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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Kleidersünden.

»Es wird nicht anders gehen«, sagte mir eines Tages eine alte Freundin, »Sie werden sich doch noch einen Frack kaufen müssen! Die gesellschaftliche Stellung bringt es mit sich, Einladungen zu Festlichkeiten annehmen zu müssen, mit hohen Persönlichkeiten zusammenzukommen – es läßt sich einmal nicht vermeiden, Sie sagen es ja selbst. Da heißt es nun, den Herkömmlichkeiten sich zu fügen. Sie wollen ja nicht auffallen, nichts Besonderes für sich haben, gut. So erregen Sie nicht die Meinung, als beanspruchten Sie für sich eine Ausnahmsstellung, ein Vorrecht, wie es nicht einmal Ministern und Fürsten zukommt. Wer in der Gesellschaft leben will, muß sich zur Gesellschaft bekennen.«

»Mit schwerem Geschütz setzen Sie mir zu, geehrte Frau«, entgegnete ich. »Wenn sich's nur um den Frack handelte, es wäre kindisch, seinen Kopf auf ein Gewandstück zu stoßen. Doch sagen Sie – wäre mit Frack, Zylinder und Glacéhandschuhen der Gesellschaft Genüge getan? Nein. Daß auch die Seele in Frack und Glacéhandschuhen erscheinen muß, ist das schlimmste. Wer eine befrackte und bezylinderte Seele hat, der mag auch seinen Körper danach kleiden, das wird ganz natürlich und redlich sein. Einer Frackseele würde ich es nie verzeihen, wenn sie in Lodenrock und Kniehosen unter die Bauern ginge. Wie tatsächlich unser Salontiroler so ziemlich das Abgeschmackteste ist, was die Sucht, sich zu verstellen, gezeitigt hat. Und ebenso läppisch wäre ein Bauer in Frack und Zylinder.«

»Aber,« wandte die Dame ein, »Sie sind doch kein Bauer. Sie sind Dichter, haben es mit dem Menschen zu tun, wo er sich findet – auch im Salon.«

»Wer Menschen sucht, geht nicht in den Salon, meine verehrte Freundin. Es gibt ja auch im Salon Menschen, gewiß, aber dort verkleiden sie sich, verstellen sich, und man sieht ihnen noch schwerer auf den Grund als sonst. Nein, ich suche keine schablonierten Seelen, und lasse die meine nicht uniformieren.«

»Ist nicht ein wenig Selbstverleugnung manchmal gut?« fragte meine Freundin. »Ist ein zuvorkommendes Benehmen nicht liebenswürdig? Sind Höflichkeit, Artigkeit nicht schöne Tugenden?«

»Aber selbstverständlich. Das heißt, wenn sie wahr sind, wenn sie nicht über das Gegenteil im Innern hinwegtäuschen wollen. Ich behaupte, daß der wirkliche Mensch, der eigentliche, wahre, kein Salonmensch ist. Man braucht ihn, auch den scheinbar feinsten, nur zu beobachten, wenn die Maske fällt – zu Hause bei sich selber. – Ich sage nicht, daß die Salonkomödie etwas gerade Verächtliches sei; sie ist ein notwendiges Ding, wenn die Leute miteinander auskommen wollen. Wer jedoch auf dieses notwendige Übel nicht angewiesen ist, der danke Gott und bleibe bei sich selber. Er bleibe in Kreisen, wo man sich nach außen so geben kann, wie man im Innern ist.«

»Aber«, sprach die Dame, »den Naturmenschen kann man in der Gesellschaft ja überhaupt nicht brauchen. Er muß erst gebändigt werden.«

»Verehrteste, hier handelt es sich ja bloß um einen Poeten. Und diese Geschöpfe sind gemeiniglich ja keine solchen Ungeheuer, daß sie durch Ketten, und wären es auch nur Etiketten, gefesselt werden müßten. Diese Herren mögen ihre Wunderlichkeiten haben. Sie mögen sich manchmal lächerlich machen mit ihrem naiven Freimut, mit ihrem schrecklich ernst gemeinten Pathos in Dingen, deren Ernst in jedem Salon, wo flüchtige Schöngeisterei und faunischer Flirt die Pfeifen blasen, mit Recht verpönt ist. In den Salon gehört nur der Satiriker – der kommt natürlich auch im Frack, ein Zeichen, daß seine Artigkeit zwei Schwänze hat, wie der Frack, und daß sein Herz schwarz ist wie der Frack. – Ich möchte nur eins wissen, gnädige Frau, nämlich, weshalb bei frohen Festlichkeiten nur die Männer schwarz sein müssen? Warum nicht auch die heiteren Frauen und die lustigen Fräulein? Und wenn schwarz so fein und festlich ist, warum sind im Salon nicht die Fauteuils und Kanapees, nicht die Teppiche und die Gardinen schwarz, warum nicht die Tischtücher und Servietten? Warum muß alles licht und bunt schillern, und nur die Männer erscheinen im Kleide des Hotelkellners oder des Leichendieners? Erklären Sie mir doch diesen Zwiespalt der Natur?«

»Mein Gott!« sagte die Dame. »Es gibt vieles in der Welt, was man sich nicht erklären kann. Es ist einmal Sitte, und die kann man nicht ändern.«

»Warum nicht? Man ändert sie schon, wenn man sie bloß nicht befolgt.«

»Wer sich darüber hinaussetzt, ist ein Sonderling.«

»Nur der erste, verehrte Frau. Der zweite schon nicht mehr. Und setzen sich erst ein paar Dutzend der Bemerkbaren über die alte Mode hinaus und treiben es anders, so ist die neue Mode gesichert. Nichts leichter als alte Sitten abzubringen. Der Frack soll aus Frankreich gekommen sein; wenn dort jetzt der Präsident die Salons im geschlossenen Rock besucht, so braucht das nur bekannt zu werden, und wir alle machen es dem Präsidenten nach.«

»Wie ich Sie kenne«, sagte nun die Dame nicht ohne Bosheit, »werden Sie dann den Frack anziehen.«

»Nein. Ich bleibe stets in meinem Berufskleid, in welchem auch der Staatsbeamte, der Priester, der Offizier den Salon betritt.«

»Ihr Berufskleid? Und welches ist das, wenn man fragen darf?«

»Wenn wir, meine Gnädigste, über den Beruf des Dichters klar sind, dann werden wir uns leicht verstehen. Ich meine, der Beruf des Poeten besteht darin, stets den inneren Menschen zu bekennen und Vorbilder des Wahren und Schönen zu geben. Sein Berufskleid sei also dem inneren Menschen angepaßt, es sei wahr, es verhülle den Charakter nicht, es sei dem Schönheitssinn entsprechend.«

Nun lächelte die Dame, und das war mir unheimlich; denn solches ist mir immer ein Zeichen, daß die Masche zugezogen wird, in der man zappelt. Und sie zog zu.

»Das Adamskostüm«, sagte sie freundlich, »würde allen Ihren Ansprüchen gerecht werden.«

»Vielleicht!« versetzte ich rasch, denn jetzt galt es, dreist zu sein. »Die Naturvölker sind schön, gesund und mindestens so keusch als wir. Wohin das Dekorum führt, das sehen wir ja.«

»Wir hätten dann«, setzte sie gelassen bei, »bloß noch die menschliche Sprache abzubringen, die ja doch nur darum erfunden worden sein soll, die Gedanken zu verbergen.«

»Im Salon gewiß. Sagen Sie dort, was Sie denken, und Sie sind unmöglich.«

»Sagen Sie auf der Gasse, was Sie denken, und Sie werden eingesperrt – in den Kerker oder ins Irrenhaus. Sie preisen über alles den Freimut. Haben Sie schon bedacht, daß die letzte Konsequenz des Freimutes die Kainstat ist? Den unbequemen Nächsten schlägt man tot, das ist Freimut der Tat. Ja, lieber Freund, die Etikette aufheben, heißt die menschliche Kultur aufheben.« Ich erschrak wirklich.

»Und glauben Sie denn«, fuhr meine schreckliche Freundin fort, »wenn Sie im groben Schafwollenkleide oder in einem Mantel aus Kameelhaar im Salon erscheinen, daß mit solchem Äußeren dann Ihr Inneres übereinstimmt?«

Das war zu viel.

»Madame, Sie sind grausam – trotzdem wir im Salon sitzen. – Der Herzog von Meiningen hat mich eines Tages auf sein Schloß laden lassen. Ich mußte danken, ›ich hätte keinen Frack‹. Darauf ließ er mir sagen: den Mann hätte er eingeladen und nicht den Frack. – Das war menschlich. Sie sind es nicht, meine harte Freundin, Sie schreiben mir meine Haut vor. Gut, ich werde mir meinen deutschen Rock zustutzen lassen und meinen Willen. Ich werde unter den hohlen Zylinder einen hohlen Kopf stecken – um endlich einmal salonfähig zu sein.«

So geht's, wenn im Zwiegespräch eins das andere in die äußersten Winkel jagt zu den Paradoxen. Allerhand Geistreiches sagten wir und allerhand Einfältiges. Aber das Wahre sagten wir nicht. Warum fiel es uns nicht ein, zu erinnern, daß die Uniform wie die Nacktheit nichtssagend ist? Daß der innere Mensch nur dann im Gewande zum Ausdruck kommt, wenn er sich ganz in seinem Sinn und Geschmack kleiden darf? Und dann wird die Welt aussehen wie manche Stadt am letzten Karnevalstag – voll bunter Narren. Oder wird der seltene Mensch, der schlichte, bescheidene, der in keiner Weise auffallen will, dem es widerstrebt, sein Inneres zur Schau zu tragen, nicht am Ende sich genau so kleiden wie die Menge? Vielleicht. Doch Wohlgefallen wird er nicht empfinden in dieser uniformierten Menge, und am liebsten wird er das Kleid wählen, das ihn unsichtbar macht – die Einsamkeit.

Menschen, die den köstlichen Wert des Daseins darin finden, sich ganz nach ihrer Art persönlich auszuleben, sei es in ihrem Können, in ihren Absonderlichkeiten; Menschen, die ihr Weltgesetz in sich tragen und eine Einheit für sich sind – solche werden im Herdenstalle sich stets unbehaglich fühlen, selbst wenn die Schafe noch so witzig meckern. Nicht, daß sie ungebunden nur eigner Willkür frönen wollten, nein, sie geben sich selber weit strengere Gesetze und haben für die wahre Menschengemeinschaft ein weit größeres Herz als die dort in starren Formen Befangenen. Es tut ihnen nur um jede Stunde leid, die sie nicht ganz ungeschminkter Mensch sein dürfen.

Freilich, mit der Einsamkeit ist es auch so eine Sache – in ihr gedeiht kein ganzer Mensch. Aber wer aus ihr durch die Welt wieder zu ihr zurückkehrt, der bringt nicht bloß einen ganzen Menschen mit, sondern vielleicht die Menschheit. Er steht aller Menge souverän gegenüber. Er kennt sie, kennt den einzelnen in ihr und weiß schließlich auch, daß unter manchem Salonrock ein großes, heißes Herz gefangen sitzt, das gern erlöst wäre und nicht weiß, wie es das anfangen soll. – Oft habe ich auch gedacht, wie sonderbar das ist, das die meisten Leute in Gesellschaft ganz andere sind als allein oder einem gegenüber. Mancher, der vor dir allein offen, treuherzig, wahr und brüderlich steht, ist – wenn du ihn in Gesellschaft siehst – nicht wieder zu erkennen. Da tut er mit, verrät dich, verrät sich und ist der Gesellschaft zuliebe ein Gesinnungslump. Denke nach, Leser, ob du mit Bekannten und Freunden nicht schon dieselbe Erfahrung gemacht hast. Ein steirischer Bauerndichter sagt etwas derb: »Oaner is a Mensch, mehra sein's Leut', viel sein's scha Viecher.« Im Salon dürfte man's nicht so sagen, dafür ist es zu wahr.

Die Sache der Deutschen ist es ja auch gar nicht, sich in Uniform stecken zu lassen. Der Deutsche ist nicht Herdenmensch, sondern Herrenmensch. Er macht nicht gern gemeinsame Sache mit andern. Er siedelt sich seit jeher nicht in geschlossenen Dörfern an wie andere Völker, sondern in Einzelhöfen mit scharf umgrenztem Eigen. Der Deutsche baut nicht große Städte, und wo in deutschen Landen solche entstehen, spielen fremde Völkerschaften mit. Der Deutsche bildet nicht gern ein großes, gemeinsames Reich, sondern gefällt sich – o ja, auch heute noch! – in Kleinstaaten, in denen sich die Sonderheiten der einzelnen Stämme besser entwickeln können. Damit hängt nun wohl auch das deutsche Dienstbotenelend zusammen – niemand will dienen, jeder sein eigner Herr sein. Die deutsche Uneinigkeit ist eine nationale Eigenschaft und entspringt dem persönlichen Freiheitssinn. Schlage in einer Herdennation dem Führer den Kopf ab, und sie ist kopflos. Schlage einem deutschen Herzog den Kopf ab, und es wachsen im Gefolge sofort sieben Köpfe nach. Dieses Volk der starken Persönlichkeiten paßt nirgends weniger hin als in den herdenzüchtenden Salon und trägt kein ungeeigneteres Kleid als den Frack.

Wenn man heute klagt, daß die Zahl der Charaktere schwindet, daß es keine Kinder und keine Männer mehr gibt – so denke man doch an das Bestreben, alles zu uniformieren, alles auf ein gewisses gleiches Durchschnittsmaß zuzustutzen, von der Schulbank aus alles – salonfähig zu machen. Nur ganz wenige Leute gibt es noch, die eine wahre geistige Kultur in der Ausbildung der Persönlichkeit erblicken – von Amts wegen Pädagogen zu werden, haben solche keine Aussicht.

Es gehört meiner Meinung nach gerade zum Sittengesetz: jeder sollte – ohne verspottet zu werden – innerhalb des Gesetzes sich nach seiner Eigenart ausleben dürfen; keiner sollte genötigt sein, die oft so nichtigen und sinnlosen Herkömmlichkeiten einer Gesellschaftsklasse, in der er leben muß, mitzumachen. Nicht als Marionetten, als Menschen wollen wir zusammen kommen. Wer zu Frack und Seidenkübel eine besondere Zuneigung hat, gut, der wird in diese Bekleidung auch hineinpassen; wem ein bequemer und flotter geschnittenes farbiges Gewand schöner dünkt, der soll die Freiheit, die wir meinen, doch in Gottesnamen ausüben und sich einen Rock anschaffen dürfen, der ihm gefällt – Hauptsache ist, daß er ihn beim Schneider nicht schuldig bleibt. Was machst du doch zu diesen Kleinigkeiten für einen Salat! ruft man mir vielleicht zu. Ich denke, in Kleinigkeiten sich frei zu machen, sei keine schlechte Übung für Leute, die allmählich zur großen Freiheit gelangen wollen.

»Jeweilig, meine gnädige Frau, füge ich mich den Salonsitten nur, soweit es mir gefällt. Sollten Sie mich aber richtig einmal in Frack und Zylinder einhertraben sehen, so denken Sie bloß: Der Alte ist bei Humor!«

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