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Das Teehaus in Mentone

Joseph Smith Fletcher: Das Teehaus in Mentone - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/fletcher/teehaus/teeehaus.xml
typefiction
authorJoseph Smith Fletcher
titleDas Teehaus in Mentone
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1952
translatorDr. v. Herget
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid59c8f124
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9

Wir überließen es unseren Kollegen von Scotland Yard, bei ihren Nachforschungen die üblichen Methoden anzuwenden und sich mit Untersuchungen, mit dem Abnehmen von Fingerabdrücken und ähnlichem abzugeben; nach dem Mann zu forschen, der mit der ermordeten Frau bei Ricasoli gesessen hatte; herauszufinden, woher diese Frau kam, und ob jemand in London etwas über sie wußte; wir bemühten uns in den nächsten Tagen hauptsächlich, eine wirklich überzeugende Theorie für den Fall zu finden.

Für die Ansicht der Polizei, daß die beiden Morde politischer Natur waren, sprach nach den vorliegenden Beweisen zweifellos viel. Aber weder Chaney noch ich waren von der Richtigkeit dieser Ansicht überzeugt. Wir hatten beide, den unbehaglichen Verdacht, daß noch etwas im Spiel war, was niemand vermutete. Und ganz unerwartet erhielten wir auch die Bestätigung hierfür. Am dritten oder vierten Abend saß ich allein in meiner Wohnung über dem Büro und las in den Tagesblättern die letzten Berichte über die Nachforschungen Scotland Yards, als es an der Haustür klingelte. Ich ging hinunter, um nachzusehen, wer mich noch zu so später Stunde aufsuchte; und vor mir stand Harris, der Diener von Cheverdale-Haus.

Er sah mich mit einem etwas unschlüssigen Blick an, als wollte er um Entschuldigung bitten. Ich merkte, daß er nicht genau wußte, ob er auch das Richtige tat.

»Kann ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Mr. Camberwell?« fragte er. »Privat, bitte.«

»Kommen Sie«, antwortete ich, zog ihn herein und schloß die Tür wieder ab. »Kommen Sie in meine Wohnung hinauf, Harris«, fuhr, ich fort, »Sie können sich darauf verlassen, daß wir absolut ungestört sind.« Er folgte mir in mein Wohnzimmer, und ich bot ihm einen Stuhl und eine Zigarette an. Ich fühlte, daß er mir etwas zu sagen hatte, aber ich wollte ihn nicht drängen.

»Ich habe heute Ausgang, Sir«, sagte er plötzlich, »und da dachte ich daran, Sie aufzusuchen. Ich habe etwas auf dem Herzen, Mr. Camberwell.«

»Sie dürfen sich mir ruhig anvertrauen, Harris«, antwortete ich. »Alles, was Sie mir zu sagen haben, ist bei mir gut aufgehoben. Der einzige, dem ich es mitteilen werde, ist mein Kollege Chaney, und der hält ebenso dicht wie ich.«

Er nickte nachdenklich, dann setzte er sich in seinem Stuhl zurecht und sah mich entschlossen an.

»Gut, Sir«, begann er. »Es betrifft die Morde. Ich bin etwas in Sorge, Mr. Camberwell, aber ich traue mich nicht, bei uns in Cheverdale-Haus darüber zu reden.«

»Sprechen Sie ruhig«, erwiderte ich ermutigend.

Er sah nach der Tür, wie es mechanisch Leute tun, wenn sie Geheimnisse haben, und senkte die Stimme: »Ich bin überzeugt, daß Mr. Paley etwas weiß, Sir«, sagte er. »Ich bin fest davon überzeugt, daß er etwas weiß.«

»Was für Gründe haben Sie dafür, Harris?« fragte ich, »Sie haben natürlich einen Grund für Ihre Annahme?«

»Ja, den habe ich«, erwiderte er. »Ich würde ja sonst nichts sagen. Sie erinnern sich, Sir, was ich Ihnen und Mr. Chaney über die Auffindung von Mr. Hanningtons Leiche gesagt habe?«

»Ich erinnere mich.«

»Ich sagte Ihnen, daß ich gleich, nachdem ich die Leiche gefunden hatte, nach dem Haus stürzte und Mr. Paley lesend, ganz allein, in der Bibliothek fand.«

»Das stimmt.«

»Und daß Mr. Paley mit mir zu dem Gebüsch ging, sich die Leiche ansah, ins Haus zurückkehrte und nach der Polizei telefonierte?«

»Jawohl, alles das haben Sie mir erzählt.«.

»Ja, Sir, aber eins habe ich Ihnen nicht gesagt: Kaum hatte Mr. Paley nach der Polizei telefoniert, überließ er es mir und dem Haushofmeister, die Polizei zu empfangen, und – ging weg! Das habe ich Ihnen noch nicht gesagt, Sir, es war mir damals entfallen.«

»Er ging weg?« rief ich aus, »wohin denn?«

»Ich weiß es nicht, Sir. Er sagte nur, er müßte sofort Mr. Hanningtons Verwandten Mitteilung machen; ›Verwandte‹ oder so ähnlich hat er gesagt. Dann ging er schnell weg. Und er kam erst um halb vier wieder zurück, Mr. Camberwell!«

Zunächst antwortete ich gar nicht, sondern überlegte: Paley war in der Zeit von zwölf bis halb vier Uhr nicht in Cheverdale-Haus gewesen! Das gab zu denken!

»Sie sind doch Ihrer Sache ganz sicher, Harris?« fragte ich.

»Ganz sicher! Fragen Sie Mr. Walker, den Haushofmeister, er wird es Ihnen bestätigen.«

Wieder überlegte ich eine ganze Weile.

»Harris«, sagte ich dann, »was ist denn Ihre Ansicht darüber?«

Bevor er antwortete, nahm er eine Zeitung aus seiner Tasche und wies auf eine angestrichene Stelle.

»Hier, in dieser Zeitung ist ein Bericht über den verstorbenen Mr. Hannington, Sir«, sagte er. »Hören Sie mal das, Sir: ›Der Verstorbene war unverheiratet, und seine einzige Verwandte ist seine Schwester, Mrs. Trenholm, die im Norden Englands wohnt.‹ Es gibt also gar keine Verwandten in London, denen Mr. Paley die Nachricht hätte bringen können, Mr. Camberwell.«

»Das scheint wirklich so, Harris. Haben Sie noch irgendeine Vermutung?«

Harris faltete die Zeitung zusammen und steckte sie wieder in die Tasche. »Allerdings, Sir«, antwortete er. »Diese Frau wurde in Little Custom Street zwischen zwölf und zwei Uhr ermordet. Was schließen Sie jetzt daraus, Sir?«

Ich behielt meine Gedanken für mich und antwortete nicht auf seine Frage, und so fuhr er fort:

»Mr. Paley war in jener Nacht von viertel oder spätestens halb eins bis halb vier Uhr nicht im Haus. Er hatte gesagt, daß er Mr. Hanningtons Familie benachrichtigen wolle – Mr. Hannington hat aber keine Familie, das war also alles Lüge! Wo ist Mr, Paley gewesen?«

Ich sagte noch immer nichts. Ich wollte erst alles erfahren, was Harris im Kopf herumging. Er sprach jetzt ganz frei von der Leber weg, und ich ließ ihn reden.

»Ich habe mir die Mühe gemacht, selbst einiges festzustellen, Sir. Ich hatte gestern ein paar Stunden frei, und da vergewisserte ich mich, wie lange jemand braucht, um von Cheverdale-Haus nach Little Custom Street zu gehen. Ich lief genau einundzwanzig Minuten, gutes Durchschnittstempo. Das war am Tag – mit Verkehr und Fußgängern. Bei Nacht hätte man, ich wette, noch weniger gebraucht.«

Jetzt mußte ich offen sprechen.

»Harris«, fragte ich, »wollen Sie etwa andeuten, daß Paley diese beiden Morde begangen hat?«

»Ich weiß nicht, ob ich damit irgend etwas andeute, Mr. Camberwell«, antwortete er. »Ich sagte nur, ›Ich glaube, Paley weiß etwas‹. Sehen Sie, Sir – ich habe unter unsern Leuten etwas herumgehorcht. Von dem Zeitpunkt an, wo Lord Cheverdale Paley verließ und sich in sein Zimmer zurückzog, weiß niemand, wo Paley war! Ich fand ihn lesend in der Bibliothek – schön; aber zwischen diesem Zeitpunkt und dem Ende seiner Partie Piquet mit Seiner Lordschaft liegt eine hübsche Zeit. Und während dieser Zeit ist Hannington ermordet worden. Und dann – wo war Paley zwischen halb eins und halb vier Uhr? Während dieser Zeit ist die Dame ermordet worden. Und zwar auf genau dieselbe Weise. Das gibt einem doch zu denken, Mr. Camberwell.«

»Sie haben ganz recht«, stimmte ich zu. »Ganz recht! Das gibt reichlich zu denken, Harris. Aber können Sie Ihren Mund auch wirklich halten?«

»Sie dürfen sich ganz auf mich verlassen, Mr. Camberwell«, versicherte er, »Kein Wort sage ich, Sir, wenn Sie es nicht wünschen.«

»Gut, ich verlasse mich darauf! Sagen Sie niemandem etwas, nicht einmal Ihrem besten Bekannten. Und besonders niemandem in Cheverdale-Haus. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich das mit meinem Kollegen bespreche? Er ist so verläßlich wie sein Ruf, hat Erfahrung in solchen Dingen und wird schon wissen, was zu tun ist. Also gut, seien Sie unbesorgt und überlassen Sie mir alles Weitere. Sie sind Ihre Sorgen los, jetzt heißt es nur abwarten!« Er ging befriedigt weg, aber ich saß noch eine Weile und überlegte mir seine Geschichte. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto häufiger kamen meine Gedanken immer wieder auf den einen Punkt zurück: wohin war Paley gegangen, als er Cheverdale-Haus unmittelbar nach der Entdeckung des Mordes verließ, und warum war er weggegangen? Zumindest schien es höchst sonderbar, daß er das Haus so eilig verlassen hatte; als besonders auffällig kam hinzu, daß Hannington, soweit wir wußten, keine Verwandten hatte, denen Paley die Nachricht von seinem tragischen Ende hätte mitteilen können. Oder hatte Hannington Verwandte, von denen nur Paley wußte? Das war möglich; aber keiner von ihnen war zum Vorschein gekommen. Die Schwester im Norden Englands war krank und unfähig zu reisen; keiner, der mit Hannington verwandt war, hatte sich bis jetzt gemeldet. Die Vermutung lag daher nahe, daß Paleys Bemerkung zu den Dienern von Cheverdale-Haus eine Entschuldigung, eine Ausrede gewesen war. Aber wohin war er gegangen? Und was war der Grund für sein Weggehen gewesen?

Ich teilte das alles Chaney mit, als er am nächsten Morgen ins Büro kam. Er räusperte sich und schüttelte den Kopf.

»Ich habe ja immer den richtigen Riecher gehabt – bezeichnen Sie es mit Instinkt, Scharfblick oder einem andern hübschen Wort – der Bursche weiß etwas«, sagte er. »Ich wette, was Sie wollen: Er wußte etwas, als er damals morgens herkam; er wußte etwas, als er hier saß und den Mund hielt. Er verstand es, den Schweiger zu spielen, während wir seinem Herrn Bericht erstatteten. Aber einmal verraten sie sich ja alle! Und ich glaube, er hat sich schon verraten!«

»Wie denn, Chaney?« fragte ich überrascht.

»Durch sein Weggehen«, antwortete Chaney.

»Das verstehe ich nicht«, sagte ich.

»Man kann ihm auf die Spur kommen. Es wird Zeit kosten, viel Zeit. Aber es wird gelingen. Wir können herausbekommen, wohin erging, wo er die Zeit zwischen seinem Weggehen von Cheverdale-Haus und seiner Rückkehr zugebracht hat«, antwortete Chaney.

»Ich glaube, es wäre falsch, ihn direkt zu fragen und damit zu beschuldigen«, meinte ich.

»So wie die Dinge liegen, wäre es das Verkehrteste«, erwiderte Chaney. »Wir wollen uns das vorbehalten bis zu einem gelegeneren Zeitpunkt. Nein – ich weiß ein besseres Mittel. Klingeln Sie doch unserem Sekretär!«

Ich war neugierig, was er damit beabsichtigte, und rief Chippendale herauf. Chaney bat ihn, sich zu setzen, und betrachtete ihn aufmerksam.

»Passen Sie auf, junger Mann«, sagte er dann. »Sie sind doch ein fixer Kerl, nicht wahr?«

Chippendale, dessen Mund schon ungewöhnlich groß war, grinste jetzt über das ganze Gesicht. Seine kleinen Augen blinzelten.

»Ich bin nicht gerade auf den Kopf gefallen, Mr. Chaney«, sagte er. »Ich helfe mir immer aus der Patsche.«

»Das glaube ich gern«, sagte Chaney trocken. »Sie wissen ja auch, wo die Butterseite vom Brot ist. Haben Sie schon mal jemandem nachspioniert, mein Junge?«

Chippendale grinste jetzt listig.

»Das will ich meinen, Sir«, antwortete er. »So was hab' ich schon öfter in meiner letzten Stelle gemacht. Habe einmal einen Westend-Dandy achtundvierzig Stunden lang beobachtet, dabei kaum einen Bissen gegessen. Der hat mich tüchtig herumgehetzt! Ich sollte ihm eine Klage zustellen.«

»Haben Sie es geschafft?« fragte Chaney.

»Ja, ich habe ihn erwischt«, antwortete Chippendale.

»Auch schon mal Nachforschungen durchgeführt?« fragte Chaney. »So ganz im stillen, meine ich?«

»Eine Menge!« erwiderte Chippendale. »Sub rosa!«

»Aha, Sie kennen sogar Fachausdrücke!« meinte Chaney. »Ausgezeichnet, mein Junge! Wir haben nämlich eine nette Aufgabe für Sie. Sie haben doch alles über den Mord in Cheverdale-Haus und auch über den zweiten in Little Custom Street gelesen?«

»Alles, was in der Zeitung stand«, sagte Chippendale.

»Famos!« erwiderte Chaney. »Hören Sie also mal zu: Sie sollen bei der Sache tüchtig mithelfen. Ich werde – besser gesagt: Mr. Camberwell wird Sie jetzt einem Diener in Cheverdale-Haus vorstellen, einem gewissen Harris ...«

»Das ist ja der Bursche, der die Leiche fand«, unterbrach Chippendale eifrig. »Ich weiß!«

»Ganz recht«, antwortete Chaney. »Übrigens ein sehr netter, junger Mann. Sie werden sich mit Harris anfreunden. Durch ihn sollen Sie auch mit der andern Dienerschaft in Cheverdale-Haus bekannt werden, besonders mit der weiblichen. Fangen Sie eine kleine Liebelei an, wenn Sie wollen, aber halten Sie die Augen offen. Sie möchten natürlich wissen, was der Zweck der Sache ist? Sie sollen alles, was Ihnen möglich ist, über Mr. Paley, Lord Cheverdales Privatsekretär, herausbekommen. Sie müssen bei allem, was Sie tun, mit der größten Sorgfalt zu Werke gehen, lieber Freund. Nur keinen falschen Schritt. Langsam und sicher, keine falsche Hast. Verstanden?«

»Vollkommen, Sir«, antwortete Chippendale. »Sie können sieh auf mich verlassen. Darf ich über meine Zeit verfügen, so lange ich dort bin?«

»Das können Sie«, stimmte Chaney zu. »Und was Sie auch herauskriegen, behalten Sie es für sich, bis Sie es uns mitteilen können.«

Ein paar Tage darauf brachte ich in unserem Büro Chippendale mit Harris zusammen. Natürlich mußte ich Harris einweihen. Er nahm es mit Eifer auf – er würde Chippendale als seinen Busenfreund in den Kreis der Dienerschaft von Cheverdale-Haus einführen: da war ein Stubenmädchen, das ihm schon zusagen würde. Harris selbst war bereits mit der Kammerzofe von Miß Chever verlobt. Und es wäre doch verhext, wenn sie beide zusammen über Paley nichts herausbekommen sollten ...

»Vergessen Sie nicht, daß Sie für jeden geleisteten Dienst gut bezahlt werden«, sagte ich. »Die Hauptsache ist Verschwiegenheit und außerdem Vorsicht!«

Das also war in Ordnung, aber Chaney wollte die Sache auch noch von einer anderen Seite anpacken. Eines Morgens, kurz nachdem wir die Harris-Chippendale-Verbindung hergestellt hatten, kam er in mein Zimmer und sagte, wir sollten ins Büro der ›Sentinel‹ gehen und Miß Hetherley aufsuchen.

Ich fragte, warum.

»Wir brauchen ihre Hilfe«, antwortete er. »Gehen wir also!«

Wir wurden sofort von Miß Hetherley vorgelassen. Chaney vergewisserte sich, daß kein Lauscher in der Nähe war, bat Miß Hetherley um strengste Verschwiegenheit und erzählte ihr dann, was Harris von Paleys Verhalten in der Mordnacht berichtet hatte.

»Und jetzt«, schloß er, »sagen Sie mir bitte eins, Miß Hetherley, ist Paley seit dem Mord hier gewesen?«

»Ja«, erwiderte Miß Hetherley. »Einmal. Er kam vor einigen Tagen her mit einem Auftrag für mich von Lord Cheverdale. Ich sollte nämlich Mr. Hanningtons Schreibtisch und Schrank durchsuchen, in denen er immer seine Papiere aufhob, und sollte alle Privatpapiere von den Dokumenten, die sich auf das Büro und die ›Sentinel‹ beziehen, trennen und Mr. Paley aushändigen.«

»Haben Sie damit schon angefangen?« fragte Chaney.

»Ja, ein bißchen«, erwiderte Miß Hetherley. »Bis jetzt habe ich nichts gefunden. Mr. Hannington hatte nicht die Gewohnheit, Privatpapiere hier zu lassen.«

»Na, und seine Wohnung in Mount Street?« fragte Chaney.

»Mr. Paley sagte mir, daß er dort selbst suchen würde. Was an Privatpapieren existiert, wird – glaube ich – dort liegen.«

»Vielleicht sind aber auch hier welche«, sagte Chaney. »Nach allem, was ich Ihnen gesagt habe, sehen Sie doch, Miß Hetherley, daß wir Grund haben, Paley wegen einer Mitschuld an dem Mord zu verdächtigen. Denn was sollen wir davon denken, daß er Cheverdale-Haus unmittelbar nach dem Mord verließ und drei Stunden weg war? Und das gerade zu der Zeit, als der Mord in Little Custom Street begangen würde? Wie denken Sie darüber?«

»Ich glaube bestimmt, daß Paley ein schlechter Kerl ist«, antwortete Miß Hetherley ehrlich. »Das war immer meine Meinung. Er ist ein Intrigant.«

»Wollen Sie uns helfen?« fragte Chaney. »Es ist nicht viel, was ich von Ihnen verlange, aber es ist außerordentlich wichtig.«

»Was ist es denn?« fragte Miß Hetherley.

»Folgendes: Wenn Sie in Hanningtons Schreibtisch oder Schrank irgendein Privatpapier oder Dokument finden, das nach Ihrer Meinung mit dem Mord oder dem Besuch von Mrs. Clayton bei Hannington zusammenhängt, händigen Sie es nicht Paley aus! Zeigen Sie es auch nicht den Leuten von Scotland Yard! Lassen Sie es nur Mr. Camberwell und mich sehen. Können Sie das versprechen? Es ist von allergrößter Wichtigkeit.«

Miß Hetherley überlegte einen Augenblick, dann nickte sie zustimmend. »Einverstanden!« sagte sie. »Ich gebe Ihnen mein Wort. Glauben Sie denn, daß ich etwas finden werde?«

»Ich will Ihnen sagen, was ich glaube«, erwiderte Chaney. »Sie erzählten uns, daß Mrs. Clayton Papiere in der Hand trug, als sie hierher kam, daß aber die Papiere dann in Hanningtons Händen waren, als er die Dame hinausbegleitete. Ich halte es nun für höchst wahrscheinlich, daß unter diesen Papieren einige waren, die er nicht bei sich herumtragen, sondern sofort in Sicherheit bringen wollte, und zwar hier.«

Miß Hetherley überlegte. »Möglich!« sagte sie. »Also gut, Mr. Chaney. Abgemacht! Ich werde sorgfältig nachsehen. Und sollte ich etwas finden, komme ich gleich zu Ihnen ins Büro.«

Chaney seufzte erleichtert auf, als wir weggingen.

»Das ist eine zweite wertvolle Hilfe«, sagte er. »Was die Frau verspricht, das hält sie auch; und was ich eben zu ihr gesagt habe, das glaube ich wirklich: möglicherweise findet sich dort etwas.«

Zwei Tage später führte Chippendale strahlend Miß Hetherley zu uns herein. Sie trug eine kleine Handtasche bei sich, aus der sie ein Kuvert zog.

»Ich habe etwas gefunden«, sagte sie ruhig. »In Hanningtons Schrank. Sehen Sie mal – ein gewöhnliches Kuvert, versiegelt. Es ist etwas drin, es fühlt sich wie ein einfacher Bogen Papier an. Hier stehen außen zwei Anfangsbuchstaben: A.C. Sind das die von Mrs. Clayton? Hier sind noch zwei Anfangsbuchstaben: T. H., das sind die von Mr. Hannington. Und hier ist ein Datum – das Datum des Tages, an dem sie ihn besuchte. Aber was mag drin sein?«

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