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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Vierzehntes Kapitel.

Am Tage der Prozession, es war an einem Montag, war Barbe mit dem ersten Morgengrauen aufgestanden, noch früher als gewöhnlich, denn sie hatte nur einen Teil des Vormittags frei, um die Wohnung für den vorbeiziehenden Festzug zu schmücken.

Um halb sechs Uhr ging sie zur Frühmesse und nahm dann inbrünstig das Abendmahl. Nach ihrer Rückkehr traf sie die Vorbereitungen für den Vorbeizug. Sie nahm aus den großen Schränken silberne Armleuchter, kleine silberne, vergoldete Vasen und Räucherpfannen, auf denen Weihrauch verbrannt werden sollte. Barbe rieb und putzte jeden Gegenstand, bis sein Metall blank wie ein Spiegel war. Sie nahm auch feine Decken heraus und legte sie auf kleine Tischchen, die sie vor jedem Fenster aufstellte, wie eine Art Ruhaltäre, darauf ein Kruzifix oder Madonnenbild mit Lichtern ringsum – reizende Altärchen des Marienmondes.

Auch an die äußere Dekoration mußte gedacht werden, denn an diesem Tage sucht ein jeder seine Nachbarn in frommem Eifer auszustechen. An der Hausfront waren nach der allgemeinen Sitte schon Fichtenbäume mit ihren grünen Bronzezweigen angebracht worden. Sie wurden von den Bauern von Tür zu Tür feilgeboten und bildeten nun längs der Straßen ein doppeltes Spalier von Baumreihen.

Barbe hängte Draperien in den päpstlichen Farben und weiße Stoffe, einen Schmuck von keuschen Falten, zum Balkon heraus. Sie lief eilfertig und geschäftig hin und her und besorgte feierlich und mit frommer Scheu die alljährliche Ausschmückung, die in ihrem Empfinden die Heiligkeit kirchlicher Zeremonien besaß und wie von Priesterfingern geheiligt, wie mit heiligem Öle getränkt, mit unverweslichem Weihwasser benetzt war.

Dann mußten noch die Körbe mit Grün und abgeschnittenen Blumen gefüllt werden, eine fliegende Mosaik, ein verstreuter Teppich, mit dem jede Dienstmagd die Straße in dem Augenblick, wo der Festzug vorbeikommt, buntfarbig besät. Barbe sputete sich, wie berauscht von dem Dufte der Monatsrosen, der großen Lilien, der Margueriten und Salbeiblumen, des duftenden Rosmarin und des Kalmus, die sie zu kleinen Sträußen zerteilte. Mit vollen Händen griff sie in die Körbe, voller Behagen über diesen Mord der Blumenkronen, und wühlte darin wie in frischer Watte und in Daunenfedern von toten Flügeln.

Durch die offenen Fenster drang des Glockentones wachsende Fülle; alle Glocken der Stadtgemeinde begannen eine nach der anderen zu schwingen.

Das Wetter war trübe. Es war einer jener unsicheren Maitage, wo es wie eine geheime Freude hinter den Wolken liegt. Eine zarte Stimmung lag in der Luft, in der man die Pfade der wandernden Glocken zu sehen vermeinte, und die jene geheime Freude bis zu der alten Magd hin verbreitete. Alle die alten Glocken, die erschöpften, auf Krücken schleichenden Großmütterchen der Klöster und uralten Türme, die das Haus hüten und kränklich sind und das ganze Jahr lang bettlägerig bleiben – aber am Tage der Prozession des heiligen Bluts stehen sie auf und schreiten mit im Zuge – alle schienen sie über ihren alten, schäbigen Bronzekleidern heitere weiße Überwürfe und fächerartig gefältelte Chorhemden zu tragen. Barbe lauschte dem vielfältigen Klange, dem schweren Dröhnen der großen Domglocke, die sich nur bei großen Anlässen langsam und schwer in Bewegung setzte, und das Schweigen wie mit einem Krummstabe schlug ... Und all die kleinen Glocken der nahen Türmchen begleiteten sie, es war wie ein Rauschen und Frohlocken von silbernen Gewändern, die sich zu einem himmlischen Festzuge zu vereinigen schienen.

Barbe schwelgte in Seligkeit. Es lag an diesem Morgen eine Inbrunst in der Luft, eine Begeisterung senkte sich mit dem vollen Klang der Glocken vom Himmel herab, als hörte man unsichtbare Engelsflügel rauschen.

Und das alles schien in ihre Seele einzumünden, in der sie Jesu Gegenwart empfand, seit sie am grauen Morgen die Hostie empfangen. Sie strahlte noch in ihrer Seele, und in der Mitte ihrer vollen Rundung sah sie ein Antlitz leuchten. Die Güte Gottes war wirklich in ihr. Und jedesmal, wenn die alte Magd daran dachte, bekreuzigte sie sich und begann wieder zu beten, und mit der Rückerinnerung kam ihr gleichsam der Geschmack des heiligen Leibes und Blutes auf die Lippen.

Inzwischen hatte ihr Herr geklingelt; es war seine Zeit zum Frühstücken. Er teilte ihr bei dieser Gelegenheit gleich mit, daß er zu Tisch Besuch erwarte, und daß sie sich darauf einrichten sollte.

Barbe war ganz verblüfft. Er hatte noch nie einen Menschen bei sich gesehen! Es kam ihr dies recht seltsam vor, und plötzlich stieg ein schrecklicher Gedanke in ihr auf. Konnte das, was sie damals befürchtet hatte, was sie aber allmählich vergessen, worüber sie sich nach und nach beruhigt hatte – nicht jetzt eintreten? Sie riet... Ja, es war vielleicht dieses Weib, von dem Schwester Rosalie gesprochen ... dies Weib würde vielleicht kommen?

Barbe fühlte ihr Blut in den Adern erstarren. Wenn dem so war, so stand ihr Entschluß fest, ihre Pflicht rief. Diesem Wesen zu öffnen, ihm bei Tisch die Teller zu reichen, seinen Befehlen zu gehorchen, mit der Sünde Bekanntschaft zu machen, das hatte ihr Beichtvater ihr klar und deutlich verboten. Und gar an einem solchen Tage! Einem Tage, wo das Blut des Erlösers selbst vor diesem Hause vorbeikam! Und sie hatte erst am Morgen die Hostie empfangen!... Nein und abermals nein, das war unmöglich! Sie mußte ihren Dienst noch zur Stunde verlassen. Sie wollte wissen, woran sie war, und fragte mit der Art von Tyrannei, mit der die Dienstboten in stillen Provinzstädten, namentlich in Junggesellen- und Witwerhaushalten, zu schalten pflegen, mit einschmeichelnder Stimme: »Wen hat der gnädige Herr denn zum Essen eingeladen?«

Hugo antwortete, daß es etwas gewagt von ihr wäre, ihn so auszufragen. Sie würde es ja sehen, wenn die betreffende Persönlichkeit erschiene.

Aber Barbe stand unter dem Druck ihres Argwohns, der ihr immer wahrscheinlicher vorkam. Eine ungewisse Furcht, die schon an Panik grenzte, zwang sie, lieber alles aufs Spiel zu setzen, als unversehens den kürzeren zu ziehen, und sie fragte nochmals: »Ist es vielleicht eine Dame, die der Herr erwartet?«

»Barbe!« rief Hugo erstaunt und mit einem Anflug von Strenge, indem er sie ansah.

Aber sie fuhr unerschüttert fort: »Das muß ich nämlich im voraus wissen. Denn wenn der gnädige Herr eine Dame erwartet, muß ich dem gnädigen Herrn im voraus sagen, daß ich das Essen nicht anrichten kann.«

Hugo war ganz bestürzt. Träumte er? Oder wurde sie toll?

Indessen wiederholte Barbe nachdrücklich, daß sie gehen müßte. Sie könnte nicht länger bleiben. Sie wäre schon gewarnt worden. Ihr Beichtvater hätte es ihr befohlen. Sie wollte nicht ungehorsam sein, das lag auf der Hand. Sie wollte nicht im Stande der Todsünde leben – um eines Tages plötzlich zu sterben und in die Hölle zu kommen.

Hugo verstand anfangs nichts. Aber allmählich entwirrte sich der dunkle Faden; er sagte sich, daß wahrscheinlich geredet worden, daß sein Abenteuer ruchbar geworden war. Also auch Barbe wußte darum? Und drohte gar damit, zu gehen, weil Jane kommen wollte? Sie stand also in solcher Verachtung, diese Person, daß selbst die schlichte Magd, die seit Jahren durch Gewohnheit und Interesse an ihn geheftet war, lieber die tausend Bande zerreißen wollte, die jeder Tag zwischen zwei zusammenlebenden Wesen knüpft, lieber ihn verlassen wollte, als dieser Person nur einen Tag die Teller zu reichen!

Hugo war ohnmächtig und ganz bestürzt. Alle Spannkraft war dahin vor diesem plötzlichen Verdruß, der den fröhlichen Plan dieses Tages so unversehens vereitelt hatte. Resigniert sagte er nur die einfachen Worte: »Nun gut, Barbe, Sie können sogleich gehen.«

Die alte Magd blickte ihn starr an, und plötzlich ergriff die gute alte Seele ein tiefes Mitleid. Sie ahnte, daß ihr Herr litt. In ihrer Stimme lag jener herzbewegende Ton, den die Natur uns bisweilen verleiht, um eine wiegende einschläfernde Wirkung zu erzielen, und sie murmelte kopfschüttelnd: »O Jesus! Mein armer gnädiger Herr!... Und das für ein solches Weib, ein schlechtes Weib... das Sie betrügt...«

Einen Augenblick hindurch vergaß sie so den Abstand, war sie, durch das göttliche Mitleid geadelt, wie eine Mutter, und dieser Ausruf kam aus ihrer Seele hervorgesprudelt wie ein reinigender, heilkräftiger Quell...

Aber Hugo hieß sie schweigen; er konnte nicht mehr. Wie sie ihn demütigte, diese Einmischung, diese Keckheit, von Jane zu reden, noch dazu in solchen Ausdrücken! Er gab ihr seinerseits ihre Entlassung und zwar ohne Aufschub. Morgen könnte sie wiederkommen und ihre Sachen abholen. Aber heute sollte sie gehen, sollte sie sofort gehen! Der Zorn ihres Herrn befreite Barbe von den letzten Bedenken, die sie hätte haben können, ihn so plötzlich zu verlassen. Sie zog ihren schönen schwarzen Kapuzenmantel an, in dem selbstzufriedenen Gefühl, daß sie sich der Pflicht und Christo, der in ihr war, geopfert hätte... Dann verließ sie ruhig und ohne Zagen das Haus, in dem sie fünf Jahre gelebt hatte; doch ehe sie sich aufmachte, schüttete sie den Inhalt der Körbe noch in ihre Schürze und streute ihn auf die Straße, damit vor diesem einen Hause die Blumen nicht fehlten, wenn die Prozession vorbeikam.

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