Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hanns Freiherr von Gumppenberg >

Das Teutsche Dichterroß

Hanns Freiherr von Gumppenberg: Das Teutsche Dichterroß - Kapitel 92
Quellenangabe
pfad/gumppenb/dichterr/dichterr.xml
typepoem
authorHanns von Gumppenberg
titleDas Teutsche Dichterroß
publisherVerlag Georg D. W. Callwey
printrunUnveränderte Fassung der achten, vermehrten Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120514
projectid3c492ec4
Schließen

Navigation:

Die Entdeckung

Ein Seelenstand

Von einem guten Schüler Hermann Bahr's

 

Langsam schlenderte er, ganz langsam. Beinahe langwellig.
Schritt um Schritt querauswerfend, links, rechts,
und wieder rechts. Und um die Ecke, und wieder zurück.
Ganz langsam.

Wie gesagt: beinahe langweilig.

Die Maximiliansstraße hinauf, und wieder zum Hofgartentor.
Und wieder, und dann zurück, und wieder zurück.
– Aber endlich, vor dem Tor, die Schritte zusammenwerfend,
querein, hielt er an, sah hinauf und hinunter, hinunter
und hinauf, und wieder, lange. Und dann streckte er sich,
und gähnte.

Gähnte.

Gähnte schwelgend, langausarbeitend, mit Behagen, beinahe.

Und da kam etwas Reinigendes, Zufriedenstellendes.
Erst nur wie Ungeduld, und so unbestimmt.
Aber doch etwas.

Etwas wie Ärger, daß er mit plötzlichem Antrieb die
Halbschuhe scheuern ließ, rasch und rascher, wieder queraus.

Aber dann blieb er dennoch stehen. Denn jetzt wußte
er es immer deutlicher.

Das heißt: es wollte kommen. Es keimte herauf, mit
ersten weißgrünen Hoffnungsspitzen, durch die schweren
Schollen seiner Empfindung, zerbröckelnd, siegreich.

Es war ein Wunsch, ja. Ein Verlangen, beinahe.

Und da war es wieder, wahrhaftig!

Und wuchs immer höher.

Höher.

Leider. Denn es war ihm noch nicht klar.

Und doch war es etwas. Und schon da, beängstigend,
beinahe.

Und er wußte noch immer nichts.

Nichts, ganz unzweifelhaft.

Und es sollte doch sein! Er sollte ja doch ringen darnach,
ehrlich, lebhaft, beinahe.

Das wußte er, freilich. Nun ja. Und endlich mußte es
doch klar werden. Dennoch.

Es kam ja nur auf ihn an. Er brauchte ja nur zu warten.
Und er wartete ja bereits, ohnedies.

Sonst konnte es nicht kommen. Woher denn sonst?

Vielleicht redete er es sich eben nur ein, das Ganze.

Vielleicht nur vom Gähnen. Es war so unvermutet gekommen.
Eine Störung, Medizinisches, Zirkulation, oder
dergleichen.

Oder Liebe? Eine Kokotte?

Nein. Er mußte lächeln. Die Lederwangen zurück, schlaff,
quappelig, runzelnd, wie die Hautringe einer Griessuppe,
und die Zähne vor, grellweiß ans Tageslicht.

Eingesetzt, natürlich. Schon lange.

Oder Hunger, vielleicht?

Er lächelte wieder, lachte, beinahe. Davon kam er ja.

Er konnte sich erinnern. Der Kellner, und fünf Mark
hatte es gemacht. Ein Knopf war abgesprungen, von
dem Frack, ganz oben, und er hatte ihn aufgezogen, zum
Nachtisch, unbarmherzig, und kein Trinkgeld obendrein.
Das wußte er also doch. Und genau.

Aber was? Es blieb doch seltsam.

Hin und her, bohrend, ohne Beschwichtigung, wie Geburtswehen,
beinahe, und immer seltsamer.

Als sollte etwas Ganzes dabei herauskommen – ganz
etwas Ganzes.

Wenn er nur einmal das Gefühl hatte, auf der Zunge,
namentlich, dann konnte es ja wohl herauskommen. Denn
dann kam wohl auch schon der Begriff.

Auf der Zunge, ja. Das Gefühl, und auf der Zunge
mußte es kommen. Auf weichen, träumerisch himmelblauen
Fittichen der Erfüllung. So mußte es kommen, wahrhaftig!

Experimentieren, also.

Und er durchschmeckte, durchspürte, durchstöberte, durchstocherte,
durchschnupperte sich, selber sich selbst, peinlichst,
ob er nichts entdecke, in tausend qualvollen Reizungen,
mit hochgezwungenen Brauen, vorgedrücktem Rückgrat und
eingekniffenen Hüften, gekrampft, beinahe.

Aber da kam es, allmählich.

Allmählich.

Aber sicher.

Beseligend.

Erlösend.

Berauschend, wie seiner Duft ...

Nein – die Zunge!

Die Zunge mußte er festhalten. Nur keine Zersplitterung,
jetzt.

Zwar, allerdings, es schien etwas wie Geruch dabei,
neben dem Geschmack.

Aber festhalten, und standhaft! Die Zunge! nur die
Zunge.

Und er klemmte sie zwischen die falschen Zähne, daß sie
festlag, leiszitternd, in keuchender Erwartung, mit ahnenden
Poren und gereckten, tastenden Wärzchen.

Wenn er nur die Spur nicht verlor!

Wenn er nur nicht ermüdete, wenigstens!

Da!

Der Hohn, der Sieg! Immer deutlicher.

Der Form nach walzig, heranrollend, näher und näher
– braun, schmutzigbraun, lechzend, verzückt, ermattet, verröchelnd,
verstöhnend, mit einem Stich ins Aschgraue, aber
nur ganz leise.

Aber waren das nicht die Augen? Die Zunge? Ja so.
Also.

Und er schloß die Lider, schwer herab, wie lackierte und
verschworene Jalousieen, aber kräftig, mit Entschluß.

Die Zunge! Nur die Zunge.

Das war es.

Und da kam es, von der anderen Seite.

Von der richtigen.

Auf der Zunge, ganz nur. Untadelhaft.
Typisch, beinahe.

Tropenarom, kraftbrenzelnd, und doch knospenhaft zärtlich
und mild wie ein junger Ruß ...

Manila!

Ja.

Da warf er die Lider zurück, gierheulend wie ein hungriges
Raubtier, endlich über der Beute, und stürzte den
Blick herum, und erhaschte ein Ladenfenster, und riß die
Tür' auf, schmetternd, und durchwühlte den Vorrat mit
bebenden Fingern, und, abgeschnitten, angebrannt, hinaus
und fort, saugend, jauchzend, pustend, in kurzen, wilden
Bissen, gehässig, beinahe. Und immer fort.

Ja, das war es.

Und nicht einmal bezahlt, nämlich!

Vergessen, in der Eile. Gleichviel.

Aber das war es.

 << Kapitel 91 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.