekannt wurde, ward er, ohne es zu ahnen, zum Stadtgespräch. Jeder wußte es. Es war ein Geklatsch von Tür zu Tür, ein müßiges Gerede, ein Weitergeben von schlechten Witzen, die mit beghinenhafter Neugier aufgenommen wurden. Das Kraut der Verleumdung schoß, wie in allen toten Städten, zwischen dem Pflaster auf.

Man belustigte sich um so mehr über das Abenteuer, als die lange Verzweiflung, der ewige Schmerz ohne Sonnenblick, noch in aller Erinnerung war. Alle seine Gedanken, die er pflückte, hatte er zu einem Grabstrauße gebunden. Und nun endigte sie so, diese Trauer, die man für ewig hätte halten können.

Alle waren betrogen, voran der arme Witwer selbst, den diese Intrigantin ohne Zweifel behext hatte. Man kannte sie wohl; es war eine frühere Balletttänzerin. Man zeigte sie sich im Vorübergehen und lachte oder entrüstete sich auch ein wenig über ihr ruhiges und gemessenes Wesen, das, wie man fand, durch ihren albernen Gang und ihr strohgelbes Haar Lügen gestraft wurde. Man wußte sogar, wo sie wohnte, und daß der Witwer sie Abend für Abend besuchte. Nicht lange, so würde man auch Zeit und Stunde wissen und den Weg, den er einschlug.

Neugierige Bürgerfrauen verkürzten sich die Langeweile müßiger Nachmittage damit, sich hinter den Fensterkreuzen zu postieren und ihm in den kleinen Fensterspiegeln aufzulauern, die man Spione nennt, und die an der äußeren Fensterbrüstung aller Häuser angebracht waren, schräge Spiegel, die alle zweifelhaften Straßenbilder zurückwerfen, spiegelnde Fallen, die das ganze Gebaren der Vorübergehenden ohne ihr Wissen auffangen und ihre jeweiligen Gebärden, das Lächeln, den Gedanken, der im Augenblick aus ihren Augen spricht, in das Innere des Zimmers zurückspiegeln, wo jemand auf der Lauer liegt.

Dank dem Verrat der Spiegel wußte man bald jeden Gang, den Hugo machte, und jede Einzelheit dieser wilden Ehe, in der er jetzt mit Jane lebte. Die Selbsttäuschung, der er sich nach wie vor hingab, und seine naive Vorsichtsmaßregel, nur am Abend auszugehen, verliehen seinem Verhältnis, das zuerst nichts als Anstoß erregt hatte, allmählich etwas Komisches, und die Entrüstung endete mit Lachen.

Hugo ahnte von alledem nichts. Er fuhr fort, auszugehen, wenn es Abend wurde, und seinen Schritt nach einigen willkürlichen Umwegen nach der ganz nahen Vorstadt hinzulenken.

O, wieviel weniger schmerzlich waren sie ihm jetzt, diese abendlichen Spaziergänge! Er ging durch die Straßen, über die jahrhundertealten Brücken, an erstorbenen Grachten entlang, an denen das Wasser aufseufzt. Jeden Abend läuteten die Glocken für einen am Tag Verschiedenen. Sie läuteten mit vollem Schwung, und doch schien es ihm, als ob der Klang sich entfernte und schon aus weiter, weiter Ferne käme, fast schon aus anderen Himmeln ...

Und die überquellenden Dachtraufen mochten schlickern und schluchzen, die Brückengewölbe kalte Tränen ausschwitzen, die Pappeln an den Kanalborden klagen und seufzen wie das Rauschen eines schwachen, untröstlichen Quells – Hugo vernahm den Schmerz dieser Dinge nicht mehr; er sah die starre Stadt nicht mehr, die in den tausend Bändern ihrer Kanäle wie verschnürt dalag.

Die Stadt der vergangenen Tage, das tote Brügge, dessen Witwer er sich gefühlt hatte, umgürtete ihn kaum noch mit einem Wall von Wehmut; er ging getrost durch ihre Stille, als wäre auch sie aus ihrem Grabe auferstanden und stände da wie eine neue Stadt, der alten gleich.

Und obwohl er Abend für Abend zu Jane ging, zuckte es nicht einmal in seinem Gewissen auf; nicht eine Minute hatte er das Gefühl, daß er wortbrüchig geworden war, daß er eine große Liebe ins Lächerliche gezogen und dem Schmerz Valet gesagt hatte. Nicht einmal jenen leichten Schauer empfand er, der durch das Mark der Witwen rieselt, wenn sie an ihre Krepp- und Kaschmirkleider zum erstenmal eine rote Rose stecken.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.