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Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17

Für uns bestand kein Zweifel, daß der Mann, den Marks in der Mordnacht erst nach Portland Place und dann nach Whitehall gefahren hatte, Paley war. Aber warum war Paley nach Portland Place und Whitehall gefahren? Was hatte er im Sinn gehabt? Was hatte er dort getan?

Chaney faßte, wie es so seine Art war, alles hübsch der Reihe nach zusammen.

»Lassen Sie uns noch einmal alles ordentlich klarlegen, Camberwell«, sagte er. »Hannigtons Leiche wird auf Cheverdales Besitz kurz nach Mitternacht durch Harris gefunden. Harris läuft ins Haus und findet Paley lesend in der Bibliothek. Paley geht mit ihm zu dem Toten, kehrt ins Haus zurück und telefoniert nach der Polizei.

Dann verläßt er das Haus und sagt, er müsse Hanningtons Verwandte benachrichtigen, Wir wissen, daß das eine Ausrede war – und zwar eine sehr dumme; es gibt keine Verwandten, die zu benachrichtigen waren, wenigstens nicht in London. Paley eilt nach Clarence Gate, steigt in Marks' Auto und wird an das Ende von Portland Place gefahren. Er geht eilends Riding House Street hinunter in Richtung – beobachten Sie wohl – auf Little Custom Street. Er bleibt dreiviertel Stunden weg. Jetzt kommt die erste schwere Frage.«

»Nämlich?« warf ich ein.

»Wir wissen, in welchem Zustand die Wohnung Nummer 12 in Minerva-Haus gefunden wurde, Sie war vollständig durchwühlt worden. Angenommen, der Mann hatte einige fünfunddreißig Minuten zu seiner Verfügung. Genügte diese Zeit, um alles das auszuführen, was der Mörder – wie wir ja gesehen haben – tatsächlich dort angerichtet hat? Überlegen Sie mal: zwei Zimmer buchstäblich von oben nach unten gekehrt! Ist das möglich?«

»Wenn er sehr schnell gearbeitet und die Frau sofort nach seinem Eintritt getötet hat, ja«, erwiderte ich. »Man kann in fünfunddreißig Minuten eine Menge schaffen.«

»Mag sein!« fuhr Chaney fort. »Er ging dann zum Auto zurück und ließ sich nach Whitehall fahren. Wozu wohl? Fällt Ihnen da nichts auf?«

»Im Augenblick nichts«, war meine Antwort.

»Mir aber«, sagte er. »Mr. Craye hat dort in der Gegend seine Wohnung. Paley fuhr zu ihm. Warum? Wenn es geschah, um ihm vom Mord zu erzählen – was wohl zweifellos der Fall war – warum fuhr er nicht zuerst dahin? Ich sehe nichts Besonderes oder Außergewöhnliches oder gar Verdächtiges darin, daß Paley zu Craye fuhr und ihm mitteilte, daß Hannington auf Lord Cheverdales Besitz ermordet aufgefunden wurde; Craye ist Lord Cheverdales bewährter Direktor, ein kluger und zuverlässiger junger Mann; aber ich sehe etwas sehr Merkwürdiges in der Tatsache, daß Paley anstatt direkt zu Craye erst in die Nähe eines Hauses fuhr, in dem gerade um die Zeit ein zweiter und ganz gleicher Mord geschah.«

»Wissen wir denn sicher, daß er zu Craye fuhr?« fragte ich. »Er kann ja auch irgend jemand anderen aufgesucht haben. Daß Craye dort in der Nähe seine Wohnung hat, kann vielleicht ein zufälliges Zusammentreffen sein. Sie erinnern sich, daß Hannington an jenem Abend auch dort in der Gegend gesehen wurde, daß er von dort ein Auto mietete. Wohnt vielleicht dort in der Nachbarschaft jemand, von dem wir bisher nichts wissen? Irgend jemand, den Hannington oder Paley besuchen wollte?«

»Nein – da kann ich Ihnen nicht beistimmen«, antwortete Chaney. »Für mich besteht nicht der leiseste Zweifel, daß Hannington Craye aufsuchte und dann, als er ihn nicht antraf, nach Cheverdale-Haus fuhr. Und ich bezweifle auch nicht, daß Paley Craye aufsuchte. Aber warum?«

»Vielleicht um ihm mitzuteilen, was passiert war, und um seinen Rat einzuholen, wie man es Lord Cheverdale beibringen könne, oder auch um ihn zu beauftragen, für Hannington Ersatz in der ›Sentinel‹ zu schaffen ...«

»Nein!« unterbrach er mich. »Alle diese Dinge hatten Zeit. Er hatte einen ganz besonderen Grund. Aber welchen?«

»Paleys Besuch bei Craye scheint mir weniger wichtig als die Tatsache, daß Paley nach der Entdeckung von Hanningtons Leiche in die unmittelbare Nähe von Little Custom Street eilte. Und was den Besuch bei Craye betrifft – wenn er ihn überhaupt gemacht hat, – da gibt es ja einen sehr einfachen Weg, diese Frage zu beantworten!«

»So?« fragte er. »Welchen denn?«

»Besuchen wir doch Craye und fragen wir ihn, ob Paley damals in der Nacht zu ihm gekommen ist und warum?« entgegnete ich, »Craye machte mir immer den Eindruck eines geraden Geschäftsmannes – er wird uns sicher alles sagen, was er weiß.«

Chaney dachte eine Weile nach.

»Nein!« sagte er dann. »Ich fange jetzt an zu zweifeln, ob Paley wirklich zu Craye ging. Wie Sie sagten, leben auch viele andere Leute in der Gegend. Irgend jemand mag da im Hintergrund sein, von dem wir nichts wissen. Lassen Sie uns die Sache noch ein paar Tage überlegen, Camberwell. – Heute möchte ich eine Pause machen, ich muß meine Frau zur Hochzeit einer Freundin begleiten. Lassen Sie sich die Sache bis morgen noch mal durch den Kopf gehen.«

Er stand auf, aber ich hielt ihn zurück.

»Und was wird mit dem Zeitungsinserat?« fragte ich. »Wegen der Erkundigung über Crowther?«

»Auch damit hat's keine Eile«, antwortete er. »Entwerfen Sie es, wie Sie es für gut halten, wir wollen es dann morgen aufgeben. Jetzt mache ich mich aus dem Staub – Sie wissen, wo ich zu finden bin, wenn ich gebraucht werde.«

»Nicht, wenn Sie zu einer Hochzeit gehen«, sagte ich.

»Die Trauung ist um zwei Uhr«, meinte er. »Ich werde vor fünf Uhr wieder zu Hause sein.«

Dann ging er. Ich aber machte mich an die übliche Büroarbeit. Es war nichts besonders Aufregendes an diesem Morgen. Ein Mann kam, der die Ausgänge seiner Frau überwacht haben wollte; eine Frau suchte uns auf, die ihren Gatten unter Beobachtung wünschte. Und kurz vor Mittag steckte Chippendale seinen Kopf zur Tür herein, um mir zu sagen, daß ein Herr, der seinen Namen nicht nennen wollte, mich zu sprechen wünsche.

»Wie sieht er denn aus, Chippendale?« fragte ich. »Sagten Sie ihm denn nicht, was bei uns Vorschrift ist?«

»Doch, Sir, aber er antwortete mir, Sie würden ihn schon kennen, wenn Sie ihn sehen. Er machte mir den Eindruck eines wohlhabenden Mannes – seiner Sprache nach ist er aus dem Norden, Sir.«

Mir ahnte etwas. Ich sagte Chippendale, er möchte ihn hereinführen, und im nächsten Augenblick betrat, wie ich erwartet hatte, Mr. Halstead aus Milthwaite das Zimmer. Da ich ihn als einen immer heiteren und lächelnden Menschen in Erinnerung hatte, war ich erstaunt, ihn jetzt so ernst und gedankenvoll zu sehen. »Sie haben meinen Besuch sicher nicht erwartet, Mr. Camberwell«, sagte er, als er sich setzte.

»Nein!« erwiderte ich. »Aber ich freue mich, Sie zu sehen. Denn ich. darf wohl annehmen, Sie bringen uns etwas Neues?«

Er rückte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und sah sich unsicher um.

»Ja, ich weiß nicht recht«, antwortete er. »Es kann sein, daß ich Neues bringe, vielleicht aber auch nicht. Ist Ihr Sozius da? Chaney?«

»Nein«, sagte ich. »Er ist auf einer Hochzeitsfeier. Aber ich bin ja schließlich auch jemand ...«

»Na schön«, fuhr er fort. »Es ist nur wenig, was ich zu sagen habe, aber es könnte äußerst wichtig sein. Ich bin für ein paar Tage hier, wohne im Klub, dem R.A.C.«

»Royal Automobile Club, nicht wahr?« sagte ich. »Ich wußte nicht, daß Sie Mitglied sind. Ich vermute, Sie sind leidenschaftlicher Autofahrer?«

»Ich bin einer der allerersten gewesen, der damit anfing«, antwortete er, »ich habe schon einen Wagen gefahren, als man noch einen Mann mit roten Fähnchen vorneweg gehen lassen mußte. Ich habe seitdem eine ganze Reihe von Wagen gehabt.«

»Na, und?« warf ich ein, begierig, von ihm Neues zu hören. »Sie sagten doch, daß Sie uns etwas mitzuteilen hätten.«

»Wie weit sind Sie in der Sache gekommen, seit Sie mich in Milthwaite besuchten?« unterbrach er mich. »Sie waren im Ausland?«

Ich teilte ihm kurz mit, wo Chaney und ich gewesen waren, und erzählte ihm alles bis zum Mord in Little Custom Street. Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin. »Also gut«, sagte er endlich. »Ich kann es ja sagen, weswegen ich gekommen bin; ich glaube, ich habe Crowther gesehen.«

»Allmächtiger! Wann?« rief ich aus. »Und wo?«

»Einzelheiten tun im Augenblick nichts zur Sache« antwortete er. »Ich weiß, wo und wann ich den Mann wiedersehen werde, und wie ich es machen muß, um ganz sicher zu gehen. Mehr möchte ich nicht verraten, bis ich nicht absolut sicher bin.

»Die Yorkshire-Vorsicht!« sagte ich.

»Wohl dem, der sie hat!« gab er zurück. »Nun hören Sie mal zu – können Sie heute abend mit mir im Klub essen?«

»Danke sehr, ja«, erwiderte ich. »Wann?«

»Seien Sie pünktlich um halb sechs da«, antwortete er. »Ich werde Sie in der Haupthalle erwarten. Innerhalb einer halben Stunde werden wir dann wissen, ob der Mann, an den ich denke, Crowther ist oder nicht. Wenn er es ist – ja, dann wird es wichtigere Dinge zu bedenken geben als das Abendessen; ist er es nicht, wird uns diese kleine Enttäuschung den Appetit auch nicht verderben. Aber – ich glaube nicht, daß wir enttäuscht werden.«

»Und Sie sind sicher, daß der Mann, den Sie meinen, Crowther ist?« fragte ich.

»Ja! Er hat sich zwar verändert, hat sich Bart und Schnurrbart wachsen lassen und sieht natürlich älter aus, aber ich fühle bestimmt, daß er es ist. Trotzdem – ich möchte ganz sicher gehen!« antwortete er.

»Wie wollen Sie es nun ganz sicher herausbekommen?« forschte ich. »Wie wollen Sie das anfangen?«

»Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte er. »Ich sah den Mann gestern abend, als er den Klub verließ. Ich war so sicher, daß es Crowther war, daß ich ganz vorsichtig ein paar Erkundigungen über ihn einzog. Und ich erfuhr den Namen, unter dem er dort bekannt ist ...«

»Aber Sie möchten ihn noch nicht nennen?« fragte ich.

»Lieber noch nicht, erst wollen wir ganz sicher sein«, antwortete er. »Ich habe auch einiges über seine Gewohnheiten herausbekommen. Er kommt jeden Abend in den Klub, mindestens fünfmal die Woche – immer ungefähr um dreiviertel sechs, und schwimmt in dem großen Schwimmbad unten im Erdgeschoß –, vielleicht kennen Sie es?«

»Ja«, entgegnete ich. »Ich bin öfter dort gewesen.«

»Verstehen Sie nun, was ich beabsichtige?« fuhr er fort. »Wenn er heute abend kommt, werden wir ihn im Badeanzug sehen. Ist er wirklich Crowther – na?«

»Der schwarze Drache!« rief ich aus.

»Die Schlange oder was es sonst ist!« pflichtete er bei. »Die Tätowierung! Ich werde sie sicher erkennen. Angenommen also, wir sehen sie – was dann?«

»Überlassen Sie das mir, Mr. Halstead«, antwortete ich. »In dem Fall wird der Mann heimlich beobachtet, verfolgt und nicht mehr aus den Augen gelassen! Dafür will ich schon sorgen.«

»Gut«, sagte er. »Ich überlasse das Ihnen. Fünf Uhr dreißig also im Klub!«

»Einen Augenblick noch«, sagte ich, als er aufstand. »Sie wissen, wer der Mann ist. Ist er wohlhabend, in guter Stellung?«

»Beides«, antwortete er. »Es ist ein Mann, der eine höchst wichtige. geschäftliche Stellung und ein großes Einkommen hat. Und – er hat Aussichten, die man glänzend nennen könnte!«

»Und doch, wenn es Crowther ist, wahrscheinlich ein Mörder!« sagte ich.

»Ja, ja, es ist eine verrückte Welt!« gab er zurück. »Nicht vergessen: Fünf Uhr dreißig – pünktlich!«

Dann ging er, ich aber begann mir meinen Plan für den Abend zurechtzulegen. Eins standfest: war der Mann, von dem Halstead gesprochen hatte, wirklich Crowther, so mußte er sofort angehalten, verhaftet und verhört werden. Nachdem ich die Sache überdacht hatte, schrieb ich ein paar Worte an Chaney und bat ihn, sich für einen telefonischen Anruf von mir in der Zeit ab fünf Uhr dreißig nachmittags bereit zu halten. Ich schickte ihm das Schreiben sofort durch Eilboten zu. Dann nahm ich Chippendale vor.

»Chippendale, Sie sind zum Beobachten gut zu gebrauchen. Können Sie sich auch an einem bestimmten Ort so lange herumtreiben, bis Sie benötigt werden?«

»Das habe ich schon oft gemacht, Mr. Camberwell«, sagte er. »Ich bin geduldig wie Hiob!«

»Ausgezeichnet!« versetzte ich. »Also um halb fünf verlassen Sie das Büro, trinken einen ordentlichen Tee, stellen sich um halb sechs vor dem Royal Automobile Club in Pall Mall auf und bleiben dort kleben wie eine Klette, bis ich Sie rufe. Können Sie, ohne aufzufallen, dort – herumlungern?«

»Ich kann überall herumlungern, wenn's drauf ankommt, Mr. Camberwell«, antwortete er. »Den Vergleich mit der Klette nehme ich schon auf! Also vor dem R.A.C. von fünf Uhr dreißig an. Abgemacht, Mr. Camberwell – ich werde dort sein – und so lange, wie Sie wollen!«

Das war vorläufig alles, was ich tun konnte. Und um fünf Uhr dreißig ging ich in den Klub.

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