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Das Sünderglöckel

Peter Rosegger: Das Sünderglöckel - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Sünderglöckel
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Kunstsünden.

Wer vom Kunstschaffen nichts versteht, gut, der kann wenigstens kritisieren. Wer aber auch von Kritik nichts versteht? Der muß sich damit begnügen, ein einfältiger Mensch zu sein.

Und vielleicht wäre gerade der einfältige Mensch der berufenste Kunstrichter. Ich meine, ein Mensch, der nicht verschult und nicht verbildet ist. Urteilt das Menschentum, dann ist die Kunst befreit, dann fliegt sie aus den veralteten Geleisen und ist lebendig.

Es hätte über ein Kunstwerk doch immer der Mensch gerichtet, sagt ihr? Fast niemals. Stets das Prinzip. Es käme auf das Gleiche hinaus, sagt ihr, der Mensch habe eben das Prinzip aufgestellt. Also wäre es eins, ob die frische Empfindung urteilt, oder die dürre Theorie?

In ethischen Dingen möchte ich nicht die Empfindung richten lassen; in gesellschaftlichem Tun und Lassen muß Theorie und Gesetz entscheiden. Das Kunstwerk wage der Mensch. Sagt ihr, die Kunstkritik soll objektiv sein, so klingt das ganz großartig. Ich meine, sie muß subjektiv sein, so individuell, so persönlich als möglich. Ich sage das, ich, die alte konservative Seele? Eben deshalb.

Eine Kunst, die sich nur von Prinzipien leiten läßt, kann in der Form verknöchern und im Gehalt entarten. Der Mensch ändert zwar auch seinen Geschmack; wenn er aber nicht der erstbesten Modeströmung, der Laune eines Taggeistes nachgibt, wenn er aufrichtig seiner Grundstimmung, seiner unmittelbaren Empfindung Gehör gibt, so wird er nicht weit irre gehen. Man hat gesagt, unser Ideal vom Schönen sei wandelbarer, als das vom Guten. Am Ende, ist es umgekehrt! Das Gute ist nichts Natürliches, sondern unserem kulturellen Gedeihen künstlich angepaßtes und kann sich je nach Bedarf ändern. Das Schöne aber gründet sich auf die Sinne. Mag der Geschmack so wandelbar sein, als ihm beliebt, das Auge bleibt doch immer so, daß ihm das Sonnenlicht besser gefällt, als der Nebel; das Ohr bleibt so, daß es lieber den Lerchengesang hört, als das Stöhnen eines verendenden Tieres; die Nase bleibt so, daß es ihr behaglicher ist im Rosengarten, als auf dem Dunghaufen. Darum meine ich, wäre der menschliche Sinn ein verläßlicherer Hüter des Schönen, als der von irgend einer ästhetischen Schule aufgestellte Grundsatz. Daß solche Grundsätze trotz ihrer Starrheit durchaus nicht einheitlich, nicht einig, nicht bleibend sind, sehen wir an den verschiedenen Standpunkten und Widersprüchen der auf ihnen beruhenden Zunftkritik.

Wer also sei Beurteiler – der scheinbar feststehende, tatsächlich aber unverläßliche Doktrinarismus, oder die Empfindung der Person?

O Herr und Gott! rufen sie entsetzt aus, wohin kämen wir da? Die Individuen sind unermeßlich verschieden, und in jedem Individuum wieder die Stimmungen und Empfindungen. Welche Verwirrung und Anarchie in der Kunstkritik, wenn jeder und jede sich für berechtigt und berufen halten dürfte, vollgültig über ein Kunstwerk abzuurteilen! Zum Beispiel ein Zeitungskritiker, der jeden Tag ins Theater muß, um Stück und Schauspieler zu beurteilen. Er ist abgehetzt, abgestumpft, ihm ist das Theater kein Erholungsort, wie den anderen, eher ein Galeerendienst. Er soll nun sagen, schreiben, drucken, welchen Eindruck auf ihn das Kunstwerk gemacht. Mein Gott, gar keinen, oder den der Langeweile. Vielleicht hatte der Abgemüdete zur Stunde sogar Kopfweh oder Bauchgrimmen, während er dasaß, um das dramatische Werk zu genießen. Lästig war ihm die Komödie, unmutig würde er am liebsten seine persönliche Stimmung offen aussprechen – zum größten Schaden des Kunstwerkes. Ist er aber gebunden an ästhetische oder historische Grundsätze, so wird er unter Selbstverleugnung zwar in doktrinärer Blutlosigkeit richten, aber er wird dem Werke nicht in einem Grade unrecht tun können, als ein »subjektiver« Kritiker mit Bauchgrimmen.

Das dürfte fast unanfechtbar sein. Kann man sich denn aber nicht denken, daß wir überhaupt keine Zunftkritik brauchen, wenn der Mensch Kunstrichter ist? Die Zeitung braucht gar kein Urteil zu bringen, oder sie kann jedes ihr beliebige abdrucken, das vom Publikum eingesandt wird. Die vom Volke einlaufenden Kritiken werden einseitig, drastisch übertrieben, wunderlich, ja alles Mögliche sein – aber sie werden auf die menschliche Tat des Werkes eine unmittelbare, menschliche Antwort sein. Ein Kunstwerk wird doch nicht geschaffen, um zu erfahren, was darüber die Gelehrten sagen, sondern um auf Menschen – am liebsten auf naive – eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Diese Wirkung soll von jedem Einzelnen bestätigt, womöglich begründet werden können und dürfen, und das Bekenntnis des Einzelnen, wie es auf ihn gewirkt, soll etwas gelten. Es soll als solches nicht etwa den Kunstwert des Werkes bestimmen, dazu aber doch eine Stimme beitragen im Plebiscit.

Wie ein solches Plebiscit außerhalb der Beifalls- und Mißfallsbezeugungen an Ort und Stelle praktisch durch zuführen wäre, wüßte ich allerdings nicht. Man kann ja darüber nachdenken.

Also das ist's! Zum Richter der aristokratischen Kunst den Pöbel machen! – Nein, das habe ich nicht gesagt, das bestreite ich heftig. Der Pöbel darf nie und nimmer Herr und Richter der Kunst sein. Da wären wir mit Theater, Malerei und Musik bald bei den läppischen Hanswurstiaden, den obscönen Witzblattbildern, den bacchanalischen Bänkelsängereien. Eine solche Plebejisierung der Kunst hat leider längst stattgefunden, trotz der strengen Gelehrtenkritik. Oder vielleicht gerade ihretwegen. Von der grauen Theorie flieht mancher zu des Lebens gold'nem Baum, und selbst, wenn dieser voller Blattläuse wäre. Was ich meine, das bezieht sich auf die gebildete Bevölkerung. Zwar nicht auf jene, die durch ihren Eintrittstaler vor der Bezeichnung »Plebs« geschützt ist; denn einen plutokratischen Pöbel als Kritiker würde ich mehr fürchten, als den proletarischen! Es bezieht sich auf gebildete Menschen, die aus Liebe zur Kunst die Kunst suchen.

Jede Kunstgattung als solche wird sich vorweg ihr eigenes Publikum rekrutieren. Der Lebemann geht ins Ballet, der ernste, tiefergründende Mensch in die Tragödie, der musikalisch empfindende in die Oper und so durch alle Kunstgattungen, daher ist nun jeder in seinem Bereiche, in welchem ihm gewiß ein Wort der Beurteilung freisteht.

Versucht es einmal, laßt über ein neues Kunstwerk alle sprechen, die es genossen und darüber ein Wort auf dem Herzen haben. Redigiert die Urteile bloß in der Form und gebt ihnen ein öffentliches Organ. Vielleicht erlebt ihr was Lehrreiches.

Die doktrinäre Kritik sanktioniert nur dann die Wirkung eines Kunstwerkes, wenn solche durch die hergebrachten Mittel einer gewissen Schule erzielt wird. Der wahre Künstler jedoch wird unbekümmert um eine Schule jene Mittel wählen, wodurch gerade er die größte Wirkung hervorbringen kann. Nicht wodurch er wirkt, ist ihm Hauptsache, sondern daß er wirkt. Deshalb kommt es so oft vor, daß bei einem und demselben Stücke das Publikum jubelt und die Kritik wütet.

Wohl gibt es auch schon Fachkritiker, und sie werden zum Glück immer zahlreicher, welche vor allem das Können respektieren und ein solches um so höher stellen, je mehr neue Mittel es findet, die beabsichtigte Kunstwirkung hervorzubringen. Aber auch solche müßten weniger als Kritikbeflissene, denn als Genußdurstige vor ein Kunstwerk treten. Genußfähigkeit, Genußfreudigkeit ist vor allem zu einer unbefangenen und gerechten Beurteilung eines Kunstwerkes nötig. Und insofern wird wohl jeder Genießende und Erwägende objektiv sein müssen, als er nicht etwa seine zur Zeit vorhandene persönliche Mißstimmung dem Werke entgelten läßt.

Wie es in lebhaftem Geplauder schon manchmal vorkommt, habe ich hier etwas gesagt, was ich eigentlich nicht sagen wollte. Ich wollte im Ganzen nicht so sehr die doktrinäre Kritik verdammen, als vielmehr die naive, freie rechtfertigen. Die Kunst ist frei, also sei es auch die Kritik. Und ist diese frei, so muß sie auch doktrinär sein dürfen, wenn jemand dazu Bedürfnis fühlt. Aber herrschen soll sie nicht wollen, denn ihre Verdienste sind nicht sehr groß; sie kamen hauptsächlich nur mittelmäßigen Talenten zu gute. Das Genie hält sich nach keiner bestehenden Schule, das gründet lieber selbst Schulen. Den Volksgeschmack hat die theoretische Kritik natürlich auch nicht erzogen, dafür hat sie aber Heuchelei und Nachbeterei gefördert. Und sie hat sehr oft auch die Opposition gegen Kunstwerke geweckt. Aus der einseitigen, absprechenden Gelehrtenkritik hat das Publikum das Gefühl bekommen, als sei jedes neue Kunstwerk etwas, dem man das größte Mißtrauen entgegenbringen und das man womöglich verfolgen müsse. Wohingegen ein von der Kritik unbeeinflußtes Publikum sich unbefangen zu freuen vermag. Daß die theoretische, zumeist absprechende Kritik weder den Dilettantismus zurückgedämmt noch das ursprüngliche Talent gefördert hat, zeigt Figura alle Tage.

Ob der Künstler eine objektive oder subjektive Kritik wünscht, das ist keine Frage. Zwar schützt ihn die objektive Kritik (theoretisch wenigstens) vor persönlicher Gegnerschaft, vor Neid und Mißgunst. Hingegen wird sie ihn mit vermoderten Maßstäben messen und seiner Kunst umsoweniger gerecht werden, je ursprünglicher und eigenartiger diese ist. Der Künstler sucht den Menschen. Auf diesen will er wirken, so warm und unmittelbar, als stünden wir heute bei Erschaffung der Welt und alles Homunkeltum wäre noch nicht vorhanden. Der Künstler ignoriert das Urteil eines Gelehrten und lechzt nach dem Urteil eines Menschen. Daß aber die Kunst zumeist mit dem Kopfe gemessen wird, anstatt mit dem Herzen, das ist sicherlich die größte unserer vielen Kunstsünden.

Die moderne Kunst! Wenn ein Künstler den Drang in sich hat, das Widerliche und Häßliche in künstlerische Gestalt zu bringen – warum nicht? Die Kunst, die Menschheit muß sich ausleben nach allen Richtungen hin. Entspricht eine künstlerische Hervorbringung der Menschennatur nicht, so wird sie ja ohnehin bald abgelehnt, ausgestoßen. Wie viel Ungesundes nimmt nicht jeder Lebekörper jeden Tag auf und scheidet es wieder aus. Die Doktrin wird zu dem Fortstoßen unechter Kunst nicht viel vermögen. Das gesunde Leben des Volkes muß es tun.

Gegen doktrinäre Urteile pflegt mancher Künstler sich aufzulehnen. Wenn aber ein ganzes Volk in seinen einzelnen Kunstschauenden urteilt, wenn die Mehrzahl naiver Kunstempfinder ihn ablehnt, dann ist er gerichtet. Andererseits rufen z.B. dem Dichter die unvorhergesehenen beifälligen Stimmen aus dem Volke zu: du bist unser! Du sagst, was wir nur fühlen und nicht sagen können. – Er ist ein Ausdruck der Menschheit, ob die Doktrin will oder nicht.

Also subjektive, persönliche, leidenschaftliche Kritik, überall wo es möglich! Die allein gibt dem Künstler Genugtuung, die allein hält die Kunst lebendig und stärkt die Kunstfreude des Volkes.

In das wirkliche und ausschließliche Recht tritt nach meiner Meinung die objektive gelehrte Kritik erst beim Kunst- und Literarhistoriker, der außerhalb des Kunstwerkes und seiner Zeit steht. Der Historiker erst ist imstande, bedachtsam den Gründen nachzuforschen, aus welchen ein Kunstwerk entstand, die Wirkung zu überschauen, die es auf die Menschen seiner Zeit ausgeübt hat, und dann die Gesetze zu bestimmen, nach welchen nicht allgemein, sondern für eine bestimmte Zeit dies und das im Menschen gezündet hat. Nach dieser Wirkung erst wird er auf den Wert des Kunstwerkes rückschließen können. Und dabei wird er sehen, wer zu seiner Zeit das Richtigere über das Kunstwerk gesagt hat, die zünftige Kritik oder die freie Meinung des Volkes in seinen einzelnen Kunstgenießern.

Kurz und gut: Wie es wirkt, das sage das Volk, warum es wirkt, das sage der Gelehrte. Doch braucht er's nicht gleich am nächsten Morgen zu tun, er kann sich Zeit lassen.

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