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Das tote Brügge

Georges Rodenbach: Das tote Brügge - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Rodenbach
titleDas tote Brügge
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080202
projectidf195956b
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Zehntes Kapitel.

Je mehr Hugo seine rührende Lüge zerrinnen sah, desto mehr wandte er sich auch wieder der Stadt zu, setzte seine Seele wieder in Einklang mit ihr und zog mit Fleiß jene andere Parallele, in die er sich schon früher, in den ersten Zeiten seiner Witwerschaft und seiner Übersiedlung nach Brügge, wehmütig versenkt hatte. Jetzt, wo Jane aufhörte, das genaue Ebenbild der Toten zu sein, begann er selbst, sich der Stadt wieder anzuähneln. Das merkte er wohl, wenn er fortwährend seine eintönigen Gänge durch die öden Straßen machte.

Denn so weit war er schon gekommen: er hielt es zu Hause nicht mehr aus. Die Einsamkeit seiner Wohnung, das Heulen des Windes in den Schornsteinen, die Erinnerungen alle, die ihn mit tausend starren Augen anblickten, flößten ihm Schrecken ein. Er streifte fast den ganzen Tag herum, planlos und zerfahren, ohne Gewißheit über Jane und was er selbst gegen sie empfand.

Liebte er sie eigentlich? Und sie: welche Gleichgültigkeit, welchen Verrat verhehlte sie ihm? O nagende Ungewißheit! Trübe, kurze Winternachmittage! Treibende Nebel, die sich zusammenballen! Er fühlte, wie der Nebel seine Seele ansteckte, wie er alle seine Gedanken verwischte und in graue Lethargie auflöste.

O, diese Winterabende in Brügge!

Die Stadt gewann wieder ihre alte Macht über ihn. Eine Lehre des Schweigens erging von den regungslosen Wasseradern, deren Stille edle Schwäne anzog. Ein Vorbild der Entsagung boten die schweigenden Grachten, und vor allem erklang eine Mahnung zu Frömmigkeit und Sittenstrenge von den hohen Glockentürmen von Notre Dame und Saint-Sauveur, die stets im Hintergrunde aufragten. Unwillkürlich erhob er die Augen zu ihnen, wie um seine Zuflucht bei ihnen zu suchen; aber die Türme spotteten seiner kläglichen Liebschaft. »Sieh uns an!« schienen sie zu sagen. »Wir sind nichts als Glaube! Ernst, ohne lächelnden Steinschmuck, wie luftige Festungen steigen wir zu Gott empor. Wir sind kriegerische Glockentürme. Und der Böse hat seine Pfeile an uns erschöpft!«

Ja, so hätte Hugo auch sein mögen! Nichts als ein Turm, der über das Leben hinausragt! Aber er konnte sich nicht rühmen, wie diese Kirchtürme von Brügge, den Anläufen des Bösen getrotzt zu haben. Im Gegenteil, sie war eine Schandtat des Teufels, diese plötzlich über ihn hereingebrochene Leidenschaft, an der er nun litt wie ein Behexter.

Geschichten vom Satanismus, Erinnerungen an Gelesenes tauchten in seinem Gedächtnis auf. Hatte sie nicht ihren guten Grund, diese Furcht vor verborgenen Gewalten und Behexung?

Und war das alles nicht die Folge eines Pakts, der Blut heischte und zu irgendeiner Katastrophe führen mußte? Es war ihm bisweilen, als wäre der Schatten des Todes ihm näher gerückt.

Er hatte des Todes spotten wollen, er hatte ihn durch den Kunstgriff einer scheinbaren Gleichheit höhnen, sich über ihn hinwegsetzen wollen. Vielleicht würde der Tod sich rächen.

Aber noch war ein Entrinnen möglich, noch konnte er den bösen Geist austreiben! Und während er die große mystische Stadt durchquerte, erhob er die Augen zu den barmherzigen Türmen mit ihren trostspendenden Glocken, zu den heiligen Jungfrauen, die an jeder Straßenecke ihre Arme dem reuigen Sünder öffnen, sie selbst von Wachslichtern und Rosen umgeben, die unter einer Glasglocke stehen, wie tote Blumen in einem gläsernen Sarge...

Ja, er wollte das Joch des Bösen abschütteln! Er wollte Buße tun. Er war wie ein entlaufener Mönch seinem Schmerze entronnen. Aber er wollte bereuen. Er wollte wieder zu dem werden, was er gewesen. Er begann sich der Stadt schon wieder gleichzusetzen.

Er fühlte sich bereits als ihren Bruder in Schweigen und Schwermut; dieses schmerzensreiche Brügge war seine Schwester, soror dolorosa. O, wie gut hatte er getan, in den Tagen seiner großen Trauer hierher zu ziehen!

O stumme Verwandtschaft! Gegenseitiges Sichdurchdringen von Seele und Dingen! Wir dringen in sie ein, wie sie in uns.

Vor allem die Städte haben eine Persönlichkeit, einen eignen Geist, einen fest ausgeprägten Charakter, welcher der Freude, der jungen Liebe, dem Verzicht, dem Witwerstand entspricht. Jede Stadt ist ein Seelenzustand, und kaum hat man sie betreten, so teilt sich dieser Zustand mit und geht in uns über; er ist wie ein Fluidium, das sich einimpft und das man mit der Luft in sich aufsaugt.

Hugo hatte diesen bleichenden, mildernden Einfluß von Brügge zu Anfang wohl erfahren, und durch ihn hatte er sich mit der bloßen Erinnerung ausgesöhnt, mit dem Verzicht auf jede Hoffnung, dem Warten auf einen sanften Tod...

Und auch jetzt stillte sich seine Qual trotz der augenblicklichen Ängste ein wenig in den langen Grachten mit ihrem stillen Wasser, wenn er abends an ihnen entlang streifte, und er trachtete fortan danach, wieder zum Ebenbild und Gleichnis dieser Stadt zu werden.

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