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Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/fletcher/teehaus/teeehaus.xml
typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110811
projectid59c8f124
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1

Im November 1920 tat ich mich mit Ex-Inspektor William Chaney (früher Kriminalabteilung Scotland Yard) zusammen, bald nachdem wir beide unsere nichtamtliche Untersuchung in der Mordsache Wrides Park erfolgreich abgeschlossen hatten. Unser Geschäft sollte unter der Firma Camberwell und Chaney als Privat-Auskunftei laufen. Wir mieteten Büroräume in Conduit Street, ein paar Häuser entfernt von New Bond Street; es waren zwei sehr große Räume, dazu kam noch ein dritter für unsern Angestellten, einen gerissenen jungen Londoner, namens Chippendale. Bevor er in unsere Dienste trat, war Chippendale bei einem Anwalt so eine Art besserer Laufbursche gewesen und hatte dort eine Menge höchst brauchbarer Kenntnisse aufgeschnappt, besonders auch von den Schattenseiten des Rechts. Über unserm Büro lagen ein paar Zimmer, die ich für mich als Junggesellenwohnung einrichtete. Ich wohnte also sozusagen über dem ›Laden‹ und war wie ein Arzt Tag und Nacht verfügbar. Chaney, der verheiratet war, wohnte außerhalb. Obwohl ich also stets zur Stelle war, kann ich mich nicht erinnern, daß man mich jemals außerhalb der Bürostunden gerufen hätte; erst Anfang Februar 1921 wurde ich eines Morgens um halb sieben von jemandem angeläutet, der sich als Mr. Watson Paley, Privatsekretär Lord Cheverdales, vorstellte. Er wollte wissen, ob er mich in einer höchst dringlichen Geschäftsangelegenheit um dreiviertel acht aufsuchen könne. Ich antwortete, daß ich zu seiner Verfügung stehe. Vom Zweck seines Besuches erwähnte er nichts, ich hielt es aber für das beste, meinen Sozius hinzuzuziehen; da Chaney gerade noch anrief, bat ich ihn, sofort ins Büro zu kommen. Er erschien um halb acht, und eine Viertelstunde später öffnete ich Mr. Watson Paley die Tür. Wenn ich jetzt zurückdenke, wird mir klar, daß ich vom ersten Augenblick an gegen diesen Mann eine schwer erklärbare Abneigung fühlte. Genau so ging es auch Chaney, wie er mir später bestätigte. Wie sah der Mann aus, der einen solchen Eindruck auf uns machte? Mr. Paley war ein zart gebauter, mittelgroßer Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Selbst zu so früher Morgenstunde war er peinlich korrekt gekleidet. Sein schwarzes Jackett, seine Weste, seine gestreiften Hosen sahen aus, als wären sie gestern vom besten Schneider aus der Savile Row geliefert worden. Seine Wäsche war tadellos, Krawatte und Schuhwerk waren streng vorschriftsmäßig, ebenso sein Zylinder und sein Schirm. Die elegant behandschuhten Hände waren klein wie seine Füße: ein Gentleman wie aus dem Ei gepellt, was Anzug und Zubehör antraf – und doch ging etwas Bedrückendes von ihm aus, ohne daß man eigentlich sagen konnte, warum. Jedenfalls gefiel mir Mr. Paleys Gesicht weit weniger als sein Anzug, sein Wesen weit weniger als sein Gesicht. Er hatte eine blasse Gesichtsfarbe, seine Augen erinnerten an die eines Schafes. Seine ziemlich lange Nase war scharf geschnitten, Bart und Schnurrbart waren schütter und von einem undefinierbaren Hellbraun. Ein Zug um seine Lippen ließ deutlich erkennen, daß er sich zwar nicht offen über alle Menschen lustig mache, sich aber doch gewöhnlichen Sterblichen überlegen fühle. Mich überkam in seiner Nähe ein seltsames Frösteln.

Aber Mr. Paley kam ja als Kunde oder im Auftrag eines Kunden; ich hoffe also, daß ich es nicht an der gebührenden Höflichkeit fehlen ließ. Er nahm den angebotenen Stuhl, zog seine Handschuhe aus und setzte sich in Positur wie ein Lehrer, der eine Klasse von Neulingen zu unterrichten hat.

»Ich nannte Ihnen schon am Telefon meinen Namen, Mr. Camberwell«, begann er ruhig und gleichmütig, » Watson Paley, Privatsekretär von Lord Cheverdale. Sie sind natürlich über Lord Cheverdale unterrichtet?«

»Ich kenne Lord Cheverdales Namen«, antwortete ich; »weiter aber nichts.«

»Aber ich weiß über Lord Cheverdale ziemlich genau Bescheid«, sagte Chaney.

Paley wandte sich an meinen Sozius.

»Dann wissen Sie also, Mr. Chaney, daß Lord Cheverdale, wenn er in der Stadt ist, in Cheverdale-Haus, Regent's Park, wohnt«, sagte er.

»Ich weiß es«, antwortete Chaney.

»Sie wissen also auch, daß Lord Cheverdale Besitzer der ›Morning Sentinel‹ ist?«

»Auch das weiß ich.«

»Dann ist Ihnen vielleicht auch bekannt, daß die ›Morning Sentinel‹, seit sie Lord Cheverdale vor einigen Jahren gründete, von Mr. Thomas Hannington redigiert wird?«

»Das ist mir gleichfalls bekannt.«

Paley zog seine Handschuhe durch die Finger und sah mit einem merkwürdigen Ausdruck seiner matten Augen von Chaney zu mir, von mir zu Chaney.

»Also«, meinte er in seiner ruhigen, eintönigen Art, »Mr. Hannington wurde vergangene Nacht auf Lord Cheverdales Grundstück tot aufgefunden, besser gesagt, heute morgen zu früher Stunde. Die genaue Zeit steht nicht fest, etwa um Mitternacht.«

»Tot?« fragte Chaney.

»Wie festgestellt wurde, ermordet«, antwortete Paley. »Darüber besteht nicht der mindeste Zweifel. Getötet durch Schläge mit einer stumpfen Waffe auf den Kopf.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Chaney und ich sahen uns an; Paley fuhr fort, seine Handschuhe durch die Finger zu ziehen. Jetzt nahm ich das Wort: »Warum sind Sie zu uns gekommen, Mr. Paley?«

Er sah mit einem stillen, zynischen Lächeln von einem zum andern.

»Warum?« antwortete er. »Lord Cheverdale gehört zu den Leuten, die in allem nach ihrem eigenen Kopf handeln. Natürlich wurde die Polizei geholt, als man Hanningtons Leiche fand, und sie ist bereits in Cheverdale-Haus. Wahrscheinlich«, fuhr er spöttisch fort, »sind Sie über die Methoden der Polizei besser unterrichtet als ich. Lord Cheverdale überläßt zwar alles der Polizei, besteht aber auf einer weiteren, davon völlig unabhängigen Untersuchung. Er hat von Ihnen gehört und wünscht, daß Sie diese Nachforschungen übernehmen. Es wird Ihnen in Cheverdale-Haus jede gewünschte Erleichterung gewährt werden und ebenso in den Büros der ›Morning Sentinel‹. Was Ihre Auslagen betrifft ... Sie wissen ja wohl, daß Lord Cheverdale einer der reichsten Männer Englands ist. Sie brauchen also keine Ausgabe zu scheuen, buchstäblich genommen. Das Geheimnis, das über dieser Angelegenheit liegt, wünscht Lord Cheverdale unter allen Umständen aufgedeckt zu sehen. Darf ich jetzt wieder gehen und Lord Cheverdale sagen, daß Sie den Auftrag übernehmen?«

»Jawohl, und sagen Sie Lord Cheverdale, daß wir unser möglichstes tun werden«, antwortete ich. »Wir kommen nach Cheverdale-Haus, sobald wir unseren Tee getrunken haben. Aber sagen Sie uns, bitte, hat man irgendeinen Anhaltspunkt? – Wissen Sie irgend etwas?«

Paley stand auf, zog langsam seine Handschuhe an und ging zur Tür.

»Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, wir wissen nichts«, antwortete er.

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