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Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/fletcher/teehaus/teeehaus.xml
typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid59c8f124
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4

Der Bote ging, um die beiden Scotland-Yard-Beamten heraufzuholen, und Chaney sah ihm lächelnd nach.

»Alte Kollegen von mir, die beiden«, bemerkte er. »Doxford trat mit mir zugleich in die Polizeimannschaft ein und Windover bald danach. Gute, sichere, befähigte Männer, Miß Hetherley; da müßten wir doch wirklich zusammen etwas herausbekommen. Vielleicht haben die beiden inzwischen eine Entdeckung gemacht und bringen uns Neuigkeiten.«

»Hoffentlich«, nickte Miß Hetherley gedankenlos.

Die beiden Detektive traten ein, sahen aber nicht so aus, als hätten sie viel Neues. Zwei so gleichgültige, phlegmatische Burschen waren mir noch nicht vorgekommen. Beide waren hoch in den Vierzigern, beide sahen ungeheuer ehrenwert aus, aber nicht so, wie sich Leute, die nichts davon verstehen, Detektive vorstellen. Auch zeigte keiner die leiseste Überraschung, Chaney und mich hier in Miß Hetherleys Gesellschaft zu sehen.

»Hallo!« sagte der zuerst eingetretene Doxford und sah seelenruhig seinen früheren Kollegen an. »Sind Sie auch hier? Wohl Ihr Sozius?« fügte er mit einem Blick auf mich hinzu. »Ich hörte schon von ihm.«

»Mr. Camberwell – wie Sie ganz richtig sagen, mein Sozius«, erwiderte Chaney. »Ja, mein Freund, wie Sie sehen, sind wir hier. Lord Cheverdales Wunsch – möchte ein bißchen private Hilfe haben neben Ihrer amtlichen Arbeit.«

»Je mehr, desto lustiger«, sagte Doxford, »eine Menge Ratgeber, was?«

Er setzte sich und studierte mich eingehend.

Dann wendet er seine Aufmerksamkeit wieder Chaney zu: »Schon irgendeine Meinung?«

»Noch nicht!« antwortete Chaney. »Bis jetzt noch nicht. Und Sie?«

Doxford gähnte. »Ich meine, es ist eine politische Angelegenheit«, erwiderte er. »Das glauben wir ... vorläufig.«

»Vorläufig!« echote Windover. Auch er beobachtete mich eingehend. Plötzlich lächelte er. »Wir haben unsere guten Gründe, das anzunehmen.«

»Ja, so ist es«, pflichtete Doxford bei. Er gähnte wieder und wandte sich entschuldigend an Miß Hetherley. »Bin seit Mitternacht auf den Beinen«, sagte er. »Werde jetzt etwas schläfrig. Hier ist wohl nichts weiter vorgefallen, vermute ich?«

»Nichts«, antwortete Miß Hetherley.

Doxford nickte, als wollte er andeuten, daß er keine andere Antwort erwartet hatte, und sah mich wieder an.

»Waren Sie beide dort oben in Cheverdale-Haus?« fragte er. »Ja? Haben Sie dort irgendetwas herausbekommen?«

»Nichts, außer was Sie auch schon herausgefunden haben«, antwortete Chaney. »Wir haben die Stelle gesehen, wo die Leiche lag, wir haben uns mit dem Diener Harris ein bißchen unterhalten, haben von Mr. Watson einige Weisungen bekommen und kamen dann hierher. Hier hörten wir nun Miß Hetherleys Geschichte von der geheimnisvollen Frau. Was wissen Sie sonst noch?«

»Das können Sie gerne hören«, antwortete Doxford. »Allzuviel ist es nicht. Es ist alles erst der Anfang. Wir haben nach dem Verlassen der Büros hier versucht zu ermitteln, was Hannington unternahm, nachdem er gestern abend um neun Uhr von hier wegging. Es war Mitternacht, als der Diener die Leiche auf Lord Cheverdales Grundstück fand; es bleiben also drei Stunden zu verrechnen. Wo war er? Wir haben versucht, das herauszukriegen.«

»Mit Erfolg?« fragte Chaney.

»Nicht die leiseste Spur. Wir gingen zuerst zu seiner Wohnung.«

»Übrigens – war Hannington verheiratet?«

»Nein, er war Junggeselle, bewohnte eine kleine Wohnung in Mount Street und hatte einen Diener. Er ist gestern abend, nachdem er hier weggegangen war, nicht zu Hause gewesen. Er war auch Mitglied von zwei Klubs, dem National-Liberal-Klub und dem Savage-Klub. In keinem war er gestern abend. Dann versuchten wir es im Abgeordnetenhaus, weil wir hörten, daß er manchmal dorthin gehe.«

»Nicht oft«, warf Miß Hetherley ein.

»Aber doch manchmal«, fuhr Doxford fort. »Jedenfalls gestern nicht. Man kannte ihn im Abgeordnetenhaus natürlich; Ihr Blatt hat dort einen Mann im Vorraum und einen zweiten auf der Pressetribüne. Keiner von beiden sah ihn gestern abend. Wir wissen also nicht, was er angefangen hat, nachdem er, wie Miß Hetherley beobachtete, die Straße zum Embankment hinuntergegangen ist. Eins ist sicher: er ging von hier aus nicht direkt nach Cheverdale-Haus, sondern in der Zwischenzeit noch irgendwo anders hin. Als Miß Hetherley uns ihre Beobachtungen mitteilte, war natürlich mein erster Gedanke, daß er zur Untergrund gegangen sei, Charing-Cross oder Westminster Bridge. Charing-Cross, um zum National-Liberal-Klub zu fahren; Westminster Bridge, um zum Abgeordnetenhaus zu kommen. Aber er ging zu keiner der beiden Stationen. Selbst wenn er nun den ganzen Weg von hier bis Regents Park zu Fuß gegangen wäre, hätte er nicht drei Stunden gebraucht. Also hat er noch jemanden besucht. Aber wen, das weiß der liebe Himmel. Wir haben bei den Taxi-Schoffören eine Rundfrage anstellen lassen; einer von ihnen muß ihn doch nach Cheverdale-Haus gefahren haben. Wenn wir diesen Mann finden, woran ich nicht zweifle, werden wir ja erfahren, wo er ihn aufgenommen hat.«

»Etwas interessiert mich besonders«, bemerkte Chaney. »Wissen Sie, um welche Zeit Hannington ermordet wurde?«

Doxford kramte in seiner Brusttasche und brachte ein Notizbuch zum Vorschein; suchend blätterte er darin. »Ich weiß, was die Ärzte sagten, die am Tatort waren, als Windover und ich um ein Uhr morgens dort erschienen«, antwortete er. »Ich habe es mir aufgeschrieben, und Sie können es gerne hören.«

Er las vor:

Dr. Henry John Price-Webb, Hannover Terrace, N. W., sagt aus, daß er am 9. Februar, etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht, nach Cheverdale-Haus gerufen wurde. Dort angekommen, wurde er von Mr. Watson Paley, Lord Cheverdales Privatsekretär, in den Park und zur Leiche eines Mannes geführt. Nach Aussage Mr. Paleys war der Tote Mr. Thomas Hannington, Redakteur der ›Morning Sentinel‹. Mr. Price-Webb sagt weiter, er habe sofort die Leiche untersucht. Dabei wurde ihm von Dr. Hydeson assistiert, der kurz nach ihm in Cheverdale-Haus eintraf. Er stellte fest, daß Mr. Hannington durch Schläge mittels eines stumpfen Instrumentes auf den Kopf auf der Stelle getötet worden sei. Eine ausführliche, fachmännische Aufzählung der Verletzungen wird er beim Verhör geben. Dr. Price-Webb ist der Ansicht, daß Mr. Hannington bereits dreißig bis vierzig Minuten tot gewesen sei, als er ihn untersuchte.

»Das würde also bedeuten, daß die Tat kurz vor zwölf begangen wurde«, bemerkte Chaney. »Es war kurz nach zwölf, als der Diener Hannington fand.«

»Hier habe ich auch eine Notiz, was der andere Doktor sagte«, fuhr Doxford fort. »Es ist allerdings nicht viel:

Dr. Charles James Hydeson, Alberney Street, sagt, daß er mit Dr. Price-Webb hinsichtlich der Ursache des Todes, Natur der Verletzungen und Zeit des Mordes übereinstimme.«

»Haben Sie sich noch von jemand anderem Angaben machen lassen?« fragte Chaney. »Sicher doch von Harris.«

»Ja, wir haben eine Aussage von Harris«, antwortete Doxford. »Er fand ja die Leiche. Wollen Sie hören?«

»Nein, wir haben Harris' Bericht aus seinem eigenen Mund gehört«, sagte Chaney. »Aber wenn Sie sich eine Aufzeichnung darüber gemacht haben, was Mr. Watson Paley zu sagen hatte, würden wir sie gerne hören. Wir erfuhren nämlich von Harris, daß er Mr. Paley lesend in der Bibliothek fand, als er hinaufrannte, um Alarm zuschlagen – und es mutet mich sehr sonderbar an, daß Mr. Paley gar nichts gehört haben will. Es ist doch anzunehmen, daß Hannington wenigstens einen Schrei ausstieß ... und der Park ist doch schließlich nicht so ausgedehnt.«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Doxford und schüttelte den Kopf. »Nach dem, was die beiden Ärzte sagen, muß ich schließen, daß Hannington gleich durch den ersten Schlag getötet wurde. Jedenfalls hat ihn schon der erste Schlag bewußtlos gemacht. Vielleicht hat er noch einmal gestöhnt, als er zusammenbrach – ich glaube aber nicht, daß er geschrien oder gerufen hat. Übrigens habe ich hier meine Notiz über das, was Mr. Paley aussagte:

Mr. Watson Paley, Privatsekretär von Lord Cheverdale in Cheverdale-Haus, Regents Park, wohnhaft daselbst, gibt an, daß gestern abend, am 8. Februar, Lord Cheverdale eine kleine Gesellschaft intimer Freunde bei sich hatte. Es waren anwesend: Sir Robert Kellington, Mr. James MacCallun, Mr. Alfred Stack, alles Geschäftsfreunde von ihm; außerdem Lord Cheverdales Direktor, Mr. Francis Craye, der mit dessen Tochter, der Honourable Miß Chever verlobt ist. Von diesen Gästen fuhren die drei Erstgenannten in Sir Robert Kellingtons Wagen um zehn Uhr weg, während Mr. Craye um zehn Uhr dreißig zu Fuß das Haus verließ. Nachdem Mr. Craye gegangen war, spielten Lord Cheverdale und Mr. Paley noch eine Partie Piquet in der Bibliothek. Um elf Uhr fünfzehn zog sich Lord Cheverdale zurück. Mr. Paley blieb auf und las. Kurz nach zwölf kam der Diener Harris eilends in die Bibliothek und berichtete Mr. Paley, daß ein Mann, der offenbar tot sei, auf einem der Wege liege. Mr. Paley ging unverzüglich mit Harris zu der genannten Stelle und stellte fest, daß der Mann Mr. Thomas Hannington war, der Redakteur der ›Morning Sentinel‹, die Lord Cheverdale gehört; er stellte weiter fest, daß Mr. Hannington tot war. Mr. Paley telefonierte sofort nach der Polizei und nach ärztlicher Hilfe. Mr. Paley hat weder einen Hilfeschrei noch irgendein anderes Geräusch während der ganzen Zeit gehört, die seit Lord Cheverdales Weggehen verstrichen war.

Mr. Hannington ist nicht im Haus gewesen, er wurde auch nicht erwartet. Er hatte sein Kommen auch nicht telefonisch angemeldet. Es war für Mr. Hannington etwas sehr Ungewöhnliches, Cheverdale-Haus aufzusuchen. Er kam nur, wenn er zum Essen oder zu einem Gartenfest eingeladen war. Lord Cheverdale hat die Gewohnheit, sich in den Büros der ›Morning Sentinel‹ drei- oder viermal in der Woche sehen zu lassen. Mr. Paley hat weder als Privatsekretär Lord Cheverdales noch als vertrauter Kenner der Geschäfte und der Korrespondenz des Lords auch nur die leiseste Ahnung vom Grunde der Anwesenheit Mr. Hannigtons auf dem Besitztum Lord Cheverdales. Er kann nur vermuten, daß Mr. Hannington einen sehr dringenden Anlaß hatte, bei Lord Cheverdale zu dieser so späten Stunde vorzusprechen.«

Chaney überlegte einen Augenblick, dann wandte er sich an Miß Hetherley:

»Ich nehme an, Sie kennen Mr. Watson Paley?« fragte er.

»Sehr gut«, antwortete Miß Hetherley.

»Er kommt immer mit Lord Cheverdale, nicht wahr?«

»Regelmäßig.«

»Ist er ein Mensch, dem man trauen kann? Aber, bitte, sprechen Sie ganz offen, ja?«

Miß Hetherley sah uns einen nach dem andern an und zuckte statt einer Antwort die Achseln.

»Aha«, sagte Chaney, »Sie mögen ihn also nicht.«

»Offengestanden – nein«, gab Miß Hetherley zu. »Ich mochte ihn nie.«

»Ja«, sagte Chaney, »da geht's Ihnen so wie mir. Ich weiß nicht warum, aber ich kann ihn nicht ausstehen.«

»Aber Lord Cheverdale schätzt ihn«, bemerkte Miß Hetherley. »Paley ist der Hauptmacher hinter den Kulissen; was er wünscht oder sagt, geschieht.«

»Hat Paley auch hier seine Finger hineingesteckt?« fragte Chaney. »Hat er sich in die – wie soll ich sagen? – in die Politik der Zeitung eingemischt?«

»Er setzte auch hier schon manchmal seinen Willen durch und brachte seinen Einfluß zur Geltung«, gab Miß Hetherley zu. »Öfter kamen Ratschläge, ja sogar Befehle, von ihm und nicht von Lord Cheverdale.«

»Mochte Hannington ihn?« fragte Chaney weiter.

»Ich glaube, nein.«

»Wissen Sie etwas von irgendeinem Streit oder von einer Feindschaft zwischen den beiden?«

»Nein, darüber kann ich nichts sagen, Mr. Chaney, davon habe ich nichts gehört.«

Chaney schwieg eine Weile und drehte die Daumen, eine Gewohnheit von ihm, wenn er angestrengt nachdachte. Doxford mischte sich ein:

»Worauf wollen Sie denn hinaus? Glauben Sie vielleicht – um ganz offen zu sprechen – glauben Sie, daß Paley Hannington umgebracht hat?«

»Irgend jemand muß es gestern nacht getan haben«, sagte Chaney, der nun wieder munter wurde. »Und Paley war dort!«

»Und der Grund?« erwiderte Doxford. »Was war der Grund?«

»Den müssen wir eben suchen«, antwortete Chaney. »Geheimnis! Aber Paley sieht mir ganz so aus, als ob er eine Menge, und zwar schwerwiegende Geheimnisse hätte. Er ist eben von Natur aus Intrigant und Ränkeschmied!«

»Sie sind ja Psychologe, Mr. Chaney«, bemerkte Miß Hetherley. »Auf jeden Fall bin ich ganz Ihrer Meinung: Mr. Paley ist ein Intrigant!«

Windover, der Anzeichen von Ungeduld gezeigt hatte, ließ sich jetzt hören.

»Das ist alles bloß Vermutung«, sagte er. »Ich sehe keinen Grund, Mr. Paley zu verdächtigen; er hat uns durch einen ehrlichen Bericht über die Geschehnisse gegeben; gerade so gut könnte man den Diener verdächtigen. Ich glaube, die Sache ist ganz einfach so: Diese Frau kam mit irgendeinem politischen Geheimnis zu Hannington, man folgte ihr bis hierher. Als sie wegging, blieb ein Mann hier in der Nähe, um zu beobachten, wann Hannington das Haus verlassen würde. Dann hat man Hannington, nachdem er sein Büro verlassen hatte, bis nach Regents Park verfolgt, überfallen und auf Lord Cheverdales Grundstück umgebracht. Und was wollten die Leute, die ihn überfielen? Die Papiere, die die Frau bei ihm gelassen hatte! Die haben sie auch bekommen! So sehe jedenfalls ich die Sache, und ich meine, es ist so klar, wie nur etwas!«

Doxford gähnte wieder. Er nickte Chaney zu.

»Ich glaube nicht, daß Windover daneben tippt«, sagte er verschlafen, »›klar‹ ist ein gutes Wort.«

»Hm«, machte Chaney. »Ich habe kein großes Vertrauen zu dem Wort ›klar‹. Es fällt mir nämlich auf...« Bevor er mehr sagen konnte, läutete das Telefon auf dem Schreibtisch, an dem Miß Hetherley saß; sie nahm den Hörer und wendete sich nach wenigen Sekunden zu uns.

»Das war Mr. Paley«, sagte sie. »Lord Cheverdale wünscht, sofort Mr. Chaney, Mr. Camberwell, Inspektor Doxford und Sergeant Windover zu sprechen. Ich soll auch mitkommen.«

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