Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charlotte Niese >

Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg

Charlotte Niese: Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Niese
titleDas Tagebuch der Ottony von Kelchberg
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunVierte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071029
projectid2d9d2459
Schließen

Navigation:

Zweites Buch

15. September. Karmeliterkloster.

Ich bin im Gefängnis. Ganz allein, ohne den Onkel und Tante Amelie. Sie sollen auch irgendwo eingesperrt sein, aber ich weiß nicht wo. Ich bin allein. Zuerst dachte ich sterben zu müssen, aber ich bin noch am Leben, und eigentlich ist es ein Wunder. Vielleicht muß ich auch bald auf die Guillotine. So heißt nämlich ein Ding, mit dem der Kopf schnell abgehackt wird. Es soll sehr weh tun. Aber es wird Mode, guillotiniert zu werden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, so heißt der Wahlspruch der neuen Republik, und unter dieser Devise werden wir getötet.

Jeden Tag kommt ein Karren, der die zum Tode Verurteilten zum Richtplatz fährt. Es ist aufregend, wenn die Soldaten kommen, ein Blatt aus der Tasche ziehen und vorlesen, wer auf den Karren steigen soll. Die alte Herzogin, deren Zelle ich teile, betet jeden Abend ihr Sterbegebet, aber bisher ist ihr Name nicht aufgerufen worden.

Wie alles kam, kann ich wirklich nicht sagen und auch diesen Blättern nicht erzählen, die ich hier im Gefängnis gekauft habe. Das Papier ist grob und die Feder kratzt; aber ich bin froh, mich beschäftigen zu können. So langweilig ist es hier und so dunkel. Wo wohl der Onkel und Tante Amelie sind? Niemand weiß es zu sagen, und Koralie, die liebe, gute, ist nicht in der Nähe. Schade drum, ich würde sie töten. Die Herzogin, der ich die Geschichte berichtete, sagt: »Die Rache ist Gottes«; aber ich finde, Gott hat uns verlassen, und wir müssen uns selber helfen.

Ich habe Koralie nicht beachtet, vielleicht verachtet; aber daß sie mich verriet – ich koche, wenn ich daran denke!

Es war in den letzten Tagen des August, daß ich Charles bat, mit mir zu Cécile Renaud zu gehen. Sie war nämlich noch in der Stadt, und ich wollte mich mit ihr aussprechen. Der Onkel war meistens außerhalb des Hauses, bei irgendeiner Besprechung, und Tante Amelie ging in die Nachbarschaft zu unseren Armen. Sie brachte ihnen zu essen, denn die Menschen beginnen zu hungern. Also Charles begleitete mich zu Renauds, einige Straßen weit. Er war schlechter Laune, aber das war er seit einiger Zeit immer, und ich kümmerte mich nicht darum. Er trug seine rote Mütze, seine Kokarde, und ich war ebenso verziert. Außerdem war ich sehr einfach gekleidet, und es achtete auch niemand auf uns. Viele Menschen waren auf der Straße, unter ihnen dieselben abscheulichen Männer, die ich schon am 10. August, als die arme Königsfamilie die Tuilerien verließ, gesehen hatte.

»Woher kommen eigentlich alle diese Banditen?« fragte ich Charles, der mir einen schiefen Blick zuwarf.

»Das sind ebensogut Menschen, wie Mademoiselle einer ist!« erwiderte er patzig.

»Hoffentlich mache ich nicht solchen unangenehmen Eindruck wie diese Lümmel!« lachte ich, worauf er kein Wort erwiderte und weiter maulte.

Die Renauds hatten vor einer Stunde das Haus verlassen. Eine Frau, die uns öffnete, erzählte es. Der Parlamentsrat hatte die Erlaubnis von der Nationalversammlung erhalten, sich auf dem Lande zu erholen, und seine Familie durfte ihn begleiten.

Ich war enttäuscht, aber Charles murmelte etwas, das wie eine Verwünschung klang.

»Weshalb sagen Sie etwas so Unhöfliches?« erkundigte ich mich, und er setzte seine rote Mütze fester auf den Kopf.

»Ich sage, daß die Nationalversammlung nicht so dumm sein sollte, alle Volksverräter entwischen zu lassen!«

»Herr Renaud ist doch kein Volksverräter!« rief ich zornig.

»Alle sind sie es! Alle!«

Weil er so böse war, sagte ich nichts weiter, und wir gingen schweigend heimwärts. Vor unserm Gartentür standen zwei Nationalgardisten, die, als ich eintreten wollte, den Eingang mit ihren Gewehren versperrten. »Hier darf niemand herein!« »Wie? Ich darf nicht in das Haus, in dem ich wohne?«

Ich fragte es so erstaunt, daß die zwei ihre Gewehre senkten.

»Wohnt sie wirklich hier?«

Charles nickte und setzte einige Worte hinzu, die ich nicht verstand. Ich achtete auch nicht auf ihn, sondern eilte ins Haus, über mich kam solche große Angst. Die Tür stand offen, nirgends war ein Mensch zu sehen. Nur ganz oben hörte ich Stimmen, Schelten und Gelächter.

Wie ich die Treppen hinaufkam, weiß ich nicht, ich stand in meinem Zimmer, in dem Frau Lenoir auf dem Bett saß. Koralie aber zog gerade mein blauseidenes Kleid an und betrachtete sich im Spiegel.

»Steht's mir nicht gut, Großmutter? Besser als der hochnäsigen Aristo, mit ihrem blassen Gesicht und ihren gelben Haaren?«

Ich stürzte mich auf sie mit erhobener Hand.

»Unverschämte! Heraus aus meinen Kleidern!«

Koralie starrte mich an.

»He! Bist du noch hier? Solch Fratz wie du gehört ins Gefängnis!«

Ich war so erstaunt über ihren Ton, daß ich regungslos stehen blieb. Sie schimpfte mich, sie nannte mich du – was bedeutete das?

Frau Lenoir faßte meinen Arm.

»Ärgern Sie sich nicht, Mademoiselle! Koralie ist gleich so lebhaft. Aber das Volk regiert ja nun, und alles wird besser werden!«

»Ja, alles wird besser werden!« setzte Koralie hinzu, während sie einige kleine Schmucknadeln, die auf meiner Toilette lagen, ansteckte. Dann riß sie eine Schieblade auf.

»Ich werde jetzt deine Hemden tragen und deine Röcke. Sie passen mir, und du kannst sie doch nicht gebrauchen.«

Ich war so verwirrt, daß ich zusah, wie Koralie meine Wäsche aus den Schiebladen zerrte und ein Bündel davon machte. Sie mußte verrückt geworden sein.

Frau Lenoir zog mein seidenes Federkissen aus dem Bett.

»Koralie packe das für mich ein, mich friert immer so!« Koralie hörte sie nicht. Sie ging zur Tür und rief hinaus: »Die Aristokratin ist hier! Sie muß gleich verhaftet werden, sonst läuft sie davon!«

Dann kamen Soldaten und führten mich weg. Ich wollte nicht gehen, aber sie drohten, mich zu erschießen, falls ich nicht gehorchte.

Koralie stand dabei und hielt sich die Seiten vor Lachen.

»Siehst du wohl, Aristo, wie es dir geschieht? Geschlagen hast du mich und verachtet. So viel mehr warest du immer als ich! Schöne Kleider hattest du und goldnen Schmuck! Ich aber mußte leer ausgehen und hatte doch mehr Recht als du!«

Frau Lenoir schimpfte nicht. Sie sprach mit den Soldaten, packte einige Sachen zusammen und drückte sie mir in die Hand.

»Nimm das nur mit! Du bist nun einmal verwöhnt und mußt Wechsel haben!«

Der eine Soldat hatte kein übles Gesicht. Ihn faßte ich am Arm.

»Mein Herr, bringen Sie mich zu meinem Onkel!«

Er wandte sich mürrisch ab.

»Was weiß ich von deinem Onkel? Ich bin auch kein Herr, sondern der Bürger-Korporal!«

Dann ging's ins Gefängnis. Es war alles wie eine Komödie. Auf den Straßen gingen Soldaten mit anderen Gefangenen, die sie stießen und schimpften. Vornehme Herren und Damen waren darunter, einige hatte ich schon gesehen. Dann war ich im Kloster der Feuillants, wo ich mit zwei anderen Damen eine Zelle teilte. Eine von ihnen war eine Gräfin, die andere die Frau eines vornehmen Beamten. Sie waren ebenso erstaunt, wie ich; daß sie verhaftet waren, mußte ein Mißverständnis sein. Aber es kamen immer mehr Verhaftete – das Refektorium füllte sich, und schlecht gekleidete Menschen nannten sich unsere Wächter und stießen mit uns herum. In der Nacht hatten wir keine Betten, sondern schmutzige Decken, nichts Ordentliches zu essen, und niemand sagte uns, was wir eigentlich verbrochen hätten. Wir konnten aber frei umhergehen, und ich versuchte, mich nach meinem Onkel und nach Tante Amelie zu erkundigen. Es konnte doch sein, daß sie auch hier wären. Niemand aber wußte etwas von ihnen, selbst nicht diejenigen, die den Marquis kannten.

Ich beruhigte mich. Sie waren natürlich entwichen und würden schon dafür sorgen, daß ich frei würde. Das Ganze war sicherlich ein Mißverständnis: Einige junge Herren, die auch ohne Grund eingesperrt waren, bestätigten meine Vermutungen. Es war alles ein Mißständnis, und bald würden wir alle wieder frei werden.

Die Prinzessin Lamballe war gleichfalls im Kloster und hatte die Güte, sich meiner zu entsinnen. Aber sie dachte immer an das arme Königspaar, das in den Tempel gebracht worden war. Wie es ihnen wohl ginge und ob sie auch alles hätten, was zu ihrer Bequemlichkeit diente? Diese Gedanken beschäftigten sie am meisten, und im übrigen zog sie sich zurück und las viel in einem kleinen Erbauungsbuch, das sie in ihrer Tasche trug.

Als sie dann am zweiten September vor den Gemeinderat gerufen wurde, gab sie mir das Buch in Verwahrung und einige andere kleine Sachen. – – –

Sie ist nicht wiedergekommen. Wir, die wir an diesem Tage und auch an den zwei folgenden nicht vor den Gemeinderat gerufen wurden, haben die Prinzessin niemals wiedergesehen. Auch nicht einen der anderen Gefangenen, die vor Gericht gefordert wurden. Wir hörten die Sturmglocken, den Kanonendonner, und einige der Wärter berichteten uns, was in Paris vorging.

Ein kleiner Aderlaß für die Aristos und die Pfaffen wurde gemacht, es war notwendig für die neue Republik. Und sie beschrieben, wie Lamballes Kopf der Königin gezeigt wurde, die dann in Ohnmacht fiel. Dreihundert Henker aus Marseille und dem Süden waren es, die Adel und Geistlichkeit zur Ader ließen.

Ich schreibe ruhig über diese Schrecknisse, denn ich bin abgestumpft worden. Jeden Tag kommt der Karren, und auch ich kann täglich gerufen werden. Ich bin eine Aristo, und ich will es bis an mein Lebensende bleiben.

Als wir damals in Wagen gepackt wurden, um ins Karmeliterkloster übergeführt zu werden, dachten wir alle, Alte und Junge, nun kämen die Säbelmänner und schlügen uns nieder, wie die anderen gemordet waren. Aber sie selbst mochten wohl nicht mehr. Die Straßen schwammen in Blut, und die Leichen wurden ihnen lästig. Im Karmeliterkloster sah es entsetzlich aus, als wir hineinzogen. Wir Frauen mußten helfen, den Vorraum von Blut zu reinigen, und die Männer mußten die hingemordeten Mönche und Aristokraten im Klostergarten begraben. Die Bürgersoldaten standen dabei und machten Witze, über die Toten, über uns. Den Schlimmsten von ihnen haben zwei Kavaliere, die beim Begraben halfen, hinten an den Beinen gepackt und in die Grube zu den Toten geworfen. Die Kameraden holten ihn wieder heraus. Aber er war vor Schreck gestorben. Darauf sind die beiden Herren schon am nächsten Morgen auf die Guillotine gebracht worden. Sie freuten sich aber noch auf dem Schafott über ihren Streich, und die Soldaten sind stiller geworden.

Die alte Herzogin, mit der ich eine Zelle teile, sagt, Gott würde uns rächen – aber auch ich möchte gern noch einige von den Verbrechern töten, ehe ich selbst sterbe.

Dezember.

Ich schreibe nicht mehr viel, obgleich ich noch immer Papier habe und auch genug Zeit. Aber es ist so kalt, daß meine Finger die Feder nicht halten können, und in der Zelle dürfen wir kein Licht brennen. Wenn ich aber abends ins Refektorium gehe, wo wir Gefangenen uns einige Stunden aufhalten dürfen, dann haben wir uns immer viel zu erzählen, und zum Schreiben kommt man nicht. Unsere Gesellschaft wechselt sehr. An manchen Tagen werden viele vom Karren geholt, am anderen wenig. Und es kommen immer neue dazu. Mein alter Abbé war auch zwei Tage bei uns. Gerade hatten wir uns gefunden, als er abgeholt wurde. Er liebte Gott und seinen König: das war sein Verbrechen. Ich habe mir die Tränen abgewöhnt. Aber, als ich von ihm Abschied nahm, konnte ich vor Schluchzen nicht sprechen. Er legte die Hände auf mein Haupt und sprach einen leisen Segen. Er starb gern. Zusammen mit ihm wurde meine alte Herzogin auf die Guillotine gebracht. Die alte Dame war in der Nacht vorher sehr aufgeregt; ich mußte ihr die Haare machen und sie pudern.

»Diese Rotüre soll nicht sagen, daß ich unfrisiert vor meinen Herrgott komme!« sagte sie. Dann schenkte sie mir ihre irdische Habe. Einen Kamm und einige Goldstücke, die sie in ihren Schuhen trug. Der Kamm kam sehr gelegen; denn die wenigen Sachen, die Frau Lenoir mir damals in die Hand steckte und unter denen sich ein Kamm und ein paar Strümpfe befanden, wurden mir gleich gestohlen. Es ist gut, daß einige Händler zu uns kommen dürfen. Sie stehen dann draußen vor dem Gitter und bieten uns allerhand Notwendiges an. Unsere Wäsche müssen wir uns selbst waschen, und die Frauen der Wächter stehen lachend dabei.

»Seht die Aristos, wie schlecht sie ihre Hände bewegen können! Zu nichts ist dies Volk zu gebrauchen!«

Weihnacht.

Ob es irgendwo in der Welt noch einen Ort gibt, wo man Weihnacht feiert? Wo die Glocken läuten, die Orgel in den Kirchen gespielt, wo das Evangelium der Liebe gepredigt wird? Wie kalt ist es hier, wie traurig! Gestern, am vierungzwanzigsten, saßen wir alle still beieinander. Selbst die Lustigsten, die noch lachen können, wenn der Wagen sie holt, selbst diese sagten nichts. Es wurden keine Karten gespielt, keine Gedichte aufgesagt. Heute morgen hoffte ich, daß der Karren nicht vorfahren würde – er kam aber doch. Wieder ist es meine Zellengenossin, die geholt wurde. Es war die Frau eines Kaufmanns aus Arras. Sie kam nach Paris, um sich für ihren Vater zu verwenden, der ohne Grund im Gefängnis sitzt. Ehe sie zu Robespierre kam, der der Deputierte für Arras war, wurde sie arretiert. Nun ist sie schon tot, während drei kleine Kinder auf sie warten.

Januar 1793.

König Ludwig ist hingerichtet. Wir haben es gleich erfahren und die Zeitung gelesen, in der sein Tod beschrieben wurde. Es ist bitter kalt, und wir haben Holz für den Kamin im Refektorium gekauft. Da sitzen wir nun und sprechen über Ludwig und was aus Marie Antoinette werden wird. Ich muß an Madame Royale denken. Ob sie auch so frieren muß wie wir? Manchmal tanzen wir abends, um warm zu werden, und dazu lachen wir und singen. Wir werden ja doch nicht mehr lange leben: da ist es besser, vergnügt aus dieser Welt zu scheiden.

So viele Menschen sieht man hier – Vornehme und Bürgerliche, Geistliche und Laien – jeder Tag bringt neue Gefangene, und sie berichten von der Außenwelt. Danton regiert noch immer und Robespierre hält Reden gegen die Aristokraten. Dann ist da Marat, der gleichfalls Reden hält und große Macht erstrebt. Er und Danton haben die Septembermorde auf dem Gewissen; aber eigentlich sind alle diese Menschen gleich schuldig. Die Damen und Herren sprechen viel von Politik. Da draußen an der Grenze ist immer noch Krieg; und die Mächte der andere Staaten wollen Ludwigs Tod rächen. Daher sind so viele junge Männer Soldat geworden und müssen für Frankreich kämpfen.

Ich höre gern zu, wenn man sich über diese Dinge unterhält. Wo Peter Fuchs wohl ist? Nationalgardisten stehen vor unserem Gefängnis, um es zu bewachen, und manchmal kommt eine Patrouille, die uns vor sich aufmarschieren läßt, ob wir auch alle da sind. Aber Peter Fuchs ist niemals unter ihnen gewesen.

März.

In den letzten Wochen gab es wenig Hinrichtungen. Vielleicht kommen wir noch alle einmal wieder in die Freiheit.

Mai. Rue St. Honoré.

Dies letzte Wort war ein prophetisches, denn ich bin frei. Doch daß mir die Freiheit gefiele, kann ich nicht sagen. Die Freiheit kam, weil Peter Fuchs die Wache vorm Gefängnis hatte und mich hinausließ, nachdem er mir einen Knabenanzug zugesteckt hatte.

Alles kam so schnell, so überraschend, daß ich erst wieder zur Besinnung kam, als ich neben ihm durch die dunklen Straßen lief.

Er faßte mich am Handgelenk, und wenn ihm jemand begegnete, schalt er mit vielen Flüchen über mich, seinen davongelaufenen Bruder. Bis ich ihm sagte, er sollte den Unsinn lassen.

»Es ist kein Unsinn!« erwiderte er beleidigt. »Wenn du entdeckt wirst, dann wirft du geköpft.«

»Du auch mein Junge! Und schließlich müssen wir doch alle sterben!«

»Aber noch nicht!«

»Pah – wer weiß?«

Ich war noch ganz verwirrt. Vor einer Stunde hatte ich noch die Sohlen an meine Schuhe genäht, die nicht mehr halten wollten, nun lief ich durch Schmutz und Schlick und hatte nasse Füße. Dann aber saß ich bei Frau Lenoir, trank heißen Wein aus dem silbernen Becher, und die Alte hockte vorm Kamin und wärmte sich die Hände.

»Nun, Bürger Leutnant, hast du sie gebracht? Mir hat's gleich leid getan, daß das junge Blut zu Herrn Samson soll. Sie kann sich doch noch nützlich machen und mir zur Hand gehen. Ich habe das Zittern in den Gliedern und mag nicht mehr arbeiten. Tony kann's nun für mich tun.«

Sie trank gleichfalls aus dem silbernen Becher und sah mich mit verglasten Augen an.

Peter winkte mir zu, daß ich nichts erwidern sollte. Ich war auch viel zu müde, um etwas zu sagen. Ich habe so viel gehungert und immer gefroren; der Wein machte mich heiß und besinnungslos müde. Aber ein paar Worte muß ich doch noch kritzeln. Die Lenoir schnarcht in ihrem Bett, und Peter ist weggegangen. Morgen kommt er wieder; wohnt hier ganz in der Nähe.

Drei Tage nachher.

Ich lag zwei Tage im Bett, die Lenoir schalt, daß ich nicht für sie sorgen konnte. Aber sie kochte mir eine Milchsuppe und gab mir einen alten Vorhang, aus dem ich mir einen Rock machte. Ich bin ganz ohne Kleidungsstücke und kann doch nicht als Junge verkleidet gehen. Dann würde ich gleich zum Militär eingezogen werden. Das erzählt mir Peter, der jeden Tag nach mir sieht. In diesen Tagen ist der Dienst in seiner Kompagnie etwas leichter, und er darf sich ein wenig ausruhen. Er ist schon im Krieg draußen gewesen und hat eine Narbe auf der Wange, die ihm nicht schlecht steht. Er mußte gleich nach den schönen Septembertagen weg und konnte nichts über mich erfahren.

»Ich habe mich entsetzlich geängstigt, kleine Puppe,« sagte er auf einmal und griff nach meiner Hand. Aber ich entzog sie ihm gleich.

»Hast du nicht nach Tante Amelie und ihrem Bruder gefragt? Wo mögen sie sein?«

Er hob die Schultern.

»Was weiß ich, kleine Puppe? Damals sind so viele gestorben –«

»Geschlachtet!« fiel ich ein, und er sah mich traurig an.

»Ich habe keinen Menschen getötet, es waren Franzosen, die Franzosen mordeten. Davon aber wollen wir nicht sprechen. Laß uns beraten, was mit dir werden soll. Du mußt verständig und vorsichtig sein. Die Lenoir kann dich gebrauchen, außerdem hält sie etwas von dir. Vergiß, daß du eine Aristokratin bist und denke an dein Leben! Die Guillotine ist keine angenehme Dame!«

Und er gab mir eine Menge guter Ratschläge, die ich geduldig anhörte. Denn obgleich ich mich an das Gefängnis und an den Gedanken gewöhnt hatte, auf den Karren steigen zu müssen, so schmeckte die Freiheit doch besser, selbst wenn sie nur halb war. Denn ich merke, daß die Lenoir mich zur Dienerin haben will – daß ich sie pflegen und betreuen muß. Aber was soll ich beginnen? Meine Verwandten sind verschwunden, das Haus Montmédy ist zum Nationaleigentum erklärt worden, und wenn die Behörden meinen Namen erfahren, werde ich gleich auf die Guillotine befördert. Also muß ich verständig sein.

Peter berichtete, wie er nach den Septembertagen versucht habe, sich nach mir zu erkundigen. Niemand habe ihm Auskunft geben können, auch die Lenoir nicht. Er hatte sie damals noch in unserem Hause gefunden, zusammen mit ihrer Enkelin, die getan hatte, als gehöre ihr alles.

»Das war eine unausstehliche Person,« setzte er hinzu. »Und ich konnte keine Gewalt anwenden, weil ich dann auch bestraft worden wäre. Sie schickten unser Regiment auch gleich in den Krieg. Das war schwer, und ich habe oft an dich gedacht, kleine Puppe, und mich gewundert, wo du wohl wärest, aber ich lernte allmählich, meinen Mund zu halten und so laut über die Aristos zu schimpfen, daß es ein Vergnügen war. Mein Kapitän denkt, daß ich einer seiner sichersten Adelsfresser bin, daher durfte ich mit ihm nach Paris, um die jüngsten Soldaten einzuexerzieren. Er nennt sich Voisin und sagt, daß er Schuster gewesen ist, aber er soll ein leibhaftiger Graf sein und sich nur so anstellen, als wollte er alle Aristos fressen. Na, wenn der lügt, kannst du es auch, Ottony. Da werden noch mehr Royalisten in Paris sein, die unter Verkleidung hier leben. Natürlich aber, wer so was will, der muß Grütze im Kopf haben und darf sich vor nichts scheuen!«

So redete er noch eine Weile, und die alte Lenoir klopfte ihm den Rücken. »So ist's gut, Bürger, rede ihr Vernunft ein, sonst kann ich sie nicht behalten. Und ich muß jemand haben, der meine Arbeit bei den Duplays tut. Die haben viele Deputierte im Quartier, und ich mag nicht mehr tagtäglich arbeiten!«

»Wo ist Koralie?« erkundigte ich mich, und die Alte stieß einen kläglichen Seufzer aus.

»Ja, wo ist sie? Ich hab sie nicht gesehen seit Ende September. Da wohnten wir noch zusammen bei den Cidevant Montmédys, und wir hätten noch gut bleiben können, aber der Gemeinderat wollte das Haus für sich haben. Die waren wirklich unbescheiden! Bin ich nicht immer eine gute Patriotin gewesen und habe die Royalisten ebenso gehaßt wie alle Aristos? Können sie mich nicht wohnen lassen, wo ein infamer Cidevant ehemals sein Wesen trieb? Aber ich mußte wahrhaftig wieder in meine alte Kammer, und Koralie lief davon. Von der hab ich nur Verdruß gehabt!«

So jammerte sie noch eine Weile, und Peter flüsterte mir zu, daß ich ihr nicht widersprechen sollte. Sie wäre schwach, und als er sie zuerst wieder aufgesucht hätte, wäre sie stark betrunken gewesen. Aber sie wäre im Grunde genommen gutmütig, und ich müßte mich zusammennehmen, ihr zu gefallen.

»Ich habe ihr zwanzig Flaschen Wein geschenkt, dafür nimmt sie dich auf. Wenn der Vorrat zu Ende geht, muß ich für mehr sorgen!« setzte er hinzu.

»Woher bekommst du den Wein?« fragte ich. Aber er bat mich, ihn nicht zu fragen.

Es ist hier alles Geheimnis und alles wie im Märchen, aber es ist ein häßliches Märchen.

April.

Ich heiße Tony Lenoir. Vor einigen Wochen ist ein Kommissar gekommen und hat jeden Bewohner des Hauses gefragt, wie er hieße. Nun hängt eine Tafel an unserem Haus, und alle unsere Namen stehen darauf. Mutter Lenoir erklärte gleich, daß ich ihre Enkelin wäre, und der Mann glaubte es. Beinahe hätte ich mich gegen den Namen gesträubt, aber je länger ich die Freiheit wieder kennen lerne, desto lieber wird sie mir. Selbst in diesem elenden Hause und bei einer Großmutter, die eigentlich niemals mehr nüchtern ist. Sie hat oft kein Gedächtnis mehr. Dann nennt sie mich Berta, wie ihre Tochter hieß, und weint über ihr Leben und über den Aristo, der sie verführte und verließ. Dann ist sie wieder klar und verlangt grobe Arbeit von mir.

Seit einer Woche arbeite ich beim Tischler Duplay als Stubenmädchen. Er ist ein strenger Jakobiner und regiert wohl mit über Frankreich. Ein hagerer Mann, dem die blaue Arbeitsschürze besser steht als der braune Rock, mit dem er in die Versammlung geht. Aber in der Werkstatt ist nicht viel Arbeit. Nur Särge sind zu machen für die Aristos und Royalisten, und sie werden sehr einfach gearbeitet. Duplay hat auch wenig Zeit zum Arbeiten, er sitzt den ganzen Tag in den Kommissionen oder redet mit den Deputierten, die in seinem Hause wohnen. Der vornehmste unter ihnen ist Bürger Robespierre. Ist Advokat gewesen und regiert Paris mit Hilfe von Danton und Marat. So sagt Peter, der mehr von diesen Dingen hört als ich. Mir ist's einerlei, wie die Spitzbuben heißen, die den König ermordet haben und die Königin mit ihren Kindern weiter gefangen halten. Aber sonderbar war's mir doch am ersten Tag, wie Lenore Duplay mir die Zimmer des Deputierten zeigte und mich anwies, sein Bett zu machen und seinen Kanarienvogel zu füttern. Lenore ist ein älteres Mädchen, das sehr stolz tut und die häusliche Arbeit verschmäht. Sie liest gern Gedichte, spielt die Harfe und spricht über neue Bücher. Sie würde es nicht passend finden, das Bett von Robespierre zu machen: sie liebt ihn nämlich und möchte ihn heiraten. Die kleine Jeanne, die nebenan beim Krämer dient, hat's mir anvertraut. Das ist eine Schlaue, die die Augen aufsperrt und die Ohren auch. Ihr Vater war ein Schweizergardist des Königs und ist am zehnten August ermordet worden. Sie hat nichts zu leben, und sie muß bei den Jakobinern dienen, wenn sie nicht verhungern will. Ich hab sie gern, die kleine Jeanne – sie zeigt mir heimlich die schwere Arbeit und hat Mitleid, wenn ich mich abends kaum nach Haus schleppen kann. Zu Haus sitzt dann Mutter Lenoir, will ein Süppchen oder ein Glas heißen Wein haben und weint, wenn sie es nicht bekommt. Peter sorgt noch immer für Wein. Woher er ihn bekommt, weiß ich nicht, er selbst hat wenig Geld, aber es scheint, daß einige von den Machthabern die Weinkeller der Aristokraten an sich genommen haben, wie sie überhaupt alles nahmen, was sie kriegen konnten. Ach, diese Bande! Wo habt ihr meine Tante Amelie, wo meinen Onkel gelassen? Ich sehne mich, ach, ich sehne mich und kann doch niemals lange nachdenken oder einmal gründlich weinen. Die Duplay passen mir scharf auf den Dienst, und bezahlen tun sie mir in Papiergeld, das niemand haben will. Ist es eigentlich der Mühe wert, auf diese Weise zu leben? Manchmal möchte ich meinen Namen ihnen allen ins Gesicht schreien; dann lache ich wieder innerlich über diese Plebejer, die sich von mir hinters Licht führen lassen.

Mutter Lenoir ist noch die Beste der Gesellschaft. Ich glaube, daß sie vergessen hat, wer ich bin; ihr Gedächtnis hat gelitten, und nun leidet sie auch an schwerer Atemnot. In der Nacht halte ich sie oft in meinen Armen, damit sie Luft bekommen kann, und dann flüstert sie, daß der liebe Gott mich segnen soll. Dabei wird der liebe Gott nächstens von den Franzosen abgeschafft werden, wie mir Jeanne berichtet. Sie liest die Zeitungen, und in den Laden ihres Herrn kommen viele Menschen, die von den Neuheiten reden. Bei Duplays höre ich nichts. Lenore predigt, daß Robespierres Zimmer gut gehalten wird; und wenn ich Zeit finde, muß ich zu Frau Duplay, die zwei Treppen hoch in einer Mansarde wohnt. Sie ist gelähmt und kann sich wenig bewegen. Meistens muß ich ihr Bett machen und alles in Ordnung bringen, sie ist keine schlechte Frau, nur sehr eigen und leicht gereizt, wenn nicht alles so ist, wie sie es haben will. Auch klagt sie über die jetzigen Zeiten. Ehemals, als die Tischlerei gut ging und ihr Mann nicht immer in den Sitzungen arbeitete, da war es besser. Paris wird allmählich langweilig und auch arm.

Solche Sachen aber spricht sie nur zu mir. Ihre Tochter ist stolz auf die neue Zeit, wo die Aristos schlecht behandelt werden und die Tischlerstöchter mit den Regierenden verkehren. Ich würde es schrecklich finden, Robespierre heiraten zu sollen. Er hat grüne Augen und einen falschen Mund. Er zieht sich besser an als das andere Pack, trägt reine Wäsche und hat, äußerlich wenigstens, reine Hände. Die anderen Deputierten tragen zerrissene Röcke und Hosen und sind stolz auf ihre Unordnung. Sie nennen sich Sansculotten, weil sie keine Kniehosen mehr haben.

Mai.

Die alte Lenoir ist gestorben. Als ich eines Nachmittags von der Arbeit kam, war sie so krank, daß ich zu einem Doktor lief, der in unserer Nachbarschaft wohnte. Aber er war gerade vor das Revolutionstribunal geladen. Da stürzte ich zu Duplays, weil ich den Bürger Marat, der früher Arzt war, hatte zu Robespierre hineingehen sehen; aber als ich versuchte, zu den Bürgern ins Zimmer zu kommen, wollten sie nicht gestört werden. Sie zankten sich gerade, und das war natürlich wichtiger als eine sterbende Frau.

So ist die alte Lenoir ohne ärztlichen Beistand gestorben, aber Peter meinte, der Arzt hätte auch nicht mehr helfen können. In der letzten Zeit war sie beinahe zärtlich mit mir – sie nannte mich Berta und sagte, ich sollte mich nicht grämen, weil der Marquis mich im Stich gelassen hätte, ich kriegte sicherlich noch einen guten Mann.

Peter war dabei, als sie so sprach, und er faßte meine Hand.

»Du sollst einen guten Mann haben, kleine Puppe!«

Peter ist gut, ich sehe es ein. Er hat sich viele Mühe gegeben, mich im Gefängnis zu finden und mich zu befreien. Ich schulde ihm mein Leben; aber werde ich es nicht doch bald verlieren? Die kleine Jeanne sagt, der Spektakel wäre noch nicht zu Ende, und sie hört von vielen Leuten die Meinung. Also, wer weiß? Außerdem habe ich die Empfindung, daß Peter mich nur liebt, weil er sich's einmal vorgenommen hat, mich zu lieben. Er ist ehrlich und will nicht wortbrüchig werden.

Der gute Junge war ganz gerührt, ich aber schüttelte nur den Kopf. Ich will Peter nicht heiraten. Er ist ein braver Junge, aber er hat ebenso wenig Geld wie ich, und er kann jeden Augenblick wieder zur Armee an die Grenze kommen. Dann sitze ich hier allein und bin gebunden. Peter sieht's selbst ein, daß es nicht geht. In einigen Jahren hofft er, Kapitän zu werden und dann vielleicht heiraten zu können.

Wir haben die alte Lenoir begraben, und Peter und ich waren allein in der Wohnung. Er war verlegen und wortkarg, sprach vom Dienst und daß er nächstens die Wache im Tempel hätte. Das bedeutet drei Tage ununterbrochenen Dienst. Die Soldaten schelten über die arme Königin, die sie bewachen müssen, als trüge sie schuld; als wäre sie nicht lieber ebenso frei wie der geringste ihrer einstigen Untertanen!

»Weißt du, kleine Puppe, wir wollen uns doch heiraten!« sagte Peter unvermutet. »Es ist besser so. Du kannst dann dies Zimmer behalten, und ich ziehe zu dir. Wenn ich weg muß, kommst du mit. Ich lasse dir die Hälfte von meinem Sold anweisen, und wenn ich falle, muß die Republik für dich sorgen!«

Bei dem Gedanken, daß diese liebenswürdige Republik für mich sorgen würde, mußte ich lachen.

»Laß die Republik aus dem Spiel, Peter! Die hat mir alles genommen, was ich hatte, alles, alles, von der will ich nichts! Und dich will ich auch nicht, Peter! Du liebst mich ja gar nicht!«

Er sah mich groß an. »Ich sollte dich nicht lieben? Habe ich nicht immer gesagt, ich wollte dich heiraten?«

»Ja, du hast es gesagt und es dir vorgenommen, aber du liebst mich doch nicht, wie ich geliebt sein will!«

»Wie willst du denn geliebt sein?«

Ich setzte mich und legte die Hände in den Schoß. Ja, wie wollte ich geliebt werden? Es war Halbdunkel in dem kleinen Zimmer, und es glitt wie ein Schatten durch den Raum. Sah ich plötzlich Jean Barival? Das spöttisch-liebenswürdige Gesicht, die feine Gestalt, die vornehmen Hände? So lange sah ich ihn nicht, und lange dachte ich nicht an ihn. Nun stand er vor meiner Seele, und ich wußte, daß ich ihn heiraten würde, wenn er mich fragte. Obgleich er mich damals verraten hatte.

Peter sah mich aufmerksam an.

»Woran denkst du?«

»An nichts!« entgegnete ich ausweichend, und er legte leise den Arm um mich.

»Ottony, ich werde dich sehr lieben, und wenn ich genug Krieg geführt habe, ziehen wir nach Deutschland, nach Plön, und besuchen die lieben Menschen dort!«

»Ich habe keine lieben Menschen dort. Was ich liebte, ist hier verdorben, gestorben. Ich bin einsam – laß mich einsam bleiben!«

Halb in Angst stieß ich diese Worte heraus, und Peter ließ mich langsam los. Eigentlich hat er hübsche Augen, und sein Gesicht ist trotzig und männlich geworden.

»Du liebst einen anderen!«

»Wen? Den häßlichen Bürger Robespierre oder den schmutzigen Marat? Andere Männer kommen mir nicht vor Augen, und Lenore Duplay soll außerdem mit dem Deputierten von Arras verlobt sein. Oder meinst du, daß ich Danton liebe? Den großen Massenmörder!«

Ich sprach erregt, und Peter schüttelte den Kopf.

«Ich glaube keine Torheiten, Puppe, aber deshalb kannst du doch Gedanken haben, die du mir verschweigst. Deine Augen wurden eben ganz dunkel und deine Lippen zitterten. War da jemand im Gefängnis, den du gern hast? Wenn er noch lebt, will ich versuchen, ihn zu befreien. Du mußt einen Beschützer haben, allein kannst du nicht hier bleiben!«

Peter sprach plötzlich, als wäre er sechzig und nicht einundzwanzig Jahre alt. Unwillkürlich legte ich meine Arme um seinen Hals und küßte ihn.

»Du bist ein braver alter Onkel, Peter, und wir wollen ewig Freunde bleiben. Aber ans Heiraten wollen wir nicht denken. Du bist besser frei, und ich muß mich allein durch das Leben schlagen!«

Da sagte er nichts mehr und war es zufrieden, daß ich noch an demselben Tage zu den Duplays zog. Die alte Duplay wird immer hilfsbedürftiger, und es gibt wenig Mädchen, die in dieser Zeit einen Dienst annehmen mögen. Viele sind außerdem aus Paris geflohen, und andere arbeiten in den großen Werkstätten für die Soldaten. Da werden Hemden genäht, Uniformen, Zelte; vielleicht muß ich auch noch hin, weil die Armee nichts anzuziehen hat. Aber Robespierre hat seine Lenore davon befreit, in den öffentlichen Werkstätten zu nähen, und wahrscheinlich wird er's auch bei mir tun. Er wechselt nicht gern mit Dienstboten, und sein Kanarienvogel hat mich lieb.

Nun wohne ich in der Mansarde, neben Frau Duplay, und wenn abends unten die Harfe gespielt wird und Lenore ihrem Schatz vorsingt, dann habe ich manchmal ein Stündchen für mich, um mein Tagebuch zu schreiben. Ich hatte im Gefängnis gerade noch Zeit, es in meinen blauen Kittel zu schieben, zusammen mit einigen Andenken, die ich dort von den Verurteilten geschenkt erhielt. Einige Goldstücke sind auch dabei, aber ich trage sie versteckt am Körper. Ob ich wohl einmal in das Haus meines Onkels gehen und nachsehen könnte, wie es meinem ersten Tagebuch hinter dem Paneel ergeht? Vorläufig wage ich es nicht. Jeanne erzählte mir gerade gestern, daß viele Royalisten in Paris sein sollten. Sie waren vor den Septembertagen geflohen, sind aber wiedergekommen, um die Ereignisse hier zu verfolgen. Aber die Jakobiner sind hinter ihnen her, und einige sind schon im Gefängnis. Man stellt Wachen auf vor den verlassenen Häusern, dorthin schleichen die Armen; vielleicht auch, um sich zu holen, was sie dort verborgen hatten. Dabei werden sie gefaßt.

Also muß ich doppelt vorsichtig sein. Eigentlich ist's sonderbar, daß ich es noch bin. Was liegt eigentlich an meinem Leben? Aber ich werde erst neunzehn Jahre! Sterben ist doch eine üble Sache.

Ich habe den kleinen Nachlaß der Lenoir mit hierher genommen. Es war nicht viel. Den silbernen Becher nahm ich mit gutem Gewissen und auch mein braunes Kleid, das noch lebt. Die Alte hat's nicht oft getragen; nun stecke ich mich hinein und freue mich, nicht immer in großgeblümtem Kattun herumzulaufen. Es ist mir zu eng geworden, da hab ich's weiter und länger gemacht und während der Arbeit daran gedacht, wie die behagliche alte Schneidermamsell es mir in Plön änderte und ich es nicht recht leiden mochte. Nun bin ich dankbar, es zu haben! Bürgerin Duplay findet es hübsch und wundert sich, daß die alte Lenoir solch ein gutes Kleid hatte.

»Das wird ihr wohl deine Schwester gegeben haben!« sagte sie. »Die wurde ja bei dem Cidevant Montmédy erzogen und sehr verwöhnt. Ich habe sie nur einmal gesehen; da war sie hochmütig wie eine Aristo. Nun ist sie wohl mit ihnen davongegangen!«

Ich wußte keine rechte Antwort auf diese Betrachtung, aber die gute Duplay erwartete auch keine. Sie streichelte meine Wange.

»Hast wohl nicht viel von dem verwöhnten Ding gesehen, Tony! Bist bei kleinen Leuten groß geworden und jetzt erst zur Großmutter gekommen. Man merkt dir's an – du hast keine hochnäsigen Gedanken im Kopf, und das ist wahrlich gut heutzutage, denn Hochmut kommt vor dem Fall. Wir haben's an den Aristos gesehen, die ins Gras beißen müssen. Du liebe Zeit, einige haben mir wirklich leid getan, aber warum wollen sie durchaus das Vaterland verraten? Die fremden Feinde dürfen doch nicht nach Frankreich hinein!«

So redet sie und freut sich, jemand zu haben, der ihr zuhört. Ihr Mann hat keine Zeit für sie, und Lenore spielt die Harfe oder liest Corneille und Racine, damit sie am Abend vor Robespierre bestehen kann. Noch eine Tochter ist in der Familie, aber sie ist mit einem Offizier verheiratet und ist augenblicklich mit ihm im Rheinland. Jedenfalls habe ich Arbeit genug, und wenn nicht manchmal eine Frau aus der Nachbarschaft käme, die die gröbste Putzerei besorgt, ich wüßte oft nicht aus noch ein. Aber es ist gut, nicht seinen Gedanken nachhängen zu können.

Peter hat gestern Abschied genommen. Er geht mit seinem Regiment in die Vendée, wo die Bewohner keine Neigung verspüren, Republikaner zu sein. Sie haben den armen kleinen Dauphin zum König ausgerufen und müssen bestraft werden. Freiheit und Brüderlichkeit! Ich darf Peter nicht hier im Hause sehen, das könnte Robespierre bemerken und es unmoralisch finden. Lenore sagt's mir. Sie hat uns ein- oder zweimal zusammen vor der Tür stehen sehen und findet diese Freundschaft überhaupt unpassend. Erstens erscheine ich ihr zu jung, um einen Liebhaber zu haben, und dann verdiene ich auch keinen Offizier der Nationalgarde. Ein Unteroffizier oder Korporal ist noch zu vornehm für die Enkelin der Lenoir!

»Außerdem scheint der junge Mann ein Ausländer zu sein!« setzte sie hinzu. »Vor diesen Leuten nimm dich in acht, Ottony! Sie meinen es alle nicht ehrlich! Die Witwe Capet ist auch eine Ausländerin; daher hat sie so viel Elend über Frankreich gebracht!«

Lenore verlangt, wie ihre Mutter, keine Antworten auf ihre Reden. Ich weiß, daß niemand mich mehr für eine Deutsche hält; nachgerade habe ich den richtigen Klang des Französischen gelernt und mich belustigt ihre Ansicht. Aber dann kann ich doch nicht unterlassen, nach der Witwe Capet zu fragen.

»Wie geht's ihr eigentlich? Sitzt sie noch im Gefängnis oder wird sie freigegeben?«

»Frei?« Lenore räuspert sich mißbilligend. »Mein Kind, solche große Verbrecherinnen gibt man nicht frei! Das würde Frankreich verderben!«

»Hast du sie einmal gesehen, Bürgerin?« erkundige ich mich neugierig.

»Gewiß, ich habe sie in ihrem goldnen Wagen fahren sehen und auch dann, als die Capets von dem Fluchtversuch wiedergeholt wurden. Meinetwegen hätten sie weglaufen können; aber die Gerechtigkeit muß ihren Gang gehen!«

Die Gerechtigkeit! Ich möchte lachen, aber ich ziehe vor, ein heiliges Gesicht zu machen. Könnte ich doch Lenore betrügen und belügen und schließlich erleben, daß auch sie auf die Guillotine käme! Dies ist nicht christlich gedacht; ich weiß, daß mein alter lieber Abbé mich um diese häßlichen Gedanken schelten würde, aber der liebe Gott ist hier abgeschafft, und er hat uns, die wir an ihn glauben, vergessen!

Juni.

Es beginnt heiß zu werden, und unsere Mansarden oben im Hause sind oft nicht zu ertragen. Unten im Hause ist's dagegen kühl, und wenn ich Robespierres Zimmer aufwische, dann schöpfe ich Atem. Es ist so still und ordentlich hier. Der kleine Vogel singt, und auf dem Schreibtisch liegen große Haufen von Papieren. Ich darf sie nicht anrühren, bei Strafe ist's verboten; aber ich weiß, daß es Staatspapiere und Todesurteile sind.

Manchmal werfe ich doch einen verstohlenen Blick hinein, und wenn ich ein Todesurteil finde, dann schiebe ich's nach unten. Der Deputierte merkt es nicht. Er ist oft tief in Gedanken und hört es kaum, wenn man ihn anredet. Aber manchmal will er nichts von Staatsgeschäften wissen, geht spazieren und sammelt Käfer. Oder er sitzt in irgendeinem grünen Garten und läßt sich von Savoyarden die Drehorgel spielen und ihre Murmeltiere dazu tanzen. Abends sitzt er dann mit Lenore und ihrem Vater in dem kleinen Hintergarten und spricht über Dichtkunst. Gelegentlich höre ich ein Wort oder ein Lied von Lenore. Aber nur aus der Ferne. Die kleine Tony Lenoir ist zu dumm und zu gering für die vornehme Unterhaltung!

Bürgerin Vallier fragte mich gestern, ob ich einmal mit in die öffentlichen Sitzungen des Konvents gehen wollte. Die Vallier hat ihren Platz oben auf der Galerie neben einer Reihe von anderen Frauen. Sie hören die Reden der leitenden Männer und müssen Beifall klatschen, wenn sie ihnen gefallen. Bürgerin Vallier ist die Frau, die hier im Hause die groben Arbeiten macht. Dafür erhält sie nur wenig Bezahlung, aber Robespierre gibt allen Frauen Geld, die ihn im Konvent beklatschen.

Die alte Duplay erlaubte, daß ich ging. Wir saßen oben auf einer Galerie und hörten einige große Männer reden. Robespierre kam nur einmal daran; diesmal war es Marat, der gegen die Generale des Heeres wetterte. Er ist zu häßlich, und ich mochte ihm nicht klatschen. Auch die Vallier hob nicht die Hände. Sie flüsterte, daß Robespierre nicht mehr mit Marat zufrieden wäre. Also klatschten wir erst, als Robespierre die Tribüne betrat, und er sah zufrieden zu uns herauf. Es war merkwürdig, in dem großen dunklen Saale zu sitzen und unter sich die Männer zu sehen, die jetzt regieren. Ich erkannte nur noch Danton, und Camille Desmoulins wurde mir gezeigt. Robespierre sprach über die Vendée. Sie ist dem armen Ludwig treu geblieben und will keine Republik. Also wird ein großes Heer dahin gesendet, und der Adel sowie die Priester sollen mit dem Tode bestraft werden. Die Strickerinnen riefen Beifall, auch die Vallier klatschte; ich aber ließ die Hände ruhen. Muß der arme Peter nun dort arme Menschen töten?

Juli.

Ich komme so selten zum Schreiben. Die Arbeit geht immer weiter, und nur die Vallier hilft mir. Da denke ich wohl darüber nach, daß die Welt hier ziemlich aus den Fugen geht, daß ich aber nichts davon erlebe. Gestern abend standen die Leute in der Straße herum und gestikulierten, und Lenore schickte mich hinaus, um zu fragen, was es gäbe.

Bürger Marat war von einem jungen Mädchen ermordet worden. Sie heißt Charlotte Corday, und morgen schon wird sie zur Guilottine gefahren. Jeanne war auch da und puffte mich in die Seite. »Hoffentlich müssen die andern nun auch über die Klinge springen!« Sie sagte es zu laut – plötzlich stand ein langer Mann neben ihr und riß sie weg.

»Du bist eine Verräterin an der Republik!« schrie er. Ich wollte hinter ihm herlaufen, aber ein anderer hielt mich zurück. »Nimm dich in acht, Bürgerin, daß du nicht auch in die Hände des Gerichtes kommst! Zu dir sprach das törichte Mädchen!«

Ich wollte etwas erwidern, da erschien Lenore Duplay und riß mich in ihr Haus.

Niemand folgte uns. Vor dem Haus, wo Robespierre wohnt, haben sie alle Angst. Aber Lenore schalt mich tüchtig. Die kleine Jeanne war schon lange verdächtig, und mit der Tochter eines Schweizer Gardisten durfte man überhaupt nicht sprechen.

Am andern Morgen, ganz früh, fuhr der Karren bei unserem Haus vorüber. Eine Zeitlang war er nicht so oft gefahren; diesmal saß ein stolzes, junges Mädchen darin, dessen Gesicht ich aber nur einen Augenblick sehen konnte. Dragoner ritten neben dem Karren, und heulendes Volk lief hinterher.

Regungslos stand ich in der Haustür, als ich auf dem Flur Schritte hörte. Robespierre kam aus seinem Zimmer mit der Mappe in der Hand und grüßte mich freundlich.

»Nun kleine Bürgerin, warum bist du so blaß?«

»Ich bin traurig,« murmelte ich. »Charlotte Corday –«

»Sie geht ihrem Schicksal entgegen. Man darf keine Mörderin sein, mein Kind!«

Er ging mit seiner Mappe davon, in der wohl ein Dutzend Todesurteile lagen, und ich wurde von Lenore gerufen, daß ich an meine Arbeit ginge. Man darf hier nicht trauern, noch weinen. Man wird zum gleichgültigen Tier.

* * *

Gestern haben wir Marat beerdigt. Das war ein großes Fest. Duplays hatten einen Wagen genommen, um den Leichenzug zu sehen, und die Gefangenen aus allen Gefängnissen mußten den Weg säumen, den der große Mann getragen wurde. Im Pantheon soll er beigesetzt werden, und sein Herz lag in einer kostbaren Vase. Das Wetter war goldig, und die Pariser waren seit dem frühen Morgen auf der Straße.

Wir brachten die alte Duplay mühsam die Treppen hinunter, und setzten sie in den Wagen, den auch ich besteigen durfte. Lenore war natürlich dabei und Bürger Augustin, der Bruder von Robespierre. Er hinkt ein wenig und ist außerdem linkisch und ungeschickt, aber wir mußten im Gedränge einen Mann mit uns haben; die Pariser sind augenblicklich in keiner angenehmen Stimmung. Augustin Robespierre ist auch gutmütig, und er kennt viele Leute. Geduldig beantwortet er alle Fragen und weiß manches zu berichten. Er kennt die Namen der Männer, die außer Robespierre und Danton uns regieren, und er zeigt sie gern.

Das Begräbnis war schön. Ein Sarg aus Porphyr, viel Militär, der hellste Sonnenschein. Und dieser Sonnenschein bestrahlte eine endlose Reihe von blassen Menschen, die zwischen Soldaten aufgereiht waren vom Luxemburg-Garten bis weit in die Straßen hinein. Es waren die Gefangenen aus St. Pélagie, La Force, den Karmelitern und der Conciergerie. Alte und Junge, Männer und Frauen, eine große Zahl. Vertragen waren ihre Kleider, müde ihre Gesichter. Der Wagen konnte im Gedränge nicht weiter; er hielt und die Gefangenen kamen an uns vorüber.

Bürgerin Duplay hielt ihren Fächer vors Gesicht.

»Ich mag sie nicht sehen, sonst tun sie mir am Ende leid und haben's doch verdient, bestraft zu werden!« Lenore aber sagte einige gleichgültige Worte, und Augustin mußte ihr die berühmten Männer zeigen, die neben Marats Sarg gingen.

Ich aber blickte zu den Gefangenen, sah und sah. Welche Reihen, wie langsam gingen sie, wie häßlich stießen die Soldaten sie weiter! Und da – was war das? Tante Amelie zwischen zwei anderen älteren Frauen! War sie es wirklich? Die Sonne beschien ihr Gesicht, ihre grauen Haare. Etwas Hoffnungsloses lag in ihren Augen, aber sie war es wahrhaftig.

Ich schrie auf. Keine Macht der Erde hätte mich verstummen lassen, aber die andern Insassen des Wagens schrien auch. Eins unserer Pferde bäumte sich und schlug so um sich, daß wir alle aussteigen mußten. Es wurde geschossen; die Musik spielte – es war ein Lärm ohnegleichen. Mir war alles gleich. Einige Soldaten hielten die wilden Pferde, wir standen auf der Straße, mitten im Gedränge, und ich lief hinter den Gefangenen her. Niemand achtete auf mich. Alle starrten auf den Sarg aus Porphyr und hörten auf die pomphaften Reden.

Da hielt ich Tante Amelies Hand und flüsterte leise ihren Namen. Sie wunderte sich kaum – sie lächelte ein wenig.

»Du bist frei, mein Kind! Wie dankbar bin ich dafür!«

»In welchem Gefängnis bist du?«

»St. Pélagie!«

Weiter ging der Zug und ich lief mit. Als er wieder stockte, stand ich noch immer neben Tante Amelie; aber da kam eine ohrenbetäubende Musik, und die Soldaten stießen mich zurück.

Als ich meine Herrschaft wiederfand, schalt Lenore, daß ich so neugierig weiter gelaufen wäre und setzte mich in den Wagen neben ihre Mutter. Die Pferde waren ausgespannt und wir mußten warten, bis andere kamen. Die alte Duplay war verdrießlich, weil sie sich erschrocken und wenig gesehen hatte.

»Was sollten auch die Gefangenen hier? Die nehmen einen ja nur den Platz!« murrte sie. Ich aber war, als wäre mir ein schwerer Stein vom Herzen genommen. Tante Amelie lebt! Wenn Peter zurückkehrt, muß er sie befreien, wie er mich befreite.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.