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Das Teutsche Dichterroß

Hanns Freiherr von Gumppenberg: Das Teutsche Dichterroß - Kapitel 91
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typepoem
authorHanns von Gumppenberg
titleDas Teutsche Dichterroß
publisherVerlag Georg D. W. Callwey
printrunUnveränderte Fassung der achten, vermehrten Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Gedichte in Prosa.
Nach Paul Scheerbart

 

Der Schädel

Ein kahler Schädel kreiste um die Sonne, die große bleiche
Totensonne.

Und der Schädel träumte von seinen Gliedern, die doch
dazu gehörten und auf der großen bleichen Totensonne
stehen müßten ...

Aber es war nur ein Traum. Der kahle Schädel kreiste
zwanzig Millionen Meilen von der großen bleichen Totensonne,
und zwischen ihm und ihr war leerer, leerer Raum.

Und der Traum des Schädels steigerte sich, bis aus dem
Traum ein Gedanke wurde.

Und der Gedanke war, daß die Totensonne tot wäre, und
daß er, der kahle Schädel, kahl sei ...

Da schloß der kahle Schädel die Augen, denn nun war
es ihm einerlei.

Ein kahler Schädel kreist um die Sonne: ohne Träume
und ohne Gedanken

Der Weise

Ein Weiser konnte sich nicht wundern. Aber er hatte
einen Bart.

Darum riß er sich langsam seinen Bart aus, seinen schönen
weißen Bart.

Da wunderte sich der Weise zum ersten Male, weil es
wehe tat.

Aber nun hatte er keinen Bart mehr. Und das war das
Schlimmste.

 

Marvilljuse

Andante con moto

Die lange, breite, moosgrünseidene Schleppe schlürft langsam
über den Sand.

Die Schleppe gehört der Prinzessin Marvilljuse. Der Sand
aber ist mattweiß, denn er ist der salzige Niederschlag von
den Tränen ihrer unglücklichen Verehrer.

Alle Verehrer der Prinzessin Marvilljuse sind verduftet:
bis auf den mattweißen Salzsand ihrer unglücklichen
Tränen. Prinzessin Marvilljuse aber gefällt sich darin,
über das weiße Salzfeld hin ihre lange, breite, moosgrünseidene
Schleppe zu schleifen. Denn sie langweilt sich
jetzt.

Kokettierend hebt sie, weitausschreitend, die moosgrünseidene
Schleppe von den blaßrosabestrumpften Knöcheln.
Spricht keiner mehr ein kühnes Wort? Na?

Aber der mattweiße Tränensand bleibt stumm: stumm
und sehr trocken.

Immer koketter bewegt sich die Prinzessin, immer weiter
schreitet sie in das Tränensalzfeld hinein.

Da weicht mit einem Mal der Boden unter ihren Füßen.
Sie ist in die tiefste Stelle des Salzfeldes geraten: dorthin,
wo die siebenundsechzig deutschen Jünglinge sich ausweinten.
Prinzessin Marvilljuse versinkt. Nur die Pfauenfeder
auf ihrem Barette, nur noch diese dünne, blaugrüngelbrotgoldene
Pfauenfeder winkt aus dem mattweißen
Salzsand wie ein Unkraut, winkt und winkt immer
schneller ..

Na? Na?

 

Die Tat

Inkarnat

In seiner schwarzen Höhle lag der schwarze Lindwurm
Und es war schwarze Nacht um ihn.

Aber es kam der Held, in schwarzer Rüstung und schwarzem
Visier, daß er den schwarzen Lindwurm beschliche.

Mit geschwärztem Schwerte trat er in die schwarze Nacht
der schwarzen Höhle.

Und es grauete ihm vor der großen Schwärze, daß er
den Arm nicht heben konnte.

Aber der schwarze Lindwurm hatte Halsschmerzen. Daher
öffnete er den schwarzen Rachen, und fauchte.

Da sah der Held die langen weißen Zähne leuchten –
und stieß dem Lindwurm aufatmend das Schwert ins
Herz!

Da wurde alles rot ...

 

Heisa!

Ein Tanzlied

Unter dem gelben Tische der Weltgeschichte tanzt alles,
was unter den Tisch gefallen ist.

Oben hockt die dicke, giftige, rotbepustelte Kröte und lacht
mit hopsenden Backen über das Humpenvolk da drunten,
und je giftiger sie lacht, desto violetter glühen die Pusteln.
»Ihr Narren!« pustet die bepustelte Kröte, »ihr Tröpfe!
Betrunken seid ihr – nur darum seid ihr unter den Tisch
gefallen!«

» Natürlich sind wir betrunken!« jubeln die drunten,
»natürlich! Tanzten wir sonst?«

Und alles, was unter den Tisch gefallen ist, tanzt wilder
und wilder, bis der gelbe Tisch der Weltgeschichte wackelt,
bis er stürzt, und die pustelige Kröte rücklings zur Erde
purzelt, so daß man ihren bläulichweißen Bauch sehen
kann ..

Da ist es natürlich mit ihr vorbei, denn sie gehört zum
Geschlecht der faulen Fische.

Die Andern aber tanzen weiter und weiter, über ihren
Kadaver und über die Trümmer des gelben Tisches
hinweg, träumend von dem grünen Tische der Hoffnung,
unter den sie nicht zu fallen brauchen.

 

Der Staub

Eine Meditation

 

Es staubte.

 

Denn er glaubte.

 

Er glaubte, daß es staubte.

 

Nur weil er glaubte, daß es staubte, darum staubte es.

 

Und eines Tages glaubte er nicht mehr, daß es staubte.

 

Da staubte es nicht mehr.

 

Aber da glaubte er auch nicht mehr.

 

Enttäuschung

Ein Trauerspiel

 

Tralala! rief der mächtige Zauberer.

 

Trululu! rief die mächtige Zauberin.

 

Sie konnten sich beide nichts anhaben.

 

Darum heirateten sie sich.

 

Nun riefen sie beide: Traulaulau! traulaulau!

 

Aber das hatte nicht die geringste Wirkung mehr.

 

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