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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Stadtleutsitten.

Sie meinen, alter Freund, ich könnte es wissen, was der Alpenbauer sich von den Stadtleuten denkt. Bigott, das weiß ich in der Tat. Ist Ihnen ernstlich darum zu tun? Gut, ich will es Ihnen sagen, will aber nichts gesagt haben.

Doch kaum von jenen Bauern will ich sprechen, die schon mit Städtern Bekanntschaft gemacht haben, deren Urteil ist nicht mehr unbefangen, solche halten die Stadtbewohner wie andere auch sind, haben über sie teilweise sogar die richtige Meinung – und die interessiert uns diesmal weniger.

Ja, Steinhaufen-Höhlengenosse, wenn wir Stadtleute so wären, wie das Gebirgsbäuerlein im hinteren Eisluckengraben uns sich noch vor kurzem vorgestellt hat, wir könnten mit aufrichtigem Respekt voreinander die Zylinder ziehen – mit unaufrichtigem tun wir's auch so. Der dumme Bauer glaubte nämlich, die vornehmen und gebildeten Stadtherrschaften wären um ein paar Grade vollkommenere Menschen, als es deren im Eisluckengraben gibt. Und sie täten in ihrer güldenen Stadt ungefähr das, was er tun will, wenn er einmal im Himmel ist. Nur das Studieren und Bücherlesen und allerhand verdächtige Bogen vollschreiben, das nahm er aus, das wollte er nicht tun, einstmals da oben, wenn's Gott gibt. Aber man ist halt in der Stadt einmal so eingerichtet und sie lassen sich ja gut zahlen dafür. – Aufs Geld geht jeder Stadtmensch, umsonst, oder für ein Büschel Hafer tut keiner was. Sogar der Herr Pfarrer und der Herr Lehrer und der Herr Bader in Jörgendorf haben diesen Brauch mitgebracht. – Die übrige Zeit lassen sie sich gut geschehen da drinnen z' Graz oder z' Wien. Und denke dir, da hat einer, der einmal eine Weile in der Stadt gewesen, die folgende Beschreibung vollzogen, nach welcher unser Bäuerlein sich eines andern belehren kann.

Heißt es: »Auf dem Heu können sie nicht liegen, weil sie keines haben sollen. Die dürren Heublumen kaufen sie ums teure Geld und nennen sie russischen Tee. Dort trinken nicht die Kranken Tee, sondern die Gesunden, und zwar mit viel Zucker, so lang, bis sie krank werden. Sind sie krank, dann trinken sie ihn ohne Zucker. Viele legen sich, wenn sie krank werden, nicht ins Bett, sondern gehen weit fort in die Fremde, was man Bad heißt, und baden so lang, bis sie tot sind.

Also, daß ich wieder aufs Heu komme – auf dem liegen sie nicht, sondern auf rotsamtenen Polstern; aber wenn sie sich fest draufwerfen, so kracht das Zeug und bricht durch. Überhaupt, in den schönen Stadtherrenzimmern soll alles krachen, weil die Tischler nicht erwarten können, bis das Holz tot ist. Wenn der Mensch nur ein paar Tage auf der Bahre liegt, denken sie, so wird's beim Brett mit ein paar Monaten Abliegen genug sein. Unser Zimmermann im Eisluckengraben läßt die Laden sieben Jahre lang liegen, ehe er die Kästen macht – nachher stehen sie zweihundert Jahre lang und mucksen sich nicht. In der Stadt wäre das unnütz; dort steht kein Haus mehr zweihundert Jahre lang, weshalb erst ein Kasten? Die Stadtherrschaften sind so, daß sie derlei Zimmereinrichtungen auch nicht lange mögen. Alle zehn Jahre eine andere Mode, ein anderer Kasten. Die Häuser wechseln sie auch so, alle paar Jahre ein anderes, und aufgestapelt übereinander, wie beim Kaufmann die Kisten.

Aber ein schönes Gewand haben sie. Die feinsten Herren kohlschwarz und schneeweiß; am Hintern Schwalbenschwänze, auf dem Kopf eine Butten aus Packpapier, mit schwarzem Seidenhaar überzogen. Die Frauen scheckig wie das Prozessionsfigürl am Fronleichnamstag. Bei Festlichkeiten, wo recht viele Leute zusammenkommen, decken die Weibsbilder ihre Finger ein, und den Arm bis ganz hinauf lassen sie nackend. Andere Sachen lassen sie auch noch nackend.

In den Gassen und Straßen haben sie an Pfähle große Stalllaternen gebunden und wenn die Sonne untergeht, hebt erst recht der Tag an. Nachher laufen sie in einen Stall zusammen, aber es ist keiner, sie heißen's Theaterhaus, setzen sich hin, eins ans andere, stockfremde Leute zusammen – denn in der Stadt kennen einander gar nicht alle – und lassen sich was vormachen. Lauter so Dummheiten, manchmal so ernsthaft, daß es zum totlachen ist. Keiner glaubt's und reden dann doch den ganzen Tagen mit einer Wichtigkeit davon, als wäre alles wirklich wahr. Und das Gute ist: wenn ihrer mehrere so zusammen kommen und ihnen der Gedanken still steht, so reden sie vom Theater. Strohdreschen tun sie nicht, weil sie keins haben. Später in der Nacht gehen sie ins Kaffeehaus. Da wird Tag und Nacht Kaffee getrunken, aber nicht, als ob lauter alte Weiber herumhocken täten mit ihren Töpfeln. Fast lauter Mannsbilder, und damit sie die nötige Bewegung dazu machen, hüpfen sie um einen flachen, grünen Trog herum und tun Kugeln stoßen. Um die Zeit, wenn der Morgenstern aufsteigt, gehen sie heim, schlafen; vorher werden die Vorhänge niedergezogen, damit der helle Sonnenschein nicht stört. So um zwölf Uhr mittags denken sie dann ans Frühstück.

Die körperliche Arbeit fürchten sie, wie den Hexenschuß; damit ihnen aber die Knochen nicht verschimmeln, tun sie turnen, schwimmen, kraxeln und lauter so Bubensachen; das entehrt nicht, die körperliche Arbeit aber tät entehren. Mit der Ehre haben sie ihr wahres Kreuz, die Stadtherrschaften, die ist bei ihnen ein gar krepierlich Ding; ein schiefer Blick, ein krummes Wort – und hin ist sie, mausetot, und müssen ein paar zueinander fechten gehen, um doch wieder ein bissel Ehre zusammenzubringen.

Die Stadtherrschaften haben zumeist lange Beine, sie brauchen dieselben vor allem zum Sitzen, um den Rumpf in den Polsterstuhl zu spreizen, dann aber auch, um schöne Lackstiefel dranzustreifen. Zu Fuß gehen sie nicht gern, sie haben dazu nicht Zeit; die Stadtleut haben für nichts Zeit. Da gibt es Kobelwägen, in die sich jeder hineinsetzen und abfahren kann. Beim Aussteigen muß er so viel Geld hergeben, als vorgeschrieben steht, und wenn er das tut, ist's in Wien immer zu wenig. Auf Straßen und Plätzen sind gläserne Stuben hergerichtet, da kann man sich auch hineinsetzen und wird mit Rössern fortgezogen. Es gibt auch solche Stuben, die ganz allein gehen, ohne Rösser. Das nennen sie elektrisch und wissen nicht, wieso. Namen haben die Stadtleut für alles und meinen, damit wüßten sie's schon. Zuwegbringen sie in manchen Sachen wohl viel mehr als unsereiner, und wegen der Landwirtschaft haben sie alles in ihren Bücheln, was wir im Kopf und in den Händen haben müssen. Einmal hat mich einer gefragt, ob ich den studierten Herren ihren großen Kopf sehen wolle. Und hat mich in ein kirchenbreites und turmhohes Haus geführt – lauter Bücher. Das ist den Gelehrten ihr Kopf, sie haben ihn gemeinsam. In ihren gewöhnlichen Köpfeln, die nicht größer sind, wie die unserigen, hat gerade so viel Gescheitheit Platz, daß sie sich im gemeinsamen Kopf auskennen.

Alle Tage ein- oder zweimal kommt die neue Zeitung, die von der ersten bis zur letzten Seite gerüttelt voll Druck ist, und in der nichts drinnen steht. Das ist, unter wenigen Ausnahmen, schon seit undenklichen Jahren so, aber der Stadtherr glaubt's nicht und hat keine Ruh' und Rast, bis er noch vor dem Frühstück seine Zeitung durchgeschaut und gesehen hat, daß wirklich nichts drinnen steht. Wenn aber einmal, dann ist's zumeist ein Schrecken oder ein Ärger oder ein anderer Jammer, und jetzt steht was drinnen, jetzt kommt der Zeitungkäufer auf seine Kosten.

In der Stadt gibt's auch viele Kirchen, die sind aber nur für die gemeinen Leute. Der richtige Stadtherr geht nicht hinein. Der geht in einen großen Saal, wo Musik getrieben wird, oder andere Kurzweil; oder er geht in ein großes Wirtshaus. Dort steigt einer hinauf und hält eine Predigt über dies und das; gefällt sie, so schreien sie: Bravo! Gefällt sie nicht, so schreien sie: Pfui!

Können tun die Stadtleute alles, was sie wollen. In der Wienerstadt habe ich eine Kinderbrutanstalt gesehen. Da werden kleine, unausgebackene Kinder fertig gemacht. Ist aber nur eine Halbheit. Die bisherige Einrichtung wird fallen und auch bei den Menschen das Eierlegsystem eingerichtet werden müssen. Das wird aber noch lange nicht werden, denn die Sache muß in den Reichsrat. – –

Das, meine Steinhaufen-Höhlenmitbewohner, ist nur ein kleiner Teil der infamen Frotzlerei, die ich in einer Hütte des Eisluckengrabens aufgefunden habe, und aus der die dortigen Bewohner ihre Weisheit über uns Stadtleute bilden.

Dann ist es kein Wunder, daß die Bauern dort oben denken, wir – die vornehmen, gebildeten Stadtherrschaften wären – ich will nicht sagen, was.

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