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Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid59c8f124
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13

»Ja, in London!« sagte Chaney, als wir uns von den beiden Damen der Pension Hagill verabschiedet hatten. »Aber Paris ist auf dem Weg nach London, Camberwell, und wir wollen doch erst sehen, was wir im Hotel Mauriac ausfindig machen können.«

Immerhin waren wir mit Monte Carlo noch nicht fertig. Als wir in unser Hotel zurückkehrten (es war kaum zehn Uhr), wurde uns eine Karte übergeben, die den Namen »Mr. John Pettlegrew« trug und darunter mit Bleistift die Worte: »eingeführt durch die Damen Wakeman.« Alsbald trat ein kleiner, älterer, sehr ernst und feierlich aussehender Herr ins Zimmer; bemerkenswert an ihm war seine riesige, runde Brille, durch die er uns wie eine kluge Eule anblinzelte. Er kam auf uns zu und machte uns eine sehr höfliche und förmliche Verbeugung.

»Mr. Chaney, Mr. Camberwell?« fragte er in feierlichem Ton. »Sie werden sicherlich mein Eindringen verzeihen, wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie auf Wunsch der beiden Damen Wakeman aufsuche, in deren Haus ich wohne und wo ich seit einigen Jahren, wie ich sagen darf, heimisch bin.«

»Sehr angenehm«, erwiderte Chaney. »Sehr liebenswürdig von Ihnen, uns aufzusuchen.«

Mr. Pettlegrew verbeugte sich ein zweites Mal, setzte sich auf einen Stuhl, den ich für ihn vorgezogen hatte, nahm seine Brille ab, reinigte sie mit einem kleinen Läppchen, das er aus seiner Westentasche zog, setzte sie wieder auf die Nase und betrachtete uns mit feierlicher Miene.

»Ja«, bemerkte er nachdenklich. »Die ältere Miß Wakeman dachte – und die jüngere Miß Wakemann war derselben Meinung –, daß es von Nutzen für Ihre Pläne sein könnte, wenn ich Ihnen ein wenig über Mr. Crowther erzähle, von dem Sie während Ihres Besuches in Pension Hagill gesprochen haben; ich war leider nicht zu Hause, als Sie da waren. Ich kannte Mr. Crowther, ich darf wohl sagen, sehr gut. Ich war nämlich während der ganzen Zeit, als Crowthers dort wohnten, Mieter in der Pension Hagill.«

»Wirklich, Sir?« sagte Crowther. »Was für ein Mensch war denn Mr. Crowther?«

Mr. Pettlegrew legte seine fetten Hände auf seine ebenso fetten Knie und beugte sich mit einem vielsagenden Blick zu uns vor.

»Der geborene Abenteurer!« sagte er.

»Ein bißchen Spieler, nicht?« meinte Chaney.

»Oh, sehr viel mehr als nur ein bißchen, mein lieber Herr«, erwiderte Mr. Pettlegrew. »Jeder Zoll ein Spieler! Einer von denen, die immer alles auf eine Karte setzen. Ich selbst«, fuhr er fort, »bin kein Spieler, ich habe mein Auskommen, und es liegt mir nichts daran, das Glück zu versuchen. Aber ich studiere, studiere zeit meines Lebens die menschliche Natur. Aus diesem Grund bin ich beständiger, regelmäßiger Zuschauer hier im Casino. Ich liebe es, die verschiedenen Typen der menschlichen Natur, die ich hier sehe, zu beobachten – höchst interessant, versichere ich Ihnen. Und so sah ich auch Crowther dort – jeden Tag!«

»Hatte er Glück beim Spiel, Mr. Pettlegrew?« fragte Chaney.

Mr. Pettlegrew schüttelte den Kopf: »Er war zu oft dort, um das zu haben, was ein Spieler Glück nennt, mein lieber Herr«, antwortete er. »Ein Mann, der die Spieltisch früh, mittags und abends heimsucht, muß schlecht abschneiden. Nach meiner persönlichen Beobachtung kann ich sagen, daß Crowther dort eine Masse Geld verlor. Er hatte ein selbst erfundenes System. Ach! Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die Systeme hatten!«

»Haben Sie seine Frau je über seine Verluste sprechen hören?« fragte Chaney.

»Sie gab mir und den Damen Wakeman zu verstehen, daß er eine Menge Geld verloren hatte, und daß es ihr Geld war«, erwiderte Pettlegrew. »Er war ein herrischer Mensch – seine Frau fürchtete sich vor ihm. Ich bin sicher, das arme Ding war erst glücklich, als er verschwand und sie verließ, obwohl sie von dem Moment an selbst ihr Brot verdienen mußte.«

»Wissen Sie etwas über die Umstände, unter denen er sie verließ?« forschte Chaney. »Oder etwas über Crowther selbst aus jener Zeit?«

Mr. Pettlegrew wurde jetzt noch eulenähnlicher und feierlicher. Nachdem er uns eine Weile fest angesehen hatte, beugte er sich noch näher, berührte erst Chaney, dann mich mit der Hand und sprach dann vorsichtig drei Worte aus, langsam und mit Nachdruck.

»Ja, ich weiß!«

Chaney nickte verständnisinnig zu dieser Bemerkung. »So, so, Sir, Sie wissen also!« sagte er. »Wir wären sehr froh, auch etwas zu erfahren.«

Mr. Pettlegrew setzte von neuem seine Hand in Tätigkeit; sein ausgestreckter Zeigefinger bohrte sich zuerst in Chaneys und dann in meine Seite.

»Passen Sie auf«, erklärte er orakelhaft, »ich möchte jetzt ganz genau sein. Als ich von wissen sprach, hätte ich vielleicht ein anderes Wort gebrauchen sollen, Vermutung oder Argwohn oder vielleicht Verdacht! Verdacht, ja, das ist das richtige Wort. Ich habe Crowther in Verdacht! Bis jetzt habe ich nun meinen Verdacht streng für mich behalten. Da ich aber höre, daß Sie Privatdetektive sind, habe ich keine Bedenken, Ihnen davon Mitteilung zu machen.«

»Alles, was Sie uns sagen, Mr. Pettlegrew, wird als streng vertrauliche Mitteilung behandelt«, sagte Chaney.

»Das weiß ich«, erwiderte Mr. Pettlegrew gnädig. »Also, es handelt sich um folgendes: Sie wissen ja, daß Crowther seine Frau in der Pension Hagill ohne Benachrichtigung oder vorhergehende Mitteilung zurückließ und spurlos verschwand, und daß man – soviel mir bekannt ist – niemals mehr von ihm gehört hat. Selbstmord kam nicht in Frage, denn Mrs. Crowther stellte bald fest, daß er eine beträchtliche Summe, einige hundert Pfund, von der Bank abgehoben hatte. Weitere Ermittlungen bewiesen, daß er nach Empfang dieser bedeutenden Summe beim ›Credit Lyonnais‹ das Casino nicht mehr aufgesucht hatte. Nein! Er ging einfach weg; wohin, wußte niemand, wird auch, wie ich glaube, nie jemand erfahren. Aber ein oder zwei Wochen nach seinem Verschwinden wurde die Leiche eines Mannes an einer einsamen Stelle dieser Gegend gefunden – in einer Schlucht zwischen hier und La Turbie. Nicht etwa die Leiche Crowthers, nein – es war die eines älteren Mannes, eines etwas exzentrischen Engländers, der einige Wochen in der Stadt wohnte, ziemlich regelmäßig die Spielsäle besuchte und überall dafür bekannt war, daß er immer eine beträchtliche Summe Bargeld mit sich herumtrug. Sein Name war Samuel Watkinson. Und nun, meine Herren, als Mr. Watkinsons Leiche entdeckt wurde, fand man nicht mehr einen einzigen Penny oder besser gesagt Centime bei ihr.«

Mr. Pettlegrew machte eine Pause und sah uns einen nach dem andern an, als wollte er fragen: »Was sagen Sie dazu?«

»Worauf wollen Sie hinaus, Mr. Pettlegrew?« erkundigte sich Chaney. »Daß Crowther diesen Mann tötete und die Leiche beraubte?«

»Ich habe mich schon oft gefragt, ob er es getan hat«, sagte Mr. Pettlegrew. »Aber ich habe meine Frage bis jetzt nie in Worte gekleidet.«

»Hat man Crowther verdächtigt?« fragte Chaney.

»Soviel ich weiß, nein«, erwiderte Mr. Pettlegrew.

»Und die Polizei?« meinte Chaney.

»Ich glaube nicht, daß die Polizei Crowther jemals verdächtigt hat«, erwiderte Mr. Pettlegrew. »Die Polizei hatte ihre eigene Ansicht.«

»Und welche war das?« fragte Chaney.

»Die nächstliegende! Nämlich, daß Mr. Watkinson im Casino beobachtet worden war, daß man wußte, daß er große Summen Bargeld bei sich hatte, und daß man ihm auf einem seiner einsamen Spaziergänge, die er so gerne machte, folgte. Die Sache ist niemals aufgeklärt worden.«

»Warum wollen Sie Crowther verdächtigen?« fragte Chaney. »Welchen Grund haben Sie dafür?«

Wieder bohrte Mr. Pettlegrew mahnend den Finger in unsere Rippen.

»Das will ich Ihnen sagen«, antwortete er feierlich. »Zuerst aber müssen Sie noch wissen, daß der unglückliche Watkinson durch einen Schlag oder durch Schläge, die ihm mit einem stumpfen Instrument auf den Kopf versetzt wurden ...«

»Aha!«,entfuhr es Chaney unwillkürlich. »Wirklich?«

»Als ich das hörte«, fuhr Mr. Pettlegrew fort, »gab es mir doch sehr zu denken, ›toll zu denken‹, wie man hierzulande sagen würde. Eines Abends war ich mit Crowther im Casino, wo er zum erstenmal seit langem eine große Summe Geld gewann. Wir gingen zusammen spät weg. Draußen fragte ich ihn, ob er sich nicht fürchte, mit all diesem Geld durch die Straßen zu gehen? Als Antwort lachte er, griff in seine Tasche – und was glauben Sie, was er herauszog?«

»Einen Revolver«, meinte Chaney, »oder einen Browning?«

»Nein, Sir«, erwiderte Mr. Pettlegrew, »einen altmodischen Totschläger! Und – ich bin ja auch nicht auf den Kopf gefallen, meine Herren – genau so ein Ding war es, mit dem Mr. Samuel Watkinson getötet wurde!«

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