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Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg

Charlotte Niese: Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Niese
titleDas Tagebuch der Ottony von Kelchberg
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunVierte Auflage
correctorreuters@abc.de
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1816, Plön.

Die letzten Worte meines Tagebuches schrieb ich vor zwei Jahren, und dann ereignete sich so viel, daß ich niemals Ruhe fand, die Feder in die Hand zu nehmen. Jetzt aber kommt es über mich wie ein langsames Verlöschen. Mit dem Rest meines kleinen Vermögens erstand ich ein bescheidenes Häuschen hier am See, und ich denke ans Ende.

Onkel Ferdinand ermahnt mich, nicht immer zu grübeln, sondern mich zu beschäftigen; also will ich auch mein altes Tagebuch hervorholen und von dem schreiben, was ich erlebte. Es war nach den hundert Tagen. Napoleon kam und verbreitete Schrecken in Paris. Der König floh mit seinem Hofstaat, und Barival begleitete ihn. Er klagte wieder über seine Gesundheit, wollte aber keinesfalls dem korsischen Eroberer begegnen. Ich dagegen blieb ruhig in meinem Hause. Mir tat niemand etwas – wer hatte damals Zeit, sich um unbedeutende Persönlichkeiten zu bekümmern?

Dann kehrte der König zurück; mein Mann aber war nicht bei ihm. Ich machte mir keine große Sorge. Er ging ja immer seine eigenen Wege. Aber dann kam Jeanne zu mir und wollte erfahren haben, daß er krank wäre, in einem kleinen Orte der Schweiz. Sie hatte ja immer so viele Verbindungen, und seitdem ihre Claire einen Offizier geheiratet hatte, wußte sie noch mehr als sonst.

»Er soll ganz allein sein!« setzte sie hinzu, und ich begab mich gleich in die Tuilerien, um Näheres zu erfahren.

Aber die Bourbonen waren noch alle krank von dem Schrecken, den ihnen Napoleon eingeflößt hatte, und nur die Herzogin von Angoulême gewährte mir eine kurze Audienz. Aber sie sprach nur von den Enttäuschungen, die ihr Frankreich bereitet hatte; als ich von dem Marquis sprach, lächelte sie in ihrer kalten Art.

»Soviel ich weiß, ging es ihm gut. Es war alles mögliche, daß er nicht, wie so viele, zum Usurpator überging; wir sind es gewohnt, daß man uns verrät.«

Ich stand in ehrerbietiger Haltung vor ihr und erwartete das Wort der Entlassung, als die Tochter Marie Antoinettens plötzlich aufstand und mich am Arm faßte. »Marquise,« rief sie mit erstickter Stimme, »ich weiß, daß Sie mich unliebenswürdig schelten, und ich weiß, daß ich es bin, aber ich kann nicht vergessen! Ich kann es nicht!« Und sie wies mit der Hand nach dem Platz, den sie von ihrem Fenster sehen konnte, und auf dem ihre Eltern gestorben waren.

Ja, es ist schwer zu vergessen. Der alte Duplay kann es auch nicht. Als ich ihn zuletzt sah, stand er in seiner Haustür und drohte hinter einem königlichen Hofwagen her, der, reich aufgeschirrt, an ihm vorüberfuhr. Er träumt noch immer von der Republik, und daß sie wiederkehren muß, weil sie für sein Vaterland das beste ist. Und in einem Gemach seines Hauses steht das Bild von Robespierre, und Lenore betet es an. Die ganze Straße St. Honoré kennt die immer in Schwarz gehüllte Gestalt und ihre Geschichte. Niemand lacht über sie; wer lacht auch über das Festhalten an dem, das wir liebten und an das wir glaubten?

Mit diesen Gedanken bin ich in die Schweiz gefahren. Jeanne begleitete mich. Ihre Tochter wohnt augenblicklich in Lausanne, und es war mir eine Erleichterung, nicht allein auf eine Kammerjungfer angewiesen zu sein, deren Schatz bei Quatrebas gefallen war, und die den ganzen Tag weinte. Ich verdachte ihr nicht die Tränen; aber, da ich wußte, daß sie schon an einen anderen Sergeanten geschrieben hatte, um sich mit ihm zu verloben, so war ich nicht so milde, wie ich hätte sein müssen. Denn wir bedürfen alle der Milde. Als ich am Krankenbett meines Mannes stand, den ich endlich in einem kleinen Vorort von Genf fand, da überkam mich die Reue. Ich hatte ihn nicht genug geliebt, ich hatte ihn seine eigenen Wege gehen lassen – war es recht von mir gehandelt?

Wir haben niemals erfahren, wie der Marquis, schwerkrank, hierhergekommen war. Irgendein Herr hatte ihn gebracht, als er bewußtlos war, und hatte Geld für ihn dagelassen. Nicht sehr viel, die Wirtsleute waren schon unfreundlich und sprachen vom Armenasyl!

Sobald es ging, reisten wir mit dem Kranken nach Paris. Er war manchmal bei Besinnung und kannte mich, aber man konnte ihn nichts fragen; dann begann er zu weinen. Was war mit dem einst so schönen, stolzen, erfolgreichen Jean de Barival vorgegangen? Ich erfuhr es niemals. In diesen Tagen der Unruhe, des Zusammenbruchs so vieler Geschicke bedeutete das Schicksal eines einzelnen nichts. Jeanne sprach allerdings ihre Gedanken aus:

»Da wird schon die Mamsell Koralie dahinter stecken, Madame! Der Marquis ist ihr langweilig geworden, und sie hat sich nach was anderem umgesehen.«

Ich erwiderte nichts auf diese Worte, aber als wir in Paris anlangten und die Gläubiger von allen Seiten mich bedrängten, wußte ich jedenfalls, daß Koralie sich getreu geblieben war. Unglaubliche Rechnungen von Juwelieren und Schneidern wurden mir vorgelegt. Ob der Marquis wirklich alle Perlenschnüre und Diamanten gekauft hatte, die ich bezahlen sollte, erschien mir zweifelhaft. Außerdem mußte er in den letzten Jahren stark gespielt und immer verloren haben. Die Banken, denen er seine in den eroberten Ländern zusammengescharrten Gelder zugeschickt hatte, bewiesen, daß er seine Kapitalien allmählich wieder an sich genommen hatte. Wie gewonnen, so zerronnen. Als ich die kostbare Einrichtung meines Hauses unter den Hammer bringen ließ, dachte ich an dies Wort. Endlich mußte ich mein Haus verkaufen und auch die zwei Güter, die noch von meinem Onkel stammten, deren Erträgnisse aber in den letzten Jahren so schlecht gewesen waren, daß ein Makler sie mir nur unter Seufzen abnahm.

Es war eine wunderliche Zeit. Bei meinem armen Mann stellten sich die Vorboten einer Gehirnlähmung ein: er zeigte wenig Teilnahme mehr und ließ sich ruhig aus dem großen, vornehmen Hause in ein kleines Quartier der Rue St. Honoré bringen. In dasselbe Häuschen, in dem unten meine gute Vallier noch immer ihren Laden hatte. Sie war eine der wenigen, die mir in diesen Tagen in rührender Treue beistanden. Sie und Jeanne blieben immer dieselben für mich, während alle die Menschen, die mich in meiner Glanzzeit gekannt hatten, wohl Worte der Teilnahme für mich hatten, aber dann doch lebhaft bedauerten, gerade in diesen schweren Zeiten nichts für mich tun zu können. Ich freute mich, daß sie's nicht taten. Es war still und heimlich in den drei Zimmern über Frau Vallier. Hinten im Hof standen einige grüne Bäume, und mein armer Kranker lag stundenlang und sah in ihr Laubwerk. Er hatte sein junges, ein wenig spöttisches Gesicht wiederbekommen, und wer ihn so liegen sah, mußte ihn für gesund halten. Wenn ich meine kleinen Besorgungen machte, saß entweder Jeanne neben ihm oder Mutter Vallier stahl sich die Zeit, um mir die Pflege zu erleichtern. Und eines Tages stand eine schwarz gekleidete Gestalt in meinem Zimmer, deren Augen mich ernsthaft anblickten.

»Sehen Sie, Bürgerin, nun merken auch Sie, wie schwer das Leben sein kann! Aber ich will vergessen, daß Sie mich einst betrogen – ich will Ihnen bei der Pflege helfen!«

Ich ergriff ihre Hand.

»Lenore Duplay, ich betrog Sie nur, weil mich die Not dazu zwang. Würden Sie auch nicht betrogen haben, um Ihr Leben zu retten?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das Leben ist zu armselig, um es durch Lügen festzuhalten!«

Dann wandte sie die Augen auf meinen Kranken.

»Auch ihm wäre es besser gewesen, in seiner Jugend zu sterben. Was hat er von seinem langen Leben gehabt? Wird jemand um ihn weinen, wenn er jetzt scheidet?«

»Ich werde es tun!« erwiderte ich. »Er ist mein Gatte, und ich habe ihm Treue gelobt.«

»Und Sie sind ihm nie, auch nicht in Gedanken, untreu gewesen?«

»Vielleicht nicht,« entgegnete ich müde. »Jedenfalls wußte er, daß ich immer für ihn da war, wenn er mich wollte.«

»Aber er wollte nicht! Ah, diese Aristos! Und meinen Robespierre haben sie hingerichtet!«

Ich widersprach ihr nicht. Ich war ihr dankbar, daß sie zu mir kam, daß sie Teilnahme hatte. Denn die hatte sie, und sie stand nach einigen Wochen neben mir, als mein armer Jean seine Augen weit öffnete und in klagendem Tone meinen Namen rief:

»Ottony!«

Ich beugte mich über ihn. »Hier bin ich!«

»Du bist mir doch nicht böse?« Er fragte in demselben Ton wie in den Zeiten seiner Jugend, wenn er mich neckte.

Ich legte meine Wange an die seine.

»Ich zürne dir nicht, armer Jean!«

»Armer Jean!« Leise sprach er das Wort nach und sagte nichts mehr. Aber als seine Seele entflohen war, lächelte sein müder Mund. –

Dann ging ich bald nach Deutschland. Paris war mir nichts mehr, und vielleicht auch war ich zu hochmütig, um in Niedrigkeit in derselben Stadt zu leben, die einst meinen Glanz gekannt hatte. Ein kleines Vermögen holte mein Sachverwalter aus dem Zusammenbruch heraus, und dann bin ich zu Schiff denselben Weg gereist wie einst, da ich jung war und da die Welt vor mir lag.

Es ist gut, einen Platz in der Welt zu haben, an den man immer gehen kann. Einst lachte ich über das kleine verschlafene Städtchen zwischen Landseen und Buchenwäldern. Es kam der Tag, an dem ich aufatmete, als ich wieder über seine holprigen Gassen gehen konnte. Die Menschen hatten sich kaum verändert; noch immer hielt der gute Herzog sein Höfchen, und der Kammerherr Treusch diente ihm. Aber Onkel Ferdinand hatte schneeweiße Haare bekommen, und als er mich sah, zitterten seine Lippen.

»Das Leben ist schrecklich, wenn man einsam ist!« sagte er leise. Ja, es war traurig, ohne Tante Amelie weiterleben zu sollen. Auch ich empfand die trostlose Einsamkeit, als ich mit dem armen Kammerherrn in seine öde Wohnung ging. Der Nähtisch meiner Tante stand noch, wie sie ihn verlassen hatte, auf dem kleinen Bord daneben lagen einige Bücher. Eins davon war der Thomas a Kempis in französischer Sprache und mit dem Wappen von Savoyen geschmückt. Es war das Geschenk der Prinzessin Lamballe an mich, als sie zu ihren Mördern ging. Jung, wie ich damals war, hatte ich dies Buch halbwegs verloren; Tante Amelie hatte es für mich bewahrt.

Nachdenklich schlug ich die vergilbten Blätter auf; in den Gedanken an die Schicksale anderer wurde meine Seele still.

Denselben Nachmittag besuchte mich Fräulein von Ahlefeld. Sie war noch rüstig, weinte, als sie von ihrer verstorbenen Freundin sprach, und lachte gleich über irgendeinen dummen Witz des Herzogs.

»Man muß vergnügt bleiben!« sagte sie halb entschuldigend, als sie die hochgezogenen Augenbrauen des armen Kammerherrn sah. »So lang' ich lebe, will ich mich der Stunden freuen, die mir Gott noch gibt. Einige Menschen nennen uns Klosterdamen überflüssig, weil wir nicht geheiratet und keine Kinder in die Welt gesetzt haben. Wir alten Jungfern aber dürfen helfen, wo's zu helfen gibt, und Freude bereiten, wo sonst keine zu finden ist!«

Sie sagte noch mehr gute und verständige Worte, und ich hörte ihr aufmerksam zu. Sie hat recht – solange Gott uns nicht von der Erde nimmt, so lange müssen wir streben, seinem Willen zu leben.

Mit Tante Georginens Hilfe kaufte ich mir ein Häuschen, das billig zu haben war, und dann versuchte ich, nicht immer allein zu sein und nicht immer zu grübeln. Schwer ist's, aber es ist hier gerade eine Witwe gestorben, deren Mann im Feldzuge blieb, und die zwei noch junge Kinder hinterläßt. Ich habe sie vorläufig ins Haus genommen, und sie lachen und jubeln den ganzen Tag. Dem armen Kammerherrn ist's beinah' zu viel, er mag keine lustigen Menschen sehen,' aber er hat sich angewöhnt, sein Mittagsmahl bei mir zu nehmen, wenn er nicht Dienst beim Herzog hat. Und eigentlich hat er nie Dienst – ein jüngerer Herr, der lustige Geschichten zu erzählen weiß und gänzlich verarmt ist, hat sich an den guten Herzog gedrängt und wird von ihm gern gesehen. So muß der Alte dem Jungen wohl Platz machen. Herr von Treusch tut's nicht gern. Es war seine einzige Abwechslung, dieser kleine Dienst beim Herzog, und ich habe die Empfindung, daß er tief unglücklich geworden wäre, wenn er nicht mein kleines Häuschen hätte, in das er sich flüchten und mit dessen Herrin er von seiner geliebten Verstorbenen sprechen kann. Also bin ich nicht ganz unnütz auf der Welt. Die zwei kleinen Mädchen rufen mich schon Mutter! Tante Georgine wird hoffentlich bald mit mir zufrieden sein!

* * *

Gleichmäßig gleiten die Tage dahin; es gibt wenig Menschen, mit denen ich verkehren möchte, die meisten sprechen nur von ihrem eigenen Befinden, ihren Angelegenheiten, oder sie klatschen über- und miteinander. Beim Herzog zu sein, ist nicht leicht, er will Witze erzählt haben oder selbst welche machen. Manchmal überkommt mich eine grenzenlose Sehnsucht – bin ich denn noch so jung, daß ich mich nicht bescheiden kann?

Heute kam eine dringende Einladung von Fräulein Ahlefeld aus Itzehoe. »Sie müssen kommen, Ottony,« schreibt sie. »Mein Vetter von Qualen fährt nächste Wochen mit seinem Wagen durch Plön und will Sie mitnehmen. Es soll hier drei Teegesellschaften und ein solennes Mittagessen bei der Priorin geben, wozu Sie selbstverständlich geladen sind. Lassen Sie den Herrn Onkel und die zwei Waisen, von denen ich schon gehört habe, auf etliche Tage allein. Sie haben ein gutes Dienstmädchen. Den Bälgern wird schon nichts arrivieren und dem Kammerherrn auch nicht. Kommen Sie und sehen einmal andere Environs!«

Es ist lächerlich; aber ich empfinde Neigung zu dieser Reise. Meine Magd ist wirklich gut; ich kann Zilchen und Mimichen ihr gut auf einige Zeit überlassen; Baron Falkner, Onkels Rival, hat den Arm gebrochen und kann keinen Dienst tun, also hat der gute Herr von Treusch Dienst bei Hofe. Den Herrn von Qualen kenne ich außerdem ein wenig; er ist zur Zeit des Kaiserreichs in Paris gewesen und hat mich aufgesucht. Also kann ich mit ihm von Dingen reden, die hier keinen Menschen interessieren.

Mehrere Wochen später.

Wieder sitze ich in meinem Häuschen, und im Nebenzimmer kreischen meine Pflegekinder. Sie wollen mich nicht weglassen, weil ich ihnen Geschichten erzähle, aber meinem guten Tagebuch muß ich doch gleichfalls eine Geschichte berichten. Denn sie gehört noch zu den vielen Seiten, die ich schon ausgefüllt habe. Wer überhaupt wird diese Blätter lesen? Herr von Treusch sagt, daß ich sie der Schloßbibliothek vermachen soll. Dann muß ich wohl für ihre Vollständigkeit sorgen.

Also Herr von Qualen hat mich in seiner großen Kalesche abgeholt, und wir sind zu dritt in einen wunderschönen Herbsttag hineingefahren. Einen Pastor hatte der Gastgeber mitgenommen, einen älteren Mann, der nicht viel sagte und meistens in seinem Neuen Testament las. Wir sprachen mancherlei: von Napoleon, von Ludwig dem Achtzehnten, von Dingen, die mich beinahe aufregten, während Herr von Qualen seine Pfeife rauchte und behaglich von den Dingen redete, als hätte er sie nur gelesen. Aber sein Urteil war klar und vernünftig, für ihn waren die Ereignisse der letzten Jahrzehnte nichts anderes als Schaustücke. Daher vermochte er sie so gut zu beurteilen.

Nach langer Fahrt kamen wir gegen Abend in ein kleines Nest, das Kellinghusen hieß. Hier sollten die vier Pferde Ruhe haben, und wir wollten in dem Wirtshaus übernachten, dessen Namen der Kutscher kannte.

Es war kein einladendes Haus, das ziemlich abseits vom Orte lag, vor dem wir haltmachten. Aber Herr von Qualen lachte nur, als ich sagte, hier schienen unangenehme Leute zu wohnen. Auf Reisen müsse man fürlieb nehmen, sagte er, und darin hatte er recht. Aber als ihn der dienernde Wirt in eine düstere Gaststube führte, die schmutzig und unaufgeräumt war, fragte er herrisch nach der Wirtin. Eine dicke Frau erschien, die gleichmütig die Schultern hob. Wenn die Herrschaften nicht zufrieden wären, könnten sie ja weiterfahren. Das wollten wir aber nicht, und während die Herren eine stickige Stube betrachteten, in deren Wand ein Riesenbett eingelassen war, und ich energisch erklärt hatte, nicht mit den zwei Männern ein Zimmer teilen zu wollen, schlurfte die Frau mit mir über eine gebrechliche Treppe nach oben. In der Dunkelheit mußte ich stehenbleiben, während sie eine Tür öffnete, aus der lebhaftes Sprechen erklang. Zuerst achtete ich nicht auf die Laute, dann hob ich den Kopf. Wurde hier Französisch gesprochen? Unwillkürlich trat ich näher und sah in eine elende Mansarde, wo ein Bett stand mit einer Frau darin.

»Ich will nicht aufstehen!« rief die scharfe französische Stimme. »Wo ist der Graf, daß er Sie mit der Reitpeitsche schlägt! Dies ist mein Eigentum, und ich bin die Marquise von Brielle. Der Herzog von Tremezzo wird sehr zornig werden, wenn man mich schlecht bedient!«

Ich stand schon neben dem schmutzigen Bett und sah in ein verschwollenes rotes Gesicht, aus dem wirr entzündete Augen blickten.

Die Wirtin achtete nicht auf das Schelten der Kranken. Sie faßte sie bei den Armen und wollte sie aus den Kissen ziehen, wogegen sie sich heftig sträubte.

»Lassen Sie die Kranke doch in Ruhe!« rief ich, aber die Wirtin, der mein Hochdeutsch wohl verständlich war, zog die arme Koralie vollends aus dem Bett und warf sie auf den nackten Boden.

»Die bleibt ja doch tot,« sagte sie in mühsamem Hochdeutsch. »Hab' kein ander Bett!« setzte sie hinzu.

Im ersten Augenblick wandte ich mich zur Flucht. Noch nie hatte ich die Blattern gesehen, aber viel von ihnen gehört. Dies geschwollene Gesicht, diese Pusteln – mich überkam ein Schauder. Aber dann blieb ich doch stehen und deutete der Wirtin durch Zeichen an, daß sie die Kranke wieder auf ihr Lager betten sollte. Aber sie verstand mich nicht oder wollte es nicht. Auf dem Fußboden, von dem qualmenden Talglicht beleuchtet, kauerte das, was von der schönen Koralie übriggeblieben war.

»Sterben muß sie doch!« versicherte die Frau wieder und gab der Kranken, die wieder in das Bett kriechen wollte, einen Stoß, daß sie aufschrie und zu schelten begann. Es waren immer dieselben Worte. Sie wäre die Marquise von Brielle, und der Herzog von Tremezzo würde alle bestrafen, die sich unfreundlich gegen sie benähmen.

Ich stand wieder in der Gaststube, wo die zwei Herren verdrießlich auf ihr Abendbrot warteten. Das Haus gefiel ihnen schlecht, aber es war kein anderes in der Nähe, und die Pferde mußten Ruhe haben.

Mühsam brachte ich meine Geschichte heraus. Von der Kranken oben. Vielleicht würde einer der Herren einmal nach ihr sehen?

»Ich ganz gewiß nicht!« erklärte Herr von Qualen übellaunig, während der Pastor zögernd aufstand und das Zimmer verließ.

In zwei Minuten war der Pastor wieder da. »Es sind die Blattern!« meldete er, kreideweiß im Gesicht. »Die Wirtin sagt« –

Der andere ließ ihn nicht ausreden. Er stürzte ans Fenster, riß es auf und pfiff seinem Kutscher, daß er wieder anspannen sollte.

»Das eine Handpferd wird wohl draufgehen, da es lahmte, aber besser, daß ein Pferd krepiert, als daß wir die Blattern kriegen!«

Sehr schnell kam die Kalesche wieder vorgefahren, während der Wirt die Schultern hob. Es täte ihm leid, und die Krankheit wäre wohl eigentlich nicht schlimm. Die Frauensperson wäre ganz vergnügt gewesen, als sie mit zwei Herren hier angekommen wäre. Zwei Tage war's her. Aber in der Nacht war sie krank geworden, und die Herren hätten gemeint, sie wollten in die nächste Stadt fahren, um einen berühmten Doktor zu holen; sie wären aber nicht wiedergekommen, und Geld hätten sie gleichfalls nicht hier gelassen. Der Pastor berichtete mir, was der Wirt sagte. Er war selbst verstört, wenn auch nicht so sehr wie Herr von Qualen, der schon im Wagen saß und mich schalt, weil ich nicht einstieg. Dann kam ihm ein anderer Gedanke.

»Eigentlich sollten Sie ein wenig draußen bei Hinrich sitzen, Marquise. Die Nachtluft ist gesund, wenn man eben bei einer Schwerkranken war!«

»Ich gedenke hier zu bleiben!«

Ich sagte die Worte beinahe mechanisch, und Herr von Qualen riß dem Wirt die Laterne aus der Hand und leuchtete mir ins Gesicht.

»Sind Sie schon angesteckt, Marquise, und haben Sie den Verstand bereits verloren?«

Ich konnte nur den Kopf schütteln.

»Sie ist allein und ohne Pflege.«

»Eine Abenteurerin aus Frankreich, wie wir sie zu Dutzenden gehabt haben! Verzeihen Sie Marquise! Sie führen auch einen französischen Namen und könnten sich beleidigt fühlen. Aber im Grunde sind Sie doch eine Deutsche. Steigen Sie ein, ich will nicht länger warten! Mon dieu, mir brennt schon das Gesicht! Magister, eilen Sie sich! Sie haben Frau und Kind – wollen Sie ihnen die Blattern bringen?«

Der Pastor zögerte einen Augenblick und sah mich an. Als ich aber nur den Kopf schüttelte, stieg er ein, und die Pferde zogen an. Ich stand allein im Dunkeln vor dem fremden häßlichen Haus.

Der Wirt, der jetzt neben mir stand, hob seine Laterne und betrachtete mich.

»Was will die Madame hier?« fragte er hämisch. »Die Person oben muß sterben, und Geld hat sie nicht. Uns brachte sie die Krankheit, und wir haben den Schaden.«

Ich antwortete nicht, ging ins Haus und nach oben.

Koralie hatte sich ihr Bett wieder erkämpft. Brennend heiß lag sie in den Kissen und wimmerte nach Wasser. Ich gab ihr zu trinken und blieb die Nacht bei ihr. Niemand störte mich. Unten flüsterten die Wirtsleute, bis sie sich dann zur Ruhe legten. Im Stall brüllte eine Kuh, und die Hunde bellten. Dann fuhr Koralie wohl aus ihrem Hindämmern auf und schalt, daß man sie störte. Sie war gewohnt, daß alles um sie ruhig war, denn sie war eine Marquise von Brielle.

»Mein Vater ist der Marquis von Montmédy,« flüsterte sie. »Einer von den vornehmsten Royalisten. Er hatte bei den Septembertagen eine böse Verletzung bekommen, aber Charles versprach, ihn außer Landes zu bringen. Man konnte Charles nicht ganz vertrauen, weil er so geldgierig war, aber der Marquis würde schon wieder gesund werden und auf Charles achten.«

Der Marquis und Charles. Diese zwei kamen immer wieder in ihren Phantasien vor, wenn auch viele Bilder ihren Geist zu beunruhigen schienen. Rom, Hamburg, Wien – ein Name nach dem andern zog an ihrer Erinnerung vorüber, und hundert andere Namen flüsterte sie, die ich nicht kannte und nicht verstand. Es war wunderlich, hier zu sitzen und der Kranken manchmal das Zinngefäß mit Wasser zu reichen. Alte Erinnerungen erwachten, alte Gedanken und Wünsche standen auf, die lange tot sein sollten und begraben. Aber wir sterben doch nur mit unserm äußeren Menschen. Unsere Seele lebt, auch wenn wir sie tot glaubten.

Als der Morgen graute, stand die häßliche Wirtin neben mir und brachte mir heiße Milch. Sie sagte dabei einige Worte, die nicht unfreundlich klangen, zugleich aber fragte sie nach Geld. Als ich den Kopf schüttelte und versicherte, daß ich kein Geld hätte, wurde sie wieder feindselig. Sie wollte die Kranke nur behalten, wenn ich für sie bezahlte. Und sie deutete auf ein kleines, von hohen Bäumen fast verstecktes Haus, das noch weiter vom Orte entfernt lag als das ihre. Das war das Haus des Abdeckers, und dorthin mußte die Kranke mit ihrer Krankheit. Der Wirt stellte sich neben die Frau und bestätigte, was sie sagte. Beide betrachteten mich argwöhnisch, aber auch gierig. Mein schwarzes Kleid, mein Hut, alles schien ihnen zu gefallen.

Es war töricht von mir gewesen, hier zu bleiben. Was ging mich eigentlich diese Frau an, die immer kränker, immer abschreckender wurde!

Die Wirtsleute bemerkten mein Zögern, meine Furcht. Dreist versuchte der Mann mich beim Arm zu fassen, aber ich riß mich los und eilte die Treppe hinunter. Was ich wollte, weiß ich nicht; vielleicht in den Ort laufen und um Hilfe bitten. Aber alle würden vor mir zurückschrecken. Die Blattern war ein böses Wort, ich hatte oft davon reden gehört.

Ich stand gerade in der Haustür, als ich die Gestalt eines Mannes über den Fahrweg auf mich zu schreiten sah. Er trug den Kopf gesenkt und ging mit Anstrengung, aber ich erkannte ihn gleich. Ich lief ihm entgegen und rief atemlos: »Peter Fuchs, du mußt mir helfen!«

Er blieb stehen und sah mich starr an. Dann nahm er den breitkrempigen Hut vom Kopf und strich über seine Stirn.

»Also du bist es, kleine Puppe, die den gestrengen und den hochwürdigen Herrn so in Aufregung versetzt hat, daß ich durch eine Stafette aus meinem Morgenschlaf geweckt bin? Nach einer Verrückten sollte ich sehen, die sich die Blattern holen wollte. Also du bist es!«

»Weshalb sollte ich es nicht sein, Peter?« gab ich zurück. »Du würdest doch auch nicht eine alte Feindin im Stich lassen, wenn sie allein und verlassen ist!«

Hastig berichtete ich von Koralie, von den Wirten, von meiner Verlassenheit und er hörte mir aufmerksam zu.

»Ja, ja«, sagte er dann, »alte Feinde muß man eigentlich hübsch zu Tode pflegen, falls man Gelegenheit dazu hat. Besonders, wenn man sie dann in die Erde buddelt und ganz gewiß weiß, daß sie nicht wiederkommen! Seitdem der Bonaparte auf der englischen Insel ist, bin ich auch zufriedener geworden. Er ist nämlich daran schuld, daß ich nicht General oder noch was Besseres geworden bin, sondern Gott danken muß, als elender Kirchspielvogt mein Leben zu fristen.«

»Du bist also ein Beamter und kannst mich natürlich einmal wieder aus der Klemme ziehen!« rief ich fast lachend, denn mir war leichter ums Herz geworden.

Und Peter Fuchs half. Vor der Obrigkeit wurden die Rücken krumm, und die Sterbende konnte bleiben, wo sie war. Peter schickte mir sogar ein altes Weiblein, das sich nicht vorm Tode fürchtete und bei Koralie blieb, wenn der Kirchspielvogt einen Spaziergang mit mir machte. Er wohnte ganz am Ende von Kellinghusen und war schlecht zu Fuß, aber er kam täglich zweimal, um nach mir zu sehen. Es war aber ein anderer Peter Fuchs als der, den ich einstmals gekannt hatte. Ein finsterer, mürrischer Mann war er geworden, ohne Freude am Leben, ohne ein besonderes Ziel. Aber ich merkte, daß er nicht gefragt werden wollte, und so unterließ ich es, mich nach seinen Schicksalen zu erkundigen.

Ich mußte auch meistens an Koralie denken. Sie war sehr krank, und der herbeigerufene Arzt sagte, daß sie schwer leiden müßte, aber sie konnte nicht sterben. Vielleicht weil sie nicht wollte. Alle ihre Worte sprachen von wildem Lebenshunger. Sie war noch nicht fertig auf dieser Welt – sie wollte nicht fertig sein. Ihre Reden waren wüst und verworren, kaum die Hälfte konnte ich verstehen. Von Geld, von Vornehmheit sprach sie beständig, gelegentlich auch von Liebe – aber die war ihr immer Nebensache gewesen: den Namen von Jean Barival nahm sie nicht in den Mund. Einmal kam ein lichter Augenblick, in dem sie mich vielleicht erkannte. Da stieß sie einen Schrei aus.

»Diese Aristo muß auf die Guillotine!« rief sie, um gleich wieder in das wilde Gelächter auszubrechen, das unten im Hause zu hören war, und vor dem sogar die stumpfen Wirte davonliefen.

Aber dann kam doch das Ende. Koralie war still geworden und lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich öffnete sie sie weit und deutete mit dem Finger auf die schmutzige Wand:

»Herr Marquis, Charles ist ein Betrüger! Ich weiß es, und Sie sollten nicht mit ihm gehen!«

Dann lachte sie. »Ach, die vielen Aristos, die sterben müssen! Es ist ihnen gesund!«

Mit diesen Worten ist sie aus dem Leben gegangen.

An demselben Tage noch haben wir Koralie auf dem kleinen Kirchhof begraben. Keine Glocke läutete, der Totengräber setzte den Sarg auf einen alten Karren; Peter und ich gingen hinterher. Ich war tief in Gedanken, und Peter war gleichgültig.

»Gut, daß sie tot ist, Marquise! Jetzt nehmen Sie ein Bad in Essigwasser und machen, daß Sie in Ihr Haus kommen! Vom Kloster Itzehoe habe ich einen Brief erhalten, in dem ich angehalten werde, Sie nicht ins adlige Stift reisen zu lassen. Die hochwürdigen Damen haben Angst, und niemand kann's ihnen verdenken. Wer ein gutes Leben hat, der mag nicht sterben!

»Weshalb nennst du mich eigentlich Sie, Peter?« erkundigte ich mich erstaunt, und er bürstete an seinem groben Rock.

»Weil es sich nicht schickt, wenn ich vertraulich gegen eine Dame von Stande bin, Marquise. Wäre ich General geworden, würde ich vielleicht weiter »kleine Puppe« und dazu du sagen. Aber ein invalider Kapitän, der lange Zeit im Gefängnis saß und nur aus Gnaden noch in ein kleines Amt gesteckt worden ist, so einer darf sich nichts herausnehmen!«

»Aber du bist doch mein Jugendfreund und hast mir das Leben gerettet! Hier eigentlich auch, denn die liebenswürdigen Wirte hätten mich sehr schlecht behandelt, vielleicht auch getötet, wenn du nicht gekommen wärest!«

»Das war alles meine Pflicht!« erwiderte er und sah dem Sarg nach, der gerade ins Grab gesenkt wurde. Ich faltete die Hände und sprach ein Gebet, und auch er senkte den Kopf und sah auf die gelbe, sandige Erde.

Peter Fuchs hat mir dann einen Wagen verschafft, und ich bin nach Plön gefahren. Einige Stunden gab er mir noch das Geleit, aber wir waren beide schweigsam geworden. Wir dachten wohl beide an das, was hinter uns lag; und wie die Wagenräder knirschend durch den Sand rollten, da hörte ich die Karren der Schreckenszeit wieder knarren, und eine große Trauer kam über mich.

Wie ich mit meinen Tränen kämpfte, begann Peter Fuchs zu sprechen:

»Nun gehen unsere Wege auseinander, Marquise, und es ist gut so. Denn Sie haben die Widerstandsfähigkeit der Frau und werden sich noch einen freundlichen Abend schaffen. Ich aber bin ein gebrochener Mann. In Nantes ist es gewesen, wo das Schicksal mich traf. Bis dahin lebte ich in den Tag hinein und gehorchte den Obern, wie man gehorchen mußte. Was kümmerten mich die Vielen, die sterben mußten? Die Republik verlangte es, und sie mußte es wissen. Als Carrier uns in Nantes befahl, dabei zu stehen und zu sehen, wie er seine Opfer ertränken ließ, machte ich mir anfangs nichts daraus. Bis ich die kleine Marguerite kennen lernte, bei deren Eltern ich im Quartier lag. Ihr Vater war Parlamentsrat und ein würdiger Mann, der über die wilde Wirtschaft den Kopf schüttelte und nicht begreifen konnte, daß wir den Revolutionsmännern gehorchten. Er ging zu Carrier, um ihm Vorstellungen zu machen; da wurde er gefangengenommen mit seiner Frau und seiner Tochter.«

Peter hielt inne und hörte auf das Schnauben der Pferde. Zwei große Vögel schwebten leise über uns – sie stießen einen heiseren Schrei aus und flogen gen Süden.

»Ich meinte, es wäre leicht, die Menschen zu retten. War ich nicht ein Kapitän in der Armee und konnte ich hier nicht ebensogut meinen Willen durchsetzen wie damals in Paris, als ich Sie rettete? Aber hier war's anders als in Paris. Die meisten Menschen waren sinnlos vor Angst, die andern blutdürstig wie die Tiger. Ich habe mir wahnsinnige Mühe gegeben; merkte ich doch immer mehr, daß die kleine Marguerite« – Er hielt inne und schluckte. Dann warf er den Kopf in den Nacken und preßte die Hände zusammen.

Es ist mir nicht gelungen; ich habe sie alle sterben sehen. Diesen abscheulichen, schamlosen, grauenhaften Tod. Mit dreißig Entkleideten zusammen auf einem Boot, das in der Mitte des Flusses auseinanderging. Am Ufer stand das Militär und die wüste, heulende Menge. Es waren einige Soldaten, die sich murrend abwandten; auch sie wurden in den Fluß geworfen. Und ich war feige. Ich drückte weder Carrier noch seinen Helfershelfern die Kehle ab; ich sah die Schmach, das Elend und wußte nicht mehr, ob ich noch ein Herz in der Brust hatte oder einen Stein. Mein Regiment wurde bald aufs Land geschickt gegen die Royalisten. Carrier mochte selbst fühlen, daß wir keine Schlächter waren. Ich hab' versucht, zu vergessen; es ist mir nicht gelungen. Ich hatte keine Freude mehr am Soldatenhandwerk, am Krieg und am Sieg. – Mürrisch tat ich, was ich sollte, aber in der Nacht sah ich immer die schrecklichen Bilder. Sie waren wie eingebrannt in meinem Innern. Und manchmal sah die kleine Marguerite mich so vorwurfsvoll an, daß ich schrie wie ein gehetztes Tier. Das einzige, was mir noch lieb war, war die Republik. Für die hatte ich gearbeitet, hatte Schande auf mich geladen und meine Liebe gemordet. Dann kam Bonaparte und wollte keine Republik mehr: ein Kaiserreich mit Mummenschanz, mit Tand und Titeln, mit allem, was wir eben glücklich aus der Welt geschafft hatten. Da habe ich scharfe Worte gesprochen und andere mit mir. Ich war in Italien mit Bonaparte gewesen, in Ägypten; er hatte mich zum Obersten gemacht und lockte mich mit einem Generalspatent. Ich hab's nie erhalten. Als ich gegen den Konsul offen meine Meinung äußerte, bin ich ins Gefängnis gekommen und lange darin geblieben. Als ich zur Geburt des armen Kindes von Rom begnadigt wurde, hieß es, ich hätte kein Offizierspatent mehr; sollte versuchen, mir wieder eins zu verdienen. Da bin ich aus Frankreich und nach Rußland gegangen. Die Russen nahmen mich schon, schickten mich aber nach der Krim gegen Kirkisen und Kalmücken. Recht und schlecht habe ich ihnen gedient, bis ich wieder Kapitän war und eine kleine Pension beanspruchen konnte. Dann bin ich hierher gekommen. Von den großen Kriegen habe ich nichts gesehen, und ich wollte auch nicht. Gegen mein altes Regiment zu kämpfen, wäre mir doch schwer gewesen, und wenn ich mich auch freute, daß Bonapartes Zeit um war, so hätte ich doch nicht helfen mögen, den hochmütigen Bourbonen wieder auf seinen wackligen Thron zu setzen. Nun bin ich seit einigen Jahren hier. Ein russischer Herr, der Einfluß in Kopenhagen hat, und dem ich einmal einen Dienst leistete, verschaffte mir den Posten. Irgendwo muß man doch begraben werden!«

»Das könnte nun auch in Plön geschehen,« versuchte ich zu scherzen.

»Nein!« Seine Stimme klang hart, und ich sagte nichts mehr.

Dies schrieb ich gleich nach meiner verunglückten Reise, dann wurde ich schwer krank und vergaß alles, auch mein Tagebuch. Nur eins nicht: Koralies Worte über den Marquis und über Charles.

Als es mir wieder klar wurde, daß ich im Bett lag und der Genesung harrte, saß Tante Georgine neben mir und schalt mit mir.

»Sie sind eine exzentrische Frau!« sagte sie mit ihrer behaglichen Stimme. »Was geht Sie eine Abenteurerin an, die irgendwo die Blattern kriegt und, wie verdient, daran stirbt? Wir haben uns in Itzehoe sehr über Sie gewundert, Ottony, und unser Klosterpropst hat es durchgesetzt, daß nach den zwei Männern gesucht wurde, die das arme Weib, nachdem sie krank wurde, verließen und wohl auch ihr Hab und Gut mit sich nahmen. Aber die Kerle sind spurlos verschwunden, und wenn auch die Wirtsleute ins Gefängnis gesteckt sind, weil sie gewiß auch die Fremde beraubt haben, so wird sicherlich nichts bei der Untersuchung herauskommen. Aber alle diese Dinge haben viel Schreibereien erfordert, und unser Klosterschreiber soll ganz böse auf Sie sein. Denn sonst läßt man bei uns die Fremden für sich selbst sorgen, und das ist auch das Vernünftigste. Mit andern sich abgeben, bringt nur Verdruß!«

»Warum sitzen Sie denn bei mir und pflegen mich, Tante Georgine?« fragte ich müde, und die alte Dame griff nach ihrem Strickzeug, das sie aus der Hand gelegt hatte.

»Kind, ich bin eine alte Person, und wenn ich davongehe, freut sich die Dame, die auf meinen Klosterposten wartet. Das ist der Lauf der Welt, und ich bin auch sehr vergnügt gewesen, als ich meine neunzigjährige Vorgängerin zu Grabe geleiten durfte. Also kann ich mich wohl Ihrer annehmen, besonders, da Sie nicht die Blattern hatten, wie mir gemeldet wurde. Sie haben ein bißchen was im Kopf gehabt, viel Kopfweh und Fieber dabei, nun aber sagt der Doktor, daß Sie bald wieder gesund werden, besonders, wenn Sie sich selbst Mühe geben. Der arme Kammerherr ist todunglücklich, und Ihre kleinen Mädchen müssen auch gepflegt werden.«

»Ich muß den Marquis von Montmédy suchen,« murmelte ich. »Da war noch jemand Fremdes im Kieler Armenhaus, aber Tante Amelie wollte ihn nicht sehen!«

Tante Georgine stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Fangen Sie schon wieder an? Denken Sie doch einmal an unsern guten Herzog hier. Er hat jetzt Strumpfstricken gelernt, und die Beschäftigung macht ihm viel Vergnügen!«

Unwillkürlich mußte ich lachen, und dann erzählte mir die gute Dame einige andere Geschichten, über denen ich einschlief. Aber im Traum suchte ich meinen armen Onkel und dachte an Charles, der ein Betrüger war.

Endlich aber saß ich im Garten, horchte auf die Vogelstimmen und wunderte mich, daß es schon wieder Frühling war.

Tante Georgine saß neben mir.

»Sie sind doch froh, wieder so weit zu sein, Ottony?«

Ich antwortete nicht gleich. Gewiß, ich war froh; aber war das Leben nicht eigentlich sehr leer? Ich dachte an Peter Fuchs, der nichts von mir wissen wollte, und an einen Mann, der mein Onkel war und vielleicht noch lebte in Armut, Dunkelheit und Niedrigkeit – und er hatte mich doch in sein Haus genommen, und das kleine Vermögen, von dem ich lebte, stammte von ihm.

»Ottony,« Tante Georgine räusperte sich. »Wissen Sie, daß Sie viel vor sich hingesprochen haben? Das kommt ja im Fieber vor, und dieser Peter Fuchs ist bekanntlich Kirchspielvogt in Kellinghusen und ein sehr wunderlicher Mann. Ehemals war er ein frecher Junge – wissen Sie noch? Nun, er ist ja weit in der Welt gekommen und hat wohl allerhand erlebt, das ihn menschenscheu macht. Sich mit ihm zu beschäftigen, ist eigentlich nicht der Mühe wert. Und was den Herrn Marquis betrifft, so wissen Sie doch, daß er in Kiel beerdigt ist, und daß Ihre Tante ihm einen Grabstein gesetzt hat?«

»Charles war ein Betrüger!« murmelte ich, und die gute alte Dame strickte eine Weile, ehe sie antwortete.

»Ich will Ihnen mal was sagen, Kind. Ich habe an meine Cousine Anna Rantzau in Kiel geschrieben, die ein vernünftiges Frauenzimmer ist, und die dazu die ganze Obrigkeit der Stadt kennt. Sie ist ins Kieler Armenhaus gegangen und hat sich die unbekannten Leute dort vorführen lassen. Denn es sind in der Tat einige Alte da, die damals nach den abscheulichen Pariser Tagen in der Umgegend aufgefunden und in die Stadt abgeliefert worden sind. Es ist wirklich Sonderbares dort, zwei alte Frauen zum Beispiel, die verwirrt im Kopf sind, und von denen sich die eine eine Herzogin, die andere eine Gräfin nennt. Niemand aber hat je nach ihnen gefragt, und wenn sie wohl auch Französinnen sind und damals mit Hunderten herkamen, so müssen sie doch im Armenhaus bleiben bis an ihr Ende. Und dann ist dort auch ein alter Mann. Er hat eine tiefe Narbe über dem ganzen Kopf, und der Arzt sagt, daß sie ihm den Verstand gekostet hat. Er ist immer freundlich und zufrieden, gräbt den Garten im Frühling um, hat Stricken gelernt und hilft bei der Wäsche. Der Betvater – Sie wissen vielleicht nicht, daß der Vorsteher vom Armenhaus so genannt wird, obgleich er meistens wenig Luft zum Beten und mehr zum Prügeln hat – also der Betvater sagt, daß dieser Mann bei seinem Vorgänger eingeliefert ist. Er war in Lumpen, hatte keinen Pfennig Geld und war schwerkrank. Soviel ist ihm gesagt worden, und damals sind keine Bücher geführt – die Zeiten waren zu unruhig. Aber Anna Rantzau sagt, dieser Mann machte ihr den Eindruck, als könnte er wohl ein Edelmann sein. Still Kind!« Denn ich war in die Höhe gefahren.

»Still, Kind! Ich schäme mich beinahe, auf meine alten Tage so romantisch geworden zu sein, aber der Bürgermeister von Kiel hat erlaubt, daß dieser alte Mann einmal hierher kommt. Wir meinen nämlich, wenn Sie sehen, daß er's, den Sie suchen, nicht ist, daß Sie sich dann bescheiden und nicht immer von Traumgestalten heimgesucht werden!«

So ist es denn gekommen, daß schon am andern Tage ein sehr alter, dürftig gekleideter Mann in meinem Wohnzimmer saß und sich mit kindlichem Lächeln umsah. Es war windig draußen, aber die Sonne versuchte immer wieder durch die Wolken zu scheinen. Dann warf sie zitternde Lichter an die Wand, auf die Bilder und Möbel. Ich hatte nicht viel von Paris mitgebracht, fast nichts von dem, das einst dem Marquis gehört hatte; das war alles gestohlen worden. Nur auf einer Konsole lag das Andachtsbuch der Frau von Lamballe, das Onkel Treusch mir gegeben hatte, und darauf stand eine kleine Kassette. Sie war aus Metall und von mittelmäßiger Arbeit. Ich hatte sie immer gehabt, so meinte ich wenigstens; aber wie jetzt die Sonne auf ihren Beschlägen funkelte, sah ich, wie der Armenhäusler, der sich scheu umsah, plötzlich seine Blicke auf sie richtete. Er sah nichts von den Bildern an der Wand, er ging auf diesen Kasten zu, nahm ihn vom Brett und drückte an seinem Verschluß. Der Deckel sprang auf, es war nichts darin. Er zuckte die Achseln.

»Alles verloren!« sagte er auf Französisch und stellte den Kasten wieder an seinen Platz.

Und dann wußte ich, daß mir der Onkel jene Kassette in den Septembertagen gegeben, und daß ich sie verborgen hatte. Nach ihr griff der alte Mann mit dem schmalen, vornehmen Gesicht mit der entsetzlichen Narbe, die über Stirn und Kopf lief und unter den dünnen weißen Haaren zu sehen war.

»Onkel Heribert!« rief ich und faßte seinen Arm. Aber er sah mich mit leeren Augen an und antwortete nicht.

War er's, war er es nicht? Ich glaubte, ihn zu erkennen; aber die vielen Jahre hatten ihn ganz verändert. Dazu die entsetzliche Wunde, die schwere Erkrankung, Hunger, Kummer und unsagbares Elend. – Wie ich diese Worte schreibe, sitzt der alte Mann neben mir und hält die Kassette wiederum in der Hand. Sein Gesicht ist nachdenklich geworden, und seine Glieder zittern. Wie ich ihm den silbernen Becher mit dem Wappen der Montmédy reiche, läßt er die Sonne auf ihm spielen – weiter nichts!

Ich nenne ihn Onkel Heribert, und ich habe ihn im Hause behalten. Die Menschen lachen über mich und nennen mich verrückt, aber das schadet nichts. Ich bin so ruhig geworden und kann über Tante Georgine Von Kiel ist die Anfrage gekommen, ob ich den alten namenlosen Mann wirklich für immer behalten wollte, und ich habe bejahend geantwortet. Ich glaube, daß Onkel Heribert sich zufrieden fühlt. Er ist nicht mehr so mager, und er kann lächeln, wenn eins der kleinen Mädchen ihn an die Hand faßt. Der Arzt sagt auch, daß er bei mir besser aufgehoben ist, und ich würde niemals ruhig schlafen, wenn ich ihn unter fremden, armseligen Menschen wüßte.

* * *

Heute ist Weihnachtsabend, und die Kleinen haben Lieder aufgesagt und Kuchen bekommen. Onkel Treusch bringt mir einen kleinen dicken Beutel. Es ist Silbergeld darin.

»Ich habe ja noch immer Amelies Geld!« entschuldigt er sich. »Es ist mehr, als ich gebrauche. Und du nimmst lauter Fremde ins Haus!« Er ist nämlich noch immer vorwurfsvoll wegen des armen Heribert, den er natürlich nicht für den Bruder seiner Amelie hält.

Dankend nehme ich das Geld. Es ist wahr – ich habe schon von meinem kleinen Vermögen aufnehmen müssen, obgleich wir sparsam leben.

Onkel Ferdinand freut sich, daß ich nicht stolz ablehne, und berichtet von seinem Testament. Ich soll alles erben. Wenn er tot ist, kann ich noch irgend jemand aus dem Armenhause dazunehmen.

Ich lache nur und führe ihn in unser kleines Wohnzimmer. Heute brennen drei Lichter darin anstatt eins; der Tisch ist weiß gedeckt, und die Magd bringt den süßen Milchreis, auf den die Kleinen sich seit Tagen freuen. Onkel Heribert ist gleichfalls da. Sitzt in seiner Lieblingsecke und lächelt freundlich. Ich führe ihn an den Tisch, denn seit einigen Tagen ist er unsicher beim Gehen geworden. Wie er aber vor seinem gefüllten Teller sitzt, ißt er mit Behagen. Der alte Kammerherr sieht mißtrauisch auf den Alten, der aber den Löffel ordentlich zum Munde führt und sich gerade so gesittet benimmt wie der Hofmann des hiesigen Herzogs. Draußen beginnen die Glocken zu läuten: um sechs Uhr ist Gottesdienst, und meine Magd steckt den Kopf zur Tür herein, um zu melden, daß sie in die Kirche ginge. Sie wirft die Tür hastig ins Schloß, die Wände zittern ein wenig, und die Kassette auf dem Wandbrett fällt klirrend auf die Erde. Die Kassette, die Heribert immer wieder betrachtet. Hastig springt er auf, um das Kästchen aufzuheben; plötzlich schwankt er und fällt schwer gegen einen Stuhl.

Wir springen alle hinzu und richten ihn auf. Sein Kopf blutet, und er stößt nur einen tiefen Seufzer aus. –

Neujahr.

Gestern abend ist der Marquis von Montmédy nach langer Bewußtlosigkeit wieder zur Besinnung gekommen. Ich saß neben seinem Bett, und der junge ernsthafte Arzt stand vor ihm. Bis dahin wußten wir nur durch seinen Atem, daß er lebte; auch trank er ein wenig Milch und schweren Wein, der ihm löffelweise eingeflößt wurde. Aber jetzt lag er mit weit geöffneten Augen und faltete seine Hände. Ich beugte mich über ihn.

»Ich bin Ottony!« sagte ich leise, und er neigte den Kopf.

»Ich weiß! Du wirst mit deiner Tante hier im Hause bleiben, während ich mit Charles« – – Er hielt inne und atmete schwer.

Dann begann er von neuem:

»Charles hat mir versprochen – – hat mir versprochen« – – – Wieder kam die Pause.

»Ich gab ihm Geld und werde ihm noch mehr geben. Auch Koralie – – man soll sich ihrer annehmen, denn« –

Es war totenstill im Zimmer. Der Arzt und ich hielten den Atem an: nur eine Fliege summte schwerfällig an uns vorüber und schlug gegen die Fensterscheibe.

Der Marquis fuhr in die Höhe.

»Sie kommen! Sie wollen mich vors Gericht zerren! Ich tat ihnen nichts! Ich folge ihnen – – Gott sei mir gnädig!«

Er saß aufrecht im Bett und griff nach seinem Kopf. Dann atmete er kurz auf und fiel zurück. Er war tot.

* * *

Mein Onkel, der Marquis von Montmédy, ist auf dem Kirchhof der Neustadt bestattet worden. Neben dem Platz, wo Tante Amelie ruht, und wo auch ich einmal zu schlafen gedenke, bis zum Tage des letzten Gerichts. Wir haben ihm keinen Grabstein mit Titeln und Würden gegeben; der steht in Kiel auf dem Grabe eines Verräters. Was macht es? In hundert Jahren weiß doch niemand mehr von den Menschen, die einstmals über die Erde wandelten, von ihrem Leben, ihren Schmerzen. Aber ich bin so dankbar, daß ich ihn noch bei mir haben konnte, den Fremdling, der hier fremd bleiben sollte, bis er heimkehrte. Ich danke ihnen allen: Tante Georgine und auch Koralie. Denn ohne sie wäre der Gedanke an den Onkel nicht mehr in mir erweckt worden. Ja, ich bin dankbar!

* * *

Frühjahr.

Heute kam eine Stafette von Tante Georgine. Ein Brief mit zitteriger Hand geschrieben.

»Liebe Ottony, ich werde blind und taub; kein guter Zustand, aber ich muß ihn hinnehmen. Können Sie nicht einmal kommen? Im Krankenhaus liegt auch ein Mann, der immer von Ihnen reden soll. Kann nicht leben und sterben, und der Doktor sagt, daß er vielleicht noch einmal lebendig gemacht werden kann, weil er noch in guten Jahren ist.

Heißt Peter Fuchs und ist Kirchspielvogt in Kellinghusen. Kommen Sie zu mir, und kommen Sie zu ihm – wir sehnen uns. Ich mit lauter Stimme und er innerlich. – Es ist aber wohl dasselbe.«

* * *

Ich fahre noch heute.

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