Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Smith Fletcher >

Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/fletcher/teehaus/teeehaus.xml
typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110811
projectid59c8f124
Schließen

Navigation:

8

Gerade als unser Auto vor Cheverdale-Haus hielt, fuhr ein Privatwagen vor, mit einem Chauffeur in Livree am Steuer; dem Wagen entstieg Mr. Francis Craye, der sehr ernst aussah. Er trug ein Bündel Papiere in der Hand. Mit einem kurzen Wort trat er auf Doxford zu: »Also?«

»Also? Was denn, Sir?« fragte Doxford und sah Mr. Craye fragend an.

»Ist es dieselbe Frau – ich meine die Frau, die Hannington aufsuchte?« fragte er.

»Ja, Sir. Miß Hetherley hat sie sofort wiedererkannt.«

»Aber ich hörte doch Miß Hetherley sagen, daß sie die Dame nicht wiedererkennen könnte! Miß Hetherley sagte – wie Sie sich erinnern werden –, daß die Dame bei dem Besuch, den sie Hannington machte, so dicht verschleiert war, daß Miß Hetherley ihr Gesicht nicht sehen konnte!«

»Ganz richtig, Sir – aber Miß Hetherley erkannte sie an bestimmten Sachen wieder, die die Dame trug, an ihrem Kleid, ihrem Mantel, ihren Ohrringen. Miß Hetherley ist ihrer Sache ganz sicher. Ich glaube, es ist nicht der geringste Zweifel möglich, daß es dieselbe Frau ist. Und nach den Aussagen der Ärzte ist sie genau auf dieselbe Weise getötet worden wie Hannington.«

»Irgendein Anhaltspunkt, wer der Täter sein könnte?«

»Wir haben Zeugenaussagen, daß ein fremder Mensch gesehen wurde, der gegen zwei Uhr heute morgen das Mietshaus verließ. Ob er der Mörder war, wissen wir nicht. Nur die Portiersfrau sah ihn, gerade noch seinen Rücken, als er aus dem Hause verschwand.«

Craye sah ganz bestürzt von einem zum andern: »Ist das die einzige Spur, die Sie gefunden haben?« fragte er.

»Wenn man das überhaupt eine Spur nennen kann – ja!«

»Und nichts, das auf die Veranlassung zu der Tat schließen läßt?«

»Wir wissen nur so viel, daß es kein Raubmord war«, sagte Doxford. »Die Frau hatte eine Menge französisches und englisches Geld herumliegen, aber alles war unberührt. Ebenso auch einige recht wertvolle Juwelen. Wir sind übrigens heraufgekommen, um Lord Cheverdale Bericht zu erstatten; wäre es da nicht besser, Sie kämen mit herein und hörten ihn mit an?«

Craye nickte und führte uns auf das Haus zu.

»Ich habe selbst neue Nachrichten«, bemerkte er, als wir uns dem Haupttor näherten, »über Hanningtons Wege gestern abend. Sie sollen alles hören, wenn Sie Lord Cheverdale berichtet haben. Konnten Sie übrigens etwas über die Dame feststellen – wer sie war – woher sie kam? Wie sie hieß?«

»Nichts weiter, als daß sie vor drei oder vier Wochen eine möblierte Wohnung in Little Custom Street mietete, daß man glaubte, sie sei vom Kontinent gekommen, und daß sie sich Mrs. Clayton nannte«, erwiderte Doxford. »Aber Sie werden ja alle Einzelheiten – es sind wenig genug – durch unseren Bericht an Seine Lordschaft erfahren. Dann möchten wir auch gerne Ihre Neuigkeiten hören, Mr. Craye. Neues gibt's bis jetzt ja recht wenig!«

»Ich weiß leider auch nicht viel, Inspektor«, sagte Craye. »Nur eine Kleinigkeit, sie scheint mir aber doch irgendwie von Bedeutung.«

Wir fanden Lord Cheverdale in seinem Arbeitszimmer. Paley war bei ihm. Der Lord hörte gespannt und mit merkwürdiger Ungeduld zu, als Chaney ihm, auf Doxfords Aufforderung hin, einen knappen, genauen Bericht darüber gab, was wir seit unserem Weggang von Cheverdale-Haus bis zu unserer Rückkehr erlebt hatten. Im Verlauf der Erzählung schienen sein Eifer und seine Ungeduld noch größer zu werden.

»Aber was, in aller Welt, fängt man damit an!« rief er schließlich. »Haben Sie denn keinen Anhaltspunkt gefunden, keine Erklärung? Haben Sie mir nichts vorzuschlagen? Was sagen Sie dazu, Sie alle? Jeder einzelne von Ihnen?«

»Es ist noch nicht an der Zeit, sich darüber zu äußern, Mylord«, erwiderte Doxford. »Wir können Euer Lordschaft bis jetzt nur die nackten Tatsachen mitteilen – unsere Leute hier unten sind natürlich dabei, die sorgfältigsten Untersuchungen anzustellen, nach Fingerabdrücken zu suchen und so weiter – und später ...«

»Ja, ja, ja, aber inzwischen ...« Hier unterbrach sich Lord Cheverdale selbst ... »Du lieber Himmel, ich habe noch nie so etwas erlebt! Mein Redakteur auf meinem eigenen Grund und Boden ermordet, kaum einen Steinwurf entfernt von meiner Haustür – diese unglückliche Frau auf dieselbe Weise ermordet in der gleichen Nacht, in ihrer eigenen Wohnung! Ja, du lieber Gott, weiß ich denn, ob ich nicht das nächste Opfer bin? Aber sagen Sie mir, sind Sie sicher, absolut sicher, daß die Frau, deren Leiche Sie gesehen haben, auch wirklich die Frau ist, die Hannington gestern abend aufgesucht hat?«

»Miß Hetherley ist dessen ganz sicher, Mylord«, entgegnete Doxford. »Miß Hetherley erkannte sie sofort wieder.«

Lord Cheverdale saß steif aufgerichtet in seinem Stuhl, starrte einen nach dem andern an und trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch.

»Was bedeutet das alles?« rief er aus. »Was bedeutet das nur alles?«

Doxford zeigte auf Craye, der mit Paley flüsterte.

»Ich weiß, daß Mr. Craye Ihnen etwas mitzuteilen hat, Mylord. Vielleicht fragen Sie ihn ...«

Lord Cheverdale wandte sich zu seinem Direktor.

»Ja, ja, lassen Sie doch hören«, sagte er hastig. »Hoffentlich etwas, das ein wenig Licht auf diese gräßliche Sache wirft! Wir leben ja wie in einem dichten Nebel. Und nirgends ein Schimmer von Licht. Also, was gibt's denn?«

»Nicht viel«, erwiderte Craye ruhig. »Aber, wie ich schon den Herren hier gesagt habe, es scheint mir bedeutungsvoll. Ich sagte Ihnen heute morgen«, fuhr er fort, indem er sich zu Doxford, Chaney und mir wendete, »daß ich in Whitehall Gardens eine Wohnung habe, natürlich eine Junggesellenwohnung; ich halte mir dort einen Diener, eine Art Kammerdiener und ›Mädchen für alles‹. Ich erwähne das nur, um festzustellen, daß gestern abend, als ich hier bei Lord Cheverdale aß, mein Diener auch aus war; er hatte seinen wöchentlichen Ausgang. Wir haben nun in Whitehall Gardens seit kurzer Zeit einen neuen Portier, der mit den Leuten, die uns dort besuchen, noch nicht vertraut ist. Dieser Mann erzählte mir heute nachmittag, gerade ehe ich hierher fuhr, daß gestern abend, etwa um zehn Uhr, ein Herr, der nach der Beschreibung bestimmt Hannington war, erschien und im Lift zum zweiten Stock fuhr, wo sich meine Wohnung befindet. Er kam nach ein paar Minuten wieder herunter und fragte den Portier, ob er wisse, wo ich sei. Er müsse mich dringend sprechen und wenn irgend möglich – erreichen. Der Portier sagte ihm, daß er für mich um sieben ein Auto geholt habe; er nehme an, ich sei irgendwohin zum Essen gefahren. Der Herr fragte dann, ob der Portier wisse, wo mein Diener sei ... der Portier wußte nur, daß der Diener auch ausgegangen war. Darauf ging der Herr wieder weg. Nun habe ich wie schon gesagt – keinen Zweifel, daß der Herr, von dem der Portier sprach, Mr. Hannington war, und ich habe mir auch schon darüber meine Meinung gebildet.«

»So?« fragte Doxford. »Und die wäre, Mr. Craye?«

»Ich weiß nicht, ob meine Ansicht irgendwie weiterhelfen wird«, sagte Craye ruhig. »Wenn ich nämlich alle Tatsachen zusammenfasse, die wir jetzt kennen, so komme ich zu dem Schluß, daß diese Mrs. Clayton bei ihrem gestrigen Besuch Hannington einige überaus wichtige politische Nachrichten mitgeteilt und ihm gleichzeitig ebenso wichtige Papiere eingehändigt hat. Kurz – ich glaube, sie war eine politische Agentin. Ich glaube weiter, daß Hannington sich nach Erhalt dieser Nachrichten entschloß, mich zuerst, und zwar in meiner Wohnung, aufzusuchen, da er ja wußte, daß ich Lord Cheverdales Direktor bin, und daß die Gesundheit Seiner Lordschaft gerade jetzt leider nicht die beste ist. Da er mich nicht fand, kam er hierher, um Lord Cheverdale aufzusuchen. Na, und das übrige wissen Sie ja!«

»Das alles entspricht auch der Ansicht meines Kollegen Windover. Sie glauben also, daß er hierher auf das Grundstück gelockt wurde? Daß alles eine abgekartete Sache war?«

»Das herauszufinden, ist mehr Ihre Aufgabe als meine«, erwiderte Craye. »Meine ganz persönliche Ansicht ist, daß die Frau sorgfältig überwacht und verfolgt wurde, wahrscheinlich schon vom Ausland her, daß man ihr zu den Büros der ›Sentinel‹ folgte und daß auch Hannington von dem Augenblick an, wo er die Büros verließ, beobachtet wurde. Mehr noch: ich glaube, daß diese Leute nichts dem Zufall überließen; sie folgten ihm nicht nur, sondern sie postierten auch Leute auf Lord Cheverdales Grundstück, die dort Hannington erwarten und abfangen sollten, da sie ganz richtig vermuteten, daß er sich mit seinem Geheimnis und den ihm anvertrauten Papieren hierher wenden würde. Auch bei dem Mord an der Frau gingen sie mit größter Umsicht vor; nach allem, was Sie soeben Lord Cheverdale mitgeteilt haben«, fuhr er zu Doxford gewendet fort, »kann doch darüber kein Zweifel mehr bestehen, worauf es den Leuten in beiden Fällen ankam. Ich bin kein Detektiv, ich weiß nichts von Ihren Methoden und Ihren Anschauungen – ich bin nur ein Geschäftsmann und gewohnt, alles nach meinem gesunden Menschenverstand zu behandeln. Und die Beweggründe für diese beiden Morde? Meiner Ansicht nach verfolgten die Mörder einen doppelten Zweck; erstens: die Mitwisser eines Geheimnisses zum Schweigen zu bringen, zweitens: sich in den Besitz von Dokumenten zu setzen, die dieses Geheimnis enthielten. Ich höre, daß Hannington immer die Taschen mit Papieren vollgestopft hatte. Es wurde nicht ein einziges Papier bei ihm gefunden, als die Polizei seinen Anzug durchsuchte. Sie erwähnten, auch, daß die Wohnung der Toten von oben bis unten durchstöbert worden ist – wonach? Nicht nach Geld, sondern nach Papieren, nach Dokumenten! Für mich ist die Sache völlig klar! Was meinen Sie dazu, Paley?«

Der Privatsekretär sah von seinem Löschblock, auf dem er während Crayes Rede Figuren und Kringel gezeichnet hatte, auf.

»Ich kann mir nichts Klareres vorstellen«, sagte er in seinem üblichen, kühlen Tonfall. »Wir stehen hier den Agenten einer politischen Geheimorganisation gegenüber. Ich zweifle nicht daran – habe von Anfang an nie den geringsten Zweifel gehabt.«

Lord Cheverdale trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch und sah ängstlich von einem zum andern.

»Was ist zu tun?« fragte er. »Was kann man tun?»«

Doxford erhob sich, Chaney und ich folgten seinem Beispiel.

»Sie können sich darauf verlassen, Mylord, daß wir alles tun werden, was Männer in unserer Stellung nur tun können. Aber der Fall ist schwierig.«

Chaney gab für mich und seine Person eine ähnliche Versicherung ab, dann gingen wir.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.