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Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg

Charlotte Niese: Das Tagebuch der Ottony von Kelchberg - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Niese
titleDas Tagebuch der Ottony von Kelchberg
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunVierte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071029
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Ende Oktober.

Jean ist wieder weg, und das langweilige Leben ohne ihn beginnt von neuem. Koralie ist recht unbescheiden gewesen und hat sich immer in Jeans Zimmer gedrängt, besonders, wenn ich nicht da war. Ich habe ihr neulich einmal gehörig die Wahrheit gesagt, daß sie nur eine Kammerjungfer ist und sich nichts einbilden darf. Sie hat mir still zugehört, aber als ich mich von ihr wandte, sah ich im Spiegel, daß sie hinter mir die Zunge ausstreckte. Da drehte ich mich auf den Absätzen herum und gab ihr eine Ohrfeige. Sie schrie laut auf, und einen Augenblick erwartete ich, daß sie mich wieder schlagen würde, aber ich sah sie fest an, und sie ging langsam davon. Jetzt ist sie sehr fügsam, und ich merke, daß meine Strafe ihr gut getan hat. Man muß seine Domestiken schlagen, wenn sie unartig sind. Diesen Grundsatz habe ich schon aussprechen hören, und ich finde ihn sehr vernünftig. Cécile Renaud allerdings, die mich heute besuchte, sagt, daß man niemals heftig werden und seine Leute nicht schlagen darf. Aber sie ist drei Jahre jünger als ich, und ich kann ihr doch nicht von Jean und davon erzählen, daß ich ihn bald heiraten werde. Auch, daß Koralie nicht unbescheiden gegen ihn sein darf.

Cécile ist noch nicht ins Kloster eingetreten, weil kein Platz war. Sie fragte wieder, ob ich nicht auch die Schule der Schwestern besuchen wollte, aber ich konnte nur lächelnd den Kopf schütteln. Was würde Jean wohl sagen, wenn ich plötzlich zu den Nonnen käme! Mich wundert übrigens, daß er niemals eine Anspielung auf unsere Verlobung machte. Wahrscheinlich ist das nicht konvenabel – ich würde gern die Hände um seinen Hals schlingen und ihn küssen, bis ich müde wäre!

Jean ist zu seinem Vater gereist. Er hat Urlaub vom Hofe und will sich erholen. Gestern ist die Frau von Tourzel wieder gekommen, hat hier eine Schokolade getrunken, lange mit dem Onkel gesprochen, und dann durfte ich ihr die Hand küssen, während der Onkel meinen Namen nannte.

Die Dame hat ein kluges, scharfes Gesicht und schwarze Augen, die sie oft zusammenkneift. Sie war aber freundlich und lud mich ein, Madame Royale, das ist die Prinzessin Marie Therese, zu besuchen. Die Prinzessin hat einige Freundinnen verloren, weil so viele vornehme Leute außer Landes gehen. Nun schreiben sie gottserbärmliche Briefe, wie schlecht sie es in der Fremde haben. Ihnen geschieht schon recht, wie Frau von Tourzel sagt, aber sie wollen jetzt doch nicht zurückkehren.

Morgen also darf ich der kleinen Prinzessin meine Reverenz machen und habe noch ein neues Kleid erhalten. Ein leichtes Seidenkleid von lichtblauer Farbe. Wir haben es fertig gekauft und noch ein Fichu dazu. Eigentlich war es zu einfach, denn ich habe schon viel prächtigere Kleider gesehen, aber Tante Amelie sagte, die Königin und ihre Damen kleideten sich jetzt sehr einfach. Ich sollte nicht auffallen.

Ich zog das Kleid heute zur Probe an, und bin damit nach unten zu den Domestiken gegangen, die mich sehr bewunderten. Die alte Minette klopfte mir die Schultern und nannte mich ravissante, auch Charles machte sein Kompliment, und als die alte Lenoir kam, mußte sie mich auch sehen. Sie schlug die Hände zusammen.

»La, la, wie ist die Demoiselle hübsch! Und alles, um zu den Vetos zu gehen! Das ist nicht der Mühe wert. Ich bin in meinem schlechtesten Kleid vor den Tuilerien gewesen und habe so lange geschrien, bis die Madame aus Österreich kam. Ich war nicht allein, ein paar Fischfrauen standen neben mir; sonst hätte ich der Veto einige gute Ratschläge gegeben. Sie soll machen, daß sie nach Österreich zurückkehrt! Wir Franzosen wollen keine Fremden haben. Aber die Frau sah niemand von uns an. Zwar erschien sie auf unser Rufen, und eine von uns gab ihr sogar Blumen, aber sie zeigte sich doch nur, weil sie verlangt wurde. Nun, ich finde schon Gelegenheit, mit ihr zu sprechen!«

»Weshalb nennen Sie den König und die Königin Herrn und Frau Veto?« fragte ich, und die Alte schenkte sich ein Glas Wein ein.

»Ich weiß nicht: die anderen nennen sie auch so.«

Koralie beantwortete meine Frage. Sie war leise neben mich getreten und strich einige Falten aus meinem Rock.

»Ludwig hat sein Veto zu den neuen Gesetzen zu geben, sonst werden sie nicht ausgeführt!«

»Was das Kind klug ist!« Ihre Großmutter betrachtete sie bewundernd.

»Woher weiß du das?« erkundigte ich mich, und Koralie machte eine spöttische Verbeugung.

»Gelegentlich sind die armen Dienstboten nicht so dumm, wie es die Herrschaft haben möchte!«

Da begannen sie alle zu lachen. Minette, die dicke, Charles, der schweigend neben uns gestanden hatte, und ein junger Diener, mit dem ich noch niemals sprach. Ich aber ging, ohne ein Wort zu sagen, nach oben. Ich sehe ein, daß sie alle nichts taugen und will nicht mehr freundlich gegen sie sein.

Aber als ich meinem alten Abbé in der Stunde meine Absicht mitteilte – denn ich berichte ihm alles, weil ich mich in der Sprache üben muß – da erhob er seinen mageren Zeigefinger, der immer braun von Schnupftabak ist. »Man muß heutzutage eine Gelegenheit mit den Domestiken ersehen, Mademoiselle! Ein aufrührerischer Geist ist leider in sie gefahren, und man muß versuchen, sie mit Güte zu erziehen. Man darf auch keine Politik mit ihnen reden.«

»Ist das Politik, wenn ich nach dem Namen frage, den das Volk dem König gibt?«

Er nahm eine Prise.

»Wir wollen nicht von Politik sprechen,« sagte er ängstlich. »Ich habe Ihnen ein schönes Stück von Corneille mitgebracht, das Sie jetzt sehr gut verstehen können. Ihre Aussprache bessert sich und gleichfalls Ihre Geläufigkeit. Sie werden bald ebensogut Französisch sprechen wie Ihre Majestät!«

Ich mußte ihm versprechen, wenn ich in die Tuilerien käme, auf alles zu achten und es ihm dann zu berichten.

»Es sind gute, fromme Menschen!« sagte er. »Aber sie sind in keinen guten Händen!«

Auf eine Erklärung seiner Worte ließ er sich nicht ein. Ich mußte die langweiligen Verse lesen.

* * *

Also nun bin ich der Nähe der königlichen Herrschaften gewesen und will alles berichten, obgleich es nicht viel ist. Im Schloß wird gebaut: dies ist nicht angenehm für den König und seine Familie, aber auch nicht für den Besuch, überall sind Handwerker und Mörtel und Staub.

Ich wurde in einer Sänfte in den großen Torweg getragen, und von dort in das Zimmer der Frau von Tourzel geführt, wo mein Onkel mich erwartete. Er trug einen einfachen blauen Rock, aber den Orden vom heiligen Ludwig, und sein Gesicht erschien mir noch kälter als bei uns zu Hause. Aber er sprach lebhaft mit der Gouvernante, die sorgenvoll schien, und die er zu beruhigen suchte.

»Pah, meine liebe Cousine,« sagte er unter anderem, »man muß den Sturm vorübergehen lassen und nur konsequent bleiben. Diese Eigenschaft müssen Sie den höchsten Herrschaften immer wieder predigen! Nicht heute so und morgen wieder anders – das schadet allen Beteiligten!«

Was Frau von Tourzel erwiderte, weiß ich nicht mehr. Die Tür ging auf, und ein etwa zehnjähriges Mädchen trat ein. Sehr einfach gekleidet und den Kopf hoch tragend. Onkel Marquis stand auf und verbeugte sich zur Erde. Das kleine Mädchen reichte ihm die Fingerspitzen, die er an seine Lippen zog, und dann sah sie mich sehr aufmerksam an.

»Wer sind Sie, und wie heißen Sie?«

Sie sprach so herrisch, daß ich das Antworten vergaß.

Der Onkel gab mir einen kleinen Stoß.

»Verneige dich vor Madame Royale!«

Frau von Tourzel machte eine abwehrende Bewegung.

»Ihre Nichte soll sich nicht so tief neigen, Marquis! Madame ist noch ein Kind und darf nicht wie eine große Dame behandelt werden. Einem Gast, der sie besucht, muß sie freundlich entgegenkommen und nicht gleich hochmütige Fragen tun!«

Die Prinzessin errötete stark. Aber sie richtete ihre Augen starr auf mich und gab mir plötzlich die Hand.

»Ich will nicht hochmütig sein. Ich liebe alle Menschen, seien sie hoch oder niedrig, und ich freue mich, einen Besuch zu erhalten!«

Frau von Tourzel sagte noch einige salbungsvolle Worte; dann nannte sie meinen Namen und erlaubte, daß die Prinzessin mit mir in ein Nebenzimmer ging.

Hier lagen allerhand Puppen, ausgestopfte Tiere und Küchengeräte durcheinander. Alle diese Dinge waren aus Versailles gekommen und sollten geordnet werden. Eigentlich paßten die Spielsachen nicht für das ernsthafte Gesicht der Prinzessin, aber sie schien sich verpflichtet zu fühlen, mit den Puppen zu spielen.

»Einige Menschen haben mir die Dinger geschenkt,« berichtete sie. »Sie würden traurig werden, wenn ich sie nicht beachtete.«

»Es sind auch reizende Puppen!« erwiderte ich, obgleich mich Puppen immer gelangweilt haben.

Vielleicht las die Prinzessin meine Gedanken, denn sie lächelte plötzlich.

»Wir wollen nicht spielen, sondern uns unterhalten. Was sagen die Pariser über uns?«

»Einige sagen Gutes, einige Böses!« erwiderte ich unbedacht, aber die Prinzessin lächelte wieder.

»Sie sind aufrichtig, Mademoiselle, das ist mir lieb. Wir hören niemals die Wahrheit: Mama klagt auch darüber. Mama sagt, die Pariser reden mehr Böses von uns als Gutes. Wenn ich aber Frau von Tourzel frage, dann behauptet sie, wir dürften über diese Dinge nicht nachdenken. Das raubte uns die Unbefangenheit. Ich bin aber nicht mehr unbefangen. Täglich verlassen uns die Freunde: mein Onkel Artois ist schon lange weg, und der Herzog von Provence geht, sobald er nur kann. Wenn sie aber alle fliehen –« sie schwieg plötzlich und winkte mir dann, daß ich eine Puppe auf den Arm nehmen sollte.

Frau von Tourzel trat ein und sagte einige liebenswürdige Worte. Es wäre reizend, daß wir kindlich froh wären, und ich sollte nur wiederkommen und mit Madame spielen. Wie sie noch redete, sank sie plötzlich fast auf die Erde. Es trat eine große Dame ein mit schönem, blondem Haar und vornehmer Haltung.

Es war die Königin: ich wußte es, ehe sie die Augen auf mich richtete. Es ist ärgerlich, daß ich zu zittern begann: daher kann ich wenig über die hohe Frau sagen, weil mir alles vor den Augen flimmerte. Ich weiß nur, daß sie mit einer leisen, freundlichen Stimme sprach und mich nach meinem Onkel fragte. Dann ging sie wieder. Madame Tourzel, die noch immer gebückt gestanden hatte, richtete sich wieder auf, gab einige Ermahnungen und verschwand von neuem. Die Prinzessin sah ihr nach.

Werden Sie auch so viel ermahnt, immer gut zu sein, Mademoiselle?« fragte die Prinzessin.

»Als ich noch im Kloster war, mußte ich sehr brav sein,« entgegnete ich nach einigem Nachdenken. Aber jetzt –«

»Sie waren im Kloster? Wie beneidenswert! Wenn ich doch auch hinein könnte! Mit Mama und mit Louis, meinem kleinen Bruder! Aber die Leute sagen, daß wir hier bleiben müssen!«

Sie stampfte mit dem Fuß, und ich konnte sie nicht begreifen. Wenn man eine Königstochter ist, braucht man doch nicht ins Kloster zu gehen! Die Prinzessin soll sich doch auch verheiraten! Als ich das letztere andeutete, zuckte Marie Therese die Achseln.

«Ja, ich soll Angoulême heiraten. Das aber ist noch lange hin, und nun ist er auf Reisen und denkt nicht an mich. Es schadet nichts: ich denke nur selten an ihn. Heiraten ist langweilig, Mademoiselle, finden Sie nicht auch?«

Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf und wurde auch wohl rot, denn die Prinzessin sah mich fragend an. Ich gab aber eine ausweichende Antwort, und Marie Therese fragte nicht mehr.

Ihr kleiner Bruder kam auch noch und wollte von mir unterhalten sein. Ich erzählte ihm ein Märchen, wie wir sie uns im Kloster zu Bacharach erzählt haben, und beide königlichen Kinder hörten aufmerksam zu. Man kann gut mit ihnen sprechen, aber ich freute mich doch, als die Sänfte gemeldet wurde, die mich wieder nach Haus bringen sollte. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber die Tuilerien gefallen mir nicht besonders. Es laufen so viele Menschen in den Korridoren umher, und alle haben sie sorgenvolle Gesichter. Onkel Marquis war hinterher ganz freundlich gegen mich. Sagte, daß Frau von Tourzel mich gelobt hätte, und daß die Prinzessin fröhlicher gewesen wäre als sonst. Dem Abbé mußte ich natürlich alles noch viel ausführlicher berichten, und er wischte sich die Augen vor Rührung. Nur Koralie tat lauter dumme und unverschämte Fragen. Ob die Königin viele Herren umarmt hätte, und ob der König wirklich ein so dickes Schwein wäre, wie die Blätter ihn zeichneten? Auf diese Frage hin hätte ich sie gern wieder geschlagen, aber als ich die Hand hob, lief sie schon aus meinem Bereich.

»Mademoiselle muß nicht heftig werden!« sagte sie spöttisch. »Mademoiselle muß bedenken, daß sie edel und gut sein muß. Wie alle Aristos, die Frankreich bedrückt und ausgeplündert haben!«

Was sollte ich darauf antworten? Ich nahm einen Apfel, der vor mir lag, und warf ihn nach der Unverschämten, die lachend aus der Tür lief. Der Apfel flog hinterher und traf den Onkel mitten auf die Brust. Er mußte gerade vor meiner Tür gestanden haben. Nun trat er zu mir ein und fragte kurz, was hier vorgefallen wäre, und ich erwiderte, der Wahrheit gemäß, daß Koralie immer sehr häßlich über die königliche Familie und über die Aristokraten spräche.

Koralie war wieder ins Zimmer geschlüpft, stand mit demütigem Lächeln und mit gefalteten Händen an der Tür. Sie war nicht häßlich in ihrem bunten Kleidchen, mit einem Spitzenhäubchen auf dem Kopf, mit ihrem rosigen Gesicht und den dunkeln Augen.

Der Onkel hörte auch kaum auf mich, sah nur Koralie an und klopfte sie leicht auf die Wange.

Er sagte einige ermahnende Worte, die nicht nach Schelten klangen, schob sie sanft aus der Tür und wandte sich dann zu mir.

»Ich wünsche, daß du dich ordentlich gegen Koralie benehmen mögest. Du hast kein Recht, hochmütig zu sein.

Wer bist du, daß du das wagst? Sie ist länger im Hause als du und hat ein Recht auf gütige Behandlung!«

»Vielleicht habe ich auch dieses Recht,« entgegnete ich trotzig, worauf er den Kopf in den Nacken warf.

»Allerdings, du bist die Tochter meiner verstorbenen Schwester und müßtest verhungern, wenn ich mich nicht deiner annähme. Daraus entspringt aber nicht das Recht, gegen eine Hausgenossin unfreundlich zu sein!«

Er war gegangen, ehe ich antworten konnte, und ich warf mich auf mein Bett und weinte bitterlich. Am liebsten hätte ich meinen Koffer gepackt und wäre heim gereist. Aber wohin? Nach Plön, zu Peter Fuchs? Ach, er hätte mich gewiß gern aufgenommen, aber was würde sein Vater sagen? Und sonst habe ich niemanden, der sich etwas aus mir macht.

* * *

Tante Amelie kam nachher und tröstete mich. Sie war sehr freundlich und versicherte, ihr Bruder meinte es nicht so böse. Man sollte ihn nur nicht ärgern, und mit Koralie wäre er nun einmal etwas empfindlich.

»Wie kommt das?« erkundigte ich mich, aber die Tante antwortete nicht, sondern streichelte mir das verweinte Gesicht und sagte, daß wir alle augenblicklich viel zu sorgen und zu tragen hätten. Die Zeiten wären ernst, und der Onkel hätte die Nachricht erhalten, daß Räuber in eins seiner Landschlösser gedrungen seien und es ausgeraubt hätten. Das war ein großer Schade, und darüber konnte man wohl verstimmt werden.

Sie gab mir dann einen Brief zu lesen, den sie aus Plön von dem Fräulein von Ahlefeld erhalten hatte, und der nicht viel amüsanter war als das Schreiben von Herrn von Treusch. Dort, in Holstein, stand die Welt still. Der Herzog hatte eine Gesellschaft gegeben, und sein Vetter aus Eutin, auch ein Herzog von Oldenburg, war dazu gekommen. Bei diesem Vetter, der mehr Verstand und auch mehr Geld hatte, waren einige französische Herrschaften angelangt, die man Emigranten nannte. Vornehme Herrschaften, die von dem Leben in Paris sonderbare Schilderungen machten. Andere sagten, setzte Fräulein Georgine hinzu, daß man in Frankreich viel erleben könnte, und daher war der junge Fuchs plötzlich dorthin abgereist, nachdem er vom Rektor der Lateinschule ein gutes Zeugnis erhalten habe, was ihm wohl wenig nützen würde. Er sollte nach Reims zu einem Onkel, der ein Weingeschäft habe, und der Vater war vorläufig nach Hamburg gezogen, weil er meinte, dort bessere Geschäfte zu machen. So schrieb Tante Georgine ein langes und breites, und ich wunderte mich, daß sie immer von denselben Dingen schrieb, die sie schon einmal berichtet hatte. Denn vor vier Wochen hatte ich fast dasselbe von ihr gelesen, nur nicht von Peter Fuchs, und das war doch ziemlich einerlei. Ob er wirklich nach Paris kam und wagen würde, mich zu besuchen? Ich war jetzt viel vornehmer als er, und er konnte nicht daran denken, mich zu küssen, wie er das so oft getan hatte! Was würde Jean wohl sagen, wenn so ein Bürgerjunge plötzlich hier erschiene? Er würde vielleicht seinen Degen ziehen und ihn durchbohren! Mir stiegen die Haare zu Berge, und ich begann zu zittern. Aber ich dachte nicht mehr an des Onkels kaltes Gesicht und an seine harten Worte. Er meinte es doch gut mit mir, daß er mir Jean bestimmte.

November.

Jean ist unerwartet gekommen, und ich freue mich über die Maßen. Sein Vater, der Marquis Barival, reist ins Ausland, und zwar mit einem Schiffe nach Hamburg. Es scheint, daß die Herrschaften in den Rheinlanden nicht sehr freundlich gegen die französischen Kavaliere sind, wenn sie in Scharen kommen und auch noch etwas Geld mitbringen. Jean schalt über die unfreundlichen Deutschen und sagte, sein Vater sollte lieber nach Holstein gehen, das dem König von Dänemark gehört.

»Werden Sie gleichfalls gehen, Vicomte?« fragte ich mit klopfendem Herzen, und er sah mich erstaunt an.

»Wie sollte ich dazu kommen, Mademoiselle, wo alles, was ich liebe, hier bleibt?«

Noch nie hat er so deutlich von seiner Liebe zu mir gesprochen, und ich mußte mich an ihn lehnen.

»Wir wollen immer zusammenbleiben, nicht wahr?«

Als ich diese Worte gesagt hatte, begann ich zu weinen. Jean faßte mich leise um und küßte mich.

»Nicht weinen, Mamie, das ist nicht nötig. Man kann auch küssen ohne Tränen!« Und er tat es noch einmal.

Leider wurde mir die Sänfte gemeldet, die mich wieder in die Tuilerien tragen sollte, und wir mußten uns trennen. Aber ich war sehr glücklich. Nun werden wir hoffentlich bald heiraten.

Marie Therese weiß von meinem Geheimnis. Da wir uns jetzt häufiger sehen, konnte ich es ihr nicht verbergen, und sie ist fast so verständig wie ich. Mit Puppen spielt sie doch nicht mehr, und wenn sie mit ihrer Mutter ist, erzählt ihr diese viele Dinge. Ich habe viel übrig für die Prinzessin und auch für den lustigen kleinen Dauphin, aber es ist doch für mich ein Opfer, mit ihnen zu sein, wenn Jean zu Haus auf mich wartet. Und gerade jetzt, wo er da ist, schickt der Onkel mich immer weg. Es ist grausam.

Einige Tage später.

Frau Lenoir ist krank und hat geschickt, daß Koralie sie besuchen, ihr viel Wein und gutes Essen mitbringen sollte. Koralie erzählte mir davon und schalt in ihrer Art.

»Sie kann nicht mehr so viel Gutes kriegen. Die Vorratskammern sind nicht mehr so voll wie sonst. Zwei Wagen mit Wildbret und Früchten sind von dem Bauernpack aufgegriffen und hier nicht angekommen. Der Marquis ist sehr bös, aber es ist nichts dabei zu machen. Auch einige Fässer Wein sind nicht richtig angelangt, obgleich der Marquis sie lange bestellt hatte, und nun ist der Keller nicht mehr so voll.«

»Vielleicht könnten wir deiner Großmutter doch einige Flaschen bringen?« schlug ich vor, denn die Alte ist so schlimm nicht, trotz ihrer Reden. Jedenfalls habe ich etwas für sie übrig.

Koralie schüttelte den Kopf.

»Ich kann nicht gehen, Mademoiselle. Die Baronesse Amelie hat mir eine Menge Näharbeit gegeben, die ich fertigmachen soll. Aber, wenn Sie gehen wollen, Mademoiselle, dann kann Melanie Sie begleiten. Deren Schatz wohnt ganz in der Nähe. Sie läuft abends immer dorthin!«

Jean war an diesem Nachmittage in den Tuilerien, also wußte ich doch nicht, was ich anfangen sollte. So wickelte ich mich in der Dämmerung in Tuch und Mantel, Melanie trug den Wein, und wir gingen in die Rue St. Honoré. Frau Lenoir lag wirklich im Bett und sprach vom Sterben, aber als ich ihr in den silbernen Becher mit dem Montmédyschen Wappen guten Wein einschenkte, trank sie ihn mit Behagen und wurde redselig. Melanie ging zu ihrem Schatz und wollte nach einer halben Stunde wiederkommen, da setzte ich mich neben das Bett der Kranken, und sie trank abwechselnd oder schwatzte.

»Mademoiselle, Sie sind besser als Koralie. Ich hab's gleich gesagt, als ich Ihr Gesicht sah. Koralie ist ein Mischmasch. Halb Aristo, halb meine Tochter. Die war nicht bös; eigentlich zu gut, und wenn's nach ihr gegangen wäre, würde ich niemals zum Marquis gegangen sein und hätte gesagt: Holla! Aber meine Berta war lange tot, und was sollte ich mit der frechen Koralie? Was die Aristos sich einbrocken, müssen sie selbst auffressen. Nun, es ist ja gut gegangen, aber Koralie ist kein dankbares Kind. Sie denkt nur an sich, und das ist nicht brav!«

Es war ganz behaglich, bei der Alten zu sitzen. Im Kamin brannte ein Holzfeuer, und sie lag warm zugedeckt im Bett.

Als ich von dem warmen Feuer sprach, nickte sie. »Ja, das schöne Holz kriege ich von Duplay, dem Tischler, der nicht weit von mir wohnt. Es sind honette Leute und noch ein wenig mit mir verwandt. Koralie sagt, ich soll mich nicht um sie bekümmern, aber das fällt mir gar nicht ein. Madame Duplay ist schwach von Gesundheit, und manchmal helfe ich ihr in der Wirtschaft. Dafür geben sie mir Holz, denn bares Geld wird nachgerade knapp. Der König und seine Frau gebrauchen zu viel. Nun, bald werden sie ja abgesetzt. Es wird Zeit; Duplay sagt dasselbe. Zu ihm kommen die Jakobiner und reden über Frankreich. Der dicke Veto weiß nichts von Frankreich: er füllt sich den Bauch mit Fressen, und das ist ihm die Hauptsache.«

Ich begann, ihr von der Königin zu berichten. Daß ich sie liebte, und wie gut sie gegen ihre Umgebung wäre, aber die Alte wollte nichts davon hören.

»Gehen Sie, Mademoiselle, das glaube ich doch nicht. Aber wir wollen uns nicht streiten. Sie sind ein braves Kind, und ich wünsche Ihnen einen guten Mann. Das ist für Sie die Hauptsache. An dem kleinen Vicomte ist eigentlich nicht viel, aber vielleicht kriegen Sie noch einen andern!«

Als ob ich einen andern hätte haben wollen! Aber ich erwiderte nichts, und die Lenoir schwatzte von anderen Dingen. Daß sie kein ordentliches Kleid anzuziehen hätte, und daß bei den Duplays nächstens Geburtstag wäre. Vielleicht würde sie eingeladen, aber in einem alten Kattunrock könnte sie nicht hingehen. Koralie aber hätte niemals etwas zum Anziehen für sie.

Ich versprach ihr mein braunes Kleid. Dasselbe, das von Tante Amelie stammt und das in Plön für mich zurecht gemacht ist. Ich habe es auf der Reise getragen und dann noch einige Male hier. Aber Koralie hat immer darüber gelacht, und jetzt trage ich meistens helle Kleider oder dunklere von Seide. Der Onkel gibt reichlich Geld für meinen Anzug.

Madame Lenoir freute sich über mein Versprechen, und als Melanie erschien, machten wir ab, daß sie mich morgen abend wieder in die Rue St. Honoré bringen sollte. Denn die Alte wollte nicht, daß Koralie von dem Kleide erführe.

»Dann nimmt sie's mir womöglich weg!« sagte sie. »Sie gönnt mir gar nichts, was ich an meine alten Knochen hängen kann – sagt, ich brauchte nichts mehr, weil ich alt bin. Liebe Zeit, auch alte Leute können nicht nackend laufen!«

Dies alles habe ich gleich heute abend aufgeschrieben, weil ich nicht schlafen kann und das Haus so still ist. Der Onkel und Tante Amelie sind in eine Gesellschaft gefahren, und Koralie läßt sich nicht blicken. Ich habe keine Neigung, in die Küche zu gehen und mich mit den Domestiken zu unterhalten. In der letzten Zeit lachen sie manchmal hinter mir her; ich merke es wohl, und doch bin ich immer freundlich gegen sie. Aber Madame Royale klagt auch über ihre Leute, und das ist doch ein Verbrechen, wenn man nicht ehrerbietig gegen die Königstochter ist.

Also sitze ich allein in meinem Zimmer, die Kerzen brennen leise in ihren Leuchtern, und die Bäume im Garten rauschen. Gerade so, wie sie in Plön rauschten. Peter Fuchs lachte immer, wenn ich auf dies Rauschen hörte. Er sagte, ich sollte lieber auf ihn hören, und daß er mich lieb hätte. Das war lächerlich von ihm, weil ich ihn doch nie heiraten konnte. Aber diese Bürgerlichen bilden sich oft mancherlei ein, und Peter war überhaupt eingebildet. Niemals hat er mir die Hand geküßt, wie Jean dies so reizend tut. Er ist überhaupt nicht mit meinem Zukünftigen zu vergleichen, und ich wundere mich, daß ich von ihm schreibe. Es kommt von der großen Stille um mich her.

Andern Tags.

Ich bin außer mir und kann nicht schreiben. Jean und Koralle sind Verräter. Sie haben sich geküßt, und ich habe sie beide geschlagen! Ich lasse mir eine solche Infamie nicht gefallen, ich –

Juli, 1792.

Heute bin ich zum ersten Male wieder im Hause meines Onkels, und ich nehme mein Tagebuch vor. Ich hatte es in meiner Kommode vergraben, denn ich durfte es natürlich nicht mit ins Kloster nehmen. Würde auch keine Zeit gefunden haben zum Schreiben. Die Damen vom heiligen Herzen Jesu waren sehr gut, aber wir durften uns nicht immer mit uns selbst beschäftigen, und wahrscheinlich hatten sie recht. Jedenfalls muß ich heute lächeln, wenn ich denke, wie verzweifelt ich damals war. Ich kam früher von der alten Lenoir wieder, als man mich erwartete, trat in mein Zimmer und fand den Vicomte, wie er Koralie auf den Knien hielt und sie küßte. Ich war damals noch ein törichtes Kind und schlug auf beide Verbrecher los – Jean lachte, Koralie schrie, und der Onkel stand plötzlich vor uns. Was er sagte, weiß ich nicht; ich war viel zu wütend, aber schon am andern Morgen fuhr Tante Amelie mit mir ins Kloster. Sie war lieb wie immer und voller Trauer, mich von sich geben zu müssen: ihr Bruder aber wollte es nicht anders.

»Ich konnte mich so wenig um dich bekümmern, und du bist dir selbst zu viel überlassen gewesen!« sagte sie halb entschuldigend. »Mein Bruder verlangte meine Gesellschaft.«

»Und mich verlangte er nicht!« fiel ich ihr ins Wort.

Sie streichelte meine Hand.

»Du weißt, Ottony, wie lieb ich dich habe! Das Haus wird sehr leer sein ohne dich, aber vielleicht ist es gut, wenn du auf andere Gedanken kommst! Nach einem halben Jahre hole ich dich wieder!«

Aus diesem halben Jahre sind mehr als zwei Jahre geworden, und ich wäre noch nicht zurückgekehrt, wenn die ehrwürdige Mutter nicht alle jungen Mädchen nach Haus geschickt hätte. Sie selbst wird mit den meisten Schwestern emigrieren; es ist in Frankreich selbst ein Kloster nicht mehr sicher. Die Religion ist auch anders geworden: wie, weiß ich nicht genau – wir haben viel geweint und gebetet, aber die Zeiten sind doch nicht besser geworden. Cécile Renaud und ich verließen gemeinsam das Kloster, und wir waren sehr traurig. Denn wir hatten uns dort eingelebt und manche gute Stunde in dem schönen weitläufigen Gebäude verbracht. Der Klostergarten ist wohl doppelt so groß wie der von meinem Onkel, und in seinen langen Alleen sind wir viel gewandert und haben viel gespielt. Ich habe vornehme Bekanntschaften gemacht und bin einmal mit Mademoiselle von Narbonne auf ihrem Schloß und einmal bei den Penthièvres gewesen. Vom alten Herzog war eine Nichte unsere Genossin, und ich habe die Ehre gehabt, Frau von Lamballe, seine Schwiegertochter, kennen zu lernen. Sie muß in diesem Augenblick in den Tuilerien bei den königlichen Herrschaften sein. Wir bedauern die Königsfamilie von Herzen und hoffen, daß noch alles gut werden wird.

Andern Tags.

Ich saß vor meinem Tagebuch, als mein Onkel eintrat. Ich stand auf und machte ihm die im Kloster gelernte tiefe Verbeugung, die er artig erwiderte.

»Mademoiselle, derangieren Sie sich nicht!« sagte er höflich. »Ich möchte mich ein wenig mit Ihnen unterhalten!«

Wir setzten uns einander gegenüber und betrachteten uns. Es war mir schon gestern abend aufgefallen, daß sich der Onkel verändert hatte. Seine Haare waren unter dem Puder grau geworden, und statt der seidenen Röcke trug er einen einfachen Anzug von braunem Tuch. Der stand ihm nicht, er machte den Eindruck, als verkaufte er Käse.

Er hingegen schien mit meiner Erscheinung zufriedener zu sein.

»Du bist hübsch geworden,« sagte er, mich durch seine Lorgnette betrachtend. »Groß und schlank, dichtes blondes Haar und dunkle Augen – du wirst überall mit Anstand bestehen können!«

Ich erhob mich, um wieder eine tiefe Verneigung zu machen.

»Die Herzöge von Penthièvre und Narbonne haben ähnliches gesagt, Herr Onkel. Aber sie setzten hinzu, daß ich die Ehre hätte, Ihnen ähnlich zu sehen!«

Dies war eine krasse Lüge. Sie haben mir Komplimente gemacht, aber von dem guten Onkel ist nie die Rede gewesen. Doch den Männern ist keine Schmeichelei zu groß, sie glauben sie allemal, und auch der Onkel lächelte.

»Du hast jedenfalls bessere Manieren bei den frommen Damen gelernt, und ich freue mich, daß du dort gewesen bist. Für deine Tante und mich war deine Abwesenheit ein großes Opfer, aber da es zu deinem Besten war, brachten wir es mit Freuden!«

Hierauf entgegnete ich wieder einige wohlgesetzte Worte, wie ich sie gelernt hatte, und schließlich unterhielten wir uns recht gut. Dem Onkel muß man schmeicheln und ihn zu unterhalten versuchen. Als dummes Kind habe ichs damals nicht verstanden und mußte dafür büßen. Im Grunde genommen wars keine zu starke Buße. Wenn der Vicomte von Barival eine Kammerzofe lieber hat als eine Baronesse von altem Adel, dann muß er seinen Neigungen folgen. Im Kloster habe ich darüber anders denken gelernt. Meine Genossinnen hatten fast alle ähnliche Erfahrungen gemacht und meinten auch, daß es besser wäre, mit dem Heiraten zu warten. Eh bien, ich habe mich getröstet. Jean ist übrigens schon lange außer Landes gegangen und gehört zu den Emigranten, die man auf eine Liste setzt, um sie zu bestrafen, wenn sie zurückkehren wollen. Wahrscheinlich werden sie sich hüten. Wir haben auch Krieg. Tante Amelie erzählte es mir, nachdem mich der Onkel verlassen hatte. Sie ist ganz unverändert, nur sehr blaß. Sie sorgt sich um alles. Ihr Pfarrer ist abgesetzt, weil er in der Religion keine neuen Moden einführen will, und Tante Amelie sorgt im stillen für ihn und für den Unterhalt seiner alten Schwester, die ihm den Haushalt führt. Aber niemand von der Dienerschaft im Hause darf es wissen, sonst könnte die gesetzgebende Versammlung davon erfahren, und Tante Amelie würde unter Anklage gestellt werden.

»Ich traue keinem Menschen mehr,« klagte Tante weiter. »Ehemals waren alle Dienstboten freundlich und willig, jetzt wissen sie niemals, ob sie für uns arbeiten wollen oder nicht! Ach, Kind, wir hätten nur eher reisen sollen! Mein stilles Plön, manchmal denke ich, daß ich es niemals wiedersehen werde!«

Sie trocknete sich die Augen ab und ich wußte ihr nicht viel zu erwidern. Ich glaube ja nicht an Gefahr – woher sollte sie kommen? – Aber für ältere Leute ist diese Zeit unangenehm. Besonders da viele abscheuliche Menschen nach Paris kommen. Als wir gestern durch die Straßen fuhren, sahen wir wohl fünfzig Kerle, die aussahen wie Verbrecher. Sie trugen Piken und Messer und ließen die Nation leben. Koralie hat sich bei mir wieder zum Dienst gemeldet. Sie trägt ein weißes Kleid und auf dem Kopf eine rote Mütze, wie sie von vielen Männern und Frauen getragen wird. Sie wollte mir die Hand küssen und tat erstaunt, als ich dies nicht zugab.

»Mademoiselle ist doch nicht mehr zornig auf mich?« fragte sie mit treuherzigem Augenaufschlag.

»Weshalb sollte ich dir böse sein?« fragte ich kühl.

Sie blinzelte mich an.

»Weil der kleine Vicomte mich küßte und die Mademoiselle so sehr zornig wurde. Ach, die jungen Herren sind immer so hinter armen, unschuldigen Mädchen her!«

»Wie befindet sich deine Großmutter?« erkundigte ich mich, ohne ihr zu antworten, und Koralie machte ein ärgerliches Gesicht. Sie antwortete aber, daß es der Alten wie gewöhnlich ginge.

»Sie kann nicht mehr so viel trinken,« berichtete sie weiter, »darüber schilt sie sehr, aber ich habe nicht mehr so viel Gutes für sie. Die Zeiten sind immer schlechter geworden und der Herr Marquis läßt den Schlüssel zum Weinkeller nicht mehr stecken!«

Sie erzählte dann von Jakobinerklubs und dergleichen. Charles ist auch Jakobiner geworden, und zwei Lakeien sind entlassen, weil sie in der Küche aufrührerische Reden führten. Das kleine Hausmädchen Melanie hat ihren Schatz, einen Soldaten, geheiratet, und der ist Offizier in der Nationalgarde geworden.

Eigentlich gehen mich diese Dinge nicht viel an, aber man muß ihnen doch zuhören.

Ob es wohl in diesem Winter Gesellschaften gibt, und ob ich sie mitmachen werde? Ich möchte noch gern Stunden im Gesang haben und meinen alten Abbé wiedersehen, aber er ist aus seinem Hause gezogen und hat vergessen, seine neue Adresse zu geben.

Tante Amelie hat einen Brief von Herrn von Treusch. Sie sagte es mir errötend, und ich wußte nicht recht, wen sie meinte. Dann aber, wie sie mir einiges aus dem Schreiben vorlas, stand die alte gute Zeit wieder vor mir auf. In Plön ist noch alles beim alten. Der Herzog ist heiter und ärgert sich nur über die vielen Emigranten, die in die kleine Stadt kommen. Sie bringen Geld und Leben; er sollte sich ihrer freuen, aber die Menschen sind natürlich in dem Städtchen ebenso altmodisch wie die Häuser und die ganze Umgebung.

Tante Amelie spricht viel von Holstein. Sie hätte hinreisen sollen, als es noch Zeit war, jetzt sind die Grenzen gesperrt, und von uns Adligen darf niemand weg, es sei, die gesetzgebende Versammlung erlaubte es. Dabei steht an allen Ecken Freiheit und Gleichheit angeschrieben.

Andern Tags.

Onkel ging mit mir in die Tulerien, damit ich den Herrschaften meine Aufwartung machte. Er sagt, dies müßte sein, weil die Königsfamilie ziemlich einsam ist. Er war auf dem Wege sehr freundlich und sagte mehrmals, daß ich mich vorteilhaft verändert hätte. Aber er ist auch anders geworden, nicht mehr so selbstbewußt und so stolz. Ich war erstaunt, wie freundlich er alle ihm Begegnenden grüßte, auch Leute, die schlecht gekleidet waren. Im übrigen sind fast alle Menschen einfach, wenn nicht schlecht gekleidet, sie tragen alle eine dreifarbige Kokarde, die ich mir auch anstecken mußte. Eine rote Mütze habe ich noch nicht, ich werde sie aber wohl bekommen; denn diese phrygische Mütze ist die höchste Mode.

Ich sagte schon, daß wir zu Fuß in die Tuilerien gingen. Onkel hat seine Pferde dem Vaterland geschenkt, damit sie in den Krieg ziehen, der draußen an der Grenze ist. Er erzählte es mir und setzte hinzu, man müßte sich als guter Patriot beweisen. Für so edel hätte ich den Marquis kaum gehalten; aber eigentlich kenne ich ihn ja gar nicht. Damals, als dummes Kind, habe ich ihn wohl oft geärgert. Jetzt werde ich mich hüten, unfreundlich oder herrisch gegen Koralie zu sein; wenn sie des Onkels Tochter ist, hat er auch Verpflichtungen gegen sie. Mich wundert nur, daß er sie nicht öffentlich anerkennt. Die Kameradinnen im Kloster erzählten, daß sie von solchen Fällen wüßten. Dann könnte sie ja Jean de Barival heiraten und ich würde meinen Segen dazu geben. Noch immer werde ich rot, wenn ich denke, wie ich mich damals blamierte. Nun es wird nicht wieder vorkommen.

Diese Gedanken bewegten mich auf dem Wege zu dem Königsschloß, dann aber mußte ich mich doch wundern, welch schreckliche Gesellen in dem großen Garten und auch dicht beim Schloß umherstanden. Kerle, die uns dreist musterten und allerlei über mich sagten. Ich verstand es nicht, und der Onkel grüßte auch sie zu meiner Verwunderung. Sie nickten kaum wieder und ich konnte mein Erstaunen nicht verbergen, aber ich wurde noch verwunderter, als ich die Tuilerien betrat. Überall standen Soldaten mit einem Gewehr oder einem Säbel im Arm. Onkel mußte seinen Namen sagen, und dann erst durften wir in die Zimmer der Majestäten.

Frau von Tourzel kam uns entgegen, ließ sich zerstreut von mir die Hand küssen und rief gleich hinterher: »So etwas dürfen Sie nicht tun, mein Kind! Niemand darf mehr ehrerbietig sein!«

Dann schob sie mich in das Zimmer, in dem Madame Royale saß und stickte. Sie ist sehr groß geworden und so ernsthaft, daß sie mich nur mit einem flüchtigen Lächeln begrüßte. Sie steckte die Hände auf den Rücken, damit ich sie ihr nicht küßte, und begann gleich wieder zu nähen.

Die Prinzessin war einige Male in unserem Kloster gewesen, wenn wir Festlichkeiten hatten, und sie hatte mir immer Wohlwollen gezeigt. Auch heute fragte sie nach meinem Ergehen und nach einigen Kameradinnen. Aber wir konnten nicht lange ungestört miteinander sprechen. Vor ihrem Fenster drängten sich häßliche Männer und noch häßlichere Frauen – sie lachten und schrien abscheuliche Dinge, wie ich sie noch nie gehört hatte.

Marie Therese sah mein verstörtes Gesicht und zuckte die Achseln.

»Ja, Mademoiselle, hier bei uns ist es nicht angenehm. Mama wundert sich immer, daß wir noch leben, und Papa wird immer trauriger. Es ist schrecklich!«

Ihre Stimme zitterte, und sie weinte fast. Dann fuhr sie zusammen und beugte sich wieder über ihre Arbeit.

Die Tür war aufgegangen und ein junger Soldat trat ein.

»Wer ist denn bei Ihnen, Prinzessin? Sie müssen fleißig sein und nicht immer schwatzen. Junge Mädchen müssen fleißig sein, sonst kriegen sie keinen Mann!«

Der Soldat sprach fließend französisch, aber mit fremdem Klang. Marie Therese erwiderte nichts, sie war es gewohnt, von den Soldaten angeredet und ermahnt zu werden; aber ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken.

»Nun, Peter Fuchs, du scheinst dich wenig verändert zu haben und hältst immer noch schöne Reden!«

Ich sprach Deutsch, obgleich mir diese Sprache nicht mehr sehr geläufig ist und ich sie nur zum Schreiben meines Tagebuches verwende, weil wenig Franzosen anderes als ihre Muttersprache verstehen.

Aber es war herrlich, Peters verdutztes Gesicht zu sehen.

Zuerst erkannte er mich nicht, dann besann er sich, ob er wichtig tun sollte, und endlich streckte er mir die Hand entgegen.

»Also, da bist du endlich, Ottony! Ich habe wohl an dich gedacht, aber zu dem alten Aristo, bei dem du im Haus bist, wollte ich nicht gehen. Und nun sehe ich dich hier bei den Vetos. Das ist kein Verkehr für dich! Du lernst hier nur Schlechtes.«

»Mein guter Junge, du scheinst mir ziemlich verrückt zu sein!« entgegnete ich ihm. »Was hast du überhaupt hier im Schloß zu suchen? Beim Herzog Peter konntest du vielleicht verkehren, weil der nichts Ordentliches vorstellt, aber in den Tuilerien, bei den vornehmsten Fürsten der Christenheit, hast du nichts zu suchen!«

Er war noch immer verblüfft, nun nahm er sich zusammen.

»Liebes Kind, das verstehst du nicht. Du bist eben eine Aristo, und die benehmen sich so dumm und unverständig, daß sie alle abgeschafft werden sollen. Mach nur, daß du hier wegkommst, diese Herrlichkeit dauert nicht mehr lange, und dann sag, wann ich dich besuchen kann. Denn ich will mich doch noch einmal um dich bekümmern und kann dir vielleicht einen guten Rat geben!«

»Vielen Dank!« Ich warf den Kopf in den Nacken. »Von solch einem grünen Soldaten lasse ich mir keinen Rat geben. Was willst du überhaupt in der Uniform? Du wolltest ja mit Wein handeln!«

Die junge Prinzessin hatte nun doch ihre Arbeit hingelegt und uns aufmerksam angesehen. Sie verstand kein Deutsch und fragte mich leise, wovon eigentlich die Rede wäre. Aber Peter, der eben noch ein rechtes Schafsgesicht gemacht hatte, antwortete anstatt meiner.

»Sie müssen nicht so neugierig sein, Prinzessin! Das schickt sich nicht! Wenn Sie nicht fleißiger sind, schicke ich Ihnen einen Offizier, der noch ganz andere Reden hält als ich!«

Wieder senkte Marie Therese den Kopf und stickte, während draußen Männer und Weiber schimpften und schrien. Ein Offizier kam jetzt und meldete, daß mein Onkel auf mich wartete, und ich mußte mich verabschieden.

Der Offizier machte ein so wütendes Gesicht, daß ich kaum wagte, der Prinzessin die Hand zu geben. Von diesem Herrn wurde ich durch ein Zimmer geführt, in dem die Königin saß und mit zwei Damen eifrig flüsterte. Sie beachteten mich nicht, und ich wagte nicht, mich bemerkbar zu machen. Ihre Haare waren fast weiß geworden, und sie trug ein viel einfacheres Kleid als Tante Amelie, die immer keinen Wert auf Kleidung legte. Als ich vorüberging, hängten die Damen einen Vorhang vor das Fenster. Denn ein Mann hielt einen Galgen in der Hand, an dem eine Puppe hing.

»Das ist Marie Antoinette!« schrie er. »Die Verräterin!«

Auf dem Korridor stand der arme König und sprach mit meinem Onkel. Er war rot im Gesicht und wischte sich die Stirn.

»Das ist unmöglich Marquis!« sagte er gerade, als ich ihn mit einer tiefen Verneigung begrüßte. Ich tat es extra, weil einige Soldaten an den Türen standen und Gesichter schnitten.

Der König nickte flüchtig, sah sich nicht nach mir um und richtete kein Wort an mich. Das war nicht höflich, aber er hat niemals Manieren gehabt, und jetzt denkt er natürlich, es ist alles egal.

Mein Onkel war sehr sorgenvoll, als er dann mit mir nach Hause ging. Er bereut anscheinend, nicht eher abgereist zu sein; jetzt muß er sich vorsichtig benehmen. Wer jetzt reist, dem kann es übel ergehen.

Die Straßen von Paris sehen wunderbar aus. Alle Leute tragen die dreifarbige Kokarde und die rote Mütze, und die meisten von ihnen scheinen Räuber und Verbrecher zu sein.

Es war wirklich angenehm, wieder in unserem stillen Hause zu sein. Die Alleen des Gartens geben tiefen Schatten, und von der Straße kommt wenig Geräusch herüber. Tante Amelie geht auch fast nicht mehr aus und beschränkt sich auf den Garten. Sie fragte mich sehr aus und erzählte, wie das Volk schon einmal in den Tuilerien gewesen wäre und die königliche Familie beinahe getötet hätte. Sie weiß auch nicht, warum alle so zornig auf die armen Menschen sind. Es hängt mit den Kriegen zusammen. Ach, ich fürchte, mit den Gesellschaften wird es in diesem Jahre nicht weit her sein, und ich hatte mich gerade so auf die Abwechslung gefreut. Nun, ewig kann solch ein Zustand nicht dauern, die Franzosen werden schon wieder vernünftig werden.

1. August.

Heute besuchte mich die alte Lenoir. Sie hat sich nicht verändert, ist vielleicht ein wenig schwächer geworden. Jedenfalls behauptet sie es und berichtet von vielen Krankheiten. Koralie hat ihr viel zu wenig Wein gebracht: daher wird sie es nicht mehr lange machen. Koralie, die neben ihr stand, lachte nur. Das Mädchen ist mir unangenehm. Sie ist viel hübscher geworden, aber sie hat einen frechen Ausdruck und wenn man sie über den König sprechen hört, dann muß man sich ärgern. Darum lasse ich mir von ihr nichts mehr tun. Sie putzt sich den ganzen Tag, liest oder macht sich die Haare. Sobald sie weggegangen war, klagte ihre Großmutter sehr über sie.

»Sie ist nicht so gut wie Sie, Mademoiselle!« sagte sie »Und sie will so hoch heraus! Bei Duplays kommt manchmal ein junger Mann, der sie gern heiraten möchte. Aber der ist ihr nicht vornehm genug, und sein Bruder ist doch Deputierter und ein großes Tier. Wenn der redet, dann schreien wir alle hurra!«

»Wie heißt der Deputierte?« fragte ich zerstreut.

»Er heißt Robespierre, und der Bruder, von dem ich spreche, hinkt ein wenig. Das aber tut doch nichts, wenn sonst alles in Ordnung ist. Aber Koralie will einen Aristo, ich weiß es wohl. Das geht aber nicht an, die Aristos stehen nicht hoch im Kurs. Da soll sie nur davonbleiben! Und Sie, Mademoiselle, sollten aus den Tuilerien wegbleiben! Ich habe Sie neulich gesehen, wie sie mit dem Marquis hineingingen. Mit den Vetos muß man nichts zu tun haben, dabei kann man zu Schaden kommen!«

»Der König und seine Gemahlin sind sehr zu beklagen«, erwiderte ich, aber Frau Lenoir verzog den Mund.

»Das ist ihre eigene Schuld, wenn sie es jetzt nicht angenehm haben. Warum verraten sie Frankreich und schreiben an die fremden Könige, sie sollten herkommen und uns allen die Köpfe abschlagen? Ja, ja, Mademoiselle, Sie müssen nicht mit dem Kopf schütteln, als wäre dies nicht wahr. Es ist wahr, Tischler Duplay hat es mir erzählt. Und das ist ein großartiger Jakobiner, wie er sein soll. Koralie will nicht hin zu den Leuten, weil sie sich einbildet, mehr zu sein als sie. Den jungen Robespierre hat sie gewissermaßen auf der Straße kennen gelernt und will auch bei ihm nicht anbeißen. Zu dumm von ihr, Mademoiselle, seien Sie nicht so dumm, wenn's einmal darauf ankommt.«

Sie erzählte dann noch viel von der Flucht der königlichen Familie nach Varennes im vorigen Jahr und vom letzten Junitage, wo sie auch in den Tuilerien gewesen war, um mit anderen Frauen der Königin die Wahrheit zu sagen. Aber sie war nicht dazu gekommen; es drängten sich zu viele Menschen, um Marie Antoinette in der Nähe zu sehen.

Ich wußte wenig von all diesen Sachen, daher hörte ich ihr unwillkürlich zu. Ach, im ersten Jahre hatte ich mich sehr oft aus dem Kloster gesehnt, um wieder nach Paris zu kommen; jetzt wünschte ich, wieder in den stillen Klostermauern zu sein, und nichts von diesen schrecklichen Dingen zu erfahren. Ganz wahr waren sie natürlich nicht; aber ich wollte doch Tante Amelie bitten, mir die Wahrheit zu sagen.

Cécile Renaud besuchte mich heute. Auch ihr Vater ist sehr besorgt, was die nächste Zukunft bringen wird. Aber er führt noch seine Geschäfte und sitzt zu Gericht. Es sind viele Verbrecher abzuurteilen, und er hat viel zu tun. Cécile wird wahrscheinlich mit ihrer Mutter aufs Land gehen und hofft, daß sie Paris verlassen darf. Ihre Dienstboten haben sie zum Teil verlassen; aus welchem Grunde, kann sie nicht sagen. Aber sie wollen frei sein!

Cécile und ich sprachen so ernsthaft miteinander wie sonst niemals. Beim Abschied umarmten wir uns und gelobten uns ewige Treue. Dann lachten wir beide. Ehe sie aufs Land geht, werden wir uns jedenfalls wiedersehen.

Als sie gegangen war, ließ sich ein Soldat der Nationalgarde bei mir melden. Es war natürlich Peter Fuchs, und ich empfing ihn nicht gerade freundlich.

»Es schickt sich nicht für eine junge Dame vom Stande, einen Mann allein zu empfangen!« sagte ich, und Koralie, die ihn mit ihrem neugierigsten Gesicht in mein Zimmer brachte, erhielt den Befehl, meine Tante zu suchen, und sie zu bitten, mir Gesellschaft zu leisten.

Peter war bestürzt über den kalten Empfang, aber dann setzte er sich ohne Aufforderung.

»Kleine Puppe, du scheinst mir hier sehr hochnäsig geworden zu sein. Das würde ich mir nicht mehr merken lassen. Euch Aristos wird's nämlich sehr bald übel ergehen, wenn ihr euch nicht ändert!«

»Hast du darüber zu bestimmen?« erkundigte ich mich, und er strich unter seiner Nase herum, als hätte er dort einen Schnurrbart, während es nur ein paar elende Härchen waren. Sonst ist er nicht so übel in seiner Uniform, und seine Haare wachsen hübsch lockig an den Schläfen, aber er ist doch nur ein einfacher Bürgerssohn.

»Ottony«, sagte er jetzt. »An deiner Stelle würde ich nicht dumm sein, sondern auf einen guten Rat hören. Du und deine Tante sollten machen, daß ihr aus Paris wegkommt. Nächste Woche habe ich die Wache an der Porte St. Martin, dann will ich euch wohl entschlüpfen lassen. Ihr könnt euch ein wenig verkleiden, und ich setze euch auf einen Gemüsekarren, von dem ich den Bauern kenne. Wenn ihr schon draußen seid, wird's auch weiter gehen. In Havre liegen immer Schiffe, die die Emigranten nach England oder Hamburg bringen: ein Kamerad von mir hat einen Onkel, und der ist Schiffskapitän. An den könnt ihr eine Empfehlung bekommen!«

»Und was darf mein Onkel tun?« erkundigte ich mich.

»Wenn er will, mag er mitkommen. Er steht allerdings schon auf der Liste der schlechten Bürger, aber augenblicklich wird er schwerlich schon immer beobachtet.«

»Und weshalb steht er auf der Liste?«

Peter wurde ungeduldig.

»Laß das ewige Fragen, Ottony. Ich würde wahrhaftig nicht in das Aristohaus hier gehen, wenn du nicht darin wärest. Ich muß dich vor Unannehmlichkeiten bewahren, da du meine Braut bist!«

Bis dahin bewahrte ich meinen Ernst, nun mußte ich laut lachen.

»Du bist sehr gütig, Peter Fuchs, aber es ist mir nicht bewußt, daß ich die große Ehre habe, deine Braut zu sein.«

Er wurde puterrot.

»Wir haben's doch abgemacht, kleine Puppe, und was man verspricht, muß man halten!«

Nun stand ich auf und machte eine entlassende Handbewegung.

»Herr Fuchs, Sie haben keine guten Manieren. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus; aber der Verkehr mit Ihnen ist mir keine Freude. Bitte, wollen Sie mich verlassen. Für eine Baronesse Kelchberg schickt es sich nicht, den Besuch von gemeinen Soldaten anzunehmen.«

Nun erhob er sich und war gerade so böse wie ich.

»Gewiß, ich will dich verlassen, denn du bist hier in Frankreich noch dümmer geworden als einstmals in Plön. Für dich ist's nicht schade, wenn du deine Strafe erhältst, aber für deine Tante tut es mir leid. Außerdem habe ich dem Kammerherrn von Treusch versprochen, nach ihr zu sehen, wenn ich nach Paris käme. Nun, ich werde ihm schreiben, wie albern du bist!«

In der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Versteck dein Geld und deine Schmucksachen, wenn du welche hast – diesen guten Rat will ich dir noch geben. Sonst kenne ich dich nicht mehr!«

»Und ich dich auch nicht!«

Ich hörte ihn die Treppen hinunterlaufen, und als ich die Tür öffnete, um zu sehen, ob er das Haus verlassen hatte, stand Koralie da, die mich unverschämt anlachte.

»Der Herr Liebhaber ist wohl im Zorn gegangen?«

Ich richtete mich in die Höhe.

»Du beurteilst mich nach deinem eigenen Benehmen. Eine Baronesse Kelchberg benimmt sich anders, als eine Kammerzofe, die keinen Anstand kennt!«

Ihre Augen funkelten, und sie wurde atemlos vor Wut.

»Die Mademoiselle ist sehr von oben herab! Sie sollte sich hüten. Auch die Kammerzofen können sich rächen!«

»Versuche es!« Nachlässig wandte ich mich wieder ab.

Ich sah Tante Amelie die Treppen hinaufgehen und fragte sie, weshalb sie nicht zu mir gekommen wäre. Sie war sehr überrascht. Koralie hatte ihr nicht Bescheid gesagt.

»Ich möchte sie schlagen!« rief ich wütend, aber die Tante legte mir die Hand auf den Arm.

»Du mußt dich beherrschen, Ottony! Nur keine Szenen. Wir sind alle in Gefahr!«

Sie war so erregt, daß ich lachen mußte. Aber sie hörte kaum auf meine Neckerei, daß ich von Herrn von Treusch gehört hätte. Unruhig ging sie in meinem Zimmer auf und nieder und strich sich über die ergrauenden Haare. Um sie zu beruhigen, erzählte ich ihr von Peters Vorschlag, daß wir alle fliehen sollten. Sie schüttelte den Kopf.

»Es ist zu spät dazu, und dein Onkel würde sich nie dazu verstehen! Er hat dem König versprochen, ihn nie zu verlassen!« Es ist sonderbar, bis dahin dachte ich nicht an Flucht, wie ich aber Tante Amelies sorgenvolles Gesicht sah, tat es mir leid, nicht fliehen zu können. Allerdings hätte ich keine Lust, nach Plön zu gehen, wo es so langweilig ist. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ich ihr von Peters Rat, etwaige Schätze zu verstecken. Sie hörte aufmerksam zu.

»Ich werde es meinem Bruder sagen. Wenn man die Menschen sieht, die in den Straßen umherstehen, dann erscheint Vorsicht allerdings geboten!«

Als sie gegangen war betrachtete ich meine eigenen Schätze. Sie waren nicht der Mühe wert zu verstecken.

Mein erstes Tagebuch habe ich vollgeschrieben, das zweite ist eben erst begonnen. Jetzt komme ich nicht dazu, in meinen eigenen Aufzeichnungen zu blättern, einmal, wenn ich alt bin, wird es mir vielleicht Vergnügen machen. Also versteckte ich mein Buch hinter dem Paneel, das an einer Stelle schadhaft ist, und wo man die Leiste zur Seite schieben kann. Dazu legte ich eine Perlenschnur, die noch von meiner Mutter stammt, und einige Goldstücke, die der Onkel mir kürzlich schenkte. Außer meinem blauseidnen habe ich noch ein Kleid aus rosa Seide und einige weiße aus Perkal. Die kann ich leider nicht verstecken, niemand wird sie mir auch nehmen.

Aber das Verstecken ist ganz interessant; und beim Essen, als Charles hinausgegangen war, fragte ich den Onkel, ob er auch sein Geld verbergen wollte.

Ich sprach höflich und geziert, wie er es liebt, und er hörte mich ruhig an.

»Du hast dir etwas einbilden lassen!« sagte er dann. »Niemand in Paris wird es einfallen, in unsere Häuser zu dringen und dort zu rauben. Dazu leben wir doch in einem geordneten Gemeinwesen. Aber, wenn es dich beruhigt« – er stand plötzlich auf und griff nach einem kleinen Kästchen. »Es ist nicht viel darin, aber du kannst es mir verwahren!«

Als Charles wieder eintrat, lag dies Kästchen schon auf meinem Schoß und nachher habe ich es hinter das Paneel geschoben. Tante Amelie hat auch etwas in ihrem Zimmer versteckt, ich glaube, es sind die Briefe ihres alten Anbeters. Ich könnte mir nicht denken, daß irgendein Verbrecher Spaß an ihnen findet, aber Tante Amelie hat diese kleine Arbeit beruhigt.

11. August.

Es ist schrecklich! Ach, wie sehne ich mich nach dem Kloster, ja sogar nach Holstein. Aber ich will berichten. Der Onkel ging vorgestern abend in die Tuilerien und kehrte nicht zurück. Tante Amelie schlief die ganze Nacht nicht, weil sie fürchtete, ihm wäre etwas zugestoßen, und als wir am andern Morgen Kanonendonner hörten, gingen sie und ich in dichten Schleiern und langen Mänteln nach dem Schloß. Charles erbot sich, uns zu begleiten. Er war nämlich selbst neugierig und aufgeregt und wollte gern wissen, was los wäre.

In der Straße St. Honoré kamen wir schon ins Gedränge, weil eine Menge Soldaten hier standen; auch Leute, die nur Piken trugen. Wir wollten zurück, konnten aber nur vorwärts. Charles war plötzlich verschwunden, und als Kanonen angefahren kamen, flüchteten wir in ein Haus. Einige Leute kamen mit uns hinein, schlossen die Haustür ab und gingen ins erste Stockwerk. Wir folgten ihnen, erhielten in einem großen Raum einen Fensterplatz und konnten von hier aus die Tuilerien und den Garten davor sehen. Gerade in dem Augenblick, als es schien, daß eine Kanonade aufs Schloß beginnen sollte. Ein junger Herr, der neben mir stand, sagte es wenigstens. Es war ein Offizier der republikanischen Armee, wie er das Heer nannte, und er hatte noch einige Kameraden bei sich. Sie waren alle höflich und brachten uns Stühle, so daß wir für den Augenblick keine Unannehmlichkeiten hatten. Und dann sahen wir etwas Schreckliches. Zuerst einen langen Zug – den König, die Königin, ihre Kinder und Madame Elisabeth, die Schwester des Königs. Sie gingen alle hintereinander her, mit ihnen ging ihr Hofstaat und eine Reihe von Deputierten, während eine große Volksmenge versuchte, in ihre Nähe zu kommen.

Viel Militär begleitete sie. Einmal schien es mir, als sähe ich Peters freches Gesicht neben der Königin, aber dann war er verschwunden. Ich konnte auch nicht mehr an ihn denken, es war zu herzbrechend, die armen Herrschaften so inmitten der Menschen gehen zu sehen, die sie unfreundlich anstarrten oder Beleidigungen sagten. Hören konnten wir die Worte nicht, aber der Kapitän, der neben mir stand, sagte es. Er sagte mir auch, daß die Herrschaften jetzt in die Nationalversammlung gingen, um sich in den Schutz der Deputierten zu begeben. Ich mußte weinen, denn ich fürchte, diese Deputierten taugen alle nichts, aber der Kapitän lachte über meine Tränen.

»Unter den Deputierten sind sehr ordentliche Leute, die es besser mit Frankreich meinen als mancher Royalist!« sagte er, und ahnte nicht, daß auch ich eine Royalistin war. Aber ich hatte keine Zeit, mit ihm zu streiten. Kaum war der Zug mit dem König verschwunden, als die Soldaten einen Angriff auf die Tuilerien machten. Sie schossen mit Kanonen und mit Gewehren, die Schweizergarde, die das Schloß zu bewachen hatte, antwortete, aber sie waren wohl zu schwach, sich zu verteidigen. Wir sahen Tote und Verwundete, hörten Geschrei und immer Schüsse. Tante Amelie und ich zogen uns vom Fenster zurück, die Offiziere nahmen unsern Platz ein und sprachen lebhaft miteinander.

Der Kapitän wurde aufgeregt. Er sagte, die Tuilerien sollten sich anders verteidigen: das Volk, das sie angriffe, müßte zusammengeschossen werden; aber davon schien nicht die Rede zu sein. Bald riefen die Herren, daß Sensen- und Pikenmänner ins Schloß eindrängen, und es schien ein entsetzliches Blutvergießen zu werden.

Zitternd hockten wir in der äußersten Ecke des Zimmers, bis es wieder ruhig wurde und der Kapitän sich erbot, uns nach Haus zu bringen. Mit seiner Uniform konnte er sich durchdrängen, und niemand belästigte uns. Die Straßen waren viel leerer geworden, alle Horden waren in den Tuilerien und plünderten nach Herzenslust.

Herr Bonaparte, denn so nannte sich der junge Offizier, brachte uns bis an unseren Garten und verabschiedete sich sehr artig. Wir haben ihm nicht viel gedankt, wir mußten an den armen Onkel denken, ob der auch bei diesem Schlachten ermordet wäre, aber er kam uns wohlbehalten entgegen und schalt nur, daß wir uns in die unruhige Stadt gewagt hätten. Aber er schalt nicht lange. Er war müde und verzagt. Er weiß nicht, was werden soll. Es war ein schrecklicher Tag. Vielleicht wäre es doch gut, wenn ich Peters Anerbieten annähme und die Verwandten bewöge, zu fliehen.

16. August.

Charles ist nicht wiedergekommen, und die Köchin Minette ist gleichfalls verschwunden. Koralie brachte uns die Nachricht und lachte schadenfroh.

»Nun müssen sich die Aristos selbst die Suppe kochen, die sie sich einbrockten!«

Ich spreche überhaupt nicht mehr mit ihr, also antwortete ich ihr nicht. Ich freute mich aber, daß der Onkel ihre Worte hörte. Er stand nämlich im Nebenzimmer und ging jetzt auf die freche Person zu.

»Du sprichst so häßlich über die Aristokraten, wo du im Hause eines vornehmen Mannes so viel Gutes genossen hast?«

Sie sah ihn trotzig an.

»Das Gnadenbrot schmeckt nicht immer gut, Herr Montmédy!«

Der Onkel sah sie erstaunt an.

»Ich bin Marquis!« sagte er trocken, aber Koralie lachte.

»Das hört auf, Herr Montmedy!«

Weshalb war sie wohl so unverschämt gegen den Onkel? Ich hab's niemals verstanden. Er war immer gut gegen sie und hatte sie verwöhnt, so daß sie dankbar sein sollte. Ich aber freute mich; denn der Onkel lernte Koralie einmal von ihrer wahren Seite kennen. Er antwortete ihr übrigens nicht, wandte sich ab und stützte den Kopf in die Hand. Er war blaß und traurig. Er liebte seinen König und sah ein, daß ihm nicht mehr zu helfen war.

Ich schreibe diese Worte noch spät am Abend. Der Onkel und Tante Amelie schlafen noch nicht. Ich höre sie im Zimmer der verstorbenen Tante miteinander flüstern. Morgen werde ich versuchen, mich mit Peter in Verbindung zu setzen. Wir wollen natürlich fliehen.

Der König und seine Familie sind im Tempel. Onkel ist gleich hingegangen, um ihnen seine Aufwartung zu machen, und ich habe Wäsche für Madame Marie Therese schicken müssen. Sie hat nichts mitgenommen bei ihrem Auszug aus den Tuilerien. Die Armen! Aber sie sollen mutig sein.

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