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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
correctorreuters@abc.de
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Zwei redliche Finder.

Eine mir nahestehende Frau hatte einen Ring verloren, der ihr sehr teuer war. Sie ließ den Verlust in den Zeitungen verkünden und gab dem redlichen Finder ihr Haus an.

Am nächsten Tage schon hatte der redliche Finder sich eingestellt. Es war ein gesprächiger Warenausträger, er bat zuerst mit untertäniger Artigkeit, den Ring zu kennzeichnen. Es geschah, es stimmte, und er folgte das Kleinod aus.

Während die Frau ins Nebenzimmer ging, um ohnehin die Börse zu holen, rief er ihr erregt nach: »Ich bekomme meinen Finderlohn!«

»Wie viel glauben Sie denn beanspruchen zu dürfen?« fragte die Eigentümerin, »ich denke Ihnen fünfzehn Gulden zu geben, weil man seltene Ehrlichkeit besonders achten muß. Der Ring hat nur für mich als ein Andenken besonderen Wert«.

»Meine Gnädigste!« antwortete er, »der Ring hat einen Edelstein an sich, obschon allerdings der Wert nicht so groß ist, als ich mir anfangs gedacht; zweihundert Gulden, sagte der Goldarbeiter; denn ich war schon bei einem Goldarbeiter, um den Ring schätzen zu lassen. Will nichts damit gesagt haben, meine Gnädigste, doch bei manchen Herrschaften muß man Nummer sicher gehen. Zweihundert Gulden aufs allermindeste, sagte der Goldarbeiter.«

»Es freut mich,« versetzte lächelnd die Frau, »daß ich einen so wertvollen Ring besitze und so bitte ich diese zwanzig Gulden hier zu sich zu nehmen.«

»Ich küss' die Hand, Allergnädigste«, sagte der Überbringer gesprächig, »ich küss' die Hand. Sehen Sie, wegen diesem Ring hab' ich heute die ganze Nacht nicht geschlafen. Was machst du damit? habe ich mir gesagt, trägst du ihn auf dem Finger, so wird dich dein Chef fragen, woher der wertvolle Ring? Sage ich, daß ich ihn gefunden hätte, so wird es heißen: zurückgeben. In der Zeitung hat man's auch gelesen. Dann ist er für meine Finger obendrein zu klein. Will ich ihn verkaufen, so wird man wieder wissen wollen, woher ich ihn habe. Und hebe ich ihn auf, so kann's später Unannehmlichkeiten geben. Übrigens ist der Wert ja nicht bedeutend. In Gottesnamen, hab' ich mir gedacht, gibst ihn zurück, bleibst ehrlich. – Ich küss' die Hand, Euer Gnaden.« Und mit Bücklingen davon.

Gewiß ein redlicher Mann, der so aufrichtig und harmlos eingesteht, daß er eigentlich doch ein Spitzbub ist. –

Vor einiger Zeit verlor eine arme alte Frau alles, was sie hatte. Ihr einziger Sohn, ihr Trost und Ernährer, war plötzlich gestorben und hatte ein Vermögen von hundertfünfzig Gulden hinterlassen. Als die Mutter dieses Geld in die Sparkasse tragen wollte, und unterwegs verschiedene Kleinigkeiten zu besorgen hatte, verlor sie unterwegs das Geld. Sie war eine Bettlerin, aber nicht trostloser, als sie es vorher gewesen. Der Verlust wurde freilich der Polizei angemeldet, in den Zeitungen angezeigt, aber die alte Frau »machte das Kreuz« über dieses Geld und meinte, wie sie die Welt kenne, sei von einem Wiederbekommen wohl keine Rede.

Als sie am nächsten Tage von einem Gang in ihre Wohnung zurückkam, erzählte ihre Zimmergenossin, daß ein alter Mann dagewesen sei und ein kleines Paket für sie abgegeben habe. In diesem Paket war das verlorene Geld.

»Wer ist es denn!« fragte die Frau, ganz erregt über dieses ungeahnte Glück.

»Er hat nichts gesagt,« antwortete die andere, »er ist nur bis an die Tür gekommen und gleich wieder fortgegangen. Vom Sehen aus mögen Sie ihn wohl kennen, es ist der Greis mit dem langen weißen Haar, der manchmal vor dem Herzogdenkmale sitzt, wo ihm bisweilen jemand eine kleine Gabe zuwendet, obschon er nicht bettelt.«

»Aber mein Gott, er hat ja von mir den Finderlohn zu bekommen! Hat er denn nichts gesagt, wo er wohnt, oder wann er ihn holen will?«

»Er hat gar nichts gesagt, als, ob hier die Frau N. N. wohne, und daß er diese Sache abzugeben habe, welche er auf der Gasse gefunden hätte.«

Die Frau eilte sofort zum Herzogdenkmal, ob er nicht etwa dort sitze. Dort saß er nicht. Sie ging am nächsten Tage wieder hin, sie erkundigte sich an mehreren Orten nach dem Greise, aber es war nichts Rechtes zu erfahren. Eine Hökerin, bei der er sich manchmal einen Wecken gekauft hatte, gab endlich eine Adresse an, im sechsten Stock eines fünfstöckigen Zinshauses. Die Frau ging durch das Tor, durch die Höfe, über dunkle Treppen hinauf bis zu einer Kammer in dem Dache. Die war unversperrt, aber auch leer. Ein dünner, kahler Strohsack war alles, was vorhanden. Die Magd einer Nebenpartei erzählte, der alte Mann wäre am selbigen Vormittage fortgetragen worden in die Leichenkammer. Er sei am Morgen in seiner Kammer tot gefunden worden.

In der Leichenkammer war er aber auch nicht mehr zu finden. Die Ärzte hatten ihn auf ihren Seziertisch bringen lassen und dann konstatiert, daß dieser Mann verhungert sei.

Verhungert, während er seinen Fund der armen Verlustträgerin mit Verzicht auf den Lohn der Ehrlichkeit zurückgegeben hatte.

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