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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Roheit.

Allerhand Schlimmes habe ich erfahren in meiner Kindheit bei den Waldbauern: Armut, Krankheit, Sturm, Frost, Arbeitslast, Strenge und manchmal auch Hunger. Es war alles zu ertragen. Unerträglich ist mir nur eins gewesen: die Roheit. Sie kam nicht oft vor, am wenigsten in meinem Vaterhause. Wer ein Tier schlug oder gegen den Hausgenossen ein grobes Schimpfwort ausstieß, oder eine Schamlosigkeit beging, der wurde vom Hausvater ganz ruhig aber unabänderlich fortgewiesen. War es jemand, den er nicht fortweisen konnte, so kam die Birkenrute zur Anwendung. Die Rute? Aber war das nicht wieder Roheit? Nein, das war Liebe – brennende Liebe. Sie wurde des Jahres kaum einmal geübt. Es war nicht nötig. Die Gesittung, wovon man heute in den »Kulturstätten« nur noch den Namen kennt, da hinten in den entlegenen Waldbauernhäusern hat sie damals wirklich geherrscht. Immerhin jedoch gab es in der Gegend einige wüste Lümmel, bei denen Gefühl oder Temperament als grobes, freches Wort oder als rohe, widerliche, gewaltsame Handlung zum Ausdruck kam. Die Derbheiten fochten mich nicht an, auch nicht die Zornesausbrüche, bei denen ja auch manchmal dreingeschlagen wurde – nur die boshafte Roheit, die Freude an der Roheit, das absichtliche Beleidigen anderer, das rücksichtslose, gleichsam mit stoßenden Ellbogen Hervordrängen persönlicher Rüpelhaftigkeit, das vollmaulige Geschimpfe über mißliebige Personen – derlei widerte mich gründlich an, und diese paar Bosnickel waren mit ein Beweggrund, von der Bauernschaft los- und unter gebildete Menschen zu kommen.

Doch nicht allemal ist es gut, aus dem Regen flüchten zu wollen – die Traufen sind oft noch viel schlimmer. Die ersteren Stadtjahre waren soweit ja ganz anmutig, dann aber, so um die Achtziger Jahre ging's an. In den »besseren« Kreisen begann sich eine Roheit zu regen, mit der verglichen die bäuerliche Lümmelhaftigkeit noch reiner Salonton war. Die »stinkenden Böhm«, die »Saujuden« und die »verfluchten Pfaffen« purzelten nur so von den noch flaumlosen Lippen akademischer Bürger, selbst an öffentlichen Orten. Die Anrempelungen harmloser Spaziergänger wurde eine alltägliche Geistesübung. Zu jener Zeit – noch jung und schon so feig! – begegnete ich eines Nachmittags am Grazer Lugeck mehreren Studenten. Darunter fiel mir eine besonders stattliche Erscheinung auf, die mindestens um einen Kopf größer sein mußte, als ich. Anfangs hatte sie nichts Gewalttätiges, als daß sie meinen Blick »gefangen nahm«, plötzlich aber blieb sie stehen, starrte mich an und sprang mit zwei großen Schritten gegen mich: »Herr, was fixieren Sie mich so infam?« »Ich – Sie? allerdings, ich habe Sie angesehen und mir gedacht: Schau, der ist wenigstens um einen Kopf größer als ich. Mein Gott, wenn's nicht wahr ist, so bitte ich tausend Mal um Verzeihung!«

Anfangs wußte er nicht recht, was von dieser Antwort zu halten wäre, als ihn aber seine Kollegen mit sich fortzogen, versichernd, daß Genugtuung geleistet worden sei, legte er noch einen Blick der Verachtung auf mich nieder und ging mit den anderen die Zeile hinab.

Dieser Fall gehört ja zu den gemütlichsten. Sonst pflegt auf eine solche und ähnliche Anremplung auch die Ehre des Gerempelten wacklig zu werden und beide haben größte Mühe, die schreckliche Schmach von sich abzuwaschen. Der Student muß halt forsch sein, er muß seine Stacheln hervorkehren, alle seine Borsten aufstrammen: Kommt nur her, rühr' mich nur an! Er darf sich nichts gefallen lassen. Aber aus diesem Sich-nichts-gefallen-lassen ist mancher schon selber gefallen, ohne jemandem gefallen zu haben.

Seit dem großen Sieg vor dreißig Jahren ist den Deutschen der Kamm ein wenig zu stark gewachsen und viele glauben, weil man die Franzosen mit Zuschlagen besiegt habe, besiege man mit Zuschlagen auch alles andere. Die gesitteten Menschen stehen abseits und blicken mit traurigem Lächeln den Balgereien zu, den Orgien der Brutalität in Wort und Tat, mit denen man die Welt erobern will. Gerne reden sie sich auf Bismarck aus, der auch so forsch gewesen sei. Ja, forsch ist der schon gewesen, doch damit hat er das Reich nicht gegründet. Er hatte auch noch etwas anderes aufzuwenden. Wenn aber zur scharfen Zunge ein feiner Takt, zur derben Faust ein guter Kopf nicht kommt, dann gibt's bloß Flegel.

Von Herzen gönnt man dem Studenten seine Burschenherrlichkeit. Man freut sich über sein strammes begeistertes Einstehen für Freiheit, Ehre und Volkstum, denn das ist das Zeichen hochgesinnter Seelen. Man freut sich seiner schneidigen Auffassung in Politik, das Zeichen erwachender Tatkraft. Man freut sich seiner studentischen Geselligkeit und Ulke, das Zeichen harmlosen Frohmutes und weltüberlegenen Humors. Und wenn er manchmal über die Schnur haut, einem würdigen Gesetzparagraphen ein Bein stellt oder ihm die Narrenkappe aufsetzt, so lacht man, und der Polizeimann macht alle drei Augen zu. Aber auch die Burschenherrlichkeit hat ihre Grenzen, nicht etwa vom Wachmann, nicht von der öffentlichen Meinung gezogen, sondern vom eigenen Rechtsbewußtsein!

Vor einiger Zeit sind in Graz bei helllichtem Tage auf offener Straße Studenten überfallen worden, die ruhig ihres Weges gingen. Aber nicht etwa von einem Rudel besoffener »Roter«, sondern wieder von Studenten und zwar von Kollegen derselben Universität. Der Angreifer waren mehrere Hundert, der Angegriffenen – sechs oder acht wehrlose Bürschchen! Es wurden ihnen die niedrigsten Schimpfnamen ins Gesicht geschleudert, es wurden ihnen die farbigen Bänder von der Brust, die Kappen vom Kopfe gerissen, sie wurden geschlagen mit Fäusten, Stecken und Hundspeitschen! Und warum? Warum dieser unerhörte gewaltsame Angriff? Weil die sechs Bürschchen einer Verbindung angehörten, die von den übrigen Studenten im Verschiß war. Einer Verbindung von klerikal Gesinnten und Theologen, die als Studenten die üblichen Waffen trugen, ohne aber Duelle zu schlagen. Die andern jedoch meinten, wenn sie sich nicht schlügen, so dürften sie auch keine Schläger tragen; wenn sie nicht ihre Farben und Gesinnung trügen, so dürften sie gar keine tragen! Als ob in der Studentenwelt nicht auch so vieles andere hohler Pflanz wäre! Darf der Student denn überhaupt gleich dreinschlagen, weil er einen Schläger trägt? Watet der Student denn in den grundlosen Sümpfen der Wildnis, weil er Kanonen trägt? Ist er denn noch der alte germanische Wilde, weil er auf der Bärenhaut liegt und aus Ochsenhörnern trinkt? Das sind ja nur Symbole, meine Herren!, auch die Bärenhaut und die Hörner! Studentensymbole, zu denen Universität und Verbindungen sich das Recht geben, und worin am wenigsten im freien Burschenleben einer den andern beeinträchtigen darf. – Dieses brutale Geschehnis damals war ein Faustschlag, den die Studentenschaft sich selber gegeben hat. Ich sage die Studentenschaft, weil außer den Angegriffenen meines Wissens kaum ein einziger Student der Universität dagegen protestiert hat. Oder war's eine versteckte Ironie gegen sich selber, als sie in jenen Tagen das Hamerlingsche Satirenspiel »Teut« aufführten, in welchem angesichts schwerer nationaler Gefahr so teutonisch heldenhaft um – Couleurs und Troddeln gezankt wird?

Um so unverhohlener haben andere Kreise dagegen protestiert. Es war kein schlechter Ärger der Deutschgesinnten von Stadt und Land, als in den gegnerischen Blättern eine unermeßliche Jauche von Schmähungen und Verdächtigungen auf die deutschen Studenten niedergegossen wurde, ohne daß sich die Begossenen auch nur mit einem vernünftigen Worte rechtfertigen konnten. Ob Bismarck als Bursche bei dem »Studentenulk« in der Grazer Harrachgasse mitgetan hätte? Kaum, denn er hatte nicht alles in der Faust, er hatte einiges eben auch im Kopf.

Noch nicht lange ist's her, da sah ich in der Grazer Herrengasse jemanden, der auch zur gebildeten Jugend gehören will, einen vorübergehenden Geistlichen anrempeln mit den ganz vernehmlich gesprochenen Worten: »Pfaff, verfluchter!« Der »Pfaff« blieb einen Augenblick stehen, blickte dem jungen Helden nach, schüttelte den Kopf und ging wieder seines Weges. Einen mißliebigen Offizier etwa anzurempeln, das läßt man weislich bleiben, aber der Pfaff tut nichts. – Wer mutig ist, der braucht nicht roh zu sein. Der Starke ist nicht brutal. Das plumpe Anrempeln beweist nur, daß der Rempler sich ohnmächtig fühlt, anders seine Überlegenheit zu zeigen. –

Soll ich noch Beispiele sagen? Nein. Die Verrohung ist so allgemein, daß man viel besser die Ausnahmen anführen könnte. Ich will nicht erst untersuchen, woher diese unheimliche Erscheinung kommt, der Ursachen gibt es viele und jede klingt – philisterhaft in den Ohren solcher, die nichts von Autorität, Erziehung, Religion, Ordnung und dergleichen hören wollen. Sonst war das Soldatenleben eine Brutstätte der Roheit. Heute ist es eher umgekehrt, gerade beim Militär wird dem ungezogenen Burschen die Roheit etwas gedämpft, da kann er nicht Hammer, da muß er einmal Amboß sein. Und das bekommt ihm ganz vortrefflich, er kommt vom Militär – zivilisiert zurück.

Eine besondere Ursache der Verrohung muß aber doch angeführt werden – unser österreichisches Parlament. Der in demselben beliebte Ton ist nicht bloß Folge, sondern auch Ursache der Verrohung. Die Abgeordneten bringen davon nicht allein von zuhause mit, sie fassen auch von den übrigen Parlamentären ihre gute Portion, sie steigern die Roheit unter dem Schutze des »Mir-nix-geschehen-könnens« bis zur Siedehitze, sie kochen eine Suppe aus, die dann am nächsten Tage durch Millionen Schläuche in die Bevölkerung geleitet wird, und, von Jung und Alt ausgelöffelt, Erscheinungen erzeugt, vor denen die gute alte Großmutter Gesittung ihr Gesicht verhüllt und ratlos ist. Ein Wiener Buchhändler hat mir einmal ausgeplaudert, daß eines Tages ein bekannter Reichsratsabgeordneter bei ihm angefragt habe, ob es nicht Schimpflexikas gebe, wo alle wüsten und ehrenrührigen Ausdrücke aus allen Kloaken der Bevölkerung gehoben, gesammelt und für den häuslichen Gebrauch geordnet wären? Der gute Mann schien nämlich selber keine nennenswerte Phantasie gehabt zu haben, weiter als bis zum »frechen Schweinehund« brachte er es nicht. Der Schweinehund war aber im Hause längst überholt, auch belehrte ein gewiegter Jurist, daß dies überhaupt keine ehrenrührige Bezeichnung sei, weil es Schweinehunde in der Natur nicht gebe. Doch gibt es immerhin geniale Köpfe, die auch ohne Schimpfhandbuch noch eine gewisse Wirkung hervorzubringen wissen; der Lump, der Gauner, der Schuft muß eben einer noch nicht abgehärteten Persönlichkeit mit der richtigen Tücke ins Gesicht geschleudert werden. – Roheiten, die sonst nirgends möglich wären, die kein unverdorbenes Ohr vernehmen mag, die überall vom Strafrichter verfolgt werden, im Reichsrat dürfen sie vorgebracht werden. Und alles, was im Reichsrat vorkommt, dürfen die Zeitungen verbreiten, so weit sie wollen, wohin sie wollen. Keine andere Hochschule hat solche Organe zur Popularisierung ihrer Wissenschaften, als das Parlament. Und dann wundere man sich noch, daß die Leute überall so – schneidig parlamentieren.

Wenn mich nun der Staatsanwalt zur Verantwortung ziehen sollte darüber, daß ich den Reichsrat herabsetze, der doch sozusagen ein anerkanntes Staatsinstitut ist, so würde ich sagen: »Gestrenger Herr! Eben weil ich den Reichsrat so hoch und heilig halte und gehalten wissen will, eben deshalb kann ich die Verrohung nicht genug beklagen, durch die er zum Gespötte der Welt entwürdigt wird. Und gerade so rechtfertige ich auch die scharfen Worte, die in diesen Zeilen gegen unsere Studenten gesprochen werden mußten. Machen Gassenbuben vor meinem Fenster eine Prügelei, so werde ich gar nicht weiter darauf achten. Die studierende Jugend aber, die Freude unserer Herzen, die Hoffnung unserer Zukunft, der Stolz unserer Nation, wird nicht so tief in die Gemeinheit versinken – ohne uns in tiefe Traurigkeit zu versetzen.

Ist eine Umkehr zu erwarten von der Verrohung der gesellschaftlichen Gesittung? Noch lange nicht. Die Mehrzahl der Menschen aller Klassen besteht aus Pöbel. Ist der Bann gebrochen, das Tier in ihm einmal entfesselt und hat es sich im Leben behaglich eingerichtet, dann tobt das Unding zynisch fort solange, bis es in der Roheit selbst erstickt. Vielleicht ist es gerade der heute so brutalen Jungmannschaft beschieden, einst mit Einsatz der eigenen Existenz den Entscheidungskampf gegen die rohe Pöbelgewalt führen zu müssen! – Wer hat die Pöbelgewalt akademisch sanktioniert?

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