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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 9
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typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Haushalt und Freiheit.

Von alten Geizhälsen liest man, daß sie ihr Geld in eisernen Töpfen vergraben hätten. Ist das lächerlich? Nein, nach den heutigen Anschauungen ist es empörend, ist es ein Verbrechen nicht allein an dem Täter selbst, vielmehr noch an der Allgemeinheit. Lebendiges vergräbt man nicht, es wären denn Samenkörner, die nur darum in die Erde gelegt werden, damit sie vielfältige Frucht bringen. Alles Lebendige hat die Eigenschaft, Frucht zu bringen.

Auch das Geld ist etwas Lebendiges, und bestünde es gleich in starrem Metall oder in nichtigem Papier. Es ist der vollgültige Vertreter irgend einer menschlichen Tätigkeit, eines Verdienstes, das auch im Gelde eine Nachwirkung hat für unberechenbare Zeiten. Wenn du heute, am Montag, einen Scheffel Kartoffeln erntest und für einen Gulden verkaufst, so ist dein Gut durchaus nicht abgetan, sobald die Kartoffeln verzehrt sind. Nein, es lebt nicht bloß der durch die Kartoffeln Gesättigte, es lebt auch der Gulden, den du dafür eingenommen hast. Du kaufst dir am Dienstag um diesen Gulden einen Hut, der Hutmacher läßt am Mittwoch mit dem Gulden seine Walchmaschine reparieren, der damit betraute Schlosser verschafft sich für den Gulden am Donnerstag einen Sitz im Theater. Der Theaterdirektor entlohnt mit dem Gulden am Freitag den Maler für ein Dekorationsstück. Der Maler bezahlt mit dem Gulden am Samstag das Höslein für seinen Knaben, der Schneider bereitet mit dem Gulden am Sonntag sich und seiner Familie ein Mittagsmahl u.s.w.

Schon in einer einzigen Woche also war der Gulden siebenmal Gulden. Er bedeutete sieben Gulden, hatte für sieben Gulden Werte vermittelt, die sonst brach liegen geblieben wären. Nicht allein, daß er einer wahrscheinlich hungrigen Familie ein Scheffel Kartoffeln verschafft, er erzeugte gleichsam auch einen Hut, eine Walchmaschinenschraube, ein Theaterstück, ein Dekorationsstück, ein Höslein und ein Mittagsmahl. – Hättest du am Montag den für die Kartoffeln eingenommenen Gulden in die Erde vergraben, so würdest du deine Mitmenschen schon in dieser einen Woche um sechs Gulden benachteilt haben. – Die Wesenheit des Geldes ist geheimnisvoll, ein Sozialökonom würde es gewiß deutlicher machen und begründen können, wieso die Kraft des Geldes sich so zauberhaft entfaltet.

Aber ist das ein Argument für die Sparsamkeit? Gerade darum dürfe man das Geld nicht in den Kasten legen, höre ich sagen, sondern man müsse selbes, kaum eingenommen, wieder ausgeben, damit es unter die Leute komme! Allerdings eine schlaue Begründung für Verschwender, wenn sie nur stichhaltig wäre! Man braucht das Geld, wenn eins vorhanden ist, weder in den Kasten zu tun, noch auszugeben. Oder vielmehr, man kann beides tun. Ich weiß ein Mittel, das Geld zu sparen und es doch unter die Leute zu bringen. Man legt es in die Sparkasse. Die Sparkasse verschließt das Geld nicht in ihre eisernen Kassen. Da könnte sie ja keine Zinsen zahlen, sondern müßte noch Aufbewahrungsgebühr einheben. Die Sparkasse gibt das ihr anvertraute Geld weiter, an Leute, die es notwendig für ihre Wirtschaften brauchen, die Zinsen zahlen, Deckung bieten und sich helfen können. Oder sie legt es auf sichere Papiere an, die auch eine Art Bargeld sind, aber eins zweiter Güte, die, wenn es recht hergeht, auch eine menschliche Tätigkeit oder ein Verdienst und das dadurch erzielte allgemein brauchbare Resultat vorstellen. Kurz, die Sparkasse streut das Geld wie einen Samen in die Welt hinaus, wo es in mannigfaltiger Weise befruchtet und den Volksreichtum vermehren hilft. An dieser Vermehrung hast du, der Einleger, deinen Anteil in Prozenten, die du jährlich beheben kannst, oder auch in der Sparkasse belassen, wo sie wieder Zinsen tragen und dein ursprünglich eingelegtes Kapital vermehren. Denn dein in die Sparkasse gelegtes, und von dieser weitergegebenes Geld hat die Eigenschaft, daß – obschon von dir ausgegeben und fremden Leuten dienstbar geworden – es zu dir zurückkehren muß bis auf den letzten Kreuzer, wann du willst. Es hat fremden Wohlstand gefördert und sich auch für dich vermehrt, es hat seine geheimnisvolle Kraft hundertfach entfaltet und verzweigt. Du hast dein Geld unter die Leute kommen lassen und doch für dich behalten.

Es ist also sehr unsinnig, zu sagen, man müsse das Geld verschwenderischer Hand ausgeben, damit es unter die Leute komme. Und es ist schon darum auch nicht richtig, weil solches Geld von solchen Leuten, die das sagen, nicht ausgegeben wird aus Liebe zu den Mitmenschen, sondern um sich selbst Genüsse zu verschaffen. Was weiter mit dem ausgegebenen Gelde geschieht und wem es zu gute kommt, das ist dem Ausgeber ganz gleichgültig. – Vor kurzem habe ich diese Phrase vom Geldausgeben, damit es unter die Leute komme, bei einer sozialdemokratischen Versammlung gehört, nachdem vorher über die Verschwendung der Kapitalisten und über die für militärische Zwecke ausgegebenen Unsummen des Staates schrecklich gewettert worden war. Aber das Geld des Kapitalisten kommt ja auch unter die Leute, warum soll er's nicht für Luxus ausgeben! Die Milliarden für das Militär kommen ebenfalls unter die Leute, weshalb soll sie also der Staat nicht ausgeben! Er tut damit ja doch nur, was jener sozialdemokratische Redner wollte: Geld ausgeben, damit es unter die Leute komme! Nein, die Hauptsache ist, wofür ausgegeben wird! Ob das, was man sich durch Geld anschafft, nutzbringend ist, oder unfruchtbar, oder gar schädlich. Wer sein Geld für notwendige Lebensmittel und Erholung, für Arbeitswerkzeuge und Arbeitskraft ausgibt, der ist kein Verschwender, und wenn er auch mit vollen Händen ausstreut. Wer hingegen sein Bargeld in die Erde vergräbt, um es aufzusparen, der ist ein unsinniger Verschwender. Und wer sich mit seinem Gelde gar Räusche, Krankheiten, sonstige Kraftzerstörungen, Unlust und Unfähigkeit kauft, der ist der gewissenloseste und verächtlichste Verschwender, der ins Zucht- oder Krankenhaus, ja am besten sobald als möglich in den Moder gehört, er ist ein Parasit der Gesellschaft.

Ein Staat, und hätte er die besten wirtschaftlichen Theorien, muß zu grunde gehen, sobald die Mehrzahl der Staatsbürger nicht spart. Wir haben eine Menge wirtschaftlicher Parteien, deren Agitatoren und Blätter immer alle denkbaren Ursachen aufzählen, weshalb die Leute verarmen. Stets sind die Leute bereit, die Schuld ihres Niederganges und ihres Elendes anderen zu geben. Eine der allerwichtigsten Ursachen unseres wirtschaftlichen Jammers verschweigen sie regelmäßig. Den Mangel an Sparsamkeit. Verschwender und Wirtshauslumpen hat es wohl zu allen Zeiten gegeben, aber das waren Ausnahmen und haben als solche die abschreckenden Beispiele geliefert. Heute verschwenden die meisten, denn sie geben mehr aus, als sie einnehmen, und sie geben es für Dinge aus, die unfruchtbar sind, oder die mehr schaden als nützen. »Größere Bedürfnisse« hat man, »zurückbleiben« kann man nicht. – Die Kost ist leckerer als früher, aber teurer und weniger nahrhaft. Die Kleidung ist feiner, aber teurer und weniger haltbar. Die Einrichtungsstücke sind glänzender, aber teurer, verweichlichender und hinfälliger. Das fabrikmäßig hergestellte Zeug scheint nur für heute billig zu sein, während es morgen schon zu Schanden gebraucht ist und durch immer neue Anschaffungen und Reparaturen viel teurer zu stehen kommt, als früher die soliden Sachen. Alles ist dazu eingerichtet, auch den armen Leuten den letzten Groschen aus dem Beutel zu locken. Ja, es gibt ein gottverfluchtes Prinzip, das des Manchester-Liberalismus, und das heißt, die Aufgabe der Zivilisation sei es, den Menschen so viel als möglich Bedürfnisse anzugewöhnen. Ein Volk, das die meisten Bedürfnisse habe, sei das vorgeschrittenste. Man könnte dann gerade so gut sagen, ein Volk, das die drückendste Armut und die meisten Schulden und die größte Unzufriedenheit aufweist, sei das vorgeschrittenste. Ich dank' schön für eine solche Kultur. Es wäre ja freilich sehr schön, wenn jeder alles Denkbare haben und genießen könnte; ich hätte nichts gegen eine Kultur, die uns auch das äußere Leben so reich und fein als immer möglich machte; wenn sie uns aber innerlich verkommen läßt, wenn sie uns darüber zu Bettlern macht, die freilich nicht mehr unter sich betteln können, sondern die bei der Zukunft Anleihen machen müssen, dann lieber nicht. Lieber ein einfaches, mehr nach innen gekehrtes Leben, als heute den Luxus und morgen den Bankerott. Aber diese Kultur ist einmal da, das Elend, besonders in den unteren Ständen ist allgemein; natürlich geht man ins Wirtshaus, um es in Bier zu ertränken, in Wein zu ersticken oder gar mit Schnaps zu vergiften. Und vergiftet sich selber mit. Um sich in den jämmerlichen Zuständen ein wenig zu zerstreuen, sucht man Unterhaltungen auf, die Geld kosten und doch das Herz nicht mehr erfreuen. – All derlei scheint notwendig, wenigstens allgemein gebräuchlich zu sein, wer wollte darin eine Verschwendung sehen! Und es ist doch eine und zwar eine so allgemeine, daß sie gar nicht mehr auffällt. Wie früher die Lumpen Ausnahmen waren, so sind es jetzt die Bedürfnislosen. Die Fleißigen, die Sparsamen, sie werden auch ordentlich ausgelacht, aber wer zuletzt lacht, das sind die Sparsamen, weil sie mitten im allgemeinen Niedergange bestehen bleiben und sogar in die Höhe kommen. Denn im ganzen spielt die Weltordnung immer noch so korrekt, daß Fleiß, Sparsamkeit und schlichte Redlichkeit gesegnet ist, während das Gegenteilige einen immer fortzeugenden Fluch in sich trägt und das Geschlecht, das ihm huldigt, moralisch und physisch zu grunde richtet.

Und jetzt will ich ein bißchen mitten in das Leben des Tages greifen. Unsere Arbeiterschaft, die sich befreien will, hat viele gesunde Grundsätze, und soweit Vernunft auf ihrer Seite steht, wird sie im Prinzipe siegen. In einem steht ihr aber wenig Vernunft zur Seite und darum werden die Mitglieder dieser Partei tatsächlich nicht siegen, nicht frei werden, sondern arme geknechtete Schelme bleiben. Die Sozialdemokraten – soweit ich sie kenne – verachten die Sparsamkeit, obschon in ihrer Hauptkampfart, dem Streik, Erspartes manchmal recht gut zu statten kommen würde. Aber es ist sogar einer ihrer Grundsätze, nicht zu sparen, sich weder Haus noch sonstigen Besitz zu gründen, sondern alles, was der Tag einbringt, auch wieder für den Tag auszugeben. Erstens meinen die Führer mit dieser Taktik die Arbeiterschaft zu einem vom heutigen Staat unabhängigen lenksamen Heere gegen diesen zu bilden, und zweitens ist ein allerdings nur mehr geringer Teil der Arbeiter noch immer so kindisch, zu glauben, daß ohnehin die allgemeine Gleichteilung aller Reichtümer bevorstehe, wo sie ihr gut gemessenes Stück abbekommen würden. Wozu sich also etwas versagen, wenn man's haben kann, man lebt nur einmal, man ist nur einmal jung, und bis wir alt werden, wird der große Trumpf die Gleichheit ja hergestellt haben.

Das ist der Teufelsschwanz der Arbeiterpartei, an dem sie von allen böse und gut gesinnten Gegnern mit tausend eisernen Armen zurückgehalten wird, so daß sie schließlich auch das nicht erreicht, was ihr von Rechts wegen gebührt. Dieser verhängnisvolle Standpunkt wird von den Gegnern der Arbeiterschaft sehr tapfer ausgenützt, um sie bei allen vernünftig Denkenden in Mißkredit zu bringen. Dieser Wirtshauslumpenstandpunkt macht auch die Besseren in der Arbeiterwelt selbst stutzig und wohl auch die Führer allgemach nachdenklich.

Ich, selbst einst ein körperlicher und heute ein geistiger Arbeiter, gehe mit der Arbeiterschaft in allem, womit sie ihr Los zu verbessern hofft. Aber vor dem Prinzipe, nicht zu sparen, sich nicht heimsässig zu machen, keine geordnete Familie zu gründen, mache ich Halt. Die Träger dieses Prinzipes würden, um es kurz zu sagen, meine persönlichen Feinde sein, ihnen gegenüber würde ich mich mit jeder Macht verbinden und sie mit allen Mitteln bekämpfen. Ja, es wäre kein Mittel so schlecht, das nicht noch gut genug wäre, diesen verrücktesten und niederträchtigsten Wahn zu vernichten. Denn eine Gesellschaft, die nicht grundständig ist und sein will, nicht sammelt und nicht baut, nur ein Familienleben wie die Wilden führt, ohne Treue und Zucht, stünde niedriger als die Zulukaffern, wäre um so ekelhafter, als sie kein Naturvolk, sondern ein degeneriertes Kulturgesindel sein würde. Wenn ich sie mit den Zigeunern vergliche, täte ich den letzteren unrecht.

Nicht in blindem Zorn wird das hinausgerufen. – Der Gleichheitsstaat mit seinen besitzlosen Bürgern! Ich habe ja reichlich darüber nachgedacht, ob die bewußten Ideale der Sozialdemokraten nicht am Ende doch erfüllbar wären, doch es findet sich weder in der Geschichte, noch in der menschlichen Natur ein Anhaltspunkt dafür. Die Staaten entstehen nicht nach Theorien, sondern nach menschlichen Eigenschaften. Gerade die sich selbst nun findenden und aufrichtenden Arbeiter haben am wenigsten das Zeug dazu, sich alle nach einer Schablone, unter Verleugnung aller Individualität, glücklich machen zu lassen. Im Staate der Gleichheit gibt's keine persönliche Freiheit. Und wenn man auf diese verzichten will, dann wäre ja der Zustand unter »väterlich sorgendem« Schwert und Krummstab auch gut gewesen. Diese Nebenbemerkung nur für die wenigen, die noch von einem Gleichheitsstaate träumen.

Daß von Staats wegen für alle Staatsbürger gesorgt werden sollte, ist ja natürlich, und fängt auch an mehr und mehr zu geschehen. Nun gesetzt den Fall, daß der Staat wirklich in der Lage wäre, für jedes seiner Mitglieder volle Gerechtigkeit walten zu lassen, was würde dann sein? Würden der Fleißige wie der Faule, der Gefräßige wie der Mäßige, der Talentierte wie der Dumme, der Anschicksame wie der Ungeschickte, der Vordrängerische wie der Bescheidene, der Starke wie der Schwache gleichviel haben? Das wäre die allergrößte Ungerechtigkeit und gerade in einem gerechten Staate, wie wir alle ihn wünschen, ganz unmöglich. Der Schlechtveranlagte wird immer weniger haben, als der Gutveranlagte, der Starke wird trotz humansten und gerechtesten Gesetzes den Schwachen, der Kluge den Törichten, der Gewissenlose den Redlichen übervorteilen. Das würde selbst in dem »Staate der Gleichheit« nicht anders sein, weil die Menschen einmal sind, wie sie sind.

Auf den Staat lasse man's nicht ankommen. Jeder muß innerhalb des Gesetzes auf sich selber schauen.

Der Idealstaat des Sozialisten würde im besten Falle nur für das Gemeine und Alltägliche seines Staatsbürgers sorgen. Wer besondere Neigungen und Genüsse haben wollte, Kunst, Literatur, Reisen, Lieblingsstudien u.s.w., der müßte sie mit einem Sparpfennig eigens erwerben. Ohne eines solchen kleinen Vorteils käme er aus der trostlosen Herdenexistenz nicht für einen Augenblick los.

Wenn also schon in einem sozialdemokratischen Staate die edleren Genüsse des Lebens nur durch eine gewisse Verdienstansammlung gewonnen werden können, um wie viel unabweislicher ist das Sparen in einem Staate, der sich gar nicht oder viel zu wenig um den einzelnen kümmert. Der Arbeiter sagt es ja, daß er unter den gegenwärtigen Zuständen ganz auf sich selbst angewiesen sei. Ja, warum schaut er dann nicht auf sich selbst, warum setzt er sich nicht in jenen einzigen Vorteil, der jedem bisher noch unbestritten blieb? Warum hält er den Lohn seiner schweren Arbeit nicht fest, warum spart er nicht?

Nun, weil – wie gesagt – es einzelne Arbeiterdemagogen gibt, die das Haushalten geradezu verdammen. Sie fürchten, der Arbeiter könnte durch ein vernünftiges Wirtschaften allmählich zufriedener werden, als er heute ist. Und zufriedene Leute kann der Demagoge nicht brauchen.

Leute, die nicht wirtschaften können und sogar den Grundsatz haben, jeden Tag das Erworbene zu vertun, kann wiederum der Staat nicht brauchen, er müßte mit ihnen zu grunde gehen.

Die Verhältnisse sind allerdings so, daß die Arbeiter im allgemeinen sich nicht viel ersparen können. Fünf oder höchstens zehn Kreuzer des Tages wären schließlich ja noch beiseite zu legen, und wenn auch nur zwei Kreuzer, aber was gibt das aus? Zwei Kreuzer Ersparnis täglich, das wären in zehn Jahren immer nur erst 73 Gulden! Mitsamt den Zinsen kaum 100 Gulden. – Allerdings keine Altersversorgung (diese muß anders angestrebt werden); hingegen aber ein vom Himmel gefallener Hunderter. Mehr wert als dieser wäre aber der mit den täglichen zwei Kreuzern erweckte und gezüchtete Sparsinn und das damit verbundene Sammelvergnügen. Und kann der Mann das Sparen erst einmal, dann wird er unter denselben Verhältnissen am Ende täglich auch zehn Kreuzer erübrigen, ohne einen besonderen Abbruch zu leiden, was nach zehn Jahren mäßig verzinst 500 Gulden ausmacht. – Sobald man das Geld nur auf fruchtbaren Boden wirft, wächst es wie Unkraut.

Aber um sich täglich einen Schluck Schnaps, eine Zigarette weniger zuzuführen und die paar Kreuzer beiseite zu legen, dazu gehört moralische Kraft. Zwar nicht viel, aber man bringt die wenige nicht auf. Mein Gott, und da will man einem solchen Menschen zumuten, daß er sittliche Lasten auf sich nehme, schwere Pflichten trage, wo der arme Schwächling nicht einmal im stande ist, zwei Kreuzer aufzuheben.

Seit man – und unter obwaltenden Zuständen gewiß mit Recht – angeleitet oder gar gezwungen wird, in die Krankenladen, Versorgungskassen, Versicherungsgesellschaften einzuzahlen, hat die ohnehin im allgemeinen immer schwache freiwillige Sparsamkeit ganz aufgehört. Sie würde aber gesegneter sein und den Menschen freier und selbständiger erhalten, als das notgedrungene Einzahlen, das oft noch mit Mißtrauen verbittert wird und im übrigen dem Leichtsinn Vorschub leistet. Und ist der Zwang denn nicht demütigend? Doch die Bevormundung, die in dem Zwange zu gewissen Ladeneinzahlungen liegt, muß man sich gefallen lassen. Leute, die für sich nicht haushalten können, sind in der Tat unmündig.

Nun könnten meine Gegner vielleicht sagen, ich hätte den Geiz lieb. Nein, dieses schäbigste aller Laster habe ich nicht lieb; ich verachte den Geiz als die unbegreiflichste Dummheit der Menschen. Darum sage ich nicht scharren, sondern sparen. Hätten wir das christliche Vertrauen noch, mit dem auch die Gnade der Anspruchslosigkeit und Entsagung Hand in Hand ging, ich würde bei unseren Leuten nicht ans Morgen denken, sondern mit dem »täglichen Brot von heute« zufrieden sein. Wer aber die Genußgier betrachtet und andererseits die moralische Gefahr der Armut, der muß verzagen, wenn die Leute blind in den Tag hineinleben, morgen aber alt, erwerbslos sein werden und immer noch leben und etwas genießen wollen.

Geld allein macht nicht glücklich, man muß es auch haben, sagt ein lustiges Sprichwort. Ernsterweise aber zeigt es sich, daß das Haben noch nicht genug ist, man muß es auch recht anwenden können. Das kann nun weder der Geizige, noch der Verschwender. Ferner lehrt die Erfahrung, daß geschenktes oder ererbtes, oder gar unrechtmäßiges Geld ungleich weniger Segen in sich hat, als durch eigene Arbeit erworbenes. Das ist auch leicht zu verstehen, den Wert des Geldes kann nur der ermessen, der ihn zuerst aus sich heraus dem Gelde gegeben hat. Das persönlich erworbene Geld gehört gleichsam zur Person, zu seiner persönlichen Kraft. Sowie ein vernünftiger Mensch nicht mehr Kraft verbraucht, als er entraten kann, so gibt er auch nicht mehr Geld aus, als nötig ist, er schont nicht allein seine körperliche, er schont auch seine wirtschaftliche Gesundheit, und damit steht er – wie die Welt einmal eingerichtet ist – auf Grundlage seiner Persönlichkeit und Freiheit.

Ich gebe sehr gern zu, daß jedermann das Geld, das er sein Lebtag verdient hat, auch sein Lebtag aufbrauchen darf. Aber immer nur so, daß es ihm zum Wohle wird, daß es ihn unabhängig und frei macht und eine Stütze ist in schweren Zeiten und im Alter. Wer mehr einnimmt, der mag natürlich mehr ausgeben, er darf nur nicht vergessen, daß das Mehrausgeben die Bedürfnisse steigert, also: Je mehr er täglich ausgibt, je mehr Ursache hat er, täglich zu sparen für die gesteigerten Bedürfnisse. Daß der Arbeitsmensch bei einfacher Lebensweise allmählich zufriedener werden würde, ist nicht zu leugnen.

Und meine ich, daß die übrige Gesellschaft und der Staat mit einer sparsamen und zufriedenen Arbeiterschaft wesentlich lieber paktieren würde, als mit einer wirtschaftlich so unklaren, zerfahrenen, als es ein Teil der heutigen Arbeiterschaft ist.

Doch ich entsinne mich. Das moderne Wirtschaftssystem ist ja nicht auf das Sparen begründet, sondern auf das Schuldenmachen. Der Staat geht ja mit diesem guten Beispiele voraus. Das Schuldenmachen ist auch der Grund, weshalb das Geld Zinsen trägt. Gäbe es keine Schulden, so hätte das Geld keinen Zinsfuß, weil niemand für Anlehen von Geld eine Entschädigung zahlen würde. Je mehr Schuldenmacher, je höher der Zinsfuß. Also sind es die Verschwender und Unternehmer, die dem Ausleiher das Geld vermehren helfen, und es sind die Sammler und Sparer, die den Zinsfuß niederdrücken und am Ende ganz verschwinden machen könnten. Was folgt daraus? Es folgt daraus, daß diejenigen, die ein Feind hoher Zinsen und behaglicher Rentiers sind, das Sparen zu einem ihrer Grundsätze machen müßten. Ein Arbeiter, der sich viele Luxussachen anschafft, schädigt sich und nützt dem Kapital, dem Fabrikanten, dem das Geld für die gekauften Sachen hauptsächlich zufließt. So komme ich schließlich auch auf diesem Wege zum bekannten Schlüsse – sparen aus sozialistischen Gründen.

Wenn das Volk auf einmal anfinge zu sparen, es wäre eine wahre Kalamität für die Reichen und Mächtigen. Das wirtschaftliche Leben würde sich total ändern und mit ihm das gesellschaftliche und die Politik! Wenn die Leute anfingen stets fleißig zu arbeiten, entsprechend zu ruhen, sich naturgemäß zu nähren, eifrig zu lernen, mäßig zu genießen, vernünftig hauszuhalten: vorbei wäre es mit der Übermacht des Kapitals, aber auch mit dem Arbeiterelende, wir hätten einen kräftigen Mittelstand und wir würden nicht abwechselnd Sklaven des Klerus, des Adels, der Geldmächte sein.

Oder irre ich mich? Sollten die altbewährten Tugenden doch nichts mehr zu stande bringen? Ich glaube, die große Schwäche dieser Tugenden besteht darin, daß man nicht mehr an sie glaubt. Sie sind altväterisch, spießbürgerlich und verächtlich geworden. Von einzelnen ausgeübt, erweisen sie sich allerdings oft als wirkungslos; je fleißiger einer arbeitet, je mäßiger er lebt, je mehr Fett bietet er anderen zum Abschöpfen. Wenn nun aber alle in ihrem Beruf richtig arbeiten, einfach leben und gut haushalten wollten! In wenigen Jahren schon würde sich das Land allgemein eines großartigen Wohlstandes erfreuen und die Menschen würden körperlich gestärkt und sittlich gekräftigt sein.

Doch wohin gerate ich? Das sind ja schon die gesegneten Fluren Utopiens. Da haben wir nichts zu suchen. Bleiben wir bei unserer hausbacknen Welt und unseren erprobten Grundsätzen. Alles kann man nicht machen, doch dem einzelnen kann man rettende Zeichen geben. Die fleißige Arbeit allein kann ausgenützt werden von Fremden, aber sie führt zum Wohlstand des Arbeiters, wenn die Klugheit dazu kommt. In unserem Volksmunde, der auf alte Erfahrungen bauend zumeist das richtige sagt, heißt »Klugheit« soviel als Sparsamkeit, gleichsam als ob der Kern aller Klugheit darin bestände, mit seinen erworbenen Sachen sorgfältig hauszuhalten. Wie dem auch sei, wichtig ist und bleibt die Klugheit des Sparens nicht bloß für das leibliche Wohl, viel mehr noch für höhere Güter. Ein gewisser, wenn auch mäßiger Besitz entzieht uns fremder Willkür und Demütigung und macht uns erst zum freien Menschen.

Das ist der Hauptgrund, weshalb ich auf ein vernünftiges Haushalten so großes Gewicht lege.

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