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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Drittes Kapitel.

Hugo behielt von dieser Begegnung eine große Verwirrung in seinem Geiste. Wenn er jetzt an seine Frau dachte, so war es die Unbekannte von neulich Abend, die er vor sich sah; sie war seine fleischgewordene, greifbare Erinnerung. Sie erschien ihm ganz wie die Tote, nur noch ähnlicher.

Wenn er jetzt in stummer Zärtlichkeit die Reliquie ihres aufbewahrten Haares küßte oder gerührt vor einem ihrer Bilder stand, so verglich er das Bild nicht mehr mit der Toten, sondern mit der Lebendigen, die ihr glich. O geheimnisvolle Gleichheit dieser beiden Gesichter! Es war wie ein Erbarmen des Geschicks, das seinem Gedächtnis Anhaltspunkte darbot und ein Bündnis gegen das Vergessen mit ihm machte, indem es ein altes, vergilbtes Blatt, das mit der Zeit verblichen und schadhaft geworden war, mit einem frischen Abzug vertauschte.

Hugo besaß von der Entschwundenen plötzlich eine ganz neue und deutliche Vorstellung. Er brauchte sich nur den alten Quai von neulich ins Gedächtnis zu rufen, wie er in den sinkenden Abend hineinging und eine Frau auf ihn zukam, die ganz die Züge der Toten trug. Er brauchte nicht mehr in die Ferne verwichener Zeiten und Jahre zurückzuschauen, es genügte ihm, an den letzten oder vorletzten Tag zu denken. Es war jetzt ganz einfach und das Bild ihm ganz nahe. Sein Auge hatte das teure Antlitz von neuem in sich aufgenommen, der frische Eindruck hatte sich mit dem alten verschmolzen, und beide hatten sich gegenseitig so bestärkt, daß er jetzt fast die Illusion ihrer wirklichen Gegenwart hatte.

Hugo war die nächsten Tage ganz verstört. Es gab also eine Frau, die der Verlorenen in allen Stücken glich! Als sie an ihm vorübergegangen war, hatte er einen Augenblick den grausamen Traum gehabt, seine Frau wäre wiedergekehrt und ginge ihm entgegen wie einst. Dieselben Augen, dieselbe Hautfarbe, die gleichen Haare, alles ähnlich und entsprechend. O seltsame Laune der Natur und des Geschickes!

Er hätte sie gern wiedergesehen. Vielleicht würde dies nie der Fall sein. Trotzdem deuchte es ihn, wenn er sie nur nahe wußte und die Möglichkeit hatte, ihr zu begegnen, daß er sich dann weniger verlassen und verwitwet fühlen würde. Ist man wirklich Witwer, wenn die Frau nur fort ist und für kurze Stunden wiederkehrt?

Es würde ihm sein, als ob er die Tote wieder träfe, wenn er dieser begegnete, die ihr glich. In dieser Hoffnung ging er allabendlich zur selben Stunde wieder nach dem Kanal, wo er sie gesehen hatte. Er promenierte auf der alten Gracht mit ihren geschwärzten Treppengiebeln und den Fenstern mit ihren Beghinenhauben von Musselinvorhängen, hinter denen müßige Frauen saßen, die für sein Auf- und Abgehen schnell ein neugieriges Auge hatten. Er verlor sich in die toten Straßen und gewundenen Gassen, in der Hoffnung, sie aus irgendeiner Ecke, wo die Wege sich teilten, plötzlich auftauchen zu sehen.

So verging eine Woche stets enttäuschter Erwartung. Er begann bereits weniger an diese Begegnung zu denken, als er sie am Montag – demselben Tage wie das erstemal – von neuem erblickte. Er erkannte sie sofort, als sie ihm entgegenkam, an demselben wiegenden Schritt. Sie erschien ihm noch mehr als bei ihrer ersten Begegnung von täuschender, vollkommener und wahrhaft erschreckender Ähnlichkeit.

Sein Herz blieb vor Erregung fast stehen wie das eines Sterbenden. Das Blut brauste ihm in den Ohren, und vor seinen Augen flirrte es wie weißes Musselin von Hochzeitsschleiern oder Züge von Firmelkindern. Dann sah er dicht vor seinen Augen das schwarze Schattenbild vorüberschweben.

Die junge Frau hatte seine Verwirrung ohne Zweifel bemerkt, denn sie blickte ihn erstaunt an. O, dieser aus dem Nichts emporgetauchte Blick, den er nie wieder zu sehen vermeint, den er in der Erde gebrochen wähnte, er fühlte ihn jetzt auf sich ruhen, so fest und sanft, so strahlend und zärtlich wie einst! Ein Blick, der von so weit her kam, aus dem Grabe erstanden wie der des Lazarus, als er wieder auf Jesus fiel!

Hugo fühlte sich in seinem ganzen Wesen angezogen; ohnmächtig folgte er der Spur dieser Erscheinung. Die Tote ging vor ihm, sie enteilte. Er mußte hinterher gehen, ihre wieder erweckten Blicke trinken, sein Leben neu entfachen am Brand dieser Haare, die wie aus Licht gemacht schienen. Er mußte ihr folgen, ohne Widerrede, einfach folgen, bis ans Ende der Stadt, bis ans Ende der Welt ...

Er hatte sich das nicht überlegt, sondern mechanisch war er ihren Schritten gefolgt, diesmal ganz dicht hinterdrein, in der atemlosen Furcht, sie zum zweitenmal zu verlieren – hier in diesem alten Stadtteil mit seinen gewundenen und im Zickzack laufenden Gassen.

Sicherlich war es ihm nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen, daß er etwas Ungewöhnliches täte, indem er eine Frau verfolgte. War es doch seine Frau, die er auf diesem Spaziergang im Dämmerlicht verfolgte, und die er bis an ihr Grab zurückgeleiten wollte ...

Hugo ging immer noch wie magnetisiert, wie im Traum, neben oder hinter der Unbekannten, ohne auch nur zu bemerken, daß sie die einsamen Grachten inzwischen verlassen hatte und die Geschäftsgegend erreichte, das Zentrum der Stadt mit der Grand Place, wo die Tour des Halles wie ein schwarzes Ungetüm aufragte und mit dem goldenen Schild ihres Zifferblattes gegen die einbrechende Nacht ankämpfte.

Die junge Frau war schnell und geschickt – anscheinend um sich des Verfolgers zu entledigen – in die Rue Flamande eingebogen, deren alte Hausfronten wie geschnitzte und mit Zieraten geschmückte Schiffshecke aussahen. Sie war jetzt deutlicher zu sehen, und ihre Umrisse lösten sich schärfer vom Dunkel ab, besonders wenn sie an einem der erleuchteten Schaufenster vorbeiging oder den Lichtkreis einer Straßenlaterne durchschritt.

Dann sah er sie plötzlich über die Straße gehen und die Schritte nach dem Theater lenken, durch dessen weitgeöffnete Portale sie verschwand.

Hugo blieb nicht stehen. Er war ein willenloses Wesen, ein folgsamer Trabant geworden. Auch Seelenregungen folgen dem Gesetz der Erhaltung der Kraft. Dem einmal gegebenen Antrieb gehorsam, drang er in das Vestibül ein, dem die Menge zuströmte. Aber sein Traumbild war verschwunden. Nirgends erblickte er die junge Frau, weder unter dem Queue bildenden Publikum an der Kasse, noch an der Kontrolle und auf den Treppenfluren. Wo war sie? Durch welchen Gang, welches Hinterpförtchen war sie verschwunden? Denn hineingehen hatte er sie gesehen, ein Irrtum war ausgeschlossen. Ohne Zweifel ging sie ins Theater. Sie mußte sogleich im Saale erscheinen oder saß vielleicht schon in einem Fauteuil oder im roten Dunkel einer Loge. Sie wiederfinden! Sie sehen! Sie deutlich einen Abend lang betrachten! Der Kopf schwindelte ihm bei diesem Gedanken; ihm wurde so wohl und weh ums Herz. Aber dem Bann zu widerstehen, das vermochte er nicht. Ohne einen Gedanken im Kopfe, weder an das unanständige Benehmen, das er seit einer Stunde offenbarte, noch an den Wahnsinn seiner neuen Absicht und den Widersinn, der darin lag, in seiner tiefen Trauer das Theater zu besuchen, wandte er sich ohne Zaudern zur Kasse, verlangte einen Fauteuilplatz und ging hinein.

Sein Auge durchlief rasch alle Plätze, das Parkett, die Ränge und die Logen, die sich allmählich füllten. Er fand sie nicht wieder. Er war ganz niedergeschlagen, enttäuscht und voller Ungeduld. Welch tückischer Zufall trieb mit ihm sein Spiel? Eine Halluzination, die sich ihm bald zeigte, bald verschwand! Eine wechselnde Erscheinung, wie die des Mondes zwischen Wolken! Er wartete und suchte noch. Verspätete Theaterbesucher strebten eilig ihren Plätzen zu; es war ein Klappen von Türen und Sitzen.

Nur sie kam nicht.

Er begann seine unbesonnene Handlungsweise bereits zu bereuen, zumal seine Gegenwart bemerkt wurde und sich fortwährend neugierige Gläser auf ihn richteten, was ihm nicht entgehen konnte. Er besuchte zwar niemand, hatte auch keine Familienbeziehungen angeknüpft; er lebte ganz für sich. Aber jedermann kannte ihn wenigstens von Ansehen und wußte um ihn und den Gegenstand seiner edlen Verzweiflung. In diesem schwach bevölkerten, müßigen Brügge kannte sich schließlich alle Welt. Man erkundigte sich über die neu Zugezogenen, machte seinen Nachbarn Mitteilung von dem, was man gehört hatte, oder erhielt sie von ihnen.

Es war also eine große Überraschung, fast das Ende einer frommen Sage, als man ihn im Theater erblickte. Ein Triumph der bösen Zungen, die stets gespottet hatten, wenn von dem untröstlichen Witwer die Rede war.

Der Gedanke, in dem die Menge der Theaterbesucher aufging, schien sich auch Hugo magnetisch mitzuteilen; er hatte sofort das Gefühl einer Sünde gegen sich selbst, eines zerbrochenen Ehrenschilds. Es war wie ein Riß in das Gefäß seines Trauerkultus, aus dem sein bisher so sorgsam gehüteter Schmerz nun Tropfen für Tropfen entrinnen würde.

Inzwischen schlug das Orchester die ersten Takte der Ouvertüre an. Er blickte auf den Theaterzettel seines Nachbars. »Robert der Teufel« stand in großen Lettern darauf – eine jener altmodischen Opern, aus denen sich das Repertoire einer Provinzialbühne unvermeidlich zusammensetzt. Die Violinen stimmten schon die ersten Weisen an.

Hugo fühlte sich verwirrter denn je. Seit dem Tode seiner Frau hatte er nicht einen Ton Musik mehr gehört. Er fürchtete sich vor dem Klang der Instrumente. Selbst ein Leierkasten auf der Straße mit seinen schnarrenden Klimpertönen lockte ihm Tränen in die Augen. Nicht anders die Orgel in Notre Dame und Sankt Walburga, wenn sie am Sonntag ihren schwarzen Samt zu Häupten der Andächtigen ausbreitete und gleichsam einen Katafalk von Tönen errichtete.

Diese Opernmusik erschütterte sein Hirn vollends; die Violinbogen spielten auf seinen Nerven. Es prickelte ihm in den Augen. Sollte er wieder weinen? Er war im Begriff zu gehen, als ihm ein seltsamer Gedanke kam. Die Frau, der er in einer Art von plötzlichem Wahnsinn bis in diesen Saal gefolgt war, weil ihre Ähnlichkeit ein Balsam für sein wundes Herz war, saß hier nirgends, des war er sicher. Aber wenn sie nicht im Saal war, konnte sie dann nicht auf der Bühne erscheinen?

Es war eine Entweihung, die ihm von vornherein das Herz zerriß. Dies Gesicht, das Antlitz seiner geliebten Frau, im grellen Rampenlicht zu sehen, mit bunten Farben aufgeschminkt! Die Frau, die er eben verfolgt hatte, bis sie plötzlich auf irgendeiner Hintertreppe verschwunden war, konnte ja doch Bühnenkünstlerin sein und jetzt auftreten, gestikulieren und singen. Würde ihre Stimme auch dieselbe sein, um der Teufelei der Gleichheit die Krone aufzusetzen? Diese ernste, silberhelle Metallstimme mit einem Beiklang von Bronze, die er nie wieder gehört hatte!

Hugo fühlte sich ganz verwirrt durch die bloße Möglichkeit eines solchen Zufalls, wo die Ähnlichkeit wirklich bis zum Ende ging. Er wartete voller Bangigkeit und mit einer Art von Vorgefühl, daß er richtig geraten hatte.

Akt für Akt ging vorüber, ohne daß er sie erblickte. Er erkannte sie nicht wieder, weder unter den Sängerinnen noch unter den wie Holzpuppen angemalten und geschminkten Choristinnen. Er achtete fortan nicht mehr auf das Stück und war fest entschlossen, das Theater nach der Kirchhofszene mit den Nonnen, die ihm alle seine Todesgedanken wieder wachrief, zu verlassen. Doch plötzlich bei dem Auferweckungsrezitativ, wo die Ballettänzerinnen als auferstandene Nonnen in langer Prozession einherziehen und Helena aus ihrem Grabe erwacht, Leichentuch und Kutte abwirft und wieder aufersteht, da empfand Hugo eine Erschütterung, wie wenn ein aus schwarzem Traum Erwachter einen Festsaal betritt und die Lichtflut auf den zitternden Wagschalen seiner Augen auf und nieder schwankt.

Ja, das war sie! Eine Tänzerin! Aber das kam ihm gar nicht in den Sinn. Es war ja die Tote, die aus ihrem Grab aufstand, seine Tote, die da jetzt lächelnd vortrat und die Arme ausstreckte.

Und sie war ähnlicher den je, ähnlich zum Weinen mit dem schwarzen Schminkestrich unter den Augen, der ihr nächtliches Dunkel noch vertiefte. Ihr Haar, jetzt voll sichtbar, war von derselben Goldfarbe ohnegleichen, ganz wie das der anderen ...

Eine ergreifende, ganz flüchtige Erscheinung, über die sehr bald der Vorhang fiel!

Hugo ging. Sein Hirn flammte. Er war wie umgewandelt. Freudestrahlend ging er an den Quais entlang nach Hause, noch wie gebannt von der holden Vision, die nicht wich und die selbst im nächtlichen Dunkel ihren Lichtrahmen immer wieder vor ihm aufspannte... So stand der Doktor Faust wie berückt vor dem Zauberspiegel, in dem sich das himmlische Frauenbild enthüllte!

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