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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Erstes Kapitel.

Der Abend sank herab. Es dunkelte bereits auf den Gängen der großen, stillen Wohnung, und die Scheiben umflorten sich.

Hugo Viane machte sich zum Ausgehen fertig, wie stets gegen Ende des Nachmittags. Beschäftigungslos und einsam, wie er war, verbrachte er den ganzen Tag in seinem Zimmer, einer großen Stube im ersten Stock, deren Fenster auf den Quai du Rosaire gingen. Das Haus lag mit der Front am Quai und spiegelte sich in seinem Wasser.

Er las wenig: Zeitschriften, alte Bücher; rauchte viel und träumte bei trübem Wetter zum offenen Fenster hinaus, ganz in seine Erinnerungen verloren. Fünf Jahre waren nun dahingegangen, seit er sich in Brügge niedergelassen hatte und so lebte. Es war am Tage nach dem Tode seiner Frau gewesen. Fünf Jahre schon! Und er wiederholte es sich stets von neuem: »Witwer – Witwer sein! Ich bin Witwer!« Ein unheilbares, abgerissenes Wort. Eine kurze Silbe mit tonlosem Nachhall. Eine gute Bezeichnung für ein Wesen, dem die Hälfte fehlt.

Die Trennung von ihr war ihm furchtbar gewesen. Er hatte die Liebe im Wohlstand, im Müßiggang, auf Reisen genossen, und jeder neue Schritt hatte das Idyll wieder erneuert. Er hatte nicht nur das stille Glück einer treuen Ehegemeinschaft, sondern auch die ungestillte Leidenschaft, die ununterbrochene Glut gekannt. Ihre Küsse hatten sich kaum beruhigt, und ihre Seelen waren sich so nahe wie die gleichlaufenden Uferborde eines Kanals, der ihr Abbild vereint widerspiegelt.

Zehn Jahre dieses Glückes – kaum empfunden: so schnell waren sie dahingegangen!

Dann, an der Schwelle der Dreißig, war die junge Frau gestorben. Nur ein paar Wochen hatte sie das Bett gehütet, und nun lag sie schon hingestreckt auf dem letzten Lager, so wie er sie noch immer vor sich sah, bleich und gelb, wie das Wachs der Totenkerzen – sie, die er in ihrer Schönheit und ihrer rosigen Farbe angebetet hatte. Ihre großen schwarzen Pupillen hoben sich scharf von dem Weiß ihrer Augäpfel ab, und den Gegensatz zu ihrem nächtlichen Dunkel vollendete ihr bernsteinfarbenes Haar, das aufgelöst ihren ganzen Rücken bedeckte und in langen Wogen herabfloß. Es war wie das Haar auf den Madonnenbildern alter Meister, das in ruhigen Wellen herniederfällt.

Über die Leiche hingeworfen, hatte Hugo dieses Haar abgeschnitten, das in den letzten Tagen ihrer Krankheit zu einem schweren Zopfe geflochten war. Ist es nicht wie ein Erbarmen des Todes? Er zerstört alles, aber das Haar läßt er unangetastet. Augen, Lippen – alles bricht und fällt ein; aber die Haare verlieren nicht einmal die Farbe. In ihnen allein überlebt man. Fünf Jahre waren nun schon dahingegangen, und die Haarflechte der Toten war noch ungebleicht, trotz des Salzes so vieler Tränen.

Besonders jetzt lebte der Witwer all seine Vergangenheit mit erneutem Schmerze wieder durch, jetzt in diesen grauen Novembertagen, wo die Glocken, möchte man sagen, einen Staub von Klängen in die Luft säen – die kalte Asche der Jahre ...

Trotzdem entschloß er sich, auszugehen. Nicht um draußen eine obligate Zerstreuung oder eine Linderung für seinen Schmerz zu suchen: daran dachte er nicht einmal. Aber er ging gern in den sinkenden Abend hinein und suchte ein Gegenstück zu seiner Schwermut in den einsamen Kanälen und den frommen Stadtvierteln.

Als er die Treppe hinabstieg und ins Erdgeschoß seiner Wohnung kam, sah er, daß alle Türen nach dem großen weißen Korridor weit offen standen. Sonst waren sie immer geschlossen.

Er rief in das Schweigen hinein nach seiner alten Dienerin: »Barbe!... Barbe!«

Die Gerufene erschien sofort in der ersten Tür. Sie wußte, warum ihr Herr sie gerufen.

»Gnädiger Herr,« sagte sie, »ich habe die Zimmer heute in Ordnung bringen müssen. Morgen ist Festtag.«

»Festtag?« wiederholte Hugo ärgerlich.

»Ja, weiß der gnädige Herr nicht? Morgen ist Maria Darstellung. Ich muß zur Messe und zum Segen ins Beghinenkloster. Es ist ein Tag wie ein Sonntag. Und da ich morgen nicht arbeiten kann, habe ich heute reingemacht.«

Hugo Viane verhehlte sein Mißfallen nicht. Sie wußte wohl, daß er bei dieser Arbeit stets selbst zugegen sein wollte. Diese zwei Zimmer bargen zu viele Schätze und Erinnerungen an sie und die Vergangenheit, als daß er die Dienerin allein darin hätte wirtschaften lassen. Er wünschte sie unter den Augen zu haben, ihre Bewegungen zu verfolgen, ihre Vorsicht zu beobachten, ihren Respekt zu prüfen.

Und wenn das Abstäuben es erheischte, wollte er selbst zugreifen und die kostbaren Nippsachen, diesen Gegenstand der Toten, dies Kissen, jenen Ofenschirm, den sie gemacht hatte, selbst fortnehmen. Ihm schien, daß ihre Finger überall auf diesen unberührten Möbeln ruhten. Auf diesen Sofas, Diwans und Fauteuils hatte sie gesessen, und sie hatten die Form ihres Körpers sozusagen bewahrt. Die Vorhänge fielen noch in denselben Falten, in die sie sie gerafft. Und die Spiegel mußten höchst vorsichtig mit Tüchern und Schwämmen abgeputzt werden, um ihr Gesicht nicht zu verwischen, das darin schlief. Und etwas, das er noch mehr hüten und vor jedem Stoß bewahren wollte, das waren die Bilder der armen Toten, Bilder aus ihren verschiedenen Jahren, die überall herumstanden und hingen, auf dem Kaminsims, an den Wänden und auf dem Lampenständer, und dann vor allem der besonders gehütete Schatz ihres Haares, den er nicht in eine Kommodenschublade hatte einschließen mögen oder in das Dunkel einer Kiste – das hieße ja, dies Haar in ein Grab legen. Sondern lebendig, wie es noch immer war, und von einem den Jahren trotzenden Goldglanz, lag es offen und ausgebreitet da als der unsterbliche Teil seiner Liebe.

Um es unaufhörlich vor Augen zu haben, hatte er es in dem unverrückten großen Wohnzimmer auf das seither verstummte Klavier gelegt, dieses Haar, das noch immer ein Stück von ihr war, ein zerrissenes Geflecht, eine zerbrochene Kette, ein Tau, das aus dem Schiffbruch gerettet worden. Und um es vor Staub und feuchter Luft zu schützen, die es ausbleichen oder seinen Glanz trüben konnten, war er auf den naiven, wo nicht rührenden Einfall gekommen, es unter Glas zu tun und in einen durchsichtigen Schrein zu betten, eine Kristallglocke, unter der die Flechte nun sichtbar ruhte, und in der sie jeden Tag den Tribut seiner Verehrung empfing.

Diese Haarflechte schien ihm mit seinem Dasein wie mit den Gegenständen, die ringsumher ihr stilles Leben führten, unlöslich verknüpft; sie war ihm die Seele des Hauses.

Barbe, die alte, etwas mürrische, aber treue und fürsorgliche flämische Dienstmagd, wußte wohl, mit welcher zarten Scheu sie diese Gegenstände behandeln sollte, und ging darum nur zitternd an sie. Sie war wenig mitteilsam und sah in ihrem schwarzen Rock und der weißen Tüllhaube ganz wie eine Schwester Pförtnerin aus. Übrigens ging sie auch oft zu den Beghinen, um ihre einzige Verwandte zu besuchen, Schwester Rosalie, die Nonne im Beghinenkloster war.

Von diesen Besuchen und ihren frommen Gewohnheiten hatte sie das ruhige Wesen und die schlürfenden Schritte behalten, die das Gehen auf Kirchenfliesen gewohnt sind. Und ebendeshalb, weil sie seinen Schmerz nicht durch Lärm und Gelächter verletzte, hatte Hugo Viane sich so an sie gewöhnt, seit er in Brügge lebte. Er hatte keine andere Magd gehabt, und diese war ihm zum Bedürfnis geworden – trotz ihrer unschuldigen Tyrannei, ihrer Betschwesterpassionen und ihres Eigensinns, wie heute erst, wo sie wegen eines harmlosen Festes, das morgen stattfinden sollte, die Zimmer ohne sein Wissen und gegen seinen gemessenen Befehl um und um gekehrt hatte.

Hugo ging nicht eher aus, als bis sie die Möbel wieder an ihren Fleck gestellt hatte. Er versicherte sich, daß alles, was ihm teuer war, unbeschädigt auf seinem alten Platze stand, und erst als die Türen und Läden wieder geschlossen waren, beruhigte er sich und unternahm seinen gewöhnlichen Abendspaziergang, obwohl ununterbrochen ein feiner Sprühregen fiel – der Staubregen des Spätherbstes, dessen senkrecht herabfallende Tropfen die Welt in einen Tränenflor hüllen, Wasser weben, die Luft mit ihren Heftfäden durchziehen, die glatte Flut der Kanäle mit Nadeln spicken und die Seele umschnüren, durchdringen und erstarren machen, wie einen Vogel in einem triefenden Netz aus unzähligen Maschen.

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