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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Fünfzehntes Kapitel.

Der Tag hatte schlimm begonnen! Es ist, als wären freudige Pläne eine Herausforderung. Zu lange bedacht, lassen sie dem Schicksal Zeit, die Eier im Neste zu vertauschen, und wir müssen dann Kummer und Sorge ausbrüten.

Als Hugo die Tür hinter Barbe zuschlagen hörte, hatte er eine peinliche Empfindung, einen erneuten Verdruß. Nun sollte es noch einsamer um ihn werden! Die alte Dienstmagd war ihm so gewohnt, daß ihm nach ihrem Fortgang etwas am Leben fehlen würde. Und das alles wegen Jane, wegen dieses wankelmütigen, grausamen Weibes. O! Was hatte er nicht schon durch sie gelitten!

Es wäre ihm jetzt am liebsten gewesen, wenn sie nicht gekommen wäre. Er fühlte sich niedergeschlagen, unruhig und entnervt. Er dachte an die Tote... Wie hatte er nur der Lüge dieser Ähnlichkeit frönen können, die so bald zerronnen war! Und sie, die jenseits des Grabes lebte: hätte sie wohl je gedacht, daß eine andere an ihrer Statt in das Haus einziehen würde, in dem alles noch von ihr sprach, daß sie auf den Lehnstühlen sitzen würde, auf denen sie geruht, daß ihr Bild in der Flut der Spiegel, die die Gesichter unserer Toten bewahrt, durch ein anderes verdeckt würde?

Es klingelte. Hugo mußte selbst öffnen. Es war Jane. Sie hatte sich verspätet und war ganz rot vom schnellen Gehen. Sie trat hastig und gebieterisch ein und überflog mit einem Blick den großen Korridor und die Zimmer mit den offenen Türen. Man vernahm bereits ferne Musikklänge, die allmählich näher kamen. Die Prozession war nicht mehr fern.

Hugo hatte die Wachskerzen auf dem Fensterbrett und den kleinen Tischen, die Barbe noch aufgestellt hatte, selbst angezündet. Dann ging er mit Jane nach dem ersten Stock hinauf und in sein Zimmer. Die Fenster waren geschlossen. Jane ging an das eine und machte es auf.

»Nicht doch!« wehrte Hugo ab.

»Warum nicht?«

Er gab ihr zu bedenken, daß sie sich nicht so öffentlich bei ihm zeigen und gewissermaßen als Plakat aushängen könnte. Namentlich wo jetzt die Prozession vorbeikam. In der Provinz ist man prüde. Es würde einen öffentlichen Skandal geben.

Jane war vor den Spiegel getreten, hatte ihren Hut abgenommen und ihr Gesicht etwas gepudert. Sie trug stets ein kleines elfenbeinernes Puderbüchschen bei sich.

Dann trat sie wieder ans Fenster mit ihrem unbedeckten, hellen Haar, dessen Kupferfarbe aller Augen auf sich zog.

Die Menge drängte sich bereits durch die Straße und äugte neugierig herauf; dieses Weib war nicht wie die anderen; ihre Kleidung und Haarfrisur waren zu auffällig.

Hugo wurde ungeduldig. Man sah auch hinter den Vorhängen genug. Er schlug in einer Anwandlung von Energie das Fenster zu.

Jetzt spielte Jane die Gekränkte. Sie wollte nichts mehr sehen und hören, warf sich in ein Sofa und blickte streng und verschlossen drein.

Der Gesang der Prozession wurde immer lauter. An dem schwellenden Flor der Klänge erriet man, daß sie ganz nahe war. Hugo hatte sich in tiefem Schmerze von Jane abgewandt; er preßte seine brennende Stirn gegen die Scheiben, als wollte er seinen Schmerz an ihrer Frische kühlen.

Die ersten Chorknaben wurden sichtbar, kleine Sänger mit kahlem Kopf, die Psalmen anstimmten und Lichter trugen.

Hugo sah den ganzen Zug deutlich durch die Fensterscheiben; die Gestalten hoben sich von ihnen ab wie gemalte Gewänder auf Heiligenbildern hinter einem Spitzenvorhang.

Geistliche Brüderschaften zogen vorbei, Postamente mit Statuen, heilige Herzen oder Kirchenbanner vor sich hertragend, deren Goldstoff hart geworden war wie Glas. Dann folgten weißgekleidete Gruppen, ein blühender Baumgarten von weißen Gewändern, ein Inselmeer von Musselinkleidern, zwischen denen der Weihrauch in kleinen blauen Wellen wogte, ein Konzil von halberblühten Jungfrauen um ein Osterlamm, das so weiß war wie sie und wie aus gekräuseltem Schnee gemacht schien.

Hugo drehte sich einen Augenblick nach Jane um, die sich, immer noch schmollend, in das Sofa vergraben hatte und über schlimmen Gedanken zu brüten schien.

Der Klang der Serpente und Ophikleide schallte tief und voll herauf, umkränzt von dem zarten, unterbrochenen Rankenwerk der Sopranstimmen.

Und Hugo sah im Rahmen des Fensters die Ritter des Heiligen Landes vorbeiziehen, die Kreuzfahrer in Rüstung und Brokatgewändern, die Prinzessinnen aus der Brügger Geschichte und all die Männer und Frauen, deren Namen mit Dietrich von Elsaß verknüpft ist, ihm, der den Tropfen des heiligen Bluts aus Jerusalem heimgebracht hatte. Es waren junge Männer und Jungfrauen aus der höchsten flandrischen Aristokratie, die da in den alten Rollen, den alten Stoffen, seltenen Spitzen und jahrhundertealten Familienkleinodien vorbeischritten. Es war, als ob die Heiligen, die Krieger und Stifter von den Bildern Van Eycks und Memlings, die drunten in den Museen erhalten sind, durch ein plötzliches Wunder zum Leben erwacht und zu Fleisch und Blut geworden wären.

Hugo sah kaum hin. Janes Laune hatte ihm alle Freude verdorben. Er fühlte sich von einer unendlichen Traurigkeit ergriffen, besonders durch diese Gesänge, die ihm wahrhaft weh taten. Er suchte Jane zu beschwichtigen. Aber beim ersten Wort, das er sagte, brach ihre böse Laune hervor.

Sie warf ihm einen durchbohrenden Blick zu, der wie mit Nadeln gespickt war, und es war, als hätte sie die Hände voller Dinge, um ihn noch mehr zu verwunden.

Hugo versank wieder in sich selbst. Er schwieg blutenden Herzens still und warf seine Seele sozusagen in die hohle See dieser durch die Straßen brandenden Gesänge, damit sie sie weit von ihm forttrügen. Jetzt kam die Geistlichkeit vorbei, Mönche von allen Orden, Dominikaner, Redemptoristen, Franziskaner, Karmeliter; hinter ihnen die Seminaristen in gefältelten Chorhemden, die alten Chorbücher entziffernd; endlich die Priester jeder Gemeinde mit ihrer roten Umgebung von Chorknaben: Vikare, Pfarrer und Chorherren in großem Ornat, mit reichgestickten Meßgewändern, die wie Edelsteingärten strahlten.

Dann ward das Klappern der Weihrauchfässer vernehmbar. Blauer Rauch quoll aus den Schnecken der vordersten auf, und alle Meßglöckchen klangen zu einem tönenden Hagel zusammen, der die Luft wie mit Kupfer erfüllte.

Der Bischof erschien, auf dem Haupte die Mitra, unter einem Baldachin schreitend. Er trug den Reliquienschrein, einen kleinen goldenen Dom mit edelsteinstarrender Kuppel, in der unter tausend Kameen, Diamanten, Smaragden, Amethysten, Glasflüssen, Topasen und edlen Perlen der einzige Rubin des heiligen Blutes schlummerte.

Hugo war hingerissen durch den mystischen Eindruck, die Begeisterung auf allen Gesichtern, den Glauben dieser ungeheuren Menge, die auf der Straße unter seinen Fenstern flutete und sich voller Inbrunst durch die ganze Stadt ergoß. Und als er nun sah, wie alles Volk beim Nahen des Heiligenschreins aufs Knie fiel und sich unter dem Stoßwind des brausenden Chorliedes beugte, da neigte auch er sich nieder.

Er hatte die Wirklichkeit, Janes Anwesenheit und die neue Szene mit ihr, die noch eben einen Berg von Eisschollen zwischen sie geworfen hatte, vergessen. Sie hingegen lachte höhnisch auf, als sie ihn so ergriffen sah. Er tat, als hörte er es nicht, und unterdrückte eine Regung von Haß, die plötzlich gegen dieses Weib in ihm aufzuckte.

Sie setzte unnahbar und eisig den Hut wieder auf, als wollte sie fortgehen. Hugo wagte das strenge Schweigen, das seit dem Abzuge der Prozession im Zimmer herrschte, nicht zu brechen.

Die Straße hatte sich rasch geleert und lag nun wieder stumm da, jene unendliche Traurigkeit atmend, wie sie jeder entschwundenen Freude folgt.

Sie ging die Treppe hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Als sie im Erdgeschoß angelangt war, blieb sie plötzlich stehen, als hätte sie sich eines Besseren besonnen oder wäre neugierig auf etwas geworden, und blickte von der Schwelle aus in die Wohnzimmer, deren Türen noch immer offen standen. Sie machte einige Schritte vorwärts und betrat die beiden großen, miteinander verbundenen Räume, als ob sie sich durch ihr strenges Aussehen verletzt fühlte. Auch die Zimmer haben eine Physiognomie, ein Gesicht. Zwischen uns und ihnen entstehen augenblicklich Freundschaften oder Abneigungen. Jane fühlte sich unfreundlich aufgenommen, wie etwas Ungewöhnliches, Fremdes. Die Spiegel verstimmten sie; die alten Möbel machten ihr einen feindseligen Eindruck. Ihre Gegenwart schien sie zu bedrohen, sie in ihrer unverrückten Stellung zu gefährden.

Indiskret, wie sie war, warf sie prüfende Blicke umher. Hier und dort an der Wand, auf den Etageren, erblickte sie Frauenbilder; es waren die Photographien der Toten und ihr Pastell.

»Oho, du hast Bilder von Frauen hier?« sagte sie mit einem verhaltenen, bösen Lachen. Sie ging auf den Kamin los.

»Halt!« sagte sie. »Die da sieht mir ähnlich.«

Damit ergriff sie eines der Bilder.

Hugo verfolgte sie mit den Augen. Es war ihm ein peinliches Gefühl, sie da so herumlaufen zu sehen, und das Herz blutete ihm bei ihrer unbewußt grausamen Bemerkung, diesem furchtbaren Hohn, der die Heiligkeit seiner Toten antastete.

»Laß das liegen!« rief er gebieterisch.

Jane lachte laut auf, sie wußte nicht, was das alles zu bedeuten hatte.

Hugo ging auf sie zu und riß ihr das Bild aus der Hand. Es verletzte ihn, diese unheiligen Finger auf einem seiner Andenken zu sehen. Er selbst faßte sie nur zitternd an, wie Kultgegenstände, wie ein Priester die Monstranz und den Kelch. Sein Schmerz war seine Religion. Und in diesem Augenblick erleuchteten die Lichter auf den Fensterbrettern, die für die Prozession angezündet und noch nicht ausgelöscht waren, diese Zimmer vollends wie eine Kapelle.

Jane wurde ironisch. Sie belustigte sich in ihrer Dirnenseele über Hugos Entrüstung und empfand das geheime Verlangen, ihm noch mehr wehe zu tun. Sie ging in das Nebenzimmer, faßte alles an, warf die Nippsachen durcheinander und verknüllte die Stoffe. Plötzlich blieb sie mit schallendem Gelächter stehen.

Sie hatte auf dem Klavier den kostbaren Glaskasten gesehen und hob, um ihrer Niedertracht die Krone aufzusetzen, den Deckel empor, zog die lange Haarflechte voller Staunen und Gelächter heraus, rollte sie auseinander und schlug damit in die Luft.

Hugo war leichenblaß geworden. Das war eine Entweihung. Er hatte das Gefühl einer Tempelschändung. Seit Jahren wagte er nicht mehr an diesen toten, von einer Toten stammenden Gegenstand zu rühren. Und dieser ganze Kult mit der Reliquie, deren Schrein er alltäglich mit so vielen Tränen betaut hatte, sollte damit endigen, daß sie zum Spielzeug eines Frauenzimmers erniedrigt wurde? Es war schon zu lange, daß sie ihm Schmerzen genug und übergenug bereitete. Sein ganzer Groll, die Flut der heruntergetrunkenen Leiden, die monatelang durch das Sieb jeder Sekunde geflossen war, sein Argwohn, ihr Verrat, das Lauern unter ihren Fenstern im Regen – das alles stieg mit einem Schlage in ihm auf... Ja, er wollte sie fortjagen!

Aber Jane war, als er auf sie losstürzte, hinter den Tisch zurückgewichen, als ob sie mit ihm Haschen spielte. Sie hielt ihm den Zopf, wie um ihn zu necken, aus der Entfernung vor, dann wieder führte sie ihn an ihr Gesicht und an ihren Mund, wie eine bezauberte Schlange, und wickelte ihn um ihren Hals, wie die Boa eines goldenen Vogels.

»Gib her, gib her!« schrie Hugo.

Aber Jane lief rechts und links um den Tisch herum wie ein Wirbelwind.

Bei diesem stürmischen Haschen, diesem Gespött und Gelächter riß Hugo schließlich die Geduld. Er bekam sie zu fassen. Sie hatte immer noch das Haar um den Hals geschlungen und wehrte sich, wollte es nicht hergeben und schimpfte jetzt wütend, denn die Umklammerung seiner Finger tat ihr weh.

»Willst du wohl?«

»Nein,« sagte sie, halb erstickt, mit nervösem Lachen.

Da wurde Hugo rasend. Wie eine Flamme sang es in seinen Ohren, und das Blut brannte in seinen Augen. Ein Schwindel lief ihm durch den Kopf, eine plötzliche Tollwut, und seine Finger krallten sich zusammen; er mußte etwas fassen und würgen, mußte Blumen zerdrücken; er fühlte die Wollust eines Schraubstockes in seinen Händen.

Er hatte die Haarflechte gepackt, die Jane noch immer um ihren Hals geschlungen hielt, und wollte sie ihr entreißen. Er war wütend, verstört; er zog und schnürte ihr den Hals mit der Flechte zu, die straff gespannt wie ein Seil war.

Jane hatte aufgehört zu lachen. Sie stieß noch einen leisen Schrei aus, einen Seufzer, wie wenn eine Wasserblase auf dem Spiegel eines Teiches zerplatzt. Dann sank sie erwürgt um.

Sie war tot – weil sie das Mysterium nicht erraten hatte, weil sie nicht wußte, daß es hier etwas gab, das unter Strafe der Heiligtumsschändung unantastbar war. Sie hatte die unreine Hand an das rächende Haar gelegt, dem alle, deren Seele rein und mit dem Mysterium vertraut ist, von vornherein ansehen, daß es im Augenblick der Entweihung selbst zum Werkzeuge des Todes werden muß.

So war denn wirklich das ganze Haus zugrunde gegangen: Barbe war fort, Jane lag tot da, und die Tote war mehr als tot...

Die beiden Frauen waren wieder zu einer verschmolzen. So ähnlich sie im Leben gewesen waren, im Tode waren sie sich doppelt ähnlich. Der Tod hatte die nämliche Blässe auf beide gelegt; sie waren fortan nicht mehr zu unterscheiden; sie waren das zweieinige Gesicht seiner Liebe. Janes Leiche war das Gespenst der Toten von damals und für ihn allein sichtbar.

Hugos Seele war ganz zurückgewandt; er entsann sich nur noch sehr ferner Dinge. Er fühlte sich in die erste Zeit seines Witwerstandes zurückversetzt.

Er ließ sich seelenruhig auf ein Fauteuil nieder.

Die Fenster standen noch immer offen.

Und durch das Schweigen drang der Glockenklang. Alle Glocken hatten auf einmal wieder eingesetzt, zum Zeichen, daß die Prozession in die Kapelle des heiligen Blutes zurückgekehrt war. Es war zu Ende mit dem schönen Zuge. Alles, was gewesen, war verklungen – ein Schein von Leben, eine Auferstehung für kurze Morgenstunden. Die Stadt war wieder verödet.

Und Hugo sprach immerfort vor sich hin: »Tot, tot... Tote Stadt...« Er sagte es mechanisch, mit markloser Stimme, und versuchte seine Worte mit dem Schlage der letzten Glocken in Einklang zu setzen, die matt und langsam nachhinkten, wie alte, erschöpfte Weiblein, und ihre Erzblumen müde über die Stadt – oder über ein Grab – aussäten.

Ende.

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