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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Kranksein.

»Gesundheit ist das beste.« Keine Phrase hört man öfter als diese und keine beweist mehr das Gemeine und Tierische der menschlichen Natur. Wenn körperliche Gesundheit, die nur meint man, wenn physisches Wohlbefinden wirklich das beste ist, dann ist es überflüssig, Mensch zu sein. Dann ist es überflüssig, ein geistiges Leben zu führen, das die Materie zu meistern sucht. Dann ist es genug, ein Wurm, ein Kaninchen, eine Forelle oder ein anderes der Tiere zu sein, die eine weit bessere Lebensgesundheit aufzuweisen haben, als der kompliziert geschaffene Mensch.

Nein, in der Menschennatur gibt es ganz andere Leiden, die unvergleichlich schlimmer sind als körperliche Krankheit. Freilich sind oft auch das Krankheiten, aber geistige, z. B. Schwarzseherei, Zweifelsucht, Neid, beständiges Unbefriedigtsein, ja besonders die ewige und vergeblich nörgelnde Sucht, alles anders haben zu wollen als es ist. Als das schwerste aller Leiden dürfte wohl das Schuldbewußtsein gelten, das ist aber keine Krankheit, sondern ein Übel ganz für sich. Wenn der Philister pathetisch ausruft: »Gesundheit ist das beste«, so sagt der wahre Mensch: »Der Übel größtes ist die Schuld.« Ich habe Leute gekannt, die in einem jahrelangen Siechtum langsam dahinstarben und doch dabei ständig wohlgemut, ja heiter gewesen sind. Sie waren körperlich krank, aber frei von Schuld. Wenn nur körperlich Gesunde glücklich sein könnten, dann stünde es recht schlecht, denn vollständig gesund ist heute fast niemand mehr. Je weiter wir uns durch Ausübung des geistigen Lebens vom Tiere entfernen und dem Göttlichen nähern, je schwächer wird der Körper und je stärker der Geist. Wenn eine Krankheit unversehens in einen starken Körper einbricht, in dem der Geist noch schwach ist, dann geht das Unglück an. Obschon es Tiere gibt, die in ihrer Krankheit sich den Mitwesen entziehen und in ihrem Elende still mit sich allein fertig zu werden wissen – der materialistisch gesinnte Mensch hebt ein unendliches Jammergeschrei an, wenn er von Krankheit heimgesucht wird. Er hat alles auf seinen Körper gesetzt und verliert alles mit ihm.

In meiner Jugend ist durch unsere Gegend manchmal ein alter Bettelmann gehumpelt; er war halb lahm, halb blind, hatte in den Knochen die Gicht und in der Brust den Lungendampf. Der sagte gern, wenn er bedauert wurde: »Mein, das ist noch zu ertragen, wenn man nur gesund ist!« Eines Tages warf ich in knabenhaftem Übermut einen Stein an die Wand, an welcher dieser Alte saß. »Hab' ich dich getroffen, Zenz?« fragte ich hinzulaufend. »Nein, Peterl«, sagte er freundlich, »mich hast du nit getroffen, nur ein bissel meine Achsel.« Wenn er sich meinte, so meinte er nicht seinen Leib, sondern sein Seelenleben. War der Leib leidend, so lag das Übel außerhalb seiner eigentlichen Wesenheit.

Wenn die Materialisten behaupten, daß in einem kranken Leibe keine gesunde Seele, in einem schwachen Körper kein starker Geist wohnen könne, so darf man das nicht gar so ernst nehmen. Es gibt ja freilich genug Körperkrankheiten, die den Geist schon kurios beeinflussen, es gibt auch Geisterchen genug, die bei dem geringsten Unwohlbefinden kopfscheu werden und sich aufgeben. Daran ist nicht Körperkrankheit Ursache, sondern Geistesschwäche. Anderseits sehen wir in Geschichte und Leben, daß die stärksten, weltbewegendsten Geister nicht immer in den gesündesten und kräftigsten Körpern gewohnt haben und daß sehr oft die robustesten Lümmel ganz dumme oder beschränkte Leute sind.

Mit solchen Tatsachen mag der kranke oder kränkliche Mensch sich trösten, wenn er des Trostes bedarf. Er mag sich auch sagen, daß Kränklichkeit durchaus nicht Ursache eines frühen Todes zu sein braucht, daß sie im Gegenteile sehr oft Ursache eines langen Lebens werden kann. Der Kränkliche pflegt mit seinen geringen Kräften vernünftig hauszuhalten. Wenn er auch nicht überängstlich sein soll in der Lebensführung, Hypochondrie schützt nicht vor Krankheit, sondern ist selbst eine und macht eine dort, wo keine ist: so wird der Kränkliche doch ein mäßiges Leben führen, verzehrende Genüsse meiden – seine Kränklichkeit ist ihm zum Lehrmeister geworden, lange zu leben. – »Was hilft mir ein langes Leben, wenn mir der Leib weh tut und ich nichts genießen kann!« ruft der Ungeduldige aus. Er ruft es nur in der ersten Zeit seiner Kränklichkeit. Wenn er nach Jahr und Tag immer noch leidend ist und immer noch das sinnliche Leben nicht voll genießen kann, dann begibt er sich sachte und entdeckt andere Genüsse und Glücksquellen, die ihn recht eigentlich beseelen und nachhaltig laben – die aber bei dem gesunden Körper unbekannt geblieben wären. Hamerling, der bewährte Dulder, hatte gerne gesagt: »Ihr gesunden Leute wisset nicht, was glücklich sein heißt. Ich weiß das. Ich fühle mich absolut glücklich in Momenten, wenn – es geschieht im Jahre doch immerhin etliche Male – der Schmerz nachläßt.« Er dachte da nur an die Daseinsfreude als solche, ohne Wunsch jedes weiteren Genusses – schmerzloses Dasein allein ist Seligkeit. Es muß einer viel gelitten haben, um diese Seligkeit zu finden. Doch die Augenblicke des schmerzlosen Daseins sind fruchtbar auch für weiteres. Der Kranke weiß es, welch erhöhtes Leben in solchen Augenblicken durch sein Herz flutet. Alle schönen Tage der Vergangenheit kommen noch einmal auf Besuch und über den Bettesrand lugt die Zukunft hoffnungsfrisch herein. Ein wahrer Gottesfriedenkreis, an dessen Rand das Leiden Wache hält, daß nichts Gemeines herbeikann. Das Gefühl der Dankbarkeit erwacht, eines der reinsten Hochgefühle harmonisch beschaffener Menschen. Doch selbst die langen Tage und Nächte mit den körperlichen Schmerzen, mit dem beständigen leiblichen Unbehagen bekommen allmählich ein trautes Angesicht, wenn Ungeduld sie nicht zur Fratze macht. Mit keiner anderen Kraft obsiegt der Mensch im Leben so gründlich, als mit der der Ergebung in unabweislichem Leide. Die Sache wird fast so, als litte der Kranke aus freier Wahl, wie zu einer scharfen Seelenkur, um sich zu reinigen und zu erhöhen. Wer sich in sein irdisches Los finden will, der hat sich mit der unabänderlichen Tatsache vertraut zu machen, daß Leid der normale Zustand des Lebens ist. Irgendwie leidet man fast immer und selbst völlig leidlose Tage werden getrübt durch die Bangigkeit, daß es so nicht lange bleiben wird, daß einem großen Wohlbehagen alsbald ein Umschlag zu umso größerem Mißbehagen zu folgen pflegt. Es ist nicht allein im Geiste Eulenspiegels, der beim harten Bergansteigen lachte und beim leichten Bergabgehen weinte, es ist in der menschlichen Natur begründet, wenn jener kränkelnde Poet sang: »Mir ist gar nicht gut, wenn mir nicht schlecht ist.«

Also beständig und ruhig gefaßt sein auf das Übel und dann – das ist besonders wichtig und nicht so schwer, als es manchem scheint – am Übel stets die guten Seiten erkennen. Daß die schönsten Rosen unter Dornen wachsen, weiß jeder: warum nicht auch, daß die seligsten Augenblicke im Leide verborgen sind, daß die edelsten Taten des Menschen aus dem Leide entspringen.

Kranke pflegt man oft wie Kinder zu behandeln. Sofern das Liebe und Zärtlichkeit betrifft, ist es ganz in Ordnung, der Leidende ist ja unbehilflich und ungeschickt wie ein Kind – aber nur nicht insoweit, als der Wärter, der Arzt den Kranken auch geistig wie ein Kind bevormunden wolle. Das geht manchmal, aber nicht immer an. Der Geist des Leidenden ist als höherstehend zu betrachten, er ist feiner, empfindsamer, schwungvoller und oft seherischer als der im behaglichen Leben. Das gefällt mir an den Barmherzigen Schwestern so gut, daß sie den Kranken, den sie zu pflegen haben, mit einer gewissen Ehrerbietung behandeln. Der Krankenwärter kann nicht zartfühlend genug sein, wenn er aber dem Leidenden alles ins tröstlichste Licht zu rücken weiß, an sich jede mürrische Regung, jedes Zeichen von Ungeduld zu vermeiden sucht, dann kann er ein wahrer Heiland sein. Und der Arzt – daß er sich nicht bloß um den Leib zu kümmern hat, sondern auch um den Seelenzustand des Kranken, wie er diesen erquicke und stärke, daß ist an allen Enden der Welt schon gepredigt worden. Der Arzt hat keinen stärkeren Bundesgenossen, um Krankheiten zu heilen, als eben die mutige Seele des Kranken. Ist sie nicht an sich mutig, so muß er sie mutig machen. Freilich, wenn der Arzt nach dem – gottlob schon aus der Mode kommenden – Materialistenglauben die Seele leugnet, dann haben wir am Krankenbette zwei zufällig fungierende Fleischklumpen, einen sitzenden und einen liegenden, und da kann man nichts erwarten. Zum Gesundwerden gehört einerseits der Wille zum Gesundwerden und anderseits die Ergebung, wenn es nicht gleich geschieht. Und wenn es überhaupt nicht geschieht? Wie viele Menschen gibt es, die ein halbes Leben lang kränkeln und siechen und trotzdem zufriedener und tatenreicher sind, als mancher jener modernen Denker, die das Leben als solches für eine tödliche Krankheit halten und deshalb als Schwerkranke auch nie etwas leisten zu müssen glauben.

Es ist ein Aberglaube, daß man beim Kranksein nichts arbeiten könne. Wer dabei freilich nicht Holzhacken kann, der kann spinnen oder etwas lernen, kann Gedankenarbeiten machen. Irgendetwas für irgendwen Ersprießliches kann schon getan werden. Daliegen und alle Viere von sich legen, das gibt's doch nur in akuten Fällen und dauert wenige Tage. Der längere Verlauf der Krankheit, besonders wenn es eine chronische ist, muß mit einer Tätigkeit des Kranken ausgefüllt werden, oder er fault an der Seele. Es gibt Ärzte, die dem Kranken, der sich längst schon mit irgend etwas beschäftigen möchte, immer noch stumpfe Untätigkeit vorschreiben, der Körper müsse sich gründlich ausruhen und Kraft sammeln. Nun wissen wir, daß ein Mensch, der sich lange sehr gründlich ausruht, dabei immer schwächer wird und auch in geistige Trägheit versinkt. Sobald der Kranke so weit ist, daß er sich mit etwas leicht beschäftigen kann, soll er's nur tun, er wird sehen, daß man mit einem Tage angemessener Tätigkeit in der Genesung weiter kommt als mit drei Tagen strengster Ruhe. Auch große Ängstlichkeit in der Diät ist nichts wert. Wer die vom Ärzte vorgeschriebene Lebensweise gelassen einhält, der soll sich weiter nicht viel mit Vorstellungen quälen, dies und das könnte mir schaden, das hat mir geschadet! Manche Krankheit hat naturgemäß ihre für uns geheimnisvollen Rückfälle; wer sich selbst dabei immer die Schuld geben wollte, der peinigte sich ganz überflüssigerweise. Ist deshalb auch von den Wärtern gefehlt, wenn sie dem Kranken so gerne Diätfehler vorwerfen und bittere Selbstvorwürfe in ihm aufwecken. Solche Gemütsbewegungen sind oft weit schlimmer als tatsächliche Diätfehler, die eine Krankheit zumeist ja nicht erneuern, sondern nur ihren Verlauf hemmen.

Viele Menschen haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ihrer Gesundheit zu leben. Nie sind so viele Gesundheitsvereine, Gesundheitsblätter und -Schriften gewesen als jetzt, nie wurde so viel von allerlei Heilverfahren gesprochen, wurden so unterschiedliche Kurmethoden angewendet als jetzt. Vor lauter Angst, krank zu werden, hat man nicht eine ganz gesunde, lebensfrohe Stunde. Vor lauter Angst, krank zu werden, kuriert man sich krank, »härtet sich ab« bis zur Erschöpfung. Gesundheits- und Diätssekten haben sich gebildet, wo es sonst Religionssekten gab. Alle Unbefangenheit für gesundes Genießen und Schaffen ist dahin. Gesundheit ist das beste! so lautet der erste Glaubensartikel solcher, die Gesundheit, wenn sie sie haben, eigentlich gar nicht anzuwenden wissen. Lebt man denn bloß, um »gesund« zu sein? Lebt man nicht vielmehr, um zu arbeiten, etwas zu leisten und sich zu erziehen? Es gibt viele Arten von Arbeit, die gesundheitsgefährlich sind, trotzdem aber verrichtet werden müssen. Der Bergknappe, der Feilhauer, der Schriftsetzer, der Arzt u.s.w. – sie wissen recht gut, daß ihr Beruf der Gesundheit nicht zuträglich ist, sie opfern ihr leibliches Wohlbefinden der Arbeit und sind's zufrieden. Und gerade zur Selbsterziehung, zur Stärkung des Willens, des Charakters, zur Ebenmäßigkeit der Weltanschauung, zur Wertschätzung des Daseins ist ein zeitweiliges Kranksein weit gedeihlicher als beständige Gesundheit, die eigentlich nur banale und selbstsüchtige Menschen macht.

In der Krankheit kommt mancher zum Bewußtsein seiner selbst. Jahraus, jahrein hat er sich als der Knecht seiner Begierden, seines Geizes, seiner Ehrsucht durch die Welt gepeitscht, wähnend, daß die Güter außerhalb des Menschen lagen. Und nun auf einmal in einsamen Stunden des Leides und der Sammlung findet er sich selbst. Es ist oft gar nicht erst nötig, daß der Pfarrer mit gutem Zuspruch kommt, der Kranke hat bereits einen Blick getan ins Ewige hinein, er ahnt, woran es ist. – Salbungsvoller Zuspruch ist mit Vorsicht anzuwenden, er stößt bisweilen ab oder erinnert zu sehr an das Bekehrenwollen vor der Sterbestunde. Es handelt sich in solchem Zustande vielmehr um ein sachtes Emporheben, ein paar Stufen höher in der Lebensführung. Allgemeine Sentenzen tun's nicht. In freundlicher Rede und Gegenrede werden – wenn der Kranke selbst dazu Anstoß gibt, praktische Dinge besprochen, wird ein Lebensplan entworfen, der so ist, daß der Mensch, der sich selbst gefunden, diesen größten aller Gewinne nicht mehr so leicht verlieren kann. Wer einmal derb an die große Hinfälligkeit seines irdischen Teiles erinnert worden, der lernt auf sein geistiges Leben bauen, der lernt die Seelengüter schätzen.

Die seligste Zeit ist die der Genesung. Da ist eitel Glück, voll Weichheit im Empfinden, voll Bereitwilligkeit und guter Vorsätze. Das sollte möglichst befestigt werden, denn ist die völlige Gesundheit eingekehrt, gleich ist gewöhnlich auch der alte törichte Eigennutz, die rücksichtslose Härte, das ruhelose Hasten und die Feindseligkeit wieder da. In kurzen Augenblicken erinnert sich dann mancher wehmütig an die Zeit seines Krankseins und er ahnt es, daß sie eigentlich eine Oase gewesen in der Wüste seines Erdendaseins.

Aber es gibt Kranke, denen keine Genesung kommt, die es wissen, daß sie keine zu hoffen haben. Der Gesunde glaubt, diese Unglücklichen müßten trostlos in immer dunklere Freudlosigkeit, Qual und Verzweiflung sinken, bis endlich der Grabesrand über sie zusammenfällt. Ich aber habe den sanften Seelenfrieden nicht bei den Gesunden, nicht bei den Reichen, nicht bei den Hochgestellten gefunden, aber ich habe ihn oft gefunden in den armen Kammern der Siechenden. Immer ist Gott ja auch bei diesen nicht. Manchen Leidenden sucht er selten und nur auf kurze Stunden heim, zu anderen kommt er gar nicht, weil ihr Wille sich gegen ihn verschließt. Es gibt Leute, die wollen nicht getröstet, nicht versöhnt, nicht seelisch gerettet werden. Wenn sie das nicht haben können, was sie angestrebt und was doch oft über alle Maßen kläglich gewesen wäre, so weisen sie auch alles andere mit kindischem Trotze von sich. Das ist eine geistige Krankheit, die bisweilen durch eine leibliche geheilt werden kann. Längeres Kranksein ist ein allmähliches, gelassenes Vertrautwerden mit dem letzten Unvermeidlichen. Wenn der Leib an allen Ecken und Enden quält und wehe tut, welch eine Genugtuung ist der Gedanke: du altes, schlechtes, drückendes Kleid, nun werde ich dich bald ausziehen und hinwerfen können! Die Seele reckt schon sozusagen ihre ewigfrischen Glieder im Vorbehagen der Freiheit, wenn sie dieses armen Leibes los sein wird.

Gott schenke uns ein starkes Herz, daß wir mit jenem Bettelmann sagen können: »Alle körperlichen Gebrechen und Leiden sind zu ertragen, wenn man nur gesund ist.«

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