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Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/fletcher/teehaus/teeehaus.xml
typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15

Der nächste Zeuge, der gerufen wurde, war Mrs. Jeeveson; die verheiratete Tochter der verstorbenen Mrs. Goodge; auch sie wurde von Mr. Tankersley verhört.

»Ich nehme an, Sie sahen Ihre Mutter recht häufig, Mrs. Jeeveson?«

»Ja, sehr oft – das heißt, wenigstens einmal die Woche regelmäßig, Sir!«

»Sprach sie zu Ihnen auch über den Mord an Mrs. Clayton?«

»Sie sprach kaum von etwas anderem, seit er passiert war, Sir. Weniger über den Mord übrigens, als über den Mann, den sie aus dem Haus hatte gehen sehen.«

»Was sagte sie über ihn?«

»Daß sie ihn sofort wiedererkennen würde.«

»Aber – ich habe hier die Aussage Ihrer Mutter bei der gerichtlichen Untersuchung über Mrs. Clayton – sie sagte damals, daß sie nie sein Gesicht gesehen habe.«

»Nein, Sir – aber sie hat ihn von hinten gesehen!«

»Und sie glaubte, sie würde imstande sein, ihn daraufhin wiederzuerkennen? Wie?«

»Sie hatte schon immer zu mir und meinem Mann gesagt, wenn sie den Menschen so wiedersehen würde, wie er in der bewußten Nacht angezogen war, mit seinem schwarzen Hut, seinem weißen Schal, seinen schwarzen Kleidern, würde sie ihn unter Tausenden herauskennen. Und es wäre auch noch etwas anderes, woran sie ihn wiedererkennen würde.«

»Ah, was denn, Mrs. Jeeveson?«

»Sie sagte, er ginge so leise und verstohlen – wie eines von diesen Tieren im Zoologischen.«

»Wie eine Katze, ja?«

»Wie ein Tiger, Sir!«

»Glauben Sie, Mrs. Jeeveson, daß der Mann, mit dem Ihre Mutter Donnerstag abend gesehen wurde, derselbe Mann ist, den sie in der bewußten Mordnacht gesehen hatte?«

»Das glaube ich, Sir. Und ich wünschte, ich könnte ihn gleichfalls sehen!«

»Was hatte er da unten in der Wohnung Ihrer Mutter zu suchen?«

»Tja, Sir, ich und mein Mann – gar nicht zu reden von den Polizisten – wir haben schon darüber gesprochen. Ich denke mir, er ging da hinunter, um sie herumzukriegen. Wofür gab er ihr sonst Geld?«

»Sie meinen, er gab ihr die Banknoten, die man in ihrer Hand gefunden hat?«

»Ich bin sicher, daß er das tat, Sir. Woher sonst sollte sie das viele Geld haben? Für mich ist die Sache ganz klar: Er versuchte, sie zu bestechen – dann überlegte er sich, daß es doch besser wäre, sie für immer still zu machen – und er tat es! Und ich wünschte, ich hätte Gelegenheit, ihn ebenso still zu machen!«

»Hatte Ihre Mutter die Gewohnheit, ihr Geld in dem Schrank, vor dem sie lag, aufzuheben, Mrs. Jeeveson?«

»Ja, Sir. Ich weiß darüber Bescheid. Sie verwahrte es in einem alten Teebehälter.«

»Und Sie glauben nicht, daß sie diese Banknoten aus dem Teebehälter herausgenommen hatte? Es besteht die Annahme, daß sie niedergeschlagen wurde, als sie die Banknoten in den Teebehälter hineintun wollte. Aber – sie könnte sie ja auch herausgenommen haben?«

»Nein, Sir, ich bin ganz sicher, daß sie das nicht getan hat. Ich weiß, was am Nachmittag um vier Uhr in dem Teebehälter war!«

»Wieso wissen Sie das?«

»Das will ich Ihnen sagen, Sir: Ich besuchte meine Mutter an diesem Nachmittag – nicht im entferntesten dachte ich, daß ihr in dieser Nacht so etwas zustoßen würde. Ich hatte meinen kleinen Jungen mit – er heißt Gerald Henry – und es war sein Geburtstag. Seine Großmama sagte, sie müsse ihm doch ein schönes Geburtstagsgeschenk geben und holte den Teebehälter vor und schenkte Gerald Henry eine Zehn-Schilling-Note. ›Mein Himmel, Mama!‹ sag' ich, ›was für einen Haufen Geld hast du da! Das ist aber unsicher hier in dem Behälter – warum tust du es nicht in die P.S.?‹ sag' ich ...«

»Was ist das – P.S., Mrs. Jeeveson?«

»Post-Sparkasse, Sir. Sie aber sagt: ›Oh, ich behalte es immer hier, bis 20 Pfund voll sind, und dann tue ich's in die P.S. Ach, hier ist es sicher im Schrank‹, sagt sie, ›ich habe immer den Schlüssel bei mir.‹ ›Ja, Mama‹, sag' ich, ›ich glaube, du hast aber 20 Pfund voll da drin‹! ›Kann schon sein‹, sagt sie, ›du kannst ja zählen, wenn du willst‹ und ich zählte es, Sir, und es waren beinahe 17 Pfund. Aber es waren keine Fünf-Pfundnoten dabei, darauf kann ich schwören, keine Fünf-Pfundnoten, wie sie in der Hand meiner armen Mutter gefunden wurden! Nein, Sir, dieser Schuft hatte sie ihr gegeben!«

»Warum, glauben Sie, hat er Ihrer Mutter das Geld gegeben, Mrs. Jeeverson?«

»Na, damit sie ihren Mund hält, Sir! Um sie zu bestechen natürlich!«

»Nehmen Sie an, sie würde wirklich den Mund gehalten haben?«

»Nein, Sir, das glaube ich nicht! Ausgeschlossen! Nie und nimmer hätte meine Mutter so etwas gemacht! Ich glaube, sie wollte – ich kann das richtige Wort dafür nicht finden.«

»Sie wollte ihn hinhalten, meinen Sie, Mrs. Jeeveson?«

»Ja, ja, das ist es, Sir – ich kenn' mich nicht so gut aus mit den Worten, aber das meine ich. Ich denke, sie hat Katz' und Maus mit ihm gespielt, und wenn er gegangen wäre, würde sie ihm gefolgt sein und hätte ihn festnehmen lassen. Aber die Gelegenheit hatte sie nun nicht mehr.«

Noch ein Zeuge wurde gerufen – Samuel John Trotter, Autofahrer, dessen Zeugenaussage die Polizei, wie zu merken war, beträchtliche Bedeutung beimaß. Er machte den Eindruck eines schlagfertigen, gut beobachtenden jungen Burschen, auf dessen Aussage man sich, was Genauigkeit anbelangt, verlassen konnte. Mr. Tankersley begann das Verhör gleich mit einer direkten Frage: »Erinnern Sie sich an die letzte Donnerstagnacht, Mr. Trotter?«

»Ja, Sir!«

»Wo waren Sie und Ihr Wagen um dreiviertel zwölf in jener Nacht?«

»Auf einem Halteplatz in Oxford Street, Sir.«

»Wo – genau?«

»Oxford Street, am Ende der Berner Street, Sir.«

»Wurden Sie von dort geholt?«

»Ja, Sir – gerade nach dreiviertel!«

»Von wem?«

»Von einem Mann, der die Berner Street herunter kam, Sir – und der sehr schnell ging.«

»Können Sie ihn beschreiben?«

»So ziemlich, Sir. Er trug einen großen, schwarzen Hut, einen Schlapphut mit ungewöhnlich breiter Krempe, und hatte einen dicken, weißen Schal um den Hals, den er hoch über sein Kinn und seinen Mund bis zur Nase heraufgezogen hatte. Im übrigen war er ganz in Schwarz gekleidet. Auch hatte er eine dunkle Brille auf, ich konnte also nicht viel von seinem Gesicht sehen.«

»War er ein Engländer?«

»Ich hielt ihn für einen Ausländer, Sir. Er sprach so.«

»Was sagte er?«

»Nichts als ›Liverpool Street‹!«

»Stieg er in Ihren Wagen?«

»Jawohl, Sir.«

»Und Sie fuhren ihn nach Liverpool Street Station?«

»Ich dachte zuerst, er wolle dahin. Aber als ich an der Ecke von New Broad Street und Liverpool Street angelangt war, stieß er mich plötzlich an. Ich stoppte, und er stieg aus. Er murmelte etwas von hinübergehen und fragte mich dann, wieviel ich verlange.«

»In gebrochenem Englisch, Trotter?«

»Ja, Sir, er sagte nur: ›How mooch‹, wie die Ausländer so sprechen. Ich sagte ihm Bescheid, er zahlte und machte sich über die Straße in Richtung Liverpool Station davon. Wenigstens tat er so, als ob er dorthin ginge. In Wirklichkeit aber ging er nicht dahin – ich sah ihn wieder, als ich mein Auto wendete.«

»Was tat er denn?«

»Er machte scharf kehrt, als er halb über die Straße war, und ging in die Metropolitan Station. Sie hat nämlich dort einen Eingang, der Station der Hauptlinien gerade gegenüber.«

»Haben Sie ihn tatsächlich in die Metropolitan Station eintreten sehen?«

»Ja, das habe ich, Sir.«

»Natürlich, da ist ja die Untergrund. Und das wäre ungefähr um welche Zeit gewesen, Trotter?«

»Ungefähr zehn Minuten nach Mitternacht, Sir.«

»Es gingen noch Züge, nicht wahr?«

»O ja, Sir.«

»Nach Osten und Westen?«

»Auf beiden Linien, Sir.«

»Würden Sie den Mann wiedererkennen, wenn Sie ihn sähen, Trotter?«

»Ja, Sir, das ist schwer zu sagen.« Wenn er wieder so angezogen wäre, wie damals – vielleicht! Diese Ausländer tragen ja meistens solche großen, schwarzen Hüte, schwarze Anzüge und weiße Schals. Ich hielt den Kerl für einen Musiker oder etwas Ähnliches.«

Und Sie glauben sicher, daß er Ausländer war?«

»Er sprach nicht gut englisch, Sir.«

»Verstehen Sie sich gut auf Ausländer?«

»Ich habe schon viele gefahren, Sir.«

»Können Sie sie gut unterscheiden?«

»Ja, ich glaube, das kann ich, Sir. Ich kann einen Deutschen von einem Franzosen und einen Spanier von einem Italiener unterscheiden.«

»Für was würden Sie den Mann halten?«

»Für keinen von diesen, Sir!«

»Für was dann?«

»Ich wüßte nicht für was, Sir. Ich kannte mich bei ihm nicht aus.«

»Haben Sie schon einmal einen Russen gefahren, Trotter?«

»Nicht, daß ich wüßte, Sir!«

»Auch keinen Polen?«

»Auch das könnte ich nicht sagen!«

»Na, jedenfalls glauben Sie doch sicher, daß der Mann, von dem wir sprechen, und den Sie Donnerstagabend von Oxford Street nach Liverpool Street gefahren haben, ein Ausländer war?«

»Ja, so war mein Eindruck, Sir!«

Bei diesem Stadium der Verhandlungen angelangt, vertagte der Vorsitzende, nachdem er sich mit den Polizeibehörden beraten hatte, das weitere Verhör auf zehn Tage.

 

Chaney legte seine Zeitung im selben Moment weg, als auch ich mit dem Lesen des langen Berichts fertig war. Er wandte sich mit einem vielsagenden Brummen – dem Ausdruck seiner tiefsten Überzeugung – zu mir: »Hm«, machte er. »Ich glaube nicht, daß da noch viel zu zweifeln ist, Camberwell! Mrs. Goodge ist ihm begegnet.«

»Sie meinen, es war der Mörder?« fragte ich.

»Ich wüßte nicht, was es noch klarer beweisen könnte«, antwortete er. »Ich stelle es mir so vor: Mrs. Goodge erkannte in dem Mann, den sie in der Bar gesehen hatte, den Mann wieder, der an jenem Abend, als Mrs. Clayton ermordet wurde, das Mietshaus verließ. Sie folgte ihm und sprach ihn an. Zweifellos kam es zu einer Auseinandersetzung. Was hat der Mann unter diesen Umständen höchstwahrscheinlich gesagt? Erst wies er ihre Beschuldigungen rundweg zurück; er erklärte, daß er niemals dort gewesen sei. Sie wird darauf bestanden haben; – sie war ja so eine Frau, die hartnäckig jeden fühlen lassen konnte, daß sie ihren Willen durchsetzte; wahrscheinlich drohte sie, ihn nicht mehr loszulassen und ihn dem ersten besten Polizisten zu übergeben. Dann versuchte er wohl, Zeit zu gewinnen. Möglicherweise gab er zu, daß er an jenem Abend das Haus verlassen, aber dort nur einen Freund besucht habe. Dann versuchte er sicherlich den andern Kniff: Mrs. Goodge zu bestechen! Höchstwahrscheinlich – ich möchte sagen bestimmt – bot er ihr Geld an, damit sie den Mund hielt; er tat das, ohne damit eine Schuld zuzugeben. Nach allem, was wir von Mrs. Goodge gehört haben, glaube ich nicht, daß sie etwas dagegen gehabt hätte, bestochen zu werden, trotz allem, was ihre Tochter auch sagt. Und es ist eine unleugbare Tatsache: Mrs. Goodge wurde mit fünfundzwanzig Pfund in Banknoten in der Hand gefunden. Wer gab sie ihr? Natürlich dieser Mann!«

»Warum hat er sie sich nicht wieder genommen?« fragte ich.

»Wahrscheinlich, weil Mechta dazwischenkam, ehe er dazu Zeit fand«, erwiderte Chaney. »Sowie er Mechta erledigt hatte, wollte er sich so schnell wie möglich davonmachen. Aber die Tatsache, daß er das Geld im Stich gelassen hat, scheint mir zu beweisen, daß er ein Mann war, für den fünfundzwanzig Pfund nicht von großer Wichtigkeit sind – ein reicher Mann. Jedenfalls kehrte er, nachdem er Mechta am Fuß der Treppe erledigt hatte, nicht zu seinem ersten Opfer zurück, nur – um sich ein paar Banknoten wieder zu holen. Vielleicht hat er sie in seiner Aufregung auch vergessen – wenn so ein Kerl überhaupt aufgeregt sein kann. Auf jeden Fall räumte er das Feld und verschwand um die nächste oder übernächste Ecke in die Berner Street.«

»Halten Sie ihn auch für den Mann, der den Schöfför anrief?« fragte ich.

»Ja, und ich will Ihnen sagen, was ich davon denke: das war alles bloß Irreführung – falsches Spiel! Er verlangte nach Liverpool Street Station gefahren zu werden – Irreführung!«

»Aber er fuhr doch dahin!« erwiderte ich.

»Er fuhr nicht! Er ließ das Auto an der Ecke von New Board Street und Liverpool Street halten und murmelte irgendwas von ›zu Fuß gehen‹. Aber er ging nicht zur Liverpool Street Station hinüber, wenigstens nicht zur Hauptstation. Der Schofför sah ihn, als er seinen Wagen wendete, in die Metropolitan schlüpfen – in die Untergrund! Weshalb? Weil er zurückfuhr nach Westend! Kluger Kniff, Camberwell! Der Kerl hatte sich die Sache genau zurechtgelegt. Er wußte, daß man Mrs. Goodge und den Hindu ermordet auffinden würde; er wußte, daß er mit Mrs. Goodge wahrscheinlich in der Bar gesehen worden war. Ebenfalls wußte er, daß diese beiden letzten Morde in Verbindung gebracht werden würden mit denen an Mrs. Clayton und Mr. Hannington und man nach jemandem von ausländischem Aussehen in schwarzem Hut, schwarzen Kleidern und weißem Schal suchen würde. Gut also! Mögen sie ruhig einen Verdacht haben, der sie im Osten nach dem Täter suchen läßt. Deshalb: Liverpool Station! Aber ich bin überzeugt, er fuhr, als er erst einmal in der Untergrund war, nach dem Westen; und in Westend ist's, wo wir nach ihm suchen müssen!«

»Chaney«, sagte ich, »wer, glauben Sie, ist es?«

»Wer es ist?« rief er aus. »Na, natürlich Crowther! Wer sonst? Aber wer ist Crowther?«

»Glauben Sie, daß es Paley ist?« fragte ich.

»Über das alles kann ich erst mehr sagen, wenn ich gehört haben werde, was uns unser Mitarbeiter zu berichten hat«, antwortete er. »Er wird uns ja so etwas wie einen Bericht zu erstatten haben. Paley? Ach, überraschen würde es mich nicht. Ich halte diesen Burschen zu allem fähig. Aber wenn es Paley ist, wenn Paley Crowther ist, würde es mich doch sehr interessieren zu erfahren, welche Beweggründe er zu diesem Massenmord hatte. Wer auch der Mörder sein mag, er ist jedenfalls ein Fachmann im Zerschlagen der Schädel seiner Opfer, Camberwell! Erinnern Sie sich, was uns der alte Herr in Monte Carlo über Crowther gesagt hat – daß er immer einen alten Totschläger mit sich herumtrüge? Na, nach meinen Erfahrungen würde ich annehmen, daß alle diese Opfer, Hannington, Mrs. Crowther, Mrs. Goodge und der Hindu, auf gleiche Weise umgebracht wurden. Mit einem ordentlichen Schlag auf die richtige Stelle! Camberwell – wir müssen den Kerl finden und dafür sorgen, daß er baumelt!«

»Was tun wir am besten zuerst, wenn wir in Victoria Station ankommen?« fragte ich.

»Wir wollen sofort zu Lord Cheverdale gehen und Bericht erstatten«, antwortete er. »Aber hören Sie mal: Unsere Aussprache mit Lord Cheverdale muß privat sein, nicht in Paleys Gegenwart. Mit Paley wollen wir nichts zu tun haben. Wir müssen auch vorsichtig sein mit dem, was wir Lord Cheverdale sagen. Ich halte ihn für einen Ehrenmann, und wenn wir ihn zur Diskretion verpflichten, wird er unser Vertrauen würdigen. Aber trotzdem – einiges wollen wir ihm nicht sagen, wenigstens vorläufig nicht!«

»Was zum Beispiel?« fragte ich.

»Überlassen Sie das nur mir. Jedenfalls dürfen wir ihm unter keinen Umständen sagen, daß Crowther – ganz egal, unter welchem Namen der Mann auch herumläuft – an der bewußten Tätowierung zu erkennen ist.«

»Der schwarze Drache!« rief ich aus. »Ah, den hatte ich ganz vergessen!«

»Ich nicht!« sagte er kurz. »Das kann mir nicht passieren. Diese Sache behalten wir für uns, Camberwell, bis ...«

Er hielt inne, sah zum Fenster hinaus und betrachtete mit einem unergründlichen Lächeln die Felder von Kent.

»Bis wann?« fragte ich.

»Bis der richtige Moment gekommen ist!« antwortete er.

 

Wir fanden Lord Cheverdale zu Hause, er saß einsam am oberen Ende seines Eßtisches, ein Schüssel mit Walnüssen und eine Flasche Portwein vor sich. Er schien in gehobenerer Stimmung zu sein, als wir es sonst an ihm gewohnt waren, denn er ließ durch seinen Kammerdiener noch mehr Wein und Gläser bringen. Er freute sich anscheinend, Gesellschaft zu bekommen.

»Mußte heute abend allein essen«, sagte er mit leichtem Lächeln. »Meine Tochter ist mit Freunden zusammen und Paley für ein oder zwei Tage in eigenen Geschäften weg. Gibt's etwas Neues?«

»Wir haben Euer Lordschaft eine Menge zu erzählen«, erwiderte Chaney.

Er wartete, bis der Kammerdiener das Gewünschte gebracht hatte und wieder gegangen war; dann beugte er sich unserm Auftraggeber zu. »Eine ganze Menge«, wiederholte er. »Und wir legen größten Wert darauf, daß alles, was wir erzählen, von Euer Lordschaft als absolut vertraulich behandelt wird.«

»Nur für meine Ohren bestimmt, nicht wahr?« meinte Lord Cheverdale.

»Nur für Euer Lordschaft Ohren!« stimmte Chaney zu. »Euer Lordschaft hat uns für eine vertrauliche Aufgabe verpflichtet, und es liegt uns sehr viel daran, daß das, was wir jetzt Euer Lordschaft erzählen, nicht weitergegeben wird. Wir haben nämlich«, fuhr er fort, »überaus wichtige Feststellungen gemacht, und da wir verpflichtet sind, sie Euer Lordschaft als unserm Auftraggeber mitzuteilen, halten wir es für höchst gefährlich für das Gelingen unserer Pläne, wenn irgendeine dritte Person davon erführe. Unsere Bitte entspricht ganz den Interessen Euer Lordschaft.«

»Ja, ja«, sagte Seine Lordschaft. »Verstehe vollkommen – kein Wort, zu niemandem.«

»Mit Euer Lordschaft gütiger Erlaubnis, nicht einmal zu Euer Lordschaft Sekretär, Mr. Paley!« bemerkte Chaney. »Wenn wir sagen, zu niemandem, soll auch wirklich niemand etwas erfahren!«

»Ja, ja, schon recht«, sagte Lord Cheverdale. »Nun also – wie weit sind Sie gekommen?«

Chaney begann mit der Erzählung unserer Geschichte. Er hatte die natürliche Gabe, klar und folgerichtig, einfach und sachlich zu erzählen, ohne überflüssige Worte. Lord Cheverdale war durch seine Übung als Geschäftsmann ein guter Zuhörer. Ich konnte an dem Ausdruck seiner scharfen, alten Augen und seines charakteristischen, harten Mundes sehen, daß er jedem Punkte folgte. Und Chaney erzählte alle Punkte der Reihe nach, die Entdeckung der Heiratsurkunde von Frank Crowther und Alice Holroyd und die erfolgreichen Nachforschungen in Milthwaite, Mentone, Monte Carlo und Paris, ferner daß die Morde an Hannington, Mrs. Crowther, Mrs. Goodge und dem Hindustudenten wahrscheinlich das Werk ein- und derselben Hand waren; und schließlich, daß nach unserer Überzeugung Crowther entweder selbst der Mörder oder an den Morden beteiligt war. Aber von einer Sache erzählte Chaney Lord Cheverdale nichts, nämlich von der tätowierten Schlange, besser: dem Drachen rund um Crowthers Arm. Das behielt er aus guten Gründen für sich.

Lord Cheverdale hörte den Bericht Chaneys stillschweigend an, unterbrach ihn aber dann durch eine plötzliche Frage: »Wer ist nun – nach Ihrer Meinung – dieser Crowther?«

Chaney schüttelte den Kopf. »Mylord, wir haben keinen Anhaltspunkt für irgendeine Vermutung«, erwiderte Chaney, der seinen Verdacht für sich behalten wollte. »Wir wissen nicht, wer es ist.«

Lord Cheverdale legte die Fingerspitzen aneinander und nahm eine kritische Haltung an. Ich konnte sehen, wie sein scharfer Verstand arbeitete.

»Sie haben keine Zweifel, daß die Frau in Little Custom Street, die sich Mrs. Clayton nannte, in Wirklichkeit Mrs. Crowther, geborene Alice Holroyd, war?«

»Nein, keine«, sagte Chaney.

»Sie stellten fest, daß Alice Holroyd und Hannington sich gut kannten, als er beim ›Milthwaite Observer‹ und sie im Hotel ›Engel‹ beschäftigt waren?«

»Wir haben das zweifelsfrei ermittelt.«

»Das erklärt also, warum Mrs. Crowther, geborene Alice Holroyd, Hannington in den Büros der ›Sentinel‹ besuchte, nicht wahr?«

»Wir glauben, daß es eine ausreichende Erklärung dafür ist; sie kam, um bei ihm Hilfe zu suchen.«

»Wofür Hilfe?«

»Wie wir Euer Lordschaft gesagt haben, hatte sie ihren verschollenen Gatten in einem Mann wiedererkannt, den sie für einen Augenblick in Paris zufällig wiedersah. Wir glauben, daß sie zu Hannington ging, um ihn zu bitten, ihr bei der Suche nach diesem Mann in London zu helfen. Wahrscheinlich ist Crowther jetzt ein wohlhabender Mann in guter Stellung, Bei diesen Abenteurern geht es ja immer mal auf- und mal abwärts.«

Lord Cheverdale trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

»Hannington und die Frau sind wahrscheinlich von derselben Hand in einem Zeitabstand von ein oder zwei Stunden ermordet worden«, sagte er. »Das bedeutet, daß der Mann, an den Sie denken – nehmen wir an, es war Crowther – herausgefunden haben muß, daß die Frau ihre Geschichte Hannington erzählt hat und fürchten mußte, Hannington würde sie vielleicht aller Welt mitteilen. Wie hat der Mann das herausbekommen?«

»Das ist natürlich noch aufzuklären«, erwiderte Chaney. »Wir wissen nicht, wie er es herausbekam, aber Tatsache ist, daß ...«

Lord Cheverdale hob einen Finger.

»Einen Augenblick! Hannington wurde – wie Sie sich erinnern – auf meinem Grund und Boden ermordet, offenbar war er auf dem Weg zu mir. Warum wollte er in dieser Sache zu mir kommen? In einer Sache, die doch nicht von öffentlichem Interesse war?«

»Verzeihung, Mylord, aber sie konnte sehr wohl von öffentlichem Interesse sein«, sagte Chaney. »Mein Gedankengang ist dabei folgender: Ich glaube, daß dieser Crowther, dessen Bahn, wie die aller Abenteurer, bald aufwärts, bald abwärts führt, jetzt wahrscheinlich ein wohlhabender Mann ist, möglicherweise in öffentlicher oder sonst wichtiger Stellung. Ich glaube auch, daß er, seit er seine Frau verlassen hat, wahrscheinlich eine zweite Ehe eingegangen ist, also Bigamie begangen hat. Wenn Hannington das wußte, mußte er als Zeitungsredakteur die Sache für ›in öffentlichem Interesse‹ halten und daher natürlich Sie um Rat fragen, da Sie ja Besitzer seiner Zeitung sind.

Lord Cheverdale überlegte ein paar Augenblicke.

»Sie glauben, Hannington habe aus seiner Unterhaltung mit Mrs. Crowther erfahren, daß ihr verschollener Gatte ein Mann von Einfluß war, den Hannington auch kannte?«

»Ja!«

»Und warum glauben Sie, daß Hannington mich deswegen aufsuchte?

»Darauf kann ich Ihnen sofort antworten, Mylord. Ich nehme an, daß Hannington wußte, daß Euer Lordschaft den Mann auch kennen oder Näheres über ihn wissen.«

»Über ihn weiß – vielleicht! Ihn kenne – das bezweifle ich! Ich habe ja nur einen sehr kleinen Bekanntenkreis. Vielleicht ist er ein Mann, der in der Öffentlichkeit steht. Aber – um darauf zurückzukommen, wie hat der Mann, nennen wir ihn wieder Crowther, an dem bewüßten Abend herausbekommen, daß seine Frau bei Hannigton war?«

»Mrs. Crowther kann ja beobachtet worden sein, Mylord! Und auch ein Komplice kann dabei gewesen sein!«

Lord Cheverdale stand von seinem Stuhl auf und schritt durch das Zimmer. Nach kurzer Pause sagte er: »Ihre Theorie geht also dahin, daß Hannington und Mrs. Crowther ermordet wurden, weil sie ein Geheimnis wußten, das – wäre es ausgeplaudert worden – alle Pläne Crowthers zunichte gemacht hätte. Diese Mrs. Goodge wurde dann ermordet, weil sie Crowther wiedererkannt hatte, der junge Hindu aber, weil er gerade im Moment auf dem Schauplatz erschien, als Mrs. Goodge umgebracht wurde. So ist es doch?«

»Ja, Mylord, so ungefähr ist es«, erwiderte Chaney.

»Aber Sie haben doch Zeugenaussagen darüber, wie der Mann aussah, der von Mrs. Goodge und nachher von anderen Leuten gesehen wurde«, bemerkte Lord Cheverdale. »Ein Mann mittlerer Größe in dunkler Kleidung, mit schwarzem Schlapphut, weißem Schal.«

»Euer Lordschaft werden entschuldigen, wenn ich unterbreche, und darauf hinweise, daß niemand behaupten« kann, daß er den Mann wirklich gesehen hat«, sagte Chaney. »Ich meine, niemand hat sein Gesicht gesehen, und wenn, dann höchstens die obere Hälfte. Er war immer so in den Schal eingemummelt, daß keiner von den Leuten, die verhört wurden, mit Sicherheit sagen konnte, ob er dunkel oder blond, ob er glattrasiert war oder einen Bart hatte.«

Wieder durchschritt Lord Cheverdale nachdenklich den Raum.

»Es muß doch einen geben, der etwas weiß!« sagte er endlich. »Irgend jemanden, irgendwo!«

»Sicher, Mylord«, gab Chaney zurück. »Bei solchen Fällen gibt es immer jemanden, der allerlei weiß. Die Schwierigkeit ist nur, solche Leute ausfindig zu machen!«

»Ich bin ein reicher Mann«, bemerkte Lord Cheverdale. »Ich kann schon dafür sorgen, daß es sich für den Betreffenden lohnt auszusagen. Würde es von irgendwelchem Nutzen sein, eine Belohnung auszusetzen?«

»Schon möglich«, meinte Chaney.

»Dann wollen wir es doch machen!« sagte Lord Cheverdale. »Sie können das Inserat entwerfen. Wie würden Sie es abfassen?«

»Das muß sehr sorgfältig überlegt werden, Mylord«, antwortete Chaney. »Ich würde vorschlagen, daß wir darin nicht das Geringste über die Mordangelegenheit verlauten lassen. Darüber ist bereits eine offizielle polizeiliche Mitteilung heraus. Ich schlage vor, wir bitten im Inserat um Nachricht, wo sich Mr. Frank Crowther, ehemals wohnhaft in Milthwaite und daselbst auf dem Standesamt mit Alice Holroyd getraut, jetzt aufhält!«

»Wo wollen Sie so eine Anzeige bringen?« fragte Lord Cheverdale.

»In der »Times«, dem Hauptblatt Londons, und in den führenden Provinzblättern«, erwiderte Chaney.

»Soll auch eine Belohnung ausgesetzt werden?« fragte Lord Cheverdale.

»Ich würde keine bestimmte Summe nennen, Mylord. Es genügt, wenn man sagt, daß eine reichliche Belohnung – nach Übereinkommen – an denjenigen gezahlt wird, der uns die gewünschte Auskunft gibt. Ich kann nicht versprechen«, fuhr Chaney fort, »daß das zu irgendeinem Ergebnis führt, aber es ist immerhin ein Weg, Crowther zu finden. Irgend jemand wird wohl etwas über ihn wissen.«

»Dann wollen wir es tun – veranlassen Sie es sofort«, sagte Lord Cheverdale. »Tun Sie, was Ihnen am besten scheint. Allerdings deckt sich Ihre Theorie nicht mit der offiziellen Ansicht der Herren in Scotland Yard, o nein – weit entfernt! Die bleiben bei der Idee, daß es ein politischer Mord ist – nun erst recht, wo die arme Portiersfrau und der Hindu ermordet worden sind. Die sind fest überzeugt davon!«

»Die Polizei weiß nicht, was wir wissen, Mylord«, bemerkte Chaney ruhig. »Wir werden es ihnen früher oder später sagen müssen, aber vorläufig ahnen sie noch nichts von unseren Erfahrungen. Niemand weiß davon außer Euer Lordschaft. Und Euer Lordschaft wird sich gütigst an unsere Abmachung wegen Geheimhaltung erinnern?«

»Oh ja, ja, ja!« gab Lord Cheverdale zu. »Abmachung ist Abmachung bei mir! Verstehe zwar nicht ganz Ihre Gründe für die Geheimhaltung, aber das schadet ja nichts – machen Sie nur so weiter!«

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